Ich bin die Postbotin für die Wehdestraße, und ich kenne die Einfahrt von Nummer sieben besser als manche Nachbarn. Zweimal die Woche liegt dort ein Brief für Ingrid Bahlmann, meistens von der Krankenkasse, manchmal eine Ansichtskarte. Ich klingle selten, weil sie fast immer schon an der Gardine steht, wenn mein Fahrrad auf den Kies einbiegt. Der Kies knirscht so laut, dass man ihn drinnen hört, das hat sie mir mal erzählt, während sie mir ein Glas Wasser reichte, weil es im Juli über dreißig Grad hatte.
Ingrid ist zweiundsiebzig, ihr Mann Werner ein Jahr älter. Er hat früher bei der Stadtwerke Bad Segeberg als Elektriker gearbeitet, das weiß ich, weil er es mir beim zweiten oder dritten Mal erzählt hat, als ich ein Einschreiben brachte und er es unterschreiben musste. Die beiden leben allein in einem Reihenhaus mit einem viel zu großen Garten für zwei Leute, die kaum noch bücken können. Die Tochter, Sabine, wohnt mit ihrer Familie in Lübeck, knapp vierzig Kilometer, aber mit der Arbeit und den Kindern ist das für sie wie eine andere Zeitzone.
Ich habe mitbekommen, wie sich das Haus verändert, wenn Sabines VW Touran auf den Hof fährt. Das war nicht oft — vielleicht jeden zweiten Monat, manchmal seltener, wenn die Enkelin Erkältung hatte oder der Junge Fußballturnier. Aber wenn es passierte, sah ich es schon von der Straße: Werner stand am Gartentor, noch bevor die Autotür richtig aufging, mit der Gießkanne in der Hand, als hätte er extra draußen gewartet und die Blumen als Vorwand genommen.
Die Kinder, Mia und Finn, sprangen raus und schrien "Opa!", und dann war es, als hätte jemand im Haus das Licht angemacht. Ich habe das einmal direkt gesehen, weil ich zufällig ein Paket brachte, zu groß für den Briefkasten. Ingrid stand schon in der Tür, die Schürze noch um, Mehl an den Händen, weil sie Waffeln gebacken hatte, für den Fall. Sie wischte sich die Hände nicht mal ab, bevor sie die Kleine hochhob.
Ich musste damals ohnehin fünf Minuten auf eine Unterschrift warten, weil Werner erst mit dem Jungen zum Gartenschlauch musste, um irgendwas zu reparieren, das eigentlich gar nicht kaputt war. Ich stand da mit meinem Paket und hab zugeschaut, wie der Küchentisch sich in Windeseile füllte: Waffeln, Apfelsaft aus der Flasche mit dem Sonnenblumenetikett, Kastanien vom letzten Herbst, die Finn unbedingt zeigen wollte. Im Wohnzimmer lief noch der WDR-Wetterbericht, keiner schaltete ihn aus, er lief einfach weiter, während drumherum das Chaos passierte.
Was ich nicht wusste, weil es nicht meine Sache war: dass es seit dem Frühjahr Streit gab zwischen Sabine und ihrer Mutter. Ingrid hat es mir erst im August erzählt, an der Tür, als sie mir half, ein sperriges Päckchen zu tragen, und dann irgendwie nicht mehr aufhören konnte zu reden. Sabine wollte, dass die Eltern das Haus verkaufen und näher zu ihr nach Lübeck ziehen, in eine kleinere Wohnung, betreutes Wohnen vielleicht. Werner hatte sich geweigert. Sein Garten, seine Werkstatt im Keller, vierundvierzig Jahre in diesem Haus. Sabine hatte gedroht, seltener zu kommen, wenn die Eltern "stur bleiben" — ihre Worte, die Ingrid mir zitierte, mit einer Stimme, die dabei ganz flach klang.
Und dann kam wirklich zwei Monate lang niemand.
Ich habe es gemerkt, weil die Gardine sich nicht mehr bewegte, wenn ich kam. Ingrid nahm die Post noch entgegen, aber ohne das kurze Gespräch danach, das sonst immer dazugehörte. Einmal sah ich Werner allein im Garten stehen, mit der Harke in der Hand, ohne dass er harkte. Er stand einfach nur da, zwischen den Beeten, die er im Frühjahr für die Enkelkinder mit Erdbeeren bepflanzt hatte.
Anfang September — vor ein paar Tagen erst — kam der Touran wieder. Ich war zufällig mit dem Rad in der Straße, weil bei den Nachbarn ein Paket zurückgeblieben war, das ich noch mal vorbeibringen sollte. Sabine stieg aus, allein, ohne die Kinder. Sie stand eine Weile vor der Tür, bevor sie klingelte, obwohl ihre Mutter sicher längst am Fenster stand.
Ich habe die Tür nicht offen gesehen, weil ich schon weiterfuhr, aber am nächsten Tag lag wieder ein Brief für Ingrid im Kasten, und als ich klingelte, kam Werner mit einer Mappe unter dem Arm zur Tür — Verträge, sah aus wie vom Notar, mit dem Logo einer Kanzlei aus der Innenstadt oben auf dem Deckblatt. Er erzählte mir, ohne dass ich fragte, dass sie das Haus doch nicht verkaufen, aber dass sie eine Vollmacht für Sabine hatten aufsetzen lassen — nur für den Notfall, sagte er, für Bankgeschäfte und Ärzte, falls einer von beiden mal nicht mehr klar entscheiden könne. Keine Übertragung des Hauses, keine Bedingungen mehr an die Besuche. Eine Sache, die beide unterschrieben hatten, mit klarem Kopf, ohne Druck.
Am Sonntag darauf stand der Touran wieder auf dem Kies, diesmal mit den Kindern. Ich kam nicht vorbei an dem Tag, ich hatte frei, aber ich fuhr abends mit dem Auto durch die Wehdestraße, weil meine Schwester in der Nähe wohnt, und sah durch das Wohnzimmerfenster Licht und Bewegung, Schatten, die hin und her liefen, viel zu viele für ein Haus mit nur zwei alten Leuten.
Am Montag lag Post im Kasten, Werbung nur, aber Ingrid öffnete mir trotzdem die Tür, mit Waffelduft im Flur, obwohl es ein Werktag war und eigentlich kein Grund für Waffeln. Auf dem Küchentisch, den ich durch die offene Tür sehen konnte, lagen noch zwei Kastanien und ein Wachsmalstift ohne Kappe. Sie hatte die nicht weggeräumt. Ich glaube, sie wollte es gar nicht.
