Rentner Herbert Kessler wollte einmal Ruhe – vierundvierzig Jahre lang Hausflur

Herbert Kessler ist einundsiebzig, wohnt in einer Doppelhaushälfte am Stadtrand von Detmold, und an diesem Samstag im September beschließt er: Jetzt reicht's. Seine Frau Renate packt gerade eine Kühltasche mit Frikadellen für die Enkel, die in Bielefeld wohnen, und Herbert steht in der Tür der Küche mit verschränkten Armen.

„Fahr doch mal für ein paar Tage zu Sabine", sagt er. „Vielleicht erhole ich mich auch mal ein bisschen von dir."

Renate schaut ihn an, den Kopf leicht schief, tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe – so, wie man es macht, wenn jemand offensichtlich nicht mehr ganz bei Trost ist –, nimmt die Kühltasche und den Rucksack mit den eingemachten Gurken und geht zur Bushaltestelle. Der Bus 21 fährt um 14:10 Uhr, das weiß sie auswendig, seit sie in Rente ist.

Herbert schließt das Gartentor, richtet die Schultern und denkt: Endlich. Ruhe. Kein Gerede über die Nachbarin von gegenüber, die schon wieder ihren Rasen um sechs Uhr morgens mäht. Jetzt kann er die Bundesliga-Konferenz gucken und die Tagesschau, ohne dass jemand dazwischenredet.

Zuerst verscheucht er die Katze, Mimi, Renates verwöhntes Nesthäkchen, die sofort in den Vorgarten flitzt und sich unter dem Fliederbusch verkriecht. Dann wirft er den Strickkorb hinter das Sofa und lässt sich in seinen Sessel fallen, den mit der durchgesessenen Sitzfläche, die Renate seit Jahren austauschen will. Er zappt durch die Kanäle – nichts. Schaltet den Fernseher aus. Geht einmal durchs Haus, von der Diele bis zum Schlafzimmer – überall leer, sogar die Uhr im Flur tickt lauter als sonst.

Gegen Mittag wärmt er sich Gulaschsuppe auf, verbrennt sich die Finger am Topfrand, setzt sich hin und ruft aus Gewohnheit: „Renate, bring mal das Brot!"

Nichts. Nur das Brummen des Kühlschranks.

Ohne Renates Kommentare ergeben nicht einmal die Nachrichten einen Sinn – mit wem soll er sich jetzt über die Rentenreform streiten, über die Heizkosten, über den neuen Bürgermeister? Er zieht das Skatblatt aus der Schublade, denkt daran, wie sie ihn jeden Abend beim Rommé schlägt und wie sie beide dabei lachen wie die Schulkinder. Die Nacht ohne ihr Schnarchen und ohne das morgendliche Topfgeklapper in der Küche – da kann er erst recht nicht schlafen. Draußen bellt der Hund vom Nachbarn Bruckmann, wie jede Nacht um halb drei, aber diesmal hört Herbert es zum ersten Mal wirklich, weil sonst Renates Atmen daneben war.

Am nächsten Tag ist er schon gereizt, missmutig, das Haus wirkt auf ihn wie kalter Haferbrei. Er vergisst, die Blumen auf der Fensterbank zu gießen, und als er es merkt, ist ihm das peinlicher, als er zugeben will.

Bis zum Abend gibt er auf. Mit finsterer Miene ruft er seine Tochter Sabine an, bittet sie leise, ihm die Mutter ans Telefon zu geben, und schluckt seinen Stolz herunter. Er sagt kaum hörbar: „Es ist nicht gut, allein zu sein."

Renate meldet sich, hört ihm eine Weile zu, ohne etwas zu sagen, dann fragt sie nur: „Hast du die Blumen gegossen?"

„Nein."

„Dann komm ich morgen früh."

Aber sie kommt nicht morgen früh. Sie kommt noch am selben Abend, mit dem letzten Bus um 19:45 Uhr, die Kühltasche jetzt leer, dafür einen Beutel Streuselkuchen von Sabine in der Hand. Herbert steht am Gartentor, als der Bus hält, und sagt nichts – er nimmt ihr nur die Tasche ab.

Drinnen schimpft sie sofort wegen der Küche, streichelt die Katze, die aus dem Flieder herbeigelaufen kommt, und zieht den Strickkorb unter dem Sofa hervor. Am Abend wieder Rommé, Tee, Gelächter. Herbert verliert, brummt: „Mit dir hat man keine Ruhe … vielleicht solltest du doch mal wieder ein paar Tage wegfahren?"

Renate lacht nur und schenkt ihm noch etwas Tee nach.

Was Herbert nicht weiß: Renate hat am Sonntagvormittag, während er allein zu Hause saß und die Blumen vergaß, in Bielefeld bei Sabine am Küchentisch gesessen und mit ihrem Bruder Wolfgang telefoniert, der seit Jahren in Paderborn ein kleines Notariat führt. Sie hatte ihn angerufen, weil sie an dem Wochenende endlich Zeit hatte, in Ruhe nachzudenken – ohne Herberts Kommentare zur Tagesschau, ohne das Topfgeklapper, das eigentlich immer er macht und nicht sie.

Vor drei Jahren hatte Herbert ohne sie mit unterschrieben, dass das Haus – ihr gemeinsames Haus, für das Renate zwanzig Jahre lang in der Näherei gearbeitet hatte, während er beim Möbelhaus Anstellung fand und wieder verlor – allein auf seinen Namen läuft, „der Einfachheit halber", wie er damals sagte, wegen der Erbschaftssteuer, wegen irgendeines Steuerberater-Ratschlags, den sie nie ganz verstanden hatte. Sie hatte unterschrieben, weil man das eben tut nach vierundvierzig Jahren Ehe, ohne groß zu fragen.

Am Telefon sagt Wolfgang ihr, dass sie als Ehefrau trotzdem einen Anspruch auf den Zugewinnausgleich hat, dass sie mit ins Grundbuch eingetragen werden kann, wenn sie das will, und dass eine Vollmacht, die Herbert ihr nie gegeben hat, für ihr eigenes Konto längst überfällig ist. Renate hört zu, rührt in ihrem Kaffee, den sie kalt werden lässt, und sagt am Ende nur: „Mach mir einen Termin. Dienstag."

Am Dienstag, drei Tage nach Herberts Anruf, fährt Renate wieder mit dem Bus – diesmal aber nicht nach Bielefeld, sondern nach Paderborn, zu Wolfgangs Kanzlei in der Bahnhofstraße. Herbert denkt, sie sei beim Friseur. Sie kommt am Nachmittag zurück, mit einer blauen Mappe unter dem Arm, die sie wortlos in die Kommode im Flur legt, unter die Handtücher, wo Herbert nie nachschaut.

Zwei Wochen später, an einem Mittwoch, steht ein Brief vom Grundbuchamt Detmold im Postkasten. Herbert öffnet ihn beim Frühstück, die Kaffeetasse noch in der Hand, und liest, dass auf Antrag von Renate Kessler ein Nießbrauchrecht sowie eine hälftige Eintragung ins Grundbuch geprüft wird, gestützt auf den nachgewiesenen ehelichen Zugewinn aus vierundvierzig Ehejahren – eine Summe, die Wolfgang mit einundvierzigtausend Euro beziffert hat, aus Renates Näherei-Rente und ihrem Anteil an der Anzahlung von 1987.

Herbert legt die Tasse ab, so hart, dass der Kaffee auf die Tischdecke schwappt. „Was ist das?"

Renate steht am Herd, dreht sich nicht um, rührt weiter in der Haferbrei-Pfanne. „Das ist das, was mir zusteht. Wolfgang hat es aufgesetzt."

„Du gehst hinter meinem Rücken zum Anwalt?"

„Ich bin nicht hinter deinem Rücken gefahren. Ich bin mit dem Bus gefahren, um halb neun, du hast mich sogar zur Haltestelle gebracht."

Er starrt sie an, will etwas erwidern, aber ihr steht mit dem Rücken zu ihm und schöpft den Brei in zwei Schalen, eine für ihn, eine für sich, ganz normal, als würde nichts geschehen. Das bringt ihn mehr aus der Fassung als jeder Streit.

Am Abend sitzt er lange am Küchentisch, die Karten liegen ungemischt daneben. Er ruft nicht Sabine an. Er sagt zu Renate, leise, ohne sie anzusehen: „Ich hab's nicht böse gemeint, damals mit dem Haus."

„Das weiß ich", sagt Renate. „Aber gemeint ist nicht dasselbe wie getan."

Die Eintragung wird im Oktober vollzogen. Herbert unterschreibt am Ende selbst, am Küchentisch, mit dem Kugelschreiber aus der Sparkasse Lippe, weil Wolfgang ihm erklärt hat, dass ein Rechtsstreit teurer und länger dauert, als er sich vorstellen kann, und weil Renate, als er zögert, nur sagt: „Ich fahr sonst wieder zu Sabine. Diesmal für länger."

Danach ändert sich nicht viel im Haus in Detmold. Mimi schläft wieder auf dem Strickkorb, die Uhr im Flur tickt, Herbert wärmt sich weiterhin manchmal die Suppe selbst auf, wenn Renate beim Nähkreis ist. Nur wenn er abends verliert beim Rommé und brummt, sie solle doch mal wieder ein paar Tage wegfahren, lacht Renate jetzt anders als früher – kurz, trocken, und schenkt sich selbst noch Tee nach, ohne seins aufzufüllen.

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