Der Adventskranz, den keiner mehr anzündet

Sechsundvierzig Jahre lang hat Renate Bosshammer die Weihnachtstafel für die ganze Familie gedeckt. Ihre Wohnung in Lüneburg, ein Reihenhaus mit knarrender Holztreppe, war jedes Jahr am 24. Dezember der Sammelpunkt: Schwiegersohn, Enkel, die Schwester aus Celle mit ihrem Mann, die Cousine, die nie fragte, ob sie überhaupt kommen sollte. Renate fing schon im November an. Sie polierte das Meissener Porzellan, das noch ihrer Mutter gehört hatte, sie kochte den Rotkohl zwei Tage vor, weil er dann besser schmeckte, sie stand am Herd, während im Wohnzimmer das ZDF-Weihnachtsprogramm lief und alle anderen auf dem Sofa saßen mit einem Glas Glühwein in der Hand.

Sie erinnert sich noch genau an den Winter, in dem ihr Rücken so schlimm war, dass sie sich morgens am Türrahmen hochziehen musste. Trotzdem stand sie am 23. Dezember um sechs Uhr auf, um die Gans zu füllen. Niemand fragte, ob sie Hilfe brauchte. Und sie selbst fragte auch nicht. "Das war einfach meine Aufgabe", sagt sie heute, mit neunundsiebzig, an einem Küchentisch, auf dem eine einzelne Tasse Kaffee steht. "Ich dachte, wenn ich einmal nein sage, bricht das ganze Fest zusammen."

Ihr Mann Dieter war da schon zwölf Jahre tot. Genau das machte die Sache komplizierter, denn seit seinem Tod war das Haus in Lüneburg nicht mehr nur ihr Zuhause, sondern auch das einzige Grundstück, das die Familie noch als gemeinsam empfand. Ihr Schwiegersohn, Matthias, ein Steuerberater aus Winsen, hatte irgendwann angefangen, ganz selbstverständlich davon zu sprechen, dass das Haus "später sowieso an die Kinder" gehen würde. Er sagte das beim Nachtisch, zwischen zwei Bissen Christstollen, während Renate gerade die Teller abräumte.

Was in der Geschichte nicht in jedem Jahr gleich war: der Hund. Ihr Nachbar hatte einen alten Labrador, Bruno, der jeden Heiligabend gegen halb acht anfing zu bellen, wenn die Kirchenglocken von St. Nicolai läuteten, und Renate stand dann jedes Mal kurz am Fenster, mit den Händen noch voller Mehl, und sah zu, wie die Leute über die Straße zur Christmette liefen. Das war die einzige Minute am Tag, die ihr allein gehörte.

Der Bruch kam nicht mit einem großen Knall, sondern mit einer Rechnung. Im Januar vor zwei Jahren rutschte Renate auf der vereisten Auffahrt und brach sich das Handgelenk. Sechs Wochen Gips. In dieser Zeit rief niemand aus der Familie an, um zu fragen, ob sie einkaufen gehen könne. Ihre Tochter Sabine schickte eine WhatsApp-Nachricht: "Alles gut bei dir? Wir sind grad im Stress." Renate saß mit dem Gips auf dem Sofa, die Heizung bollerte, draußen fiel Schnee auf die Bäume vor dem Fenster, und sie dachte zum ersten Mal in ihrem Leben ganz klar: Ich habe nie gefragt, was ich eigentlich brauche.

Als der Gips ab war, ging sie zu ihrem Anwalt in der Lüneburger Altstadt, einem Mann namens Herr Krosigk, der ihre Familie seit dreißig Jahren betreute. Sie brachte den Grundbuchauszug mit, den sie in einer alten Keksdose aufbewahrt hatte, zusammen mit Dieters Uhr und ein paar vergilbten Fotos. "Ich möchte das Haus verkaufen", sagte sie. Herr Krosigk sah sie über seine Lesebrille an und fragte, ob sie sich das gut überlegt habe, wo doch die ganze Familie jedes Jahr dort feiere. "Genau deshalb", antwortete sie.

Die Nachricht verbreitete sich schnell. Matthias rief noch am selben Abend an, seine Stimme überschlug sich fast: "Das kannst du doch nicht machen, wo sollen wir denn jetzt Weihnachten feiern?" Renate stand in der Küche, das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt, und rührte in einem Topf Linsensuppe, den sie diesmal nur für sich selbst gekocht hatte. "Ihr könnt bei dir feiern, Matthias. Du hast ein großes Haus in Winsen." Am anderen Ende blieb es für einen Moment still, dann kam nur ein "Aber…" — und keine Fortsetzung.

Das Haus wurde im März verkauft, für dreihundertzwanzigtausend Euro, an ein junges Paar aus Hamburg, das die Räume renovieren wollte. Renate zog in eine Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss eines Neubaus am Stadtpark, mit Balkon zur Ilmenau hin. Vom Verkaufserlös legte sie zweihunderttausend Euro auf ein Festgeldkonto für sich selbst an, einen Betrag, von dem sie sich fortan eine Haushaltshilfe, eine wöchentliche Wassergymnastik im Vitalbad und, zum ersten Mal seit Jahrzehnten, eine richtige Reise leisten konnte: zwei Wochen Ostsee, allein, in einem Hotel mit Blick auf die Steilküste von Rügen.

An Heiligabend saß sie in ihrer neuen Wohnung, aß eine kleine Portion Gänsebrust, die sie sich extra für sich bestellt hatte, und hörte draußen die Glocken von St. Nicolai, viel leiser jetzt, weil die Wohnung weiter weg lag. Niemand aus der Familie kam. Matthias hatte tatsächlich zu sich nach Winsen eingeladen, aber Renate sagte ab. "Ich brauche dieses Jahr keine Feier", schrieb sie zurück. "Ich brauche Ruhe." Sabine rief zweimal an, beide Male ließ Renate es klingeln, während sie in aller Gelassenheit den Christstollen anschnitt, den sie sich selbst gebacken hatte, nur für sich, ohne dass jemand danach fragte, ob genug für alle da sei.

Zwei Winter später erzählte Sabine ihr bei einem Kaffeebesuch beiläufig, dass Matthias' Steuerkanzlei damals, genau in dem Jahr des Streits, kurz vor der Pleite gestanden hatte, und dass er deshalb so hartnäckig auf das Haus gepocht hatte — nicht aus Sentimentalität, sondern weil er gehofft hatte, es beleihen zu können. Renate hörte sich das an, rührte ihren Kaffee, sagte nichts dazu. Sie hatte ihr Geld längst woanders angelegt, und das Konto trug nur noch ihren Namen.

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