Die Isar-Wette des Thomas Brenninger

Der Isar-Wächter

Als Thomas Brenninger im März dieses Jahres zum ersten Mal mit Gummistiefeln bis zum Knie in der Isar stand, roch das Wasser nach Fäulnis und altem Öl. Er war siebenundzwanzig, arbeitete als Fahrradkurier in München und hatte eigentlich nur einen freien Samstag verbringen wollen. Stattdessen zog er einen kaputten Kinderwagen aus dem Schlick, direkt unterhalb der Reichenbachbrücke, dort wo sonst im Sommer die Leute auf den Kiesbänken grillen.

Er machte ein Foto, stellte es online — ohne große Erwartung. Am nächsten Wochenende kam eine Nachbarin mit, dann ein Kollege, dann ein Rentner namens Herbert, der jeden Tag mit seinem Dackel dort spazieren ging und plötzlich einen Müllsack mitschleppte statt nur des Hundekotbeutels. Aus einem Nachmittag wurden Wochen, aus Wochen wurden Monate.

Thomas gab sein eigenes Geld aus — für Handschuhe, für Müllsäcke, irgendwann für einen gebrauchten Bollerwagen vom Flohmarkt am Elisabethplatz, mit dem er die vollen Säcke zum nächsten Wertstoffhof transportierte. Zweihundertdreißig Euro im Monat, ungefähr, schätzte er später, wenn man die Fahrten mit dem Auto seines Bruders dazurechnete. Er sprach mit der Stadtreinigung, bekam eine Genehmigung für eine feste Sammelstelle am Flussufer, stellte dort eine große grüne Tonne auf. Er redete mit dem Pfarrer von St. Maximilian, weil an bestimmten Feiertagen Leute Kerzen und kleine Opfergaben ins Wasser warfen, und überzeugte ihn, stattdessen einen Kompostplatz hinter der Sakristei einzurichten.

Nach vier Monaten war ein anderthalb Kilometer langer Abschnitt der Isar so sauber, wie ihn niemand mehr kannte. Die Steine wieder hell, das Wasser klar genug, dass man die Forellen sah. Ein Lokalsender kam vorbei, filmte zwei Minuten, Thomas stand mit rotem Kopf vor der Kamera und wusste nicht, wohin mit den Händen.

Drei Wochen später fand er einen Autoreifen dort, wo vorher gar nichts mehr lag. Dann eine Matratze. Dann, an einem Dienstagmorgen, die grüne Tonne selbst — umgekippt, der Deckel abgerissen, halb im Fluss treibend, der Inhalt über zwanzig Meter Ufer verteilt. Jemand hatte sie absichtlich zerschlagen, das sah man an den Rissen im Kunststoff.

Herbert war an diesem Morgen als Erster da, mit dem Dackel an der Leine. Er rief Thomas an, sagte nur: Komm mal, du musst das sehen. Thomas kam mit dem Fahrrad, kniete sich ins nasse Gras und fischte den Deckel aus dem Wasser. Er drehte ihn zwischen den Händen, prüfte die Risse mit dem Daumen, als könnte er den Kunststoff durch bloßes Betasten wieder zusammenfügen.

In dieser Woche kam auch der Brief von der Bezirksverwaltung. Die Genehmigung für die Tonne würde nicht verlängert, hieß es, weil es wiederholt zu Sachbeschädigung und, so die Formulierung, einer erhöhten Verschmutzung durch unsachgemäße Entsorgung an dieser Stelle gekommen sei. Als hätte er selbst das Problem verursacht, indem er einen Ort geschaffen hatte, den andere zerstören konnten.

Thomas legte den Brief auf den Küchentisch und ließ ihn zwei Tage lang liegen, neben einer Kaffeetasse, die längst kalt geworden war. Seine Schwester Katharina, die als Sachbearbeiterin beim Ordnungsamt in Freising arbeitete, kam am Freitagabend vorbei, sah beides liegen und setzte sich, ohne die Jacke auszuziehen.

Sie stellte keine tröstenden Fragen. Sie fragte: Hast du eine Kamera dort installiert?

Er hatte keine. Sie holte am nächsten Tag eine gebrauchte Wildkamera aus dem Baumarkt, batteriebetrieben, bewegungsaktiviert, die eigentlich für Jäger gedacht war. Sie befestigten sie an einem Kastanienbaum gegenüber der Anlegestelle, verdeckt hinter einem Ast, mit Genehmigung des Grundstückseigentümers, den Katharina über ihre Arbeit kannte.

Elf Tage lang passierte nichts Besonderes. Dann, an einem Sonntagabend gegen halb elf, zeichnete die Kamera zwei junge Männer auf, die einen ganzen Kofferraum voll Bauschutt ins Wasser kippten. Das Bild war körnig, aber das Kennzeichen des Transporters war lesbar.

Thomas ging nicht selbst dorthin, um Streit anzufangen. Er brachte die Aufnahme zur Polizeiinspektion in der Ettstraße, gemeinsam mit Katharina, die wusste, an welchen Sachbearbeiter man sich wenden musste, damit die Anzeige nicht in irgendeiner Schublade liegen blieb. Es stellte sich heraus, dass der Transporter einer kleinen Abbruchfirma in Pasing gehörte, die auf diese Weise Entsorgungsgebühren sparte — nicht zum ersten Mal, wie sich zeigte, denn zwei andere Anwohner hatten in den letzten Monaten ähnliche Vorfälle gemeldet, ohne dass jemand die Fälle verbunden hatte.

Die Firma bekam ein Bußgeld von viertausendzweihundert Euro und die Auflage, auf eigene Kosten den Uferabschnitt wiederherzustellen. Der Geschäftsführer, ein Mann namens Reiner Dobler, stand am darauffolgenden Samstag tatsächlich selbst am Ufer, zusammen mit zwei Angestellten, und sammelte Schutt in Container. Als Thomas mit verschränkten Armen näherkam, richtete sich Dobler auf, wischte sich die Hände an der Hose ab und sagte: Sie hätten auch einfach mit mir reden können, statt gleich die Polizei zu holen. Thomas erwiderte nichts darauf. Er hob einen Ziegelstein vom Boden auf, warf ihn in den Container, und ging weiter am Ufer entlang, während Dobler ihm mit zusammengekniffenen Augen nachsah.

Die Stadt verlängerte die Genehmigung für die Tonne doch noch — unter der Bedingung, dass sie regelmäßig geleert und die Kamera weiter betrieben würde. Thomas kaufte von seinem eigenen Geld eine zweite Tonne, robuster, aus verzinktem Stahl, mit einem Schloss am Deckel, zu dem nur er und Herbert einen Schlüssel hatten.

Vom Ufer aus, wo früher der Geruch nach Fäulnis hing, riecht es jetzt nach nassem Kies und, an windstillen Abenden, nach dem Döner-Imbiss zweihundert Meter weiter an der Brücke. Herberts Dackel hat mittlerweile einen Namen für sich weg — die Anwohner nennen ihn den Isar-Wächter, weil er jeden Fremden am Ufer anbellt, der zu lange stehen bleibt.

An einem Septemberabend, fast ein Jahr nach dem ersten Kinderwagen, kniete Thomas am Ufer, um die Stahltonne zu leeren. Er klappte den Deckel auf, zog den vollen Sack heraus, band einen neuen ein und drückte den Deckel wieder zu, bis das Schloss mit einem trockenen Klicken einrastete. Der Dackel bellte einen Jogger an, der zu dicht an der Sammelstelle vorbeilief. Vom Imbiss an der Brücke wehte der Geruch von gebratenem Fleisch herüber. Thomas zog die Handschuhe aus, steckte sie in die Jackentasche und schob den Bollerwagen den Trampelpfad hinauf zur Straße.

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