Der Kuchenteller aus Weißenfels

Ich stehe vor der Spülmaschine und halte den Kuchenteller mit dem Goldrand in der Hand — den, den du immer zum Kaffee rausgeholt hast, egal ob Sonntag oder ein ganz normaler Dienstag. Mein Daumen streicht über den kleinen Sprung am Rand, den du nie hast reparieren lassen wollen, weil "der Riss ist doch Teil vom Teller, Elke, das gehört jetzt dazu". Und dann greife ich schon nach dem Telefon, bevor mir einfällt, dass da niemand mehr abnimmt.

Meine Mutter, Ruth Baumann, ist jetzt seit vier Jahren tot. Vier Jahre, drei Monate, um genau zu sein — sie ist am 12. Juni gestorben, mitten im Erdbeerfest in Weißenfels, und ich musste damals vom Marktstand weg, mit einer Kiste Erdbeeren, die keiner mehr wollte. Sie war siebenundsiebzig. Diabetes, dann das Herz, dann drei Wochen im Krankenhaus in Naumburg, in denen sie mehr über die Krankenschwestern geschimpft hat als über den Tod geredet.

Ich rufe sie trotzdem noch an. Nicht wirklich — aber die Bewegung ist da, der Griff zum Handy, wenn im Supermarkt in Weißenfels die Erdbeeren wieder für 2,49 Euro die Schale im Angebot sind und ich denke: das müsste ich ihr erzählen, die hätte sich gefreut wie ein Kind. Dann kommt dieser eine Moment, in dem der Boden kurz wegkippt. Kein lauter Schmerz. Eher ein Gewicht, das einfach immer mitgetragen wird, seit vier Jahren, ohne dass es leichter würde — nur stiller.

Was mir fehlt, ist nicht das große Ganze. Es sind die Hände. Ihre Hände, die immer irgendwas gerollt, gefaltet, geknetet haben — Teig, Wäsche, meine Haare vor meiner eigenen Konfirmation, damals, als ich vierzehn war und mir die Zöpfe zu eng saßen. Sie konnte aus einer leeren Küche in zwanzig Minuten einen Tisch machen, an dem sich vier Leute wohlfühlten. Butterkuchen, den Duft davon rieche ich manchmal auf offener Straße, in einer fremden Bäckerei in Halle, und dann drehe ich mich um, als würde sie irgendwo hinter mir stehen.

Sie taucht jetzt in kleinen Dingen auf. In der Wolldecke, die sie im Sommer immer akkurat über die Sofalehne gelegt hat, dreimal umgeschlagen, nie anders. Im Geranientopf auf dem Balkon, den ich jedes Jahr im April neu bepflanze, obwohl ich eigentlich gar keinen grünen Daumen habe. In der Art, wie meine Tochter Pia den Kopf zur Seite legt, wenn sie nachdenkt — genau ihre Bewegung, und Pia hat sie nie bewusst gelernt.

An dem Nachmittag, an dem ich den Teller wusch, klingelte mein Handy. Meine Schwester Beate, aus Leipzig. "Ich war gerade beim Bestatter, wegen der Grabpflege-Verlängerung", sagte sie. "Zehn Jahre kosten fast neunhundert Euro. Ich wollte fragen, ob wir uns das zu dritt teilen, mit Karl." Ich sagte nichts, weil mir sofort einfiel, dass Karl seit dem Frühjahr kein Geld mehr übrig hat, seit die Werkstatt weniger Aufträge bekommt, und dass Beate das genau wusste, als sie fragte.

"Ich zahl das nicht allein", sagte sie dann, schärfer. "Und ich versteh nicht, warum du den Teller mit dem Sprung noch benutzt. Wirf ihn weg, Elke. Du tust dir doch keinen Gefallen damit."

Ich hielt den Teller in der einen Hand, das Handy in der anderen, und sagte, dass ich darüber nachdenken müsse — sowohl über das Geld als auch über den Teller. Beate schnaubte kurz, dann sagte sie, sie müsse los, Jonas warte, er habe heute seine Prüfung zum Kfz-Mechatroniker bestanden und sie wolle mit ihm essen gehen. Ich gratulierte, ehrlich gefreut, und legte auf.

Ich stellte den Teller nicht zurück in den Schrank. Ich stellte ihn auf die Anrichte, mitten in die Küche, wo ich ihn den ganzen Abend sehen musste. Rief Karl an. Er sagte, er könne zweihundert Euro beisteuern, mehr nicht, und es sei ihm unangenehm, das am Telefon zu sagen. Ich sagte, ich würde die Differenz übernehmen. Dann rief ich Beate zurück und sagte ihr das. Sie war still einen Moment, dann sagte sie: "Danke. Und den Teller — mach, was du willst."

Manchmal holt mich die Trauer unangemeldet ein — bei einer Autofahrt auf der A9, wenn im Radio dieses eine Lied von Peter Alexander läuft, das sie beim Abtrocknen immer mitgesungen hat, falsch, aber laut. Oder beim Duft von Rotkohl, der irgendwo aus einem geöffneten Küchenfenster zieht. Dann stehe ich manchmal einfach mitten in der Wohnung, mit den Händen an der Anrichte, bis es vorbeigeht.

Letzten Sonntag lud ich Beate, Karl, Jonas und Pia ein. Ich holte den Teller von der Anrichte, legte Streuselkuchen darauf und stellte ihn mitten auf den Küchentisch in Weißenfels, an dem schon Mutter gesessen hatte. Niemand sagte etwas, als ich ihn hinstellte. Jonas erzählte von der Werkstatt, in der er ab Oktober anfangen wird, Pia zeigte Fotos von ihrem letzten Schulausflug. Beate legte kurz die Hand auf den Teller, den Daumen genau auf den Sprung, so wie ich das immer mache, ohne es zu merken. Dann schnitt sie sich ein Stück ab und reichte den Teller weiter.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: