Der letzte Schrank in der Feldstraße

Mit fünfundsiebzig habe ich aufgehört, Bettwäsche zu bügeln. Und dabei gemerkt: schlechtes Gewissen braucht niemanden, der noch lebt, um trotzdem schwer zu wiegen.

Ich heiße Gudrun Beckmann, wohne in Dortmund, Feldstraße, dritter Stock, ohne Aufzug. Fast mein ganzes erwachsenes Leben lang habe ich Laken gebügelt. Auch Kissenbezüge, ein paar Geschirrtücher, und jahrelang sogar die Stofftaschentücher meines Mannes Heinz. Es war nie etwas, das mir besondere Freude gemacht hat. Man hat es bei uns zu Hause eben so gemacht. Meine Mutter hatte einen Wäscheschrank, in dem alles mit einer Präzision gefaltet war, als würde die Kirche jeden Moment zur Inspektion kommen, und ich bin aufgewachsen mit dem Gedanken, dass man einen ordentlichen Haushalt genau an solchen Details erkennt.

Als ich geheiratet habe, habe ich die Routine einfach übernommen. Montags wurde gewaschen. Bei gutem Wetter kam die Wäsche auf den Balkon, bei Regen wartete man eben, mit einer Geduld, die mir heute selbst fremd vorkommt. Danach: falten, bügeln, in den Schrank. Als meine Kinder klein waren, stand ich manchmal über eine Stunde am Bügelbrett, während sie im Wohnzimmer Hausaufgaben machten oder fernsahen. Ich habe mich nie gefragt, ob das eigentlich nötig war. Es war eine dieser Aufgaben, die eine Frau von einer anderen lernt und dann jahrzehntelang wiederholt, ohne sie je infrage zu stellen.

Heinz ist vor vier Jahren gestorben, im Februar, an einem Tag, an dem draußen Schneematsch lag und die Straßenbahn zwei Stunden nicht fuhr. Seitdem lebe ich allein. Weniger Wäsche, weniger Kleidung, eigentlich viel weniger Arbeit. Aber manche Gewohnheiten sind geblieben wie ein Nagel im Holz. Jedes Mal, wenn ich das Bett frisch bezogen habe, wusch ich die Laken, wartete, bis sie trocken waren, und holte das Bügeleisen heraus. Sogar im August, wenn es über dreißig Grad hatte, schloss ich mich mit offenem Fenster und Dampf vor dem Gesicht in mein Schlafzimmer ein wie in eine Sauna, die keiner gebucht hatte.

An einem Nachmittag Ende Juli hatte ich gerade zwei komplette Garnituren fertig gebügelt, und mein Rücken tat weh, als hätte mich jemand die Treppe hinuntergestoßen. Ich stand da, sah die makellos gefalteten Laken an und dachte: Für wen mache ich das eigentlich noch? Ich erwartete keinen Besuch. Niemand würde meinen Schrank öffnen. Niemand würde nachsehen, ob im unteren Laken eine Falte war. Beim nächsten Mal habe ich die Wäsche einfach vom Wäscheständer genommen, sobald sie trocken war, gefaltet, fertig. Nichts ist passiert. Ich habe geschlafen wie immer, vielleicht sogar besser. In der Woche darauf das Gleiche. Danach habe ich auch aufgehört, die Geschirrtücher zu bügeln. Ich kam mir dabei fast lächerlich vor, dieses Kribbeln, etwas Verbotenes zu tun, nur weil ein Stück Stoff eine Falte hatte.

An einem Sonntag Anfang August kam meine Schwester Rosemarie zu Besuch, sie ist zweiundsiebzig. Wir suchten eine Tischdecke für den Kaffeetisch, und sie öffnete den Wäscheschrank im Flur. Sie sah die gefalteten Laken, aber eben nicht mehr so glatt wie früher. Sie lachte und sagte: „Mutter würde sich im Grab umdrehen, wenn sie das sähe." Ich habe auch gelacht, aber gleich danach kam dieser seltsame Stich schlechtes Gewissen. Unsere Mutter ist vor neunzehn Jahren gestorben. Und trotzdem hat ein einziger Satz über Bettwäsche gereicht, damit ich mich falsch fühlte.

Ich habe Rosemarie gesagt, dass ich nicht vorhabe, jemals wieder Laken zu bügeln. Sie meinte, sie liege gern in einem glattgebügelten Bett und finde nichts Schlimmes daran. Da war auch nichts Schlimmes dran, das war ja genau der Punkt. Wenn es ihr gefiel, sollte sie es weiterhin tun. Aber ich habe es über fünfzig Jahre gemacht, ohne je zu wissen, ob es mir wirklich gefällt.

Das Gespräch driftete zu ähnlichen Dingen ab. Rosemarie gestand, dass sie immer noch die Fenster putzt, bevor ihre Kinder kommen, weil unsere Mutter immer sagte, Besuch schaue zuerst auf die Fenster. Ich wiederum lege jeden Morgen eine Tagesdecke aufs Bett, obwohl ich sie jeden Abend wieder wegräume, ein Ritual ohne jeden Zuschauer. Wir haben beide gelacht, als wir anfingen, Hausregeln aufzuzählen, an die sich keine von uns bewusst erinnerte, sie gewählt zu haben.

Dann wurde ich ernst. Ich habe ihr gesagt, dass ich manchmal das Gefühl habe, wir hätten einen großen Teil unseres Lebens damit verbracht zu beweisen, dass wir „ordentliche" Frauen sind. Saubere Wohnung, Essen fertig, Wäsche gebügelt, Kühlschrank voll. Inzwischen zwingt uns niemand mehr dazu, aber diese innere Stimme ist geblieben, hartnäckig wie ein Mieter, der den Auszug verweigert. Auch unsere Mutter hatte kein leichtes Leben. Vier Kinder mit wenig Geld großzuziehen hat ihr wahrscheinlich das Gefühl gegeben, dass Ordnung überlebenswichtig ist. Ich wollte ihr nichts vorwerfen. Ich fing nur an zu verstehen, dass man eine Gewohnheit verstehen kann, ohne sie für immer behalten zu müssen.

Vor ein paar Wochen hat meine Tochter Sabine bei mir übernachtet, sie war für ein Wochenende aus Köln gekommen. Am Morgen sagte sie, das Bett sei so angenehm weich gewesen. Ich fragte sie, ob ihr aufgefallen sei, dass die Laken nicht gebügelt waren. Sie sah mich verwundert an: „Hätte mir das auffallen sollen?" Ich musste so lachen, dass ich mich fast an meinem Kaffee verschluckt hätte, an dem billigen Filterkaffee aus der Packung, den Heinz nie gemocht hatte und den ich seit seinem Tod trotzdem weiter kaufe.

Seitdem kommt das Bügeleisen deutlich seltener aus dem Schrank. Aber die Geschichte war für mich noch nicht zu Ende. Anfang September rief mich Rosemarie an, aufgeregt, fast atemlos: Der alte Wäscheschrank unserer Mutter, der seit ihrem Tod bei unserem Bruder Manfred im Keller in Witten stand, sollte laut Manfred „endlich mal entrümpelt" werden. Er wollte ihn einem Nachbarn schenken, der Regalfläche für seine Werkstatt suchte. Ohne uns zu fragen. Als hätte das Möbelstück keine Geschichte, nur Volumen in Kubikmetern.

Ich bin am Samstag danach mit dem Zug hingefahren, mit meiner Handtasche und einem Ordner, in dem ich seit Jahren die wenigen Papiere unserer Mutter aufbewahre, auch das handgeschriebene Testament, in dem stand, dass der Schrank „an die Töchter" gehen solle. Manfred stand im Hausflur, die Tür zum Keller schon halb offen, der Nachbar mit seinem Kombi bereits vor dem Haus geparkt. Ich habe den Ordner aufgeschlagen, ihm das Blatt gezeigt, ruhig, ohne Vorwurf in der Stimme. Ich habe gesagt, dass ich den Schrank mitnehme, heute noch, mit einem Spediteur, den ich vorsorglich schon bestellt hatte, für hundertachtzig Euro. Manfred hat kurz protestiert, etwas von „nur Möbel" gemurmelt, aber als der Nachbar merkte, dass es Streit um Eigentum gab, ist er wieder in sein Auto gestiegen und weggefahren, ohne ein Wort.

Der Schrank steht jetzt bei mir, in der Feldstraße, im Flur, an der Stelle, wo früher die Garderobe war. Ich habe ihn nicht mit Bettwäsche gefüllt. Ich habe ihn mit Sabines alten Kinderzeichnungen gefüllt, mit Fotoalben, mit einem Karton Weihnachtsschmuck, den ich seit Jahren im Keller hatte verrotten lassen. Rosemarie kam letzte Woche vorbei, sah den Schrank, öffnete ihn, sah keine gestärkten Laken, sondern Bilder von uns als Kinder in Bad Salzuflen, wo wir früher jeden Sommer waren. Sie hat nichts gesagt. Sie hat einfach eines der Fotos herausgenommen und in ihre Handtasche gesteckt.

Ich bügle die Bettwäsche nicht mehr. Manchmal, wenn ich ein Laken mit einer kleinen Falte in den Schrank lege, spüre ich diese winzige Freiheit, die von außen betrachtet ziemlich lächerlich wirken muss. Aber mit fünfundsiebzig habe ich angefangen zu begreifen, dass man auch Pflichten ablegen darf, die einem nie wirklich jemand auferlegt hat, denen man aber trotzdem ein ganzes Leben lang gehorcht hat. Und manchmal, dass man ein Möbelstück nicht deshalb behält, weil darin gebügelte Wäsche liegt, sondern weil darin steht, was man selbst hineinlegt.

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