Ich hätte einfach weiterfahren können. Das sage ich mir seitdem oft, an schlechten Tagen, wenn die Nachtschicht wieder in den Knochen sitzt. Aber an jenem Mittwoch im November bin ich nicht weitergefahren.
Ich heiße Sabine Reuter, ich bin Krankenschwester auf der Inneren im Klinikum Aschaffenburg, und um zwanzig nach sechs war meine Zwölf-Stunden-Schicht endlich vorbei. Der Regen fiel schräg gegen die Windschutzscheibe, die B26 lag glänzend und schwarz vor mir, und ich dachte an nichts als an meine Wohnung in der Frohsinnstraße, an trockene Socken und den kalten Kamillentee, der seit dem Vortag auf dem Küchentisch stand.
Dann sah ich den Fleck auf der Fahrbahn. Grau-braun, reglos, mitten auf der Standspur kurz vor der Ampel Richtung Damm. Die Autos vor mir zogen einfach einen Bogen darum, so wie man um eine heruntergefallene Mülltüte fährt. Nur war es keine Mülltüte. Es war ein Australian Shepherd. Und er lebte noch.
Ich habe auf den Seitenstreifen gelenkt, die Warnblinkanlage angemacht, bin ausgestiegen, ohne die Fahrertür richtig zuzuziehen. Der Regen war eiskalt, roch nach nassem Asphalt und Abgasen. Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Wagen strichen über den Hund, hell und kurz, dann wieder Dunkelheit. Keiner hielt an. Kein Hupen, keine geöffnete Autotür – nur das gleichmäßige Zischen der Reifen auf nassem Belag.
Als ich mich neben ihm hinkniete, drehte er den Kopf zu mir. Seine Augen suchten etwas, ohne es zu finden. Das linke Hinterbein lag in einem Winkel, der mir sofort sagte: Bruch. Sein Atem ging kurz und feucht, fast als schäme er sich dafür, dass er noch da war. Ich streckte die Hand aus. Er knurrte nicht. Er drückte seine Schnauze gegen meinen weißen Kasack und versuchte, sich zu mir hinzuschieben.
Mein Herz schlug bis zum Hals, während ich seine Rippen unter den Fingern abtastete, vorsichtig, als könnte er unter meiner Berührung zerbrechen.
Ich hatte nichts dabei. Keine Decke im Kofferraum, keine Transportbox, gar nichts – ich war ja direkt aus dem Dienst gekommen. Nur diesen Kasack, an den Ärmeln schon durchnässt, mit meinem Namen in blauer Stickschrift auf der Brust. Also riss ich ihn auf. Der Stoff gab mit einem trockenen, harten Ruck nach. Ich schob die Fetzen unter seinen Körper, so behutsam es in dem Moment ging, während meine Finger vor Kälte kaum noch etwas spürten. Am Halsband hing eine Marke, fast unlesbar, nur die ersten Buchstaben ließen sich erahnen. Der Hund zitterte, sah mich aber die ganze Zeit an. Er verstand vermutlich nicht, was ich tat. Aber er wartete.
Ein Auto bremste kurz ab, als ich ihn hochheben wollte. Ich dachte, endlich hält jemand an. Es fuhr sofort weiter. Ich presste die Zähne aufeinander und trug ihn allein zu meinem Golf.
Auf dem Beifahrersitz legte er den Kopf gegen die Lehne, die Schnauze noch immer an einem Fetzen des Kasacks. Als hätte dieses weiße Tuch für ihn eine Bedeutung bekommen – ein Beweis, dass jemand geblieben war.
In der Tierklinik in der Würzburger Straße fragte die Assistentin am Empfang nach seinem Namen. Ich zuckte mit den Schultern und zeigte auf die Marke am Halsband. Unter der grellen Lampe im Behandlungsraum entzifferte sie schließlich vier Buchstaben: Volcan. Als er nach der Erstversorgung die Augen wieder öffnete, erschöpft, mit Schmerzen, aber lebendig, dachte ich an alles, was er in dieser Nacht überstanden hatte, ohne aufzugeben.
Der Tierarzt, ein ruhiger Mann namens Dr. Brandner, kam eine halbe Stunde später mit dem Röntgenbild heraus. Oberschenkelbruch, eine gebrochene Rippe, Prellungen am Becken. Kein Chip, kein Halsbandanhänger mit Telefonnummer – nur das halb verblasste Namensschild. Die Behandlung würde, sagte er, ungefähr zweitausendzweihundert Euro kosten, Platte im Oberschenkel, mehrere Wochen Nachsorge. Ich unterschrieb die Kostenzusage auf der Stelle, mit klammen Fingern, immer noch im aufgerissenen Kasack, aus dem der Regen tropfte.
Die Tierärztin meldete den Fund am nächsten Morgen beim Ordnungsamt und beim örtlichen Tierschutzverein, wie es vorgeschrieben ist. Zwei Wochen lang passierte nichts. Kein Anruf, keine Anzeige eines vermissten Hundes, nichts im Tierheim-Portal. Volcan blieb, wurde operiert, wurde wach, fraß am dritten Tag zum ersten Mal wieder etwas, humpelte am zehnten Tag ein paar Schritte im Klinikflur, die Hüfte des Menschen suchend, der neben ihm ging.
Dieser Mensch war meistens ich. Ich fuhr nach jeder Schicht in die Würzburger Straße, bevor ich überhaupt nach Hause ging, saß eine halbe Stunde auf dem kalten Linoleumboden neben seinem Käfig, ließ ihn den Kopf auf mein Knie legen. Die Kollegen in der Klinik – Tiermedizinische Fachangestellte, die eigentlich streng auf Abstand zu den Patienten achten – drückten irgendwann beide Augen zu.
In der dritten Woche kam ein Anruf, den ich nicht erwartet hatte. Ein Mann meldete sich beim Tierschutzverein, sagte, der Hund gehöre ihm, er habe ihn "auf der Autobahn verloren", als er die Heckklappe nicht richtig geschlossen habe. Er wollte ihn abholen. Kostenlos, versteht sich – der Fund sei ja rechtlich sein Eigentum.
Ich stand an diesem Nachmittag mit Dr. Brandner im Behandlungszimmer, als der Mann erschien. Groß, ungeduldig, roch nach kaltem Zigarettenrauch, sprach über Volcan wie über ein verlegtes Werkzeug. "Er ist eingetragen auf mich", sagte er und hielt einen Zettel hoch, keinen Impfpass, nur eine handschriftliche Quittung vom Züchter, drei Jahre alt. Volcan drückte sich in diesem Moment gegen mein Bein, den Kopf gesenkt, den Schwanz zwischen die Hinterläufe geklemmt. Kein Knurren. Nur dieses Zittern, das ich von der B26 kannte.
Dr. Brandner blieb sachlich. "Die Meldefrist ist längst abgelaufen, Sie kommen zwei Wochen zu spät", sagte er. "Und bei den alten Narben am Rücken und der verheilten Rippenfraktur, die wir zusätzlich gefunden haben, gebe ich diesen Hund so schnell an niemanden zurück." Damit legte er das Röntgenbild auf den Tisch und verschränkte die Arme.
Der Mann wurde laut. Ich blieb still, die Hand auf Volcans Nacken. Dann sagte ich etwas, das ich vorher nicht geplant hatte: dass ich bereit sei, die Behandlungskosten vollständig zu übernehmen und den Hund offiziell zu adoptieren, wenn der Tierschutzverein zustimmt. Der Verein prüfte den Fall, sprach mit dem Ordnungsamt, sah sich die alten Narben und den Zustand bei der Einlieferung an. Zehn Tage später unterschrieb ich im Büro des Vereins den Schutzvertrag. Der Mann meldete sich danach nicht mehr.
Vor ein paar Wochen, beim Ausmisten der untersten Kommodenschublade, in der ich den zerrissenen Kasack aufbewahre, fand ich das Formular des Vereins mit der ursprünglichen Chip-Abfrage noch einmal. Diesmal fiel mir eine Zeile auf, die ich beim ersten Mal überlesen hatte: Der Hund war bereits ein Jahr zuvor einmal als vermisst gemeldet worden, aus einem Ort dreißig Kilometer entfernt, von einer Familie, die ihn nie wieder abgeholt hatte. Ich faltete das Blatt wieder zusammen und legte es zurück unter den Stoff, ohne es dem Verein zu zeigen.
Volcan wohnt heute bei mir in der Frohsinnstraße, in der Dachgeschosswohnung mit Blick auf die Türme des Aschaffenburger Schlosses. Draußen prasselt wieder Novemberregen gegen die Scheiben. Er humpelt zu mir herüber, das linke Hinterbein noch immer steif bei diesem Wetter, und legt den Kopf auf mein Knie, genau wie an jenem ersten Abend im Klinikflur.
