Ingrid Brenner, vierundfünfzig, Reisebüroleiterin aus Freiburg, klappte den Laptop erst zu, als ihre Tochter Meike schon zum dritten Mal am Küchentisch "Mama, hörst du mir überhaupt zu?" gesagt hatte. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Runzmattenweg vorbei, das Fenster war einen Spalt offen, und es roch nach dem Döner-Imbiss zwei Häuser weiter. Auf dem Tisch lag ein Umschlag von der Hausverwaltung, ungeöffnet, seit zwei Wochen.
"Ich höre zu", sagte Ingrid. "Du willst nach Lissabon ziehen. Mit Jonas."
"Für ein halbes Jahr. Vielleicht länger."
Ingrid hatte selbst dreißig Jahre lang Reisen verkauft, ohne selbst weiter als bis Rimini zu kommen — Kunden nach Kappadokien geschickt, nach Chiang Mai, nach Feuerland, und jeden Abend war sie zurückgefahren in dieselbe Dreizimmerwohnung im Stühlinger, wo ihre Schwiegermutter Renate seit dem Tod ihres Mannes im Gästezimmer wohnte. Renate, die beim Frühstück den Toast mit Messer und Gabel aß, weil "man das so macht", und die einmal, als Meikes marokkanische Freundin zu Besuch kam und mit den Fingern aß, das Gesicht verzogen hatte, als hätte jemand am Tisch geflucht.
"Und was ist mit der Wohnung hier", fragte Ingrid. "Wer bezahlt die Kaution, wenn du kündigst?"
"Das ist doch das, worüber ich reden wollte."
Renate kam genau in diesem Moment aus dem Flur, in der Hand die Fernbedienung, die sie grundsätzlich mit sich herumtrug, seit einmal jemand den Kanal gewechselt hatte, ohne sie zu fragen. "Nach Portugal", sagte sie, ohne dass jemand sie gefragt hätte. "Mit einem Mann, den du seit acht Monaten kennst."
"Zehn", sagte Meike.
"Acht, zehn — in meiner Generation hat man erst geheiratet, dann ist man losgefahren."
Ingrid stand auf, um Kaffee nachzuschenken, nur damit ihre Hände etwas zu tun hatten. Sie kannte dieses Gespräch. Sie hatte es zwanzig Jahre lang selbst geführt, mit sich, in der Küche, während Renate im Nebenzimmer saß und über jede Entscheidung urteilte, die nicht so aussah wie ihre eigene: der Job im Reisebüro statt einer "richtigen" Festanstellung im öffentlichen Dienst, die Scheidung von Meikes Vater, sogar die Art, wie Ingrid ihren Kaffee trank, schwarz, ohne Zucker, "das macht doch den Magen kaputt".
Was Renate nicht wusste: Ingrid hatte in den letzten Jahren selbst angefangen zu reisen. Nicht weit, nicht oft — ein verlängertes Wochenende nach Porto, eine Woche Sizilien im Herbst, mit einer Gruppe von Frauen aus einem Onlineforum, die sie nie im echten Leben getroffen hatte, bevor sie gemeinsam am Gate saßen. In Marrakesch hatte sie mit den Händen gegessen, weil die Gastfamilie es so tat, und niemand hatte sie komisch angeschaut. In einem Dorf in Kalabrien hatte sie am Esstisch geschwiegen, eine ganze Stunde, weil Reden dort als respektlos galt, solange noch gegessen wurde, und sie hatte gemerkt, wie befreiend es war, einfach nichts sagen zu müssen. Sie hatte inzwischen ungefähr zwanzig verschiedene Versionen davon gesehen, was "richtig" bedeutet, und keine einzige davon war die von Renate.
"Ich zahle die Kaution", sagte Ingrid.
Meike sah auf. "Was?"
"Für Lissabon. Ich habe was zurückgelegt." Neunhundertzwanzig Euro, um genau zu sein, aus drei Jahren, in denen sie das Geld für den Skiurlaub nicht ausgegeben hatte, den sie ohnehin nie mit Renate hätte machen wollen.
Renate stellte die Fernbedienung auf den Tisch, mit einem Geräusch, das lauter war als nötig. "Du unterstützt das also."
"Ich unterstütze meine Tochter."
"Und wenn es schiefgeht? Wenn dieser Jonas —"
"Dann kommt sie zurück, und ich hole sie vom Flughafen ab. Wie ich es immer getan hätte." Ingrid sagte es ruhig, ohne die Stimme zu heben, aber etwas in ihrem Ton ließ Renate für einen Moment verstummen.
Drei Wochen später saß Ingrid abends allein in der Küche, die Kündigung der eigenen Wohnung im Stühlinger schon unterschrieben, ein zweiter Umschlag daneben, adressiert an die Hausverwaltung: sie hatte eine kleinere Wohnung in der Wiehre gefunden, eineinhalb Zimmer, allein für sich, achtunddreißig Quadratmeter, für die sie selbst haftete, mit niemandem, der ihr beim Frühstück zusah. Renate hatte, als sie es erfuhr, tagelang nicht mit ihr gesprochen. Dann war sie zu ihrer eigenen Schwester nach Titisee gezogen, mit zwei Koffern und einer Standuhr, die eigentlich Ingrid gehört hatte.
Meike rief aus Lissabon an, samstags, wenn die Zeitverschiebung es zuließ. Sie erzählte von einer Nachbarin, die ihnen Sardinen direkt vom Grill brachte, ohne dass jemand sie darum gebeten hatte, einfach weil man das dort so macht. Ingrid hörte zu, mit einem Glas Roten vom Kaiserstuhl in der Hand, und stellte fest, dass sie zum ersten Mal seit zwanzig Jahren beim Zuhören nicht gleichzeitig auf eine Tür horchte, die sich öffnen könnte.
Im Frühjahr darauf, als Renate zu einer Beerdigung zurück nach Freiburg kam, stand sie kurz vor der neuen Wohnungstür in der Wiehre, klingelte nicht, blieb einfach stehen und las den Namen auf dem Klingelschild: Ingrid Brenner, allein. Dann ging sie weiter zur Straßenbahnhaltestelle. Ingrid erfuhr das erst Monate später, von einer Nachbarin, die Renate zufällig dort gesehen hatte — und wusste seitdem, dass es nicht die Wohnung war, die ihre Schwiegermutter verloren hatte, sondern die Gewissheit, dass Ingrid ohne sie zurechtkam.
