Der Werkvertrag meiner Schwiegermutter

Der Minijob meiner Schwiegertochter

Ich bin 54, heiße Renate, und seit April putze ich fünf Tage die Woche, montags bis freitags, das Treppenhaus und die Praxisräume beim Zahnarzt am Marktplatz in Güstrow. 620 Euro im Monat, schwarz auf weiß, Minijob. Meine Schwiegertochter Julia hat nur die Augenbrauen hochgezogen, als ich es ihr erzählte, saß am Küchentisch mit ihrem Handy, scrollte weiter und sagte: „Mit deiner Ausbildung, Renate. Das ist doch peinlich."

Ich habe zwanzig Jahre in der Näherei in Bützow gearbeitet, bis die dichtgemacht hat. Dann drei Jahre Arbeitsamt, Bewerbungen, Absagen, weil man mit vierzig plus in dieser Gegend fast nichts mehr findet außer Regale einräumen oder eben putzen. Mein Mann Achim ist Frührentner wegen dem Rücken, kriegt 980 Euro, wir haben ein Reihenhaus abzuzahlen, Baujahr 1978, Ölheizung, die jeden Winter mehr frisst. Da rechnet man anders als eine 31-Jährige, die im Möbelhaus an der Kasse sitzt und findet, ihre Schwiegermutter solle sich „nicht unter Wert verkaufen".

Der Zahnarzt, Dr. Wessling, ist in Ordnung. Kein Kaffeeholen, keine dummen Sprüche. Er hat sogar gesagt, wenn ich zuverlässig bin, kann er die Stunden im Herbst aufstocken, weil seine bisherige Putzfrau nach Rostock zieht. Je zwei Stunden am frühen Morgen, bevor die Praxis aufmacht. Ich bin um halb acht fertig und noch rechtzeitig zurück, um Achim seine Tabletten zu geben.

Julia und mein Sohn Tobias wohnen zwei Straßen weiter, neues Reihenhaus, Solaranlage auf dem Dach, finanziert über vierzig Jahre. Sie hat Marketing studiert in Rostock, arbeitet jetzt aber, seit die Filiale des Studios dichtgemacht hat, an der Kasse bei Höffner. Das hat sie mir nie so genannt — bei ihr heißt das „im Verkauf, im Einrichtungsbereich". Ich habe nie ein Wort darüber verloren. Aber seit ich die Putzstelle habe, redet sie ständig davon, was „standesgemäß" ist und was nicht, als hätte sie Angst, dass mein Job auf sie abfärbt, so als würden die Leute im Ort jetzt denken, die ganze Familie sei abgerutscht.

Der Punkt, an dem es kippte, war der Sonntag im Mai, als Tobias' Geburtstag gefeiert wurde. Zwölf Leute im Garten, Julias Mutter aus Schwerin war auch da, feine Bluse, parfümiert, und Julia hat vor allen gesagt: „Renate putzt jetzt beim Zahnarzt, stellt euch vor." Mit diesem Ton. Als würde sie eine Marmelade vom Wühltisch präsentieren. Ihre Mutter hat höflich genickt und dann gefragt, ob ich nicht lieber „was Repräsentatives" hätte suchen sollen, vielleicht als Empfangsdame irgendwo. Als ob es in Güstrow Empfangsdamenstellen gäbe wie Sand am Meer.

Ich habe an dem Abend nichts gesagt. Habe den Kuchen geschnitten, Kaffee nachgeschenkt, den Grill sauber gemacht, weil Tobias sowieso nie daran denkt. Aber zu Hause, als Achim schon schlief, saß ich in der Küche und habe gerechnet. Nicht aus Wut. Aus Gewohnheit. 620 Euro, mal zwölf, das sind 7.440 Euro im Jahr, die wir vorher nicht hatten. Das ist ein Winter Öl mit Rücklage. Das ist der Zahnersatz, den Achim seit drei Jahren aufschiebt, weil die Kasse nur einen Teil übernimmt.

Zwei Wochen später kam das eigentliche Problem ans Licht, und das hatte mit Julia gar nichts zu tun, obwohl es sich am Ende alles verband. Tobias rief mich mittags an, mit dieser Stimme, die er als Kind hatte, wenn er eine Fensterscheibe kaputt gemacht hatte. Er und Julia hatten für den Hausbau einen Bausparvertrag über 15.000 Euro von Achim und mir als Bürgschaft laufen — das hatten wir 2019 unterschrieben, weil die Bank ohne Bürgen nicht finanziert hätte. Jetzt hatten die beiden zwei Monate die Rate nicht bezahlt, weil Julias Gehalt bei Höffner nicht reichte und Tobias' Firma Kurzarbeit angemeldet hatte. Die Bausparkasse hatte einen Brief geschickt: Wenn bis Ende Juli nicht nachgezahlt wird, greift die Bürgschaft, und dann haften wir. Mit unserem Häuschen. Mit Achims Rente.

Julia rief am selben Abend an, ihre Stimme kippte mehrfach weg, und in dem Gespräch fiel der Satz, den ich nicht vergesse: „Mama, ihr müsst uns helfen, ihr habt doch jetzt sogar zwei Einkommen." Sie meinte mein Putzgehalt. Das Gehalt, über das sie vier Wochen vorher noch die Nase gerümpft hatte, sollte jetzt plötzlich die Rettung sein.

Ich habe nicht sofort geantwortet. Ich bin am nächsten Morgen zur Praxis gegangen, habe den Boden im Wartezimmer gewischt, den Autoklaven abgestaubt, und dabei die ganze Zeit überlegt, was ich eigentlich schulde und wem. Am Nachmittag habe ich mit Achim am Küchentisch gesessen, die Bausparunterlagen ausgebreitet, den Ordner, in dem der Bürgschaftsvertrag lag, mit dem Kaffeering von 2019 noch auf dem Deckel. Wir haben keine 15.000 Euro flüssig. Was wir haben, ist die Bürgschaft, die uns das eigene Haus kosten kann, wenn wir nichts tun.

Ich bin am Donnerstag zur Bausparkasse in Güstrow gefahren, allein, mit dem Ordner unterm Arm. Die Beraterin, Frau Kessler, hat mir erklärt, dass wir als Bürgen zwar zahlen müssten, aber auch das Recht haben, Einsicht in die Kontobewegungen des Vertrags zu verlangen, weil wir mithaften. Das hatte ich nicht gewusst. Wir haben dort und dann eine Ratenanpassung beantragt, die Rate für sechs Monate reduziert, damit Tobias und Julia Luft bekommen — aber ich habe zusätzlich verlangt, dass ab sofort die Bank uns direkt informiert, sobald eine Zahlung ausfällt, nicht erst nach zwei Monaten Rückstand. Und ich habe klargemacht, dass wir keinen Cent aus eigener Tasche nachschießen, solange wir nicht wissen, wofür das Geld tatsächlich draufgeht.

Am Samstag saß ich Julia und Tobias gegenüber, in ihrer eigenen Küche mit der Solaranlage überm Kopf, und habe den Ordner auf den Tisch gelegt. Ich habe gesagt: Die Rate ist jetzt niedriger, ihr habt sechs Monate Zeit, euch zu sortieren. Aber ihr bezahlt sie selbst, von eurem Geld, und wenn wieder was ausfällt, wissen wir es sofort, weil die Bank uns anruft. Mein Putzgehalt geht in unsere Ölrechnung und in Achims Zahnersatz. Nicht in eure Rate.

Julia wollte etwas sagen über „Familie hilft doch" — ich habe sie ausreden lassen und dann gesagt, dass ich genau deshalb fünfmal die Woche früh aufstehe und Böden wische, damit ich in meinem Alter nicht bei euch betteln muss, wenn die Ölheizung ausfällt. Tobias hat die Kaffeetasse zwischen beiden Händen gedreht, ohne einen Schluck zu trinken, und Julia hat später, beim Rausgehen, kurz meine Hand gedrückt, ohne ein Wort. Das war mehr als jede Entschuldigung.

Im September, ein gutes halbes Jahr später, treffe ich Frau Kessler zufällig im Supermarkt an der Kühltheke. Sie erzählt mir zwischen zwei Griffen nach Margarine, dass Tobias und Julia seit der Ratenanpassung keinen einzigen Monat mehr ausgefallen sind. Am selben Abend ruft Julia an, erzählt von einem Bewerbungsgespräch bei Höffner, Teamleitung, und dass sie dort erzählt habe, ihre Schwiegermutter putze beim Zahnarzt und habe „mehr Ordnung im Kopf als mancher Filialleiter" — sie lacht dabei, als würde sie sich selbst noch wundern, dass sie das gesagt hat. Ich stehe an dem Abend in der Küche, lege die zwei Fünfzigeuroscheine und die zwei Zehner für die Ölrechnung in einen Umschlag, den ich am nächsten Morgen zum Brennstoffhändler bringe. Bar, komplett, ohne Ratenplan. Dr. Wessling hat mir die Stunden im Herbst wie versprochen aufgestockt.

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