Der Schlüssel, den ich nicht bekam

Ich heiße Renate Brendel, bin einundsechzig und war siebenunddreißig Jahre lang Steuerfachangestellte in einer Kanzlei in Bremen-Vegesack. Ich sage das gleich vorweg, weil es wichtig ist: Ich kenne mich aus mit Regeln, mit Formularen, mit dem Kleingedruckten. Ich habe mein Leben lang Dinge geordnet, die andere Leute durcheinandergebracht haben. Und trotzdem stehe ich jeden zweiten Mittwoch wie eine Fremde vor der Schranke der Wohnanlage, in der mein Sohn wohnt.

Die Siedlung liegt draußen in Lesum, direkt an der Wümme, mit diesen hellgrauen Neubauten, Fahrradständern aus Edelstahl und einem Spielplatz, auf dem nie ein Blatt liegt. Vom Bahnhof sind es zu Fuß gut fünfhundert Meter, ich nehme die Straßenbahn, Linie 4, weil ich mit dem Auto ohnehin keinen Parkplatz finde. Ich trage dann zwei Taschen: eine mit der Hühnersuppe, die andere mit dem Käsekuchen, den mein Sohn Jonas so liebt. Seine Frau Lea kocht nicht viel, sie bestellt lieber, und ich, ehrlich gesagt, mache das gerne. Ich habe nur keinen Chip für die Schranke.

Vor zwei Wochen fragte meine Enkelin Mia beim Mittagessen, warum Oma "immer so außer Atem" ankommt. Sie ist sieben und sagt einfach, was sie sieht. Ich spürte, wie mir heiß wurde, bis in den Nacken. Jonas legte die Gabel hin und sagte ruhig: "Weil Oma gerne spazieren geht, stimmt's, Mama?" Ich lächelte, nickte, trank einen Schluck von der Suppe. Dabei ist die Wahrheit: Seit zwei Jahren laufe ich diese fünfhundert Meter mit vollen Taschen, weil ich vor der Schranke stehe wie eine Bittstellerin, die auf Einlass wartet.

Ich klingle an der Gegensprechanlage. Manchmal geht Jonas sofort ran, manchmal warte ich drei, vier Minuten. Einmal habe ich neun Minuten gestanden. Ich habe mitgezählt, weil ich es nicht glauben wollte.

Als Jonas vor vier Jahren die Wohnung kaufte, war ich stolz. Eine schöne Anlage, neue Häuser, Kamerasystem am Eingang, Tiefgarage. Ich habe ihm damals fünfzigtausend Euro aus der Witwenrente dazugegeben, die ich seit dem Tod meines Mannes Herbert angespart hatte. Ich bereue keinen Cent davon. Er ist mein einziges Kind. Damals war ich noch nützlich – beim Streichen, beim Aufbauen der Küche, beim Hüten von Mia, als Lea nach der Elternzeit wieder arbeiten ging.

Dann fing es an. Zentimeter für Zentimeter. Erst sagte Lea, Mia sei "zu groß, um bei Oma zu übernachten, das bringt ihren Rhythmus durcheinander". Dann hörte Jonas auf, sonntags anzurufen – "wir machen jetzt Familiensonntage, Mama, ohne Handy". Als wäre ich keine Familie.

Und dieser Chip für die Schranke – das war der Moment, den ich nie vergessen werde. Ich fragte direkt, in der Küche, während Lea Mia badete. "Jonas, könntest du mir nicht einen zweiten Chip besorgen? Es wäre einfacher für mich." Er sah mich an, als hätte ich nach dem Schlüssel zum Tresorraum gefragt. "Mama, das entscheide nicht ich. Laut Hausordnung gehört ein Chip nur den Eigentümern. Zwei pro Wohnung, wir haben beide." "Aber wenn du wolltest, könntest du einen zusätzlichen beantragen. Ich würde bezahlen", sagte ich leise. "Lea findet, das ist nicht nötig. Man bittet die Eigentümergemeinschaft nicht um Extrawürste."

Lea findet. Diesen Satz höre ich immer öfter. Ich will aus ihr kein Ungeheuer machen. Sie arbeitet bei einem Versicherungskonzern am Bahnhofsplatz, verdient gut, kümmert sich um Mia, kocht selten, bestellt dafür bei einem Lieferdienst, und das geht mich im Grunde nichts an. Sie ist höflich, siezt mich nach fünf Jahren immer noch. Einmal sagte ich, sie könne mich ruhig duzen, sie lächelte und antwortete: "Natürlich, Frau Brendel." Jonas lachte. Ich auch. Aber innen tat es weh.

Meine Freundin Ute, mit der ich donnerstags Kaffee trinke in der Konditorei an der Schönebecker Straße, sagt, ich übertreibe. "Renate, die Kinder haben ihr eigenes Leben. Sei froh, dass sie dich überhaupt einladen." Utes Sohn ist nach Kanada ausgewandert, sie sieht ihn einmal im Jahr. Sie hat recht, es könnte schlimmer sein. Aber ich will mich nicht nach unten vergleichen. Ich will einfach nur auf dieses Gelände kommen können, ohne zu keuchen.

Letzten Mittwoch war es anders. Ich kam wie immer mit der Bahn, stand vor der Schranke, klingelte. Stille. Noch einmal. Stille. Ich rief Jonas an – keine Antwort. Lea – Mailbox voll. Ich stand da mit den Taschen, der Käsekuchen wurde warm in der Frühlingssonne, es war ungewöhnlich mild für April, und plötzlich liefen mir Tränen übers Gesicht. Nicht aus Kummer. Aus Ohnmacht. Vor der verschlossenen Schranke zum Leben meines eigenen Sohnes zu stehen.

Nach vierzehn Minuten rief Jonas zurück. "Mama, sorry, wir waren mit Mia spazieren, ich hab das Handy nicht gehört. Ich mach sofort auf." Die Schranke ging hoch. Ich ging hinein, wischte mir übers Gesicht, atmete im Treppenhaus einmal tief durch, richtete den Mantel.

Beim Essen war alles wie sonst. Mia löffelte ihre Suppe, Lea schnitt das Brot, Jonas erzählte von der Arbeit. Dann kam Mias Satz mit dem Außer-Atem-Sein, und einen Moment lang war es still am Tisch.

"Oma, warum hast du eigentlich keinen Chip wie Papa?"

Ich stellte die Tasse ab, ehe die Suppe darauf tropfen konnte, und sagte: "Weil Oma noch nicht danach gefragt hat, Mia. Aber das ändert sich heute." Jonas sah auf. Lea legte das Messer neben den Brotkorb. Ich griff nicht nach Ausreden. "Jonas, ich möchte, dass wir heute noch bei der Hausverwaltung anrufen. Es gibt ein Verfahren für Besucher-Transponder, ich habe es mir angesehen – kostet fünfzig Euro einmalig, dazu eine jährliche Gebühr von achtzehn Euro. Ich zahle das. Ich brauche nur deine Unterschrift auf dem Formular, weil du Eigentümer bist."

Jonas wollte etwas sagen, ich sprach weiter. "Und noch etwas. Die fünfzigtausend Euro, die ich euch für die Wohnung gegeben habe – das war ein Geschenk, kein Kredit, das weißt du. Ich stelle das nicht in Frage. Aber ich stelle in Frage, dass ich mich vor der eigenen Investition wie eine Fremde fühlen muss."

Lea wurde blass, dann sagte sie leise: "Frau Brendel, das war nie so gemeint." "Ich weiß nicht, wie es gemeint war", antwortete ich. "Ich weiß nur, wie es sich anfühlt: neun Minuten vor einer Schranke, zwölf Minuten, vierzehn Minuten. Mit warmem Kuchen und kalten Füßen."

Jonas rieb sich das Gesicht. "Mama, ich wollte dir nie das Gefühl geben…" "Ich weiß, dass du das nicht wolltest", unterbrach ich ihn, nicht scharf, nur bestimmt. "Deshalb reden wir jetzt darüber, statt dass ich es beim Kompott runterschlucke."

Noch am selben Abend rief Jonas bei der Hausverwaltung an, ich hörte am Küchentisch zu, wie er den Antrag für den Besucher-Transponder durchgab, meinen Namen buchstabierte, meine Adresse nannte. Zwei Wochen später kam ein kleiner grauer Umschlag mit der Post – kein Brief, ein Chip, eingeschweißt in Plastik, mit einer Karte der Hausverwaltung Nord-West Immobilien dabei. Ich legte ihn an meinen Schlüsselbund, neben den Wohnungsschlüssel von Herbert, den ich all die Jahre nie abgemacht hatte.

Am nächsten Mittwoch fuhr ich wieder mit der Bahn, ging die fünfhundert Meter, hielt den Chip an den Sensor. Die Schranke hob sich, ohne dass ich klingeln musste, ohne dass jemand ans Fenster kam. Mia stand schon am Hauseingang und winkte, ihr Zopf hüpfte im Wind. "Oma, du bist gar nicht mehr außer Atem!" Ich stellte die Taschen kurz ab, um sie hochzuheben, und sagte: "Nein, mein Schatz. Heute nicht."

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: