— Du willst wirklich gehen? — Rainers Stimme troff vor Hohn. — Komm mal wieder runter auf den Boden, Sabine. Du wirst schon angekrochen kommen.
Sabine drückte das Handy zwischen Schulter und Ohr, während sie mit der freien Hand die Kapuze zurechtrückte, die ihr der Wind vom Kopf zog. In der einen Hand die schwere Tasche vom Netto, in der anderen die kleine Hand von Finn. Der Junge, seinen Plüsch-Dino unter dem Arm, stolperte neben ihr her.
— An der Kasse war Stau, Rainer. Ich konnte nicht früher.
— Immer dasselbe Lied. Soll ich mir wieder was zu essen machen, oder was?
Die Leitung war tot. Sabine rief nicht zurück. Sie steckte das Handy in die Jackentasche und ging schneller. Finn trat in eine Pfütze am Bordstein von der Frankenstraße in Nürnberg, wo sie seit vier Jahren zur Untermiete wohnten — bei Rainers Cousine, in einem Zweizimmerapartment über einer Dönerbude, aus der abends immer der Geruch von gegrilltem Fleisch die Treppe hochzog.
— Vorsicht, Mäuschen. Gleich sind wir im Bus.
Am Fenster döste Finn fast sofort ein, den Kopf an ihrer Seite. Sabine schob ihm die Kapuze zurecht, holte den Dino aus der Tüte und drückte ihn ihm in den Arm. Sie starrte auf die Lichter der Stadt, hörte nicht, wie das Handy in ihrer Tasche noch zweimal kurz vibrierte.
In der Wohnung roch es nach Rotkohl aus fremder Küche und nach kaltem Zigarettenrauch, der durch die dünne Wand von der Cousine herüberzog. Rainer saß vorm Fernseher, eine Dose Bier in der Hand, die Füße auf dem Couchtisch.
— Na, die Chefin ist da! — Er stemmte sich hoch, kam auf sie zu, den Blick schon gerötet. — Das soll Abendessen sein? Der Rest von gestern? Ich, ein erwachsener Mann, soll das fressen? Hast du überhaupt noch Selbstachtung?
Sabine antwortete nicht. Sie deckte den Topf zu, packte Brot, Gabeln, zwei Teller in eine Tüte und ging ins Kinderzimmer. Dort, zwischen Decken und Bauklötzen, baute Finn eine Tankstelle aus Lego.
— Guck mal, Mama, hier ist die Waschanlage. Echt jetzt.
Sabine lächelte, half beim letzten Baustein.
Der Morgen begann mit dem Geruch von angebrannter Milch. Rainer kam in die Küche, kratzte sich am Bauch unter dem T-Shirt.
— Schon wieder dieser Haferbrei. Kaufst du eigentlich mal was Ordentliches ein? Kein Brot, keine Wurst, nichts.
— Hast du eingekauft? — Sabine rührte weiter. — Und du liegst seit drei Wochen auf der Couch und wartest, dass man dir was hinstellt.
— Willst du mir jetzt Vorschriften machen?
Sie legte den Löffel weg, wusch sich die Hände, zog Finn an — Mütze, Schal, Jacke — und ging mit ihm zum Späti an der Ecke. Ein Brötchen, ein Kaffee, ein Joghurt für Finn. Der Junge löffelte zufrieden auf der Bank.
In der Kita klammerte sich Finn kurz an ihr Bein. — Nimm mich mit.
— Bin bald wieder da, Schatz. Ganz bald. — Sie küsste ihn auf die warme Wange. — Und heute Abend gucken wir Dinosaurier, versprochen.
Im Supermarkt roch es nach nassem Karton und Reinigungsmittel. Die Filialleiterin, Frau Wenzel, kurze graue Haare, musterte sie ohne Umschweife.
— Am Samstag brauche ich Sie an der Kasse zwei, Frau Ott ist im Krankenhaus. Geht das?
— Geht klar, — nickte Sabine. Widerspruch kostete Kraft, die sie nicht hatte.
Freitagabend, kurz nach sieben, brachte Rainer zwei Kumpels mit, Dosenbier klimperte im Flur. Finn verkroch sich sofort unters Bett, den Dino fest umklammert. Aus dem Wohnzimmer Gelächter, Flüche, das Zischen einer aufgerissenen Dose.
— Sei nicht so eine Spielverderberin, — Rainer beugte sich zu ihr, der Atem nach Bier. Einer der Kumpel drehte sich um, grinste anzüglich. Sabine ging ohne ein Wort ins Treppenhaus, lehnte sich an die kalte Wand. Durch die Tür hörte sie leise: — Mama…
Sie ging zurück, nahm Finn in den Arm. Der Junge zitterte.
Am Sonntag waren sie bei Tante Ilse in Fürth, dritter Stock ohne Aufzug, es roch nach Kamillentee und Mottenkugeln, auf der Fensterbank döste der alte Kater. Sabine wischte den Boden, sortierte Medikamente, Finn rollte ein Wollknäuel über den Teppich.
— Lebst du immer noch mit dem? — fragte die Tante über den Brillenrand.
Sabine sah aus dem Fenster. Draußen fiel dünner Schnee, ein Fliederzweig schaukelte im Wind.
— Wohin denn sonst? — Sie biss sich auf die Lippe, damit die Tante die feuchten Augen nicht sah.
— Hier, nimm das. — Die Tante reichte ihr einen Karton. — Ein Tablet. Nicht mehr ganz neu, funktioniert aber noch. Nur das Ladekabel ist kaputt. Ich brauch's nicht mehr, du vielleicht schon.
Am nächsten Tag kaufte Sabine ein Ladekabel am Hauptbahnhof. Abends, während Finn Dinosaurier ausmalte, scrollte sie durch YouTube. Ein Schminktutorial. Eine Frau erklärte, wie man Rouge aufträgt. Sabine schaute gebannt zu, dann noch eins, dann noch eins. Sie dachte an die Klassenfeier früher, wie sie den Mädchen die Wimpern getuscht hatte.
Im Markt gab es eine neue Kollegin, Petra, Ende vierzig, herzliche Augen, immer gesprächig.
— Du bist hübsch, Sabine. Du solltest nicht hier stehen, sondern in einem Studio arbeiten. Du hast ruhige Hände.
Sabine lachte nur. — Ach, was, ein Studio.
— Sag niemals nie, Mädchen. Alles fängt klein an. Und irgendwann bist du Meisterin.
Abends suchte Sabine im Handy, fand einen kostenlosen Online-Kurs für Visagistik. Fernunterricht, man musste nur Arbeitsproben schicken. Sie holte ihr altes Schminketui hervor — Mascara, Kajal, Puder — und übte an sich selbst. Ungleichmäßig, aber ihr Gesicht sah plötzlich anders aus.
Sie klopfte bei der Nachbarin. Die war überrascht, sagte aber zu. — Erschreck bloß nicht deinen Mann damit, — scherzte sie.
Finn reichte Wattepads. — Mama, du bist eine Zauberin!
Sabine fotografierte das Ergebnis, schickte es ab. Am nächsten Abend brüllte Rainer in der Küche:
— Du, Visagistin? Influencerin, oder was? Deine Hände sind doch krumm!
Sabine packte schweigend die Pinsel in eine Box. Finn stand in der Tür. Sie ging zu ihm, kniete sich hin. — Geh ins Zimmer, Sonnenschein. — Sie schloss die Tür, zog Finn an sich, ließ ihn ein Hörspiel hören, setzte sich an den Laptop.
Die Antwort der Online-Schule war da: „Arbeiten erhalten, Sie sind angenommen. Montag geht's los.“ Der Bildschirm flackerte im Halbdunkel, Finn schlief längst auf dem schmalen Sofa, den Dino im Arm. Sabine klappte den Laptop zu, atmete langsam aus. Der Körper schmerzte vor Erschöpfung, aber in der Brust wärmte zum ersten Mal seit Langem etwas, das nach Hoffnung aussah.
Am nächsten Morgen holte sie einen Umschlag aus dem Schrank — vier Fünfzig-Euro-Scheine, ordentlich gefaltet. Der erste Auftrag: Make-up für Petras Freundin. Sabine klemmte die Lampe an den Vorhang, legte ein frisches Handtuch auf den Stuhl, ordnete die Pinsel. Finn saß am Tischrand, baumelte mit den Beinen, hielt eine Packung Wattepads.
— Mama, darf ich Assistent sein?
— Klar, mein Helfer. — Sie küsste ihn auf die Stirn.
Die Kundin kam etwas früher, rothaarig, unsicher. — Ist das hier wirklich okay? Ich dachte, du hättest ein Studio.
— Noch nicht. Aber alles sauber, alles hygienisch. Setz dich.
Die Hände zitterten leicht, doch als Sabine mit dem Foundation begann, wurde alles ruhig um sie herum. Finn reichte ernst die Schwämmchen, als wäre er im OP. Die Kundin lächelte am Ende: — Du hast ruhige Hände. Danke dir.
Sie ließ mehr Geld da, als vereinbart. Sabine legte es in den Umschlag. Abends zählte sie nach — fast die Hälfte der Kaution für ein Zimmer war zusammen.
Zwei Tage später der nächste Termin, wieder über Petra. Sabine stand um sechs auf, brachte Finn in die Kita, kaufte Wattestäbchen und Mizellenwasser, bat um eine Stunde Aufschub bei der Arbeit — Frau Wenzel sah sie schräg an, sagte aber nichts. Die Kundin kam mit einer großen Tasche, wollte sofort Kaffee.
— Man hat mir gesagt, du zauberst. Die Nichte heiratet, ich muss vorzeigbar sein.
Sabine nickte, innerlich angespannt, nach außen ruhig lächelnd. Die Hände bewegten sich sicher.
— Bist du wirklich noch nicht im Studio?
— Noch nicht. Aber ich will hin.
Finn kam mit seinem Malbuch, reichte ein Wattepad. — Hier, Mama, brauchst du das?
Die Kundin lachte. — So ein Assistent ist Gold wert.
Abends saß Sabine mit einem Notizheft und rechnete. Die Summe stimmte fast. Sie öffnete den Laptop, fand eine Anzeige: „Zimmer für Kosmetikerin zu vermieten. Eigener Eingang. Nur nach Terminvereinbarung.“ Sie rief an. Eine ältere Frau meldete sich, misstrauisch.
— Und Sie schleppen mir keine Laufkundschaft rein?
— Nur nach Termin. Alles leise, alles ordentlich, — versicherte Sabine.
Abends, nach der Kita, fuhren sie hin. Ein Zimmer in einem Plattenbau nicht weit von zu Hause, hohe Decke, Fenster zum Hof. Die Alte kniff die Augen zusammen. — Miete im Voraus. Bei Ärger fliegen Sie sofort raus.
— Verstanden. Ich bin ordentlich.
Noch am selben Abend hängte Sabine ein Schild an die Tür: „Visagistin — Sabine Ott.“ Finn holte zwei Reißnägel aus dem Rucksack und drückte sie feierlich in die Pappe.
— Ich hab geholfen. Das ist unser Schild. Cool, oder?
Sabine lachte, das Herz klopfte. Zum ersten Mal blickte sie nicht mit Angst in die Zukunft, sondern mit Neugier.
Auf dem Heimweg schwiegen sie. Finn hielt ihre Hand, erzählte vom Dinosaurier, den er im Kindergarten aus Knete geformt hatte. Vor der Haustür hörte Sabine eine Stimme — bekannt, betrunken, gereizt.
— Na, die Prinzessin. Businessfrau jetzt, was?
Rainer trat aus dem Dunkel, die Jacke offen, die Augen glasig vor Wut.
— Komm mal runter auf den Boden. Wer bist du überhaupt ohne mich?
Sabine richtete sich auf. Kein Zittern mehr, nur Klarheit.
— Ich bin nicht dein Schatten. Ich bin es leid, angeschrien zu werden, den Biergestank zu ertragen, dass du eine Fußabtreterin aus mir gemacht hast. Es reicht.
Finn drückte sich an ihr Bein. Rainer schnaubte. — Ernsthaft? Du gehst? Viel Glück. Du kommst eh angekrochen.
— Nein, — sagte Sabine ruhig. — Diesmal nicht.
Sie ging an ihm vorbei, öffnete die Haustür, zog Finn mit hinein. Die Cousine, bei der sie zur Untermiete wohnten, stand im Flur, hatte offenbar alles gehört, sagte nichts, wich nur zur Seite.
In den nächsten drei Wochen zog Sabine mit Finn in das Zimmer im Plattenbau — vorerst wohnten sie dort, schliefen auf einer Klappcouch neben dem Schminktisch, bis das Geld für eine eigene Wohnung reichte. Sie kündigte die Untermiete offiziell bei der Cousine, per Einschreiben, mit Frist zum Monatsende. Beim Jugendamt in Nürnberg-Süd meldete sie sich für eine alleinerziehende Beratung, ließ sich den Unterhaltsanspruch für Finn schriftlich bestätigen und schickte Rainer die Aufforderung per Post — vierhundertzwanzig Euro im Monat, das Amtsgericht setzte die Zahlung binnen sechs Wochen fest.
Rainer rief in dieser Zeit sechsmal an. Beim letzten Mal, an einem Dienstagabend, stand er unten vor dem Plattenbau und klingelte an der falschen Klingel, dann an der richtigen. Sabine ging nicht runter. Sie öffnete das Fenster im dritten Stock, sah ihn auf dem Hof stehen, die Hände in den Taschen, und sagte nur: — Das Geld geht ans Amtsgericht, Rainer. Nicht an mich. — Dann schloss sie das Fenster.
Zwei Jahre später hatte Sabine ein eigenes kleines Studio in der Fürther Straße, mit Schild, Klingel und Wartebank, und Petra half ihr samstags an der Rezeption. Finn ging in die zweite Klasse und hatte den Plüsch-Dino noch immer auf dem Bett stehen, auch wenn er inzwischen behauptete, dafür zu alt zu sein. Von Rainer erfuhr sie erst durch Zufall, über die Cousine, dass er die Wohnung über der Dönerbude verloren hatte, weil er die Miete drei Monate nicht zahlte — dieselbe Wohnung, in der er ihr einst vorgeworfen hatte, sie könne nichts allein.
