„Und was machst du eigentlich so, den ganzen Tag?" Das fragte mich meine Schwägerin Karin, als wir im Garten hinter dem Haus in Recklinghausen saßen, Ende August, die Wespen um den Kuchen kreisend. Ich rührte in meinem Kaffee, obwohl kein Zucker drin war, nur um die Hände beschäftigt zu halten.
„Ich lache", sagte ich. „Manchmal sogar über mich selbst."
Sie zog die Augenbraue hoch, als hätte ich etwas Anstößiges gesagt.
Ich bin siebenundfünfzig, ich heiße Renate, und seit elf Jahren führe ich zusammen mit meinem Mann Jürgen eine kleine Kfz-Werkstatt am Stadtrand, drei Hebebühnen, ein Büro mit Kaffeemaschine, die immer kalkt. Karin ist die Schwester meines Mannes, verheiratet mit einem Steuerberater, der jeden Satz mit „objektiv betrachtet" beginnt. Sie kam an diesem Nachmittag nicht wegen des Kuchens. Sie kam, weil Jürgen im Frühjahr einen Schlaganfall hatte, leicht, aber genug, um ihm für ein paar Monate die rechte Hand zu nehmen, und seitdem witterte seine Familie, dass die Werkstatt „neu geordnet" werden müsse.
„Objektiv betrachtet", sagte ihr Mann Bernd später am selben Tisch, „gehört die Hälfte des Betriebs Jürgen. Und Jürgen ist krank. Da sollte man vorsorgen."
„Vorsorgen wofür", fragte ich.
„Falls etwas passiert", sagte Karin und legte die Hand auf Jürgens Arm, als gehöre er ihr mehr als mir. „Man will doch nicht, dass die Werkstatt am Ende an eine Fremde geht."
Ich bin seit einundzwanzig Jahren mit Jürgen verheiratet. Eine Fremde. Ich schluckte den Satz runter wie einen zu heißen Schluck Kaffee und sagte nichts. Noch nicht.
Die Wahrheit war: Die Werkstatt lief seit dem Schlaganfall nur, weil ich sie am Laufen hielt. Ich hatte die Buchhaltung gelernt, ich hatte mit den Lieferanten verhandelt, ich hatte einen jungen Mechaniker eingestellt, der mittlerweile besser schraubte als mancher, der zehn Jahre dabei war. Jürgen saß in diesen Wochen oft nur im Büro, sortierte Rechnungen mit der linken Hand, und war dankbar, dass überhaupt jemand da war. Aber Karin sah das nicht. Karin sah nur: der Bruder ist geschwächt, jetzt ist der Moment.
Im September, an einem Dienstag, kam Bernd allein in die Werkstatt, mit einer Mappe unter dem Arm. Er wollte, sagte er, „nur mal mit Jürgen unter vier Augen sprechen, rein geschäftlich". Ich stand im Nebenraum, die Tür angelehnt, und hörte, wie er von einer „vorausschauenden Übertragung" sprach, von einem Notar in Herne, den er schon kontaktiert habe, von einer Regelung, bei der die Werkstatt „im Familienstamm" bleibe, sollte Jürgen „erneut ausfallen". Im Klartext: mein Mann sollte seinen hälftigen Anteil zu Lebzeiten auf seine Schwester überschreiben, mit einer angeblich symbolischen Gegenleistung, die auf dem Papier stand wie ein schlechter Witz — zwölftausend Euro für einen Betrieb, der im Jahr über zweihunderttausend Umsatz machte.
Jürgen, müde, mit dem noch immer schweren rechten Arm, sagte nur: „Lass mich das mit Renate besprechen."
„Objektiv betrachtet braucht ihr da nicht lange zu besprechen", sagte Bernd. „Ich hab schon einen Termin für nächsten Mittwoch gemacht."
Ich trat aus dem Nebenraum. Bernd zuckte kaum, er hatte wohl gewusst, dass ich zuhörte.
„Sagen Sie dem Notar in Herne ab", sagte ich. „Wir kommen nicht."
„Das ist eine Familienangelegenheit", sagte er.
„Ich bin seit einundzwanzig Jahren Familie", sagte ich. „Und ich bin die, die diese Werkstatt seit April jeden Morgen um sechs aufschließt, während Jürgen bei der Physiotherapie war. Fragen Sie ruhig den Ersatzteilhändler in der Bochumer Straße, der weiß, wer hier die Bestellungen macht."
Es blieb still zwischen uns, keine dramatische Stille, eher die Art, wie es still wird, wenn eine Kaffeemaschine plötzlich aufhört zu brummen. Bernd packte seine Mappe wieder ein und ging, ohne sich zu verabschieden.
Was Karin und Bernd nicht wussten: Zwei Wochen vor diesem Gespräch war ich bei unserem Notar gewesen, nicht dem in Herne, sondern unserem eigenen in Recklinghausen, mit dem wir schon den Gesellschaftsvertrag der Werkstatt gemacht hatten, damals, als wir sie gegründet haben. Jürgen hatte, noch vor seinem Schlaganfall, im Gesellschaftsvertrag eine Klausel eintragen lassen: Bei Geschäftsunfähigkeit eines Gesellschafters erhält der andere automatisch eine Vollmacht über den gesamten Betrieb, ohne dass Dritte, auch keine Verwandten, mitentscheiden können. Wir hatten das damals aus Vorsicht gemacht, wegen eines befreundeten Ehepaars, das genau wegen einer solchen Lücke eine Tischlerei verloren hatte. Diese Vollmacht lag längst unterschrieben in unserem Aktenordner, gelber Rücken, dritte Reihe im Regal neben der Kaffeemaschine.
Am Mittwoch, dem Tag, an dem Bernd den Notartermin in Herne gebucht hatte, saß ich stattdessen mit Jürgen und unserem eigenen Notar zusammen — nicht um irgendetwas zu übertragen, sondern um die bestehende Vollmacht offiziell ins Handelsregister eintragen zu lassen und um klarzustellen, dass jede zukünftige Anfrage bezüglich einer Anteilsübertragung ausschließlich über mich als Mitgeschäftsführerin laufe. Der Notar bestätigte es schriftlich, mit Stempel, zwei Kopien, eine für uns, eine fürs Finanzamt.
Karin rief am Abend an. Ich nahm ab, Jürgen saß neben mir am Küchentisch, Suppe kochend nebenher, der Geruch von Lauch in der Luft.
„Was soll das heißen, ihr habt was ins Handelsregister eintragen lassen?", fragte sie, die Stimme schon einen halben Ton höher als sonst.
„Es heißt, dass die Werkstatt Jürgen und mir gehört. Beiden. Und dass es so bleibt", sagte ich. „Wenn ihr Interesse an einem Anteil habt, könnt ihr ihn zum Marktwert kaufen. Der liegt, laut unserem Steuerberater — nicht Bernd — bei etwa hundertzehntausend Euro für die Hälfte. Zwölftausend war kein Angebot, das war eine Beleidigung."
Am anderen Ende blieb es lange still. Dann sagte sie: „Jürgen, sag doch auch mal was."
Jürgen legte den Löffel weg. Seine rechte Hand zitterte leicht, aber seine Stimme nicht. „Ich hab in vier Monaten mehr von Renate gelernt als in einundzwanzig Jahren Ehe vorher", sagte er. „Die Werkstatt bleibt, wie sie ist."
Karin legte auf. Sie kam seitdem noch zu Weihnachten, zu Geburtstagen, höflich, distanziert, den Kuchen nicht mehr im Garten, sondern drinnen, am Wohnzimmertisch. Bernd erwähnt die Werkstatt nicht mehr.
Ich sitze manchmal abends im Büro, wenn die letzte Hebebühne runtergefahren ist und der junge Mechaniker längst nach Hause ist, und rechne die Wochenzahlen durch. Auf dem Regal, gelber Rücken, dritte Reihe, steht der Ordner mit der Vollmacht. Ich muss ihn nicht mehr aufschlagen. Ich weiß, was drinsteht.
