Als ich siebzehn war, saß in der Parallelklasse ein Junge namens Jonas Brenner, und ich fand ihn schrecklich schön. Nicht auf die Art, wie man einen Filmstar findet – sondern auf die Art, wie man mit sechzehn jemanden findet, dessen Namen man in Mathe an den Rand seines Heftes kritzelt und dann wieder wegradiert. Wir haben nie ein Wort gewechselt, das über „Kannst du mir den Zirkel geben" hinausging. Meine Freundin Pia wusste davon und hat mich jedes Mal in der Pausenhalle angestupst, wenn er mit seinem Rucksack über eine Schulter an uns vorbeilief. Ich bin nie hingegangen. Ich war überzeugt, dass er nicht mal meinen Nachnamen kannte.
Dann war Abitur, dann kam alles andere. Meine Eltern zogen kurz nach meinem Abschluss von Leipzig nach Freiburg, weil mein Vater dort eine Stelle bei einem Maschinenbauunternehmen bekam, und ich zog mit. Ich studierte Betriebswirtschaft, mietete eine Wohnung in der Wiehre, kaufte mir einen gebrauchten Golf. Es gab einen Freund über fast vier Jahre, mit dem ich mir sogar vorstellte, eine Küche einzurichten, bis wir uns doch getrennt haben. Jonas Brenner war irgendwann nur noch ein Name, den ich mit nichts Bestimmtem mehr verbinden konnte.
Vor sechs Jahren zog meine Familie zurück nach Leipzig, mein Vater wollte seine letzten Berufsjahre wieder in der Heimat verbringen, und ich zog wieder mit, weil ich gerade den Job gewechselt hatte und ohnehin flexibel war. Im Dezember desselben Jahres organisierte unser ehemaliges Gymnasium ein großes Klassentreffen, alle Jahrgänge waren eingeladen, in der Aula, mit Glühwein aus Plastikbechern und einer Tannenbaumgirlande, die schon zu meiner Schulzeit dort gehangen hatte. Ich wollte eigentlich absagen. Ich kannte kaum noch jemanden. Aber meine alte Banknachbarin Merle rief dreimal an, bis ich zusagte.
An der Tür zur Aula blieb ich einen Moment stehen und zählte die Mäntel an der Garderobe, bevor ich mich traute, hineinzugehen. Ich kannte niemanden auf den ersten Blick, und für eine Sekunde überlegte ich, ob ich nicht doch umdrehen sollte. Dann sah ich Merle winken, und ich ging hinein, nahm mir einen Glühwein, dessen Plastikbecher sich warm und leicht klebrig anfühlte, und stellte mich an den Rand, wo ich mit Leuten redete, deren Gesichter ich kaum zuordnen konnte.
Am Buffet, zwischen der Stollenplatte und einer Schüssel mit Mandarinen, stand ein Mann und schnitt sich mit der Buffetgabel ein Stück Stollen ab. Mein Puls setzte einen Schlag aus, bevor mein Kopf überhaupt begriffen hatte, wen ich da ansah. Er war breiter geworden, hatte kürzere Haare, eine Uhr am Handgelenk, die es damals nicht gab – aber die Art, wie er den Kopf leicht schräg hielt, während er den Stollen begutachtete, war genau dieselbe wie mit siebzehn. Ich drehte mich halb weg, tat, als würde mich das Gespräch neben mir interessieren, und dachte: Er wird mich nicht erkennen, und falls doch, reicht ein Nicken, und ich kann in die Küche flüchten, angeblich wegen Nachschub.
Der Plastikbecher in meiner Hand war inzwischen leer, und ich drehte ihn zwischen den Fingern, weil ich nicht wusste, wohin mit den Händen. Als ich wieder hinsah, stand er nicht mehr am Buffet. Ich suchte den Raum ab, mein Mund war plötzlich trocken vom Zimt im Glühwein, und dann hörte ich meinen Vornamen, so nah, dass ich zusammenzuckte.
„Wo bist du die ganze Zeit gewesen?"
Er stand direkt vor mir, den Teller mit dem Stollen noch in der Hand, und ich brauchte drei, vier Sekunden, um überhaupt etwas zu antworten, weil mir schlicht die Worte fehlten. Irgendetwas mit Freiburg kam heraus, halb abgehackt, und er lachte, nicht über mich, sondern als wäre ihm gerade etwas Gutes eingefallen.
Wir redeten den ganzen Abend, in einer Ecke neben der Garderobe, während um uns andere Leute alte Anekdoten austauschten. Irgendwann sagte er: „Nach dem Abi bist du einfach verschwunden." Ich musste lachen, richtig laut, so dass Merle sich von der anderen Seite des Raumes umdrehte. In meinem Kopf dachte ich nur: Wie kann ich aus deinem Leben verschwunden sein, wenn ich nicht mal wusste, dass ich jemals darin vorkam?
Am nächsten Tag schrieb er mir. Von da an schrieben wir jeden Tag. Wir trafen uns etwa einen Monat lang, bevor wir uns offiziell ein Paar nannten – ein Kaffee in der Karli, ein Spaziergang um den Cospudener See, ein Abend bei ihm in der Küche, wo er Nudeln mit zu viel Salz kochte und ich es nicht übers Herz brachte, es zu sagen.
Nach etwa zwei Monaten kam der erste richtige Krach. Er hatte ein Wochenende bei seiner Mutter in Chemnitz verbracht, ohne mir vorher Bescheid zu geben, und ich hatte mir in der Zwischenzeit ausgemalt, er würde sich zurückziehen, wie er es angeblich schon einmal getan hatte, bei der Freundin aus Dresden. Ich schrieb ihm einen langen, ziemlich verletzten Text, er rief sofort an, und wir stritten am Telefon fast eine Stunde, bis klar wurde, dass er einfach schlecht Netz hatte und nicht daran gedacht hatte, dass ich mir Sorgen machen könnte. Danach saß ich lange auf meinem Bett und fragte mich, ob wir zu schnell zu viel wollten, ob zwanzig Jahre Abstand vielleicht doch etwas bedeuteten, das man nicht in ein paar Wochen aufholen konnte.
Wir haben darüber geredet, richtig geredet, nicht nur aneinander vorbei. Und irgendwann, an diesem Abend, als wir schon so weit waren, dass ich ihm alles anvertrauen konnte, erzählte ich ihm, dass ich ihn fast die ganze Schulzeit über gemocht hatte. Er sah mich an, legte die Gabel weg, mit der er gerade in seinen Nudeln gestochert hatte, und fing an zu lachen. Ich dachte zuerst, er würde sich über mich lustig machen – bis er sagte: „Du hast mir auch gefallen."
Ich glaubte ihm nicht. Da fing er an, Dinge zu erzählen, die er sich unmöglich hätte ausdenken können. Wo ich bei der Abschlussfeier gesessen hatte. Wie er manchmal absichtlich einen Umweg durch den B-Trakt genommen hat, nur um an meinem Klassenzimmer vorbeizukommen. Wie er sich mehrmals eine Ausrede überlegt hatte, um mit mir zu reden, und dann jedes Mal dachte: Ich hab sowieso keine Chance.
Wir saßen da und lachten gleichzeitig und ärgerten uns über uns selbst. Jahrelang hatten wir uns aus der Distanz angeschaut, und keiner hat den einen Schritt gemacht. Aber das Merkwürdige ist: Wir haben nicht das Gefühl, Zeit verloren zu haben. Ich habe studiert, andere Menschen geliebt. Er hatte sein eigenes Leben, eine WG in Dresden, einen Job bei einer Softwarefirma, eine Beziehung, die drei Jahre gehalten hat. Vielleicht wäre aus uns als Teenager sowieso nach ein paar Monaten nichts mehr übrig gewesen. Das werden wir nie wissen.
Drei Jahre nach diesem Klassentreffen haben wir geheiratet, standesamtlich in Leipzig, mit vierzig Gästen und einem Essen im Restaurant am Auensee. Dieses Jahr, im September, feiern wir fünf Jahre Ehe. Wir haben zweijährige Zwillinge, Theo und Marlene, die das ganze Haus auf Trab halten.
Ab und zu streiten wir noch darüber, wer damals als Erster hätte den Mund aufmachen sollen. Er sagt: „Du hast immer so ausgesehen, als wolltest du, dass keiner mit dir redet." Ich antworte: „Und du warst immer von so vielen Leuten umringt, dass es unmöglich schien, an dich ranzukommen."
Vor ein paar Wochen haben wir beim Ausmisten einen Karton mit alten Schulsachen gefunden, ganz unten, unter Steuerunterlagen aus drei Jahren, die wir eigentlich hätten wegwerfen sollen. Darin ein Foto vom Abiball, beide drauf, jeder mit seiner eigenen Gruppe, ziemlich weit auseinander im Bild – ich rechts am Rand neben Pia, er links neben zwei Jungs, die ich nicht mehr benennen kann.
Marlene streckte die Finger danach aus, bevor ich es hochhalten konnte, und knickte prompt eine Ecke um. Ich klebte das Foto trotzdem mit einem Magneten an den Kühlschrank, zwischen eine Kinderzeichnung und den Einkaufszettel, genau auf Augenhöhe mit der Kaffeemaschine.
