Ich heiße Bettina, bin dreiundvierzig und arbeite als Projektleiterin bei einer Versicherung in Augsburg. Vor drei Wochen ist etwas passiert, das mich zum ersten Mal seit Jahren gezwungen hat, mein Tempo zu drosseln. Kein Drama. Kein Unfall. Nur ein gewöhnlicher Dienstagabend, der sich mir eingebrannt hat wie ein Stich unter den Rippen.
Ich war auf dem Weg zur Apotheke, weil mir mitten im Termindschungel die Kopfschmerztabletten ausgegangen waren, und da meine Eltern nur zwei Straßen weiter wohnen, bin ich spontan bei ihnen vorbeigefahren. Kein Anruf vorher, kein Angekündigt-Sein. Einfach die Klingel gedrückt.
Meine Mutter riss die Tür auf und zuckte zusammen, als wäre ich von einer Weltreise zurückgekehrt.
„Ach du liebe Güte, Bettina — hättest du wenigstens Bescheid gesagt!"
Und dann das übliche Ritual: Sie fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, zupfte an ihrer Strickjacke, strich sie glatt, als müsste sie sich vor der eigenen Tochter präsentabel machen. Aus dem Wohnzimmer kam mein Vater. Sein Gang war vorsichtiger geworden, kleinschrittiger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Aber sein Grinsen — das war noch dasselbe wie immer, breit und ein bisschen schief, mit dem er mich schon als Kind begrüßt hatte, wenn ich vom Schulhof kam.
Wir setzten uns in die Küche. Auf dem Tisch stand noch die alte Emailledose mit den Butterkeksen, dieselbe seit gefühlt zwanzig Jahren, der Deckel klemmte wie eh und je. Im Radio auf der Fensterbank lief leise der Lokalsender, Verkehrsdurchsage zur A8, mein Vater hatte den Ton nie ganz abgestellt, seit er in Rente war.
Wir redeten über die Tomaten im Hochbeet, die dieses Jahr partout nicht rot werden wollten. Über die neuen Nachbarn, die einen Pool aufgestellt hatten und deren Kinder bis in den späten Abend im Garten kreischten. Über den Rasenmäher, der schon wieder klemmte und den mein Vater eigentlich zum Wertstoffhof bringen wollte, seit Monaten.
Dann stand mein Vater auf, um sich Wasser aus der Karaffe einzuschenken. Er griff daneben. Das Glas kippte, rollte über die Tischkante, zersplitterte auf den Fliesen. Für einen Moment stützte er sich mit beiden Händen auf der Anrichte ab, den Kopf gesenkt, als würde er auf etwas warten, das nicht kam. Meine Mutter war sofort neben ihm, den Lappen schon in der Hand, bevor überhaupt jemand etwas gesagt hatte.
„Setz dich, Klaus. Setz dich hin."
Er setzte sich, wehrte mit einer Handbewegung ab, als sie ihm die Stirn abtupfen wollte. „Ist nur der Kreislauf. Passiert mir öfter."
„Öfter?" Ich kniete zwischen den Scherben, das kalte Wasser lief mir über die Finger. „Was heißt öfter?"
„Zweimal die Woche, vielleicht", sagte meine Mutter, ohne mich anzusehen, und fegte die letzten Glassplitter auf die Schaufel. „Ist nicht der Rede wert."
„Zweimal die Woche ist genau der Rede wert, Mama."
Sie richtete sich auf, presste die Schaufel gegen die Brust wie einen Schild. „Was hätte es gebracht, dich anzurufen? Du hast doch sowieso nie Zeit."
Der Satz hing im Raum, scharf und ungewollt, und keiner von uns dreien sagte etwas. Mein Vater trank sein Wasser jetzt in kleinen Schlucken, die Hand leicht zitternd um das Glas, und starrte auf die Tischplatte, als könnte er dort eine Antwort finden, die uns allen helfen würde.
Nach dem Essen begleitete mich mein Vater zur Tür, langsamer als sonst, eine Hand an der Wand entlang. Er legte mir die andere auf die Schulter. Früher war diese Hand fest gewesen, wie eine Mauer, an der man sich anlehnen konnte. Jetzt fühlte sie sich leicht an, fast schwerelos.
„Vergiss uns nicht, Kind. Komm öfter vorbei", sagte er. „Uns rennt die Zeit inzwischen ziemlich schnell davon."
Ich stieg ins Auto, ohne den Motor zu starten. Die Scherben lagen noch in meinem Kopf, das Klirren, meine Mutter mit der Schaufel, ihr Satz über die Zeit, die ich angeblich nie hatte. Ich blieb sitzen, bis die Straßenlaterne ansprang, und rief dann, mit nassen Fingern noch am Lenkrad, meine Schwester Katja in Nürnberg an.
„Er ist beim Wassereinschenken fast umgekippt", sagte ich, kaum dass sie ranging.
Stille in der Leitung, dann: „Beim letzten Besuch ist er auch schon zweimal stehengeblieben, mitten im Satz. Ich dachte, es liegt an der Hitze."
„Mama sagt, das passiert zweimal die Woche."
„Zweimal die — warum hat sie das nicht gesagt?"
„Weil sie dachte, wir hätten sowieso keine Zeit."
Wieder Stille, diesmal länger. Dann Katjas Stimme, fester: „Okay. Was machen wir."
Wir beschlossen etwas Konkretes: Ich würde für meinen Vater einen Termin beim Hausarzt vereinbaren, nicht als Verdacht, sondern als normale Vorsorge, damit er nicht das Gefühl hätte, überwacht zu werden. Katja würde jeden zweiten Sonntag kommen, fest, mit Kindern und Kuchen.
Zwei Wochen später saß ich mit meinem Vater im Wartezimmer der Praxis Dr. Lehmann, Zeitschriften von 2019 auf dem Tisch, ein Aquarium mit einem einsamen Goldfisch in der Ecke. Der Arzt maß Blutdruck, ließ ein EKG schreiben, fragte nach Schwindel. Mein Vater erwähnte den Vorfall mit dem Glas erst, als ich ihn direkt darauf ansprach — als wäre es eine Kleinigkeit, über die man besser nicht redet.
Dr. Lehmann klopfte ihm auf die Schulter. „Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig." Überweisung zum Kardiologen, zur Kontrolle.
Auf dem Rückweg im Auto schwieg mein Vater lange, den Blick auf die vorbeiziehenden Getreidefelder gerichtet. Dann, fast beiläufig:
„Du musst dir keine Sorgen machen, Bettina. Ich bin doch noch da."
„Ich weiß, Papa. Aber ich will, dass du noch lange da bist. Und dafür fahre ich dich eben zum Arzt, auch wenn du es für Unsinn hältst."
Er lachte, rau, und sagte nichts mehr.
Der Kardiologe fand zwei Wochen später eine leichte Herzrhythmusstörung, gut behandelbar mit Tabletten, kein Grund zur Panik, aber ein Grund, genau hinzuschauen. Als mein Vater mir das am Telefon erzählte, klang seine Stimme fast erleichtert — als hätte er sich insgeheim schon auf etwas Schlimmeres gefasst gemacht.
Seit diesem Dienstagabend habe ich meinen Mittwoch fest für meine Eltern reserviert. Meine Kollegin Frau Brandt legt keine Meetings mehr auf diesen Slot. Ich rufe jetzt jeden Sonntag an, nicht nur wenn etwas ansteht.
Letzten Mittwoch saß ich wieder in dieser Küche, mit der klemmenden Keksdose, und mein Vater erzählte mir zum wahrscheinlich zehnten Mal die Geschichte von seiner ersten Lehrstelle bei Siemens, 1968, vierhundert Mark im Monat. Ich hörte zu, ohne auf die Uhr zu schauen. Draußen fing es an zu regnen, leise gegen die Fensterscheibe, und meine Mutter stellte noch eine zweite Kanne Kaffee auf den Tisch, obwohl wir die erste noch nicht ausgetrunken hatten.
Ich blieb vier Minuten länger, als ich eigentlich geplant hatte. Vier Minuten, die früher irgendein Termin gefressen hätte. Diesmal nicht.
