Karin Vogler ist neunundsechzig und putzt seit vierzig Jahren Fenster im Bankenviertel von Frankfurt. Sie steht an diesem Morgen im vierten Stock eines Bürohauses in der Neuen Mainzer Straße, den Lappen in der Hand, und sieht durch das Glas hinunter auf die Fußgängerzone, wo ein Junge mit einem viel zu großen Schulranzen stolpert und wieder aufsteht.
Sie kennt diesen Blick. Sie hat ihn oft genug bei ihrem eigenen Enkel gesehen, bei Matthias, der jetzt achtzehn ist und heute seinen Schulabschluss in den Händen hält – oder eben nicht hält, das weiß sie noch nicht, sie putzt seit sechs Uhr morgens Fenster und ihr Handy liegt stumm geschaltet in der Jackentasche.
Matthias ist Legastheniker. Die Diagnose kam spät, erst in der siebten Klasse, nachdem zwei Lehrer ihn für faul gehalten und eine Deutschlehrerin ihn vor der ganzen Klasse gefragt hatte, ob er überhaupt lesen könne. Karin erinnert sich an den Nachmittag, an dem ihre Tochter Bettina mit rotem Gesicht aus dem Elterngespräch kam und sagte: Die Schulleiterin hat gesagt, er wird entweder scheitern oder etwas ganz Großes machen, dazwischen gibt es bei dem nichts.
Ein Satz, den man nicht vergisst. Ein Satz, der sich elf Jahre lang in der Familie festgesetzt hat wie ein Splitter unter der Haut.
Karin nimmt den Abzieher, zieht eine saubere Bahn durchs Fensterglas, und in der Spiegelung sieht sie kurz ihr eigenes Gesicht – die tiefen Falten um die Augen, die Haare, die sie sich seit fünfzehn Jahren selbst zu Hause färbt, weil der Friseur zu teuer geworden ist. Vierzehn Euro fünfzig verdient sie die Stunde. Von der Rente allein könnte sie die Miete für die Zweizimmerwohnung in Sachsenhausen nicht bezahlen, also putzt sie weiter, jeden Werktag, sechs bis vierzehn Uhr.
Unten auf der Straße bremst ein Radfahrer scharf, klingelt, flucht. Karin denkt an den Abend, als Bettina anrief und sagte, sie ziehe mit Matthias zu ihr, weil der Vater des Jungen, Klaus-Peter, ausgezogen war und die Wohnung in Offenbach zu teuer wurde für eine allein. Karin hat damals ihr Wohnzimmer in ein Kinderzimmer verwandelt, hat das Sofa gegen ein Hochbett getauscht und drei Jahre lang jeden Abend mit dem Jungen die Hausaufgaben gemacht, Wort für Wort, Silbe für Silbe, weil die Förderstunden in der Schule nicht reichten und eine Lerntherapie hundertzwanzig Euro pro Monat kostet, die sie sich nicht leisten konnten.
Klaus-Peter hat sich in diesen Jahren nie gemeldet. Kein Anruf zum Geburtstag, keine Frage, wie es in der Schule läuft. Nur einmal, vor zwei Jahren, stand er unangekündigt vor der Tür und wollte Geld für ein Auto, weil er, wie er sagte, ein Recht darauf habe, schließlich sei er der Vater. Karin hat ihm die Tür vor der Nase zugemacht. Das war das letzte Mal.
Um dreizehn Uhr fünfzehn klingelt ihr Handy in der Jackentasche, während sie gerade auf der Leiter steht. Sie steigt herunter, wischt sich die Hände am Overall ab, sieht auf das Display: Bettina.
„Mama.“ Die Stimme ihrer Tochter zittert, aber es klingt nicht nach Unglück. „Mama, er hat’s geschafft. Fachabitur, Note zwei Komma drei. Er will Informatik studieren, er hat sich schon für die Uni in Darmstadt informiert.“
Karin setzt sich auf die unterste Sprosse der Leiter, mitten im leeren Großraumbüro, zwischen Schreibtischen mit Monitoren, auf denen Excel-Tabellen leuchten. Sie sagt nichts, drückt nur den Lappen, den sie noch in der Hand hält, gegen die Brust.
„Ich komm heute Abend vorbei“, sagt sie schließlich. „Ich bring den Kuchen mit, den mit der Zitrone, den er mag.“
Am Abend, in Bettinas Küche in Sachsenhausen, mit dem Zeugnis auf dem Wachstuchtisch zwischen einer Kanne Kaffee und dem angeschnittenen Zitronenkuchen, sagt Matthias etwas, das Karin sich noch lange merken wird. Er sagt: „Weißt du, Oma, ich hab in der Grundschule gedacht, mit mir stimmt was nicht. Und jetzt denk ich, vielleicht stimmt mit der Schule was nicht, nicht mit mir.“
Karin nickt nicht, sie sagt gar nichts dazu. Sie steht auf, geht zur alten Kommode im Flur, in der Bettina die wichtigen Papiere aufbewahrt, und holt einen Aktenordner heraus, den sie vor drei Jahren selbst beschriftet hat: „Für Matthias – Studium“. Darin liegen, in einer durchsichtigen Klarsichthülle, zusammengerechnet vierzehntausendsechshundert Euro – das Ersparte aus vierzig Jahren Fensterputzen, umgerechnet in monatliche Fünfzig- und Hundert-Euro-Beträge, die sie beiseitegelegt hat, seit die Diagnose feststand.
„Das ist für die Uni“, sagt sie und legt den Ordner vor ihn hin. „Für die Bücher, das Semesterticket, für alles, was die Förderung nicht deckt. Von deinem Vater kommt nichts, das wissen wir beide. Muss auch nicht.“
Matthias öffnet den Ordner, blättert durch die Kontoauszüge, durch vier Jahrzehnte kleiner, mühsam gesparter Summen, und für einen Moment sagt keiner am Tisch etwas. Draußen vor dem Küchenfenster fährt die Straßenbahn Richtung Lokalbahnhof vorbei, und irgendwo im Treppenhaus bellt der Hund der Nachbarn, wie jeden Abend um diese Zeit.
Drei Wochen später, an einem Samstag im August, kommt Klaus-Peter unangemeldet zur Immatrikulationsfeier nach Darmstadt – jemand aus der alten Nachbarschaft muss ihm erzählt haben, dass der Junge es geschafft hat. Er steht am Rand des Innenhofs der TU, in einer Jacke, die neu aussieht, und wartet, bis Matthias aus der Aula kommt.
„Ich wollte gratulieren“, sagt er. „Und – vielleicht können wir mal wieder was zusammen machen. Ich hab gehört, du brauchst noch einen Laptop fürs Studium.“
Matthias schaut ihn an, die Immatrikulationsbescheinigung noch in der Hand, dann sagt er ruhig: „Der Laptop ist schon gekauft. Oma hat’s bezahlt.“ Er dreht sich um und geht zu Karin und Bettina hinüber, die am Brunnen auf ihn warten, mit einer Flasche Sekt und drei Plastikbechern aus der Tasche, weil im Innenhof kein Glas erlaubt ist.
Karin schenkt ein, reicht ihrem Enkel den Becher und sagt nichts über den Mann, der am Rand des Hofes stehen bleibt und schließlich, als niemand mehr zu ihm hinsieht, wieder geht.
