Das Sambal meiner Großmutter

Ich heiße Marlon, bin heute vierunddreißig, und wenn ich in Duisburg über den Wochenmarkt an der Kremerstraße laufe und irgendwo scharfer Chili in Öl brutzelt, bleibe ich stehen. Jedes Mal. Die Leute hinter mir schimpfen, weil ich den Weg blockiere, aber das ist mir egal. Der Geruch zieht mich zurück in eine Küche, die es seit elf Jahren nicht mehr gibt.

Meine Mutter hat mich und meinen kleinen Bruder Ferdi in Paramaribo bei unserer Oma zurückgelassen, als ich fünf war. Sie ging nach Deutschland, weil ein Cousin ihr Arbeit in einer Wäscherei in Duisburg versprochen hatte. Drei Jahre später holte sie uns nach. Ich stand am Gate des Flughafens Düsseldorf und suchte ein Gesicht, das ich aus Fotos kannte – aber die Frau, die auf mich zukam, war fremd für mich. Fremder Geruch, fremdes Parfüm, fremde Stimme. Ich habe sie nicht umarmt. Ich habe sie angeschaut wie eine Verkäuferin im Supermarkt.

Sie hatte einen neuen Mann. Rüdiger. Groß, mit einer tätowierten Faust und einem Bierbauch, der über den Gürtel hing. Am Anfang war er nett, fast zu nett, hat uns Frikandellen gekauft und so getan, als würde ihn das alles interessieren. Das änderte sich schnell. Wenn Ferdi seinen Teller nicht leer aß, flog der Teller gegen die Wand. Wenn ich zu langsam meine Hausaufgaben machte, hat er mich am Ohr durchs Wohnzimmer gezogen. Meine Mutter hat weggeschaut. Sie hatte Angst vor ihm, das habe ich später verstanden – damals dachte ich nur: Sie lässt es zu.

Das Einzige, was mich am Leben gehalten hat, war meine Großmutter Ivonne. Sie war ein Jahr nach uns ebenfalls nach Duisburg gezogen, wohnte in einer Zweizimmerwohnung in Hochfeld, zwölf Minuten zu Fuß von uns entfernt, direkt über einer türkischen Bäckerei. Wenn zu Hause die Fäuste flogen, bin ich einfach losgerannt. Manchmal im Schlafanzug, manchmal barfuß. Sie hat nie gefragt, warum ich schon wieder da bin. Sie hat die Tür aufgemacht, mich reingezogen und Wasser für Tee aufgesetzt.

Ihre Wohnung roch immer nach geröstetem Kreuzkümmel und Kokosöl. An der Wand hing ein Kalender vom Rewe um die Ecke, jedes Jahr ein neuer, mit roten Kringeln um Geburtstage, die sie sich nie merken konnte, ohne nachzuschauen. Im Fernsehen lief meistens eine Volksmusiksendung, die sie eigentlich hasste, aber irgendwie nie ausschaltete, weil die Stille ihr zu laut war. Sie hat mich nie nach Rüdiger gefragt. Sie hat einfach eine Schüssel Reis vor mich hingestellt und gesagt: Iss erstmal, reden können wir später.

Sie hat mir beigebracht, wie man Sambal macht – die richtige Sorte, mit gerösteten Chilis, Tamarinde und einer Prise braunem Zucker, die den Unterschied macht zwischen scharf und richtig gut. Sie hat gesagt, Sambal braucht Geduld, man darf die Pfanne nicht verlassen, sonst brennt alles an, bevor man es merkt. Ich glaube, sie hat mir damit mehr über das Leben beigebracht als über Kochen.

Mit siebzehn hatte ich schon zwei Anzeigen wegen Ladendiebstahl und einen Freund, der mit gestohlenen Handys handelte. Ich stand kurz davor, richtig abzurutschen. Meine Oma hat mich damals an einem Dienstagabend an ihren Küchentisch gesetzt, mir eine Schüssel Sambal vorgesetzt und gesagt, ohne mich anzuschreien: Ich habe deine Mutter auch schon verloren, an einen Mann, an Angst, an schlechte Entscheidungen. Dich verliere ich nicht. Ich weiß bis heute nicht, was genau in mir gekippt ist an diesem Abend. Aber ich habe aufgehört, mit diesem Freund abzuhängen.

Fünfzehn Jahre später war ich mit meiner Freundin Selin auf Kreta im Urlaub. Wir hatten in einer kleinen Töpferei in Chania eine handbemalte Vase gekauft, blau-weiß, mit einem Olivenzweig-Muster, für sechzig Euro – zu viel Geld für so was, aber Selin wollte sie unbedingt. Ich trug sie in einer Papiertüte aus dem Laden, und mitten auf der Straße, ohne dass irgendjemand mich angestoßen hätte, rutschte sie mir einfach aus den Händen. Zersprang auf dem Kopfsteinpflaster in etwa zwanzig Stücke. Ich stand da und konnte mir nicht erklären, warum meine Finger sich einfach geöffnet hatten. Den ganzen Tag über hatte ich ein Gefühl im Magen, als würde etwas nicht stimmen, ohne dass ich hätte sagen können, was.

Zwei Tage später holte mich Ferdi vom Flughafen Düsseldorf ab. Er stand nicht an der üblichen Stelle, sondern weiter hinten, mit hängenden Schultern. Ich wusste es, bevor er den Mund aufmachte. Oma war im Schlaf gestorben, mit einundachtzig, in ihrer Wohnung in Hochfeld, der Kalender an der Wand noch mit den roten Kringeln für Geburtstage, die sie nun selbst nicht mehr erleben würde.

Ich bin ehrlich: Ohne sie wäre ich nicht hier, wo ich heute bin. Ich hätte wahrscheinlich eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen, eine, bei der man am Ende vor Gericht steht statt vor einem Herd. Sie hat mich bei Verstand gehalten, als niemand sonst hinschaute.

Nach der Beerdigung mussten wir ihre Wohnung räumen. In einer Schuhschachtel unter ihrem Bett fand ich ein Sparbuch der Sparkasse Duisburg mit dreiundzwanzigtausend Euro drauf – Geld, das sie über Jahrzehnte als Putzfrau und Küchenhilfe zusammengespart hatte, ohne dass jemand von uns etwas davon wusste. Auf dem beigelegten Zettel stand nur: Für Marlon, für die Ausbildung, die du dir nie zugetraut hast. Ich habe mit dem Geld eine zweijährige Kochausbildung an der Volkshochschule finanziert und später eine kleine Garküche in Duisburg-Marxloh eröffnet. Auf der Karte steht bis heute nur ein Gericht: Ivonnes Sambal, Reis, Ei. Rüdiger ist vor drei Jahren an einer Leberzirrhose gestorben, allein in einer Sozialwohnung in Rheinhausen; meine Mutter hat mir das am Telefon erzählt, mit einer Stimme, die ich nicht deuten konnte. Ich bin nicht zur Beerdigung gegangen. Ich stand an dem Tag in meiner Küche und habe Chilis geröstet, bis die ganze Straße danach roch.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: