Seit Matteo da ist, gilt bei uns ein Satz, den mittlerweile jeder auswendig kann: Erst Hände waschen, dann das Baby auf den Arm. Egal ob Oma, Opa, mein Bruder oder Besuch von der Nachbarwohnung – man klingelt, man umarmt sich kurz in der Diele, und dann geht man ins Bad. Erst danach darf man ihn halten. Auch den Hund darf jeder streicheln, so viel er will. Nur eben nicht direkt bevor er Matteos Gesicht berührt. Unser Rico ist kein schmutziges Tier, er schläft neben unserem Bett, wir lieben ihn wie ein Familienmitglied. Aber Hundefell ist etwas anderes als die Wange eines Vier-Monate-alten. Wenn ich sehe, dass jemand gerade mit ihm auf dem Balkon getobt hat, sage ich einfach: „Wasch dir kurz die Hände, bevor du ihn nimmst." Keine große Szene, kein erhobener Zeigefinger. Nur der Satz, und dann weiter im Alltag.
Am Anfang hat sich niemand beschwert. Meine Mutter hat brav die Ärmel hochgekrempelt, mein Vater hat genickt und ist ins Bad gegangen. Erst nach ein paar Wochen kamen die Kommentare. Dass ich seit der Geburt "ein bisschen übertrieben" sei. Dass ich früher lockerer war. Das größte Problem ist mein Vater, Werner, dreiundsechzig, Rentner, ehemaliger Werkzeugmacher bei einem Zulieferer in Emmendingen. Er raucht seine Stumpen auf dem Balkon, zwei, drei am Tag, und kommt danach direkt mit ausgestreckten Armen: „Na, komm mal zu Opa." Ich lasse das nicht zu, wenn er gerade geraucht hat. Vor allem nicht in dem grauen Karohemd, das dann förmlich nach kaltem Rauch riecht. Ich bitte ihn, sich die Hände gründlich zu waschen, und wenn das Hemd zu stark riecht, wenigstens ein anderes anzuziehen, das im Flurschrank hängt.
Einmal kam er zu Besuch, hat vor der Haustür noch eine geraucht, ist dann reingekommen und wollte sofort Matteo hochnehmen. Ich sagte: "Papa, erst Hände waschen." Er hat gekontert: "Ich hab drei Kinder großgezogen und dabei geraucht, ihr lebt doch alle noch." Meine Mutter, Karin, hat gelacht, mein Bruder Jan meinte, ich würde das Kind "unter der Käseglocke" aufziehen. Mein Vater saß dann beleidigt am Küchentisch, weil er sich angeblich "desinfizieren" müsse, nur um sein eigenes Enkelkind anzufassen.
Der größte Streit passierte an einem Sonntag im Mai, bei uns in Freiburg, im Garten hinterm Haus. Wir hatten Lammbraten gemacht, die ganze Familie war da, sogar meine Schwiegereltern aus Kirchzarten. Mein Vater war draußen zum Rauchen, ich stand in der Küche und hab die Soße abgeschmeckt. Meine Tante Beate hatte Matteo auf dem Arm, und als mein Vater reinkam, hat sie ihn ihm einfach gegeben, ohne mich zu fragen. Ich kam aus der Küche, Geschirrtuch noch in der Hand, und sah ihn mit dem Kind – das Hemd roch bis zur Tür. Ich ging rüber, nahm Matteo ruhig auf den Arm und sagte: "Papa, du hast gerade geraucht. Du weißt, dass ich das nicht will, direkt danach." Da ist er ausgerastet. Er hat gesagt, ich würde ihn vor der ganzen Familie bloßstellen, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Tante Beate hat sich eingemischt: "Bisschen Rauchgeruch schadet dem Kind doch nicht." Da war ich auch auf sie sauer. Wenn ich als Mutter etwas festlege, dann hat das nicht jemand hinter meinem Rücken zu unterlaufen, nur weil ich gerade nicht hinschaue.
Mein Vater sagte am Ende nur: "Gut, dann fasse ich ihn eben nie mehr an." Ist aufgestanden, hat sich sein Bier geschnappt und ist in den vorderen Garten gegangen, wo sein alter Opel Astra parkte. Ist eine Stunde lang nicht wiedergekommen.
Seitdem kommt fast jeder Besuch mit einem Spruch. Sage ich: "Wascht euch bitte die Hände, bevor ihr ihn hochnehmt", kommt sofort: "Wir haben früher Dreck gegessen und uns ist nichts passiert." Hat jemand mit Rico gespielt und ich bitte nochmal ums Waschen: "Bald sollen wir wohl duschen, bevor wir bei euch klingeln." Und mit meinem Vater landen wir immer wieder beim gleichen Satz: "Ich hab geraucht, während ich euch großgezogen hab, und euch ist nichts passiert." Dabei jage ich niemanden mit Desinfektionsmittel durch die Wohnung. Ich verlange keinen Sicherheitsabstand. Niemand muss sich von Kopf bis Fuß umziehen. Es sind drei einfache Regeln: Hände waschen nach draußen, Hände waschen nach dem Hund, keine Zigarette und dann sofort das Baby. Das kam mir nie unmöglich vor.
Nach diesem Sonntag hat mein Mann Tobias vorgeschlagen, wir reden in Ruhe mit meinem Vater, ohne Publikum. Zwei Wochen ist nichts passiert – Werner ist nicht gekommen, hat auch nicht angerufen, nur meiner Mutter am Telefon erzählt, seine eigene Tochter halte ihn für "verseucht". Ich hab dann angefangen zu überlegen, wie das für ihn sein muss: mit zweiundzwanzig hat er angefangen zu rauchen, in der Fabrik hat das niemanden gestört, seine drei Kinder hat er tatsächlich großgezogen, ohne dass je jemand ein Wort über Zigarettengeruch verloren hätte. Für ihn war das kein Fehler, sondern normales Leben. Trotzdem hab ich nicht nachgegeben. Ich hab keinen Beweis gebraucht, dass Passivrauch an Babyhaut oder in Babylungen schädlich ist – das steht in jeder Broschüre, die man in der Frauenarztpraxis mitnimmt. Ich hab nur gewusst, dass ich für dieses eine kleine Wesen verantwortlich bin, und dass "es hat uns auch nicht geschadet" keine Garantie für irgendwas ist.
An einem Donnerstagabend Ende Juni hab ich ihn dann angerufen. Kein Streit, keine erhobene Stimme. Ich hab ihm gesagt: Papa, ich will dich nicht aus Matteos Leben raushalten, ich will nur, dass du dir vorher die Hände wäschst und nicht direkt nach der Zigarette zu ihm kommst. Das ist keine Beleidigung, das ist eine Regel für ein Baby, nicht gegen dich. Er hat lange nichts gesagt. Dann: "Ich versteh's trotzdem nicht ganz. Aber ich versuch's." Am Sonntag danach kam er zu Kaffee und Streuselkuchen, ist ohne ein Wort ins Bad gegangen, hat sich die Hände gewaschen, und erst dann hat er nach Matteo gefragt. Keine Umarmung, kein großer Moment – er hat einfach die Regel befolgt, zum ersten Mal ohne Kommentar dazu.
Zwei Monate später, im August, war ich bei meiner Mutter zum Kaffee, und sie hat mir erzählt, dass mein Vater seit dem Anruf nur noch draußen auf der Terrasse raucht, danach die Jacke auszieht und sie an den Haken neben der Tür hängt, bevor er reinkommt – ganz ohne dass ich das je verlangt hätte. Wie sich rausstellte, hatte er das schon Wochen vorher angefangen, still, ohne es jemandem zu sagen, einfach damit er Matteo wieder öfter auf dem Arm halten konnte.
