Kalter Kaffee, warme Brötchen: Die Rechnung, die ich zwanzig Jahre später präsentierte
Ich heiße Brigitte Hollmann, ich bin dreiundvierzig, und ich lebe in Bielefeld, in der Wohnung über der Bäckerei Lehmkuhl in der Herforder Straße, wo es morgens um sechs nach frischen Brötchen riecht und die Straßenbahn Linie 4 alle acht Minuten unter meinem Fenster quietscht. Seit drei Jahren bin ich geschieden. Seit siebzehn Jahren bin ich Mutter von Jonas, der jetzt in Münster Maschinenbau studiert und mich nur noch anruft, wenn die Waschmaschine in seiner WG kaputt ist.
An dem Dienstag im März, als das Telefon klingelte, stand ich mit nassen Händen über der Spüle und wischte mir Kaffeesatz von den Fingern, bevor ich abnahm. Rüdigers Anwalt, ganz beiläufig, als würde er nach dem Wetter fragen: Ob ich bereit wäre, meine Ansprüche auf die zwölftausend Euro Abfindung, die mir laut Scheidungsvergleich noch zustanden, "im Sinne einer einvernehmlichen Lösung" fallen zu lassen. Rüdiger wolle die Werkstatt erweitern und brauche das Geld nicht als Schuld im Buch stehen zu haben. Ich habe aufgelegt, ohne zu antworten, und das nasse Geschirrtuch so fest zusammengedrückt, dass mir das Wasser zwischen den Fingern durchlief.
Danach bin ich ins Bad gegangen, weil ich mir die Hände waschen wollte, und blieb vor dem Spiegel stehen. Die Neonröhre über dem Waschbecken flackerte wie immer. Ich sah die Dehnungsstreifen an den Hüften, die Narbe vom Kaiserschnitt, die grauen Strähnen, die ich seit zwei Jahren nicht mehr färbe, weil ich schlicht keine Lust mehr habe, alle sechs Wochen zwei Stunden im Salon zu sitzen und mir von Frau Kowalski erzählen zu lassen, wie jung ich doch noch aussehe, wenn ich nur ein bisschen abnehmen würde. Ich fuhr mit dem Daumen über die Narbe, dort, wo die Haut eine andere Struktur hat, dünner, glänzender. Zwanzig Jahre hatte ich in der Werkstatt die Buchhaltung gemacht, die Kunden am Telefon beruhigt, wenn die Rechnung höher war als gedacht, samstags die Kaffeemaschine sauber gehalten. Beim Scheidungstermin sagte Rüdigers Anwalt einen Satz, den ich nie vergessen werde: Frau Hollmann habe ja "nur die Papiere gemacht", der eigentliche Wert der Firma liege in der handwerklichen Arbeit ihres Mandanten. Ich saß da in meinem grauen Kostüm, das ich extra für diesen Tag gekauft hatte, und habe nichts gesagt. Ich habe genickt, wie ich zwanzig Jahre lang genickt hatte.
Am nächsten Morgen habe ich einen Termin bei meiner Anwältin, Frau Dr. Aydemir in der Detmolder Straße, gemacht. Ich saß in ihrem Büro, die Akte vor mir auf dem Tisch, ein brauner Ordner mit meinem Namen auf dem Rücken, und ich habe unterschrieben, dass sie die Zwangsvollstreckung der ausstehenden zwölftausend Euro einleitet. Kein Rabatt. Keine "einvernehmliche Lösung". Frau Dr. Aydemir schob mir den Stift über den Tisch, ohne ein Wort dazu zu sagen, und ich unterschrieb dreimal, wo sie mit Bleistift kleine Kreuze markiert hatte.
Zwei Wochen später kam ein Brief vom Amtsgericht Bielefeld, und drei Wochen danach stand Rüdiger vor meiner Wohnungstür in der Herforder Straße, in seiner Arbeitsjacke mit dem Logo der Werkstatt, das ich vor zwanzig Jahren mit ihm zusammen ausgesucht hatte. Er sagte, das sei nicht fair, ich hätte doch ohnehin genug. Ich hielt die Tür nur so weit offen, dass Bruno von nebenan nicht reinschlüpfen konnte, und sagte ihm, dass ich zwanzig Jahre lang die Rechnungen dieser Werkstatt geschrieben habe und jetzt einfach die letzte selbst begleiche. Dann habe ich die Tür geschlossen. Nicht zugeknallt — geschlossen, mit einem einzigen, ruhigen Klick.
Das Geld kam sechs Wochen später auf mein Konto. Ich habe es nicht für mich behalten. Ich habe damit die Anzahlung für einen kleinen Kiosk am Sparrenburgweg geleistet — Zeitungen, Kaffee to go, ein paar Blumen im Eimer vor der Tür. Es ist nicht groß. Aber es trägt meinen Namen auf dem Mietvertrag, ganz allein, in Frau Dr. Aydemirs sauberer Handschrift eingetragen, als sie mir den Vertrag zur Unterschrift durchreichte.
Rüdiger ist heute mit einer Frau zusammen, die neunundzwanzig ist und Kosmetikerin in Herford. Er postet Fotos von ihr am Wochenende, am Möhnesee, mit Sonnenbrille und flachem Bauch. Manchmal, wenn Jonas mir davon erzählt, ohne es böse zu meinen, spüre ich einen kurzen Stich, und dann greife ich einfach nach dem nächsten Kaffeebecher, den ich in Folie einschweißen muss, weil die Bestellung schon wartet.
Meine Tage im Kiosk sehen jetzt so aus: Um sechs die Zeitungsbündel aufschneiden, um sieben die erste Kanne Kaffee aufsetzen, dazwischen Ines von nebenan, die auf einen Plausch vorbeikommt und mir hilft, die Eimer mit den Blumen vor die Tür zu stellen. Bruno liegt oft unter dem kleinen Tisch draußen und wartet auf ein Stück Wurst aus meinem Pausenbrot.
Letzten Winter, fast ein Jahr nach dem Zwangsvollstreckungsbescheid, saß Jonas auf dem Hocker neben der Kasse und erzählte mir beiläufig, dass die Werkstatt seines Vaters inzwischen zwei Angestellte verloren hat und Rüdiger den Kredit für die geplante Erweiterung gar nicht bewilligt bekam — die Bank verlangte genau die zwölftausend Euro Eigenkapital, die er mir damals hatte abluchsen wollen. Ich sagte nichts dazu. Ich drehte mich zur Maschine, ließ eine zweite Tasse durchlaufen und stellte sie vor ihm auf den Tresen, noch dampfend, mit einem Löffel extra, so wie er den Kaffee mag.
