Der Schlüssel zum Café in der Schanzenstraße

Der Schlüssel zum Café am Augustusplatz

Ines Brandt zieht um zweiundzwanzig Uhr den Rollladen ihres Cafés in Leipzig herunter, allein, wie an jedem der letzten tausend Abende. Der Kaffeeduft hängt noch zwischen den Tischen, gemischt mit dem Zimt vom letzten Kuchenrest, draußen quietscht die Linie 4 um die Kurve, ein Geräusch, das ihr inzwischen so vertraut ist wie das eigene Atmen.

Es gab eine Zeit, da hätte sie sich das nicht vorstellen können. Nach der Trennung von Torsten, ihrem Verlobten, lag sie Nächte lang wach in der Zweizimmerwohnung über der Bäckerei Hoffmann, das Handy mit dem Bildschirm nach oben auf dem Nachttisch, die blauen Häkchen ohne Antwort. Auf dem Küchentisch stapelten sich Rechnungen, 1.840 Euro für die neue Kühltheke, 620 für die Kaffeemaschine, die Mahnung der Kfz-Versicherung obenauf, ungeöffnet. Den Hund, den sie sich zusammen gewünscht hatten, behielt am Ende sie, weil Torsten zwei Wochen später schon bei einer anderen in Connewitz einzog und seine Zahnbürste, den Rasierer und einen einzelnen linken Turnschuh in der Wohnung vergaß, den sie erst nach drei Monaten in den Müll warf. Sie hat die Buchhaltung nachts am Küchentisch sortiert, Beleg für Beleg, und irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft sie geweint hatte, bevor sie einschlief.

Auch Jonas, der Vertriebler mit dem grauen Audi A4 und den ewigen „Ich melde mich, versprochen"-Nachrichten, hat sie nicht klein gekriegt. Vier Monate lang tauchte er auf, verschwand, tauchte wieder auf, immer dann, wenn es gerade in seinen Terminkalender passte. Einmal brachte er ihr Tulpen vom Wochenmarkt am Augustusplatz, drei Wochen nachdem er sie zwei Tage hatte auflaufen lassen, ohne ein Wort, ohne eine Entschuldigung. Ines stellte die Blumen in eine alte Milchflasche auf die Theke und sagte nichts dazu, wischte nur mit dem Lappen einmal über die Espressomaschine, die ihr Vater ihr zur Eröffnung geschenkt hatte.

Der Abend, der etwas kippte, war unscheinbar: eine SMS um zwanzig Uhr fünfzehn, eine halbe Stunde vor der Verabredung, die immer gleiche Ausrede, Kundentermin, Stau auf der A9. Sie stand hinter der Theke, drehte das Handy mit dem Display nach unten neben die Kasse und tippte zurück: „Alles gut. Mach's gut, Jonas." Kein Ausrufezeichen, kein Herz-Emoji, nichts.

Er rief zwei Tage später an, die Stimme dünn vor lauter Unverständnis, warum sie plötzlich so kühl sei. Sie erklärte ihm nichts. Sie hatte keine Lust mehr, ihre Abende zu verteidigen, in denen sie Herrn Zeidler jeden Morgen um neun seinen Milchkaffee ohne Zucker hinstellte, in denen die Studentin aus dem dritten Stock mit ihrem Notizbuch in der Ecke saß und nie mehr als einen Tee bestellte, in denen Mathilde nachmittags auf dem Fensterbrett zur Straße döste und Frau Kowalski manchmal ein Glas eingelegte Gurken vorbeibrachte, einfach so, ohne Anlass. Klein war dieses Leben, aber es gehörte ihr, jede einzelne Tasse davon.

Einen Monat später kam noch eine Nachricht, um dreiundzwanzig Uhr vierzig: „Vermisse dich." Kein Anruf, keine Verabredung, nur die vier Worte, hingeworfen aus Langeweile, aus Gewohnheit, kurz vorm Einschlafen wahrscheinlich. Ines saß mit einer Tasse Kamillentee auf dem zweiten Stuhl, die Füße hochgelegt, und ließ das Handy einfach liegen.

Am nächsten Morgen, zwischen dem Aufbrühen der ersten Kanne Filterkaffee und dem Anliefern der Brötchen von Hoffmanns, tippte sie einen einzigen Satz: „Ich habe aufgehört, auf jemanden zu warten, der mich nur dann will, wenn's ihm passt." Dann blockierte sie seine Nummer, löschte das Foto vom letzten gemeinsamen Sommer, ohne Zittern in den Fingern, stellte die Tassen für den Tag auf.

Zwei Wochen danach stand er vor der Tür, kurz vor Ladenschluss, Kragen hochgeschlagen gegen den Wind vom Augustusplatz her. Er klopfte gegen das Glas, weil längst abgeschlossen war. Ines sah ihn durch die Scheibe, den Lappen noch in der Hand, die Kasse schon gezählt, der Tresor bereit für die Nacht. Sie ging zur Tür, öffnete sie nur einen Spalt.

„Ines, ich hab's kapiert, ich will das anders machen, ich—"

„Das ist schön für dich", sagte sie. „Aber ich hab meine Ruhe nicht dafür aufgebaut, dass du sie wieder durcheinanderbringst, jedes Mal, wenn's dir in den Sinn kommt."

Sie schloss die Tür wieder, drehte den Schlüssel um, hängte das Schild „Geschlossen" gerade, ging zurück zur Theke und wusch die letzte Tasse aus. Draußen stand Jonas noch einen Moment, dann verhallten seine Schritte auf dem Kopfsteinpflaster Richtung Straßenbahnhaltestelle.

Ines machte das Licht aus, nahm Mathilde auf den Arm, die schnurrend gegen ihr Kinn drückte, und ging die Treppe zu ihrer Wohnung über dem Café hoch. Am nächsten Morgen kam Herr Zeidler wie immer um neun. Sie stellte ihm den Milchkaffee ohne Zucker hin, wischte sich die Hände an der Schürze ab und drehte sich zur Kaffeemaschine um, während Mathilde mit einem Satz aufs Fensterbrett sprang.

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Uniad
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