Fünfzehn Jahre Currywurst für einen Mann, der nicht mal fragte, wie ich heiße

Ingrid Wachtel stand seit sechs Uhr morgens hinter dem Tresen ihres Imbisswagens am Wittenbergplatz und wusste noch nicht, dass dieser Dienstag, der 2. September, der Tag sein würde, an dem sie aufhörte, Rechnungen für Menschen zu bezahlen, die sie nie darum gebeten hatten.

Der Wagen gehörte ihr seit einundzwanzig Jahren. Rostiger Lack, ein Sonnenschirm mit Coca-Cola-Werbung von irgendeiner Aktion aus den Neunzigern, und diese eine lockere Fliese vor der Klappe, über die jeder Stammkunde irgendwann stolperte. Der Geruch von Fett und Kümmel hing morgens noch in der Luft von gestern, bevor die erste frische Wurst überhaupt auf den Grill kam. Nebenan bellte der Dackel vom Zeitungskiosk-Besitzer, jeden Morgen um Punkt sieben, als hätte er eine Uhr verschluckt.

Zweiundfünfzig Jahre war Ingrid alt, geschieden seit einer Ewigkeit, und den Imbisswagen hatte sie sich nach der Trennung selbst aufgebaut, Cent für Cent, aus dem, was von der gemeinsamen Wohnung übrig geblieben war. Ihr Sohn Malte, achtundzwanzig, arbeitete als Fahrradkurier und kam nie vorbei, es sei denn, er brauchte Geld. Und dann war da Rüdiger.

Rüdiger Fenske, vierundsechzig, saß seit sechs Jahren praktisch jeden Werktag um Punkt zwölf Uhr dreißig auf dem einzigen Klapphocker vor Ingrids Wagen. Bratwurst mit Brötchen, extra Senf, ein Radler dazu, das war seine Bestellung, wortwörtlich immer dieselbe, bis Ingrid sie irgendwann gar nicht mehr laut aussprechen musste. Er war Frührentner, ehemaliger Sachbearbeiter beim Bezirksamt, wohnte zwei Straßen weiter in einer Zweizimmerwohnung, die, wie er einmal beiläufig erwähnte, seiner verstorbenen Mutter gehört hatte.

In den ersten Jahren hatte Ingrid ihm die Wurst einfach verkauft. Dann, irgendwann im dritten Jahr, fing es an: Er hatte sein Portemonnaie vergessen, könne er morgen zahlen. Sie sagte ja. Er zahlte morgen nicht, aber übermorgen, und irgendwann verschwamm das ganze Ritual zu einer Art stillem Vertrag, den nie jemand unterschrieben hatte. Ingrid rechnete es sich selbst schön: Er ist doch mein treuester Kunde. Er redet mit mir. Er fragt, wie es mir geht.

Nur hatte er das eben nie wirklich getan.

„Und, alles klar bei dir?", fragte er manchmal, während er schon in die Wurst biss, und wartete die Antwort gar nicht ab. Ingrid erzählte trotzdem — von Malte, von der kaputten Fritteuse, von der Steuerprüfung, die ihr Angst machte. Rüdiger nickte an den richtigen Stellen, so wie man bei einem Podcast nickt, den man im Hintergrund laufen lässt.

An diesem Dienstag im September, kurz vor der Currywurst-Zeit, kam Rüdiger wie immer. Er setzte sich, wartete, sagte nichts zur Bestellung, weil er wusste, dass sie schon lief. Ingrid drehte sich mit der Zange in der Hand um und sagte etwas, das sie sich seit dem Wochenende zurechtgelegt hatte.

„Rüdiger, das hier ist die letzte, die du bei mir umsonst isst."

Er lachte kurz, so ein Schnauben durch die Nase. „Komm, Ingrid, jetzt mach mal keinen Aufstand."

„Ich mach keinen Aufstand. Ich sag dir eine Zahl." Sie legte die Zange ab, wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Achthundertsiebzig Euro. So viel stehen bei mir in dem kleinen Buch unter deinem Namen. Seit drei Jahren."

„Ich hab dir doch schon gesagt, sobald meine Rente—"

„Deine Rente kommt jeden ersten des Monats, Rüdiger. Pünktlich wie die Kirchenglocke von St. Matthäus." Sie zeigte mit dem Kinn zur Kirche, die man von hier aus gerade noch sehen konnte. „Ich hab in die Kontoauszüge geschaut, die du mir letztes Jahr gezeigt hast, als du meintest, ich soll dir noch mal zweihundert leihen für die Zahnarztrechnung. Weißt du noch die?"

Er wusste noch. Man sah es an der Art, wie seine Hand auf einmal am Rand des Hockers festhielt.

„Das war eine besondere Situation."

„Jede Situation bei dir ist besonder, Rüdiger. Sechs Jahre lang." Ingrid holte tief Luft, aber nicht theatralisch, eher so, wie man Luft holt, bevor man einen schweren Karton hochhebt. „Ich hab letzte Woche mit meiner Steuerberaterin gesessen. Weißt du, was sie mir gesagt hat? Dass ich mit dem, was ich dir in sechs Jahren geschenkt habe, meine Fritteuse hätte erneuern können. Zweimal."

Ein paar Meter weiter blieb eine Frau mit Kinderwagen stehen, tat so, als würde sie ihr Handy checken, hörte aber jedes Wort mit.

„Ich bin dein bester Kunde", sagte Rüdiger, und in seiner Stimme lag jetzt echte Empörung, so als hätte sie etwas Ungeheuerliches behauptet. „Ich sitz hier seit sechs Jahren jeden Tag."

„Und in sechs Jahren hast du mich kein einziges Mal gefragt, wie ich mit fünfzig geworden bin, wo mein Sohn wohnt, ob mein Rücken noch wehtut vom Bücken über die Fritteuse." Ingrid nahm das kleine schwarze Notizbuch aus der Schürzentasche, das genauso fettig und abgegriffen war wie alles andere hier. „Du hast mich nie gefragt, wie ich heiße, obwohl mein Name da vorne dranhängt, seit ich diesen Wagen habe." Sie zeigte auf das Schild über der Klappe: INGRIDS IMBISS. „Du hast mich für die gehalten, die immer da ist. Für selbstverständlich."

Rüdiger stand jetzt auf, der Hocker kippte fast um. „Das ist doch — ich hab dir auch geholfen! Wer hat dir im Winter die Reifenketten für den Wagen besorgt, hä?"

„Für zwanzig Euro, die ich dir übrigens auch noch nicht zurückbekommen hab, weil du gesagt hast, das sei ein Geschenk. Ein Geschenk, mit dem du dann sechs Jahre lang bezahlt hast, dass du hier umsonst essen darfst."

Genau in diesem Moment kam Malte um die Ecke. Ingrid hatte ihn nicht erwartet — er war eigentlich nur vorbeigekommen, um sich zwanzig Euro zu leihen, wie üblich, und blieb jetzt mit dem Fahrradhelm unter dem Arm stehen, weil er die Lautstärke schon von der Kreuzung aus gehört hatte.

„Mama, was ist los?"

„Nichts, was dich was angeht, Malte, sondern etwas, das ich seit drei Jahren mit mir rumtrage und heute loswerde." Sie sah ihren Sohn an, kurz, und in diesem Blick lag mehr als in allem, was sie zu Rüdiger gesagt hatte — eine Art stille Warnung an sich selbst, dass sie diesen Fehler nicht auch bei ihm wiederholen würde.

Rüdiger versuchte es noch einmal, leiser jetzt, fast beschwörend. „Ingrid, wir kennen uns seit sechs Jahren. Das ist doch — das zählt doch was."

„Es zählt was", sagte sie. „Deswegen mach ich das auch nicht wütend. Ich mach das ruhig." Sie klappte das Notizbuch auf, riss die letzte Seite mit seinem Namen und den Zahlen heraus, faltete sie einmal, zweimal, und steckte sie in einen Briefumschlag, den sie schon vorbereitet hatte, das war der Teil, den sie sich zu Hause am Küchentisch überlegt hatte, mit einer Tasse kalt gewordenem Kaffee neben sich. Auf den Umschlag hatte sie mit Kugelschreiber geschrieben: Rüdiger F. — 870 €, seit 09/2023.

„Das hier gebe ich morgen zur Schuldnerberatung in der Potsdamer Straße", sagte sie. „Nicht weil ich dich verklagen will — das lohnt sich bei achthundertsiebzig Euro eh nicht, das weiß ich auch. Sondern weil die mir sagen sollen, wie ich das nächste Mal merke, wenn ich wieder anfange, für jemanden mitzubezahlen, der noch nicht mal meinen Namen kennt."

„Ich kenn deinen Namen!"

„Sag ihn."

Stille. Die Frau mit dem Kinderwagen sah jetzt ganz offen zu.

Rüdiger öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Sein Blick wanderte zum Schild über der Klappe, als könnte er dort schummeln.

„Ingrid", sagte er dann, zu bewusst, zu betont, wie ein Schüler, der die Antwort gerade eben abgeschrieben hat.

„Na also." Sie zuckte mit den Schultern, kein Triumph darin, eher Erschöpfung. „Ab heute zahlst du bar, oder du gehst zum Dönerladen an der Ecke. Die haben bestimmt auch einen Klapphocker für dich."

Er ging. Nicht wütend, eher wie jemand, dem gerade der Boden unter einer Gewohnheit weggezogen wurde, die er für ein Naturgesetz gehalten hatte. Malte blieb noch einen Moment, dann fragte er, fast schüchtern: „Und die zwanzig Euro, die ich eigentlich—"

„Die kriegst du, Malte. Aber ab jetzt schreib ich das auch auf." Sie klopfte auf das Notizbuch. „Für jeden. Auch für dich."

Rüdiger kam am nächsten Tag nicht. Auch am übernächsten nicht. Die Nachbarin vom Zeitschriftenkiosk erzählte Ingrid drei Wochen später, dass er jetzt regelmäßig beim Dönerladen sitze, an einem Plastikstuhl, und dass er dort schon zweimal versucht habe, „nur diesmal" anschreiben zu lassen — was der Besitzer, ein Mann namens Kemal, mit einem einzigen Wort quittierte: Nein.

Im Februar, fast ein halbes Jahr später, bekam Ingrid einen Brief von der Schuldnerberatung, den sie eigentlich nur wegen der Steuerunterlagen aufgehoben hatte. Darin stand, nüchtern und in Amtsdeutsch, dass Herr Fenske nach einem Gespräch mit der Beratungsstelle „eine Ratenzahlung in Höhe von 30 € monatlich zur Begleichung der dokumentierten Außenstände" eingerichtet habe. Ingrid las den Satz zweimal, faltete den Brief zusammen, legte ihn zurück in den Ordner mit der Aufschrift „Erledigt", und drehte sich zum Grill um, wo die nächste Currywurst schon brutzelte — bezahlt, im Voraus, von einem Kunden, den sie tatsächlich beim Namen kannte.

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