Die Hochzeit meiner Schwester

Es war der zwölfte Juli, ein Samstag, der Rasen im Biergarten am Rhein noch nass vom Morgentau, als Katharina Voss zum ersten Mal seit acht Monaten wieder ein Kleid trug, das ihre Arme zeigte. Sie war neunundzwanzig, arbeitete als Physiotherapeutin in einer Praxis in Köln-Ehrenfeld, und sie hatte sich seit dem Frühjahr jeden Tag zwei Kilometer zur Arbeit geschleppt, weil sie es sich selbst versprochen hatte. Nicht wegen der Zahl auf der Waage. Wegen der Ärzte, die zwölf Monate zuvor "Autoimmunerkrankung" gesagt hatten, und wegen des Cortisons, das ihr Gesicht runder gemacht hatte, als es je gewesen war.

Ihre Tante Bärbel, die Schwester ihrer Mutter, stand am Buffet mit einem Glas Federweißer in der Hand und musterte sie von den Sandalen bis zum Dutt.

"Na, Kathi", sagte sie, laut genug, dass drei Tische es hörten, "haben sie dir bei der Physiotherapie eigentlich auch mal gesagt, dass man abnehmen kann, statt nur Massagen zu verteilen? Bei dem Kleid sieht man ja jedes Gramm."

Katharina hielt die Gabel mit dem Kartoffelsalat auf halbem Weg zum Mund an. Sie legte sie zurück auf den Teller, ohne ein Wort, und strich die Serviette auf ihrem Schoß glatt, als müsste sie irgendetwas mit den Händen tun.

Am Nachbartisch saß Frau Elke Brandmeier, die Standesbeamtin, die die Trauung eine Stunde zuvor vollzogen hatte und jetzt privat als Gast dabei war, weil die Braut ihre Nichte war. Elke war zweiundsechzig, seit vierunddreißig Jahren im Amt, hatte tausende Hochzeiten begleitet und noch mehr Familien in ihren besten und schlechtesten Momenten gesehen. Sie hatte eigentlich nur ihr Glas Riesling austrinken und dann zur Bushaltestelle gehen wollen, ihr Rücken machte bei dem Wetter Ärger, und sie hatte für den Abend noch eine zweite Trauung im Standesamt Bonn zu protokollieren.

Aber sie blieb sitzen.

Sie hatte Katharina vorher kurz kennengelernt, beim Papierkram vor der Zeremonie, hatte ihre Hände zittern gesehen, als sie die Gästeliste durchging und den Stift festhielt, als wäre er das Einzige, was sie noch zusammenhielt. Jetzt sah Elke, wie die junge Frau den Blick auf die Tischdecke senkte und mit dem Zeigefinger eine imaginäre Linie im Leinenstoff nachzog, immer wieder dasselbe Muster, vor und zurück.

Bärbel war noch nicht fertig. Sie nahm einen Schluck, stellte das Glas ab und sagte: "Ich sag's ja nur, weil ich dich mag. Früher warst du so hübsch schlank, mit dem Bikini am Baggersee, weißt du noch? Jetzt guck dich an."

Ein Onkel am Kopfende lachte kurz, unsicher, weil niemand wusste, ob das ein Witz war oder ernst gemeint. Katharinas Mutter, die neben Bärbel saß, öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Der Bräutigam, Katharinas Bruder Jonas, war mit dem DJ beschäftigt und bekam nichts mit. Die Musik – irgendein Hochzeitsschlager, den halb Deutschland auf jeder Feier spielt – lief im Hintergrund weiter, als wäre nichts passiert.

Katharina stand auf. Nicht hastig, nicht theatralisch. Sie nahm ihre Handtasche vom Stuhl, sagte, sie müsse kurz frische Luft schnappen, und ging Richtung Parkplatz, vorbei an den Rosenbögen, die die Floristin extra für die Fotos aufgestellt hatte.

Elke folgte ihr nicht sofort. Sie wartete zwei, drei Minuten – genug Zeit, dachte sie, um niemandem das Gefühl zu geben, beobachtet zu werden –, dann stand sie auf, nahm ihre Handtasche und ging in dieselbe Richtung, offiziell um "auch mal durchzuatmen".

Sie fand Katharina hinter dem Gerätehaus des Biergartens, auf einer umgedrehten Bierbank, die Schuhe ausgezogen, die Füße im Gras. Katharina weinte nicht. Sie starrte auf ihr Handy, auf dem noch das leere Nachrichtenfeld offen war, als hätte sie etwas schreiben wollen und es dann gelassen.

"Darf ich mich setzen?", fragte Elke. "Meine Füße tun auch weh, und die Bank da drüben sieht bequemer aus als die Klappstühle."

Katharina rückte ein Stück zur Seite. Eine Weile sagte keine von beiden etwas. Irgendwo bellte ein Hund, vermutlich der vom Nachbargrundstück, und aus der Küche des Biergartens roch es nach gebratenen Zwiebeln.

"Sie kennt meine Werte nicht", sagte Katharina schließlich. "Sie weiß nicht, dass ich vor einem Jahr zwölf Kilo Cortison-Gewicht zugelegt habe, weil mein Immunsystem meine eigene Schilddrüse angegriffen hat. Sie weiß nicht, dass ich jeden Morgen um sechs Uhr laufen gehe, bevor die Praxis aufmacht, weil das das Einzige ist, was mir hilft, mich wieder wie ich selbst zu fühlen."

"Das musst du ihr nicht erklären", sagte Elke. "Das ist nicht deine Aufgabe."

"Ich weiß." Katharina drehte das Handy in der Hand. "Aber ich habe trotzdem angefangen, im Kopf eine Rechtfertigung zu formulieren. Verstehen Sie? Als hätte ich einen Beweis vorlegen müssen, damit ich das Recht habe, auf meiner eigenen Hochzeitsfeier – der Hochzeit meines Bruders, meine ich – ein Kleid mit kurzen Ärmeln zu tragen."

Elke nickte nicht, sagte nichts Kluges. Sie reichte ihr nur ein Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche, obwohl Katharina noch nicht weinte, für alle Fälle. Dann stand sie auf, sagte, sie hole ihnen beiden ein Glas Wasser, und ging zurück zum Buffet.

Am Tisch saß Bärbel noch immer, erzählte jetzt jemandem vom Nachbartisch von ihrer eigenen Diät, den Almased-Shakes, die sie letztes Jahr gemacht hatte. Elke ging nicht zu ihr. Das war nicht ihre Rolle, und sie wusste es. Sie füllte zwei Gläser am Wasserspender, drehte sich um – und sah, wie Katharinas Mutter, Renate, aufstand und zu ihrer Schwester Bärbel hinüberging.

Renate beugte sich zu ihr, sagte etwas, das Elke aus der Entfernung nicht verstehen konnte, aber der Tonfall war unmissverständlich: leise, aber scharf, die Art, wie man mit jemandem spricht, wenn man dreißig Jahre lang zu viel geschwiegen hat. Bärbel wurde blass, stellte ihr Glas ab, öffnete den Mund zur Verteidigung – "ich hab's doch nur gut gemeint" – und Renate schüttelte den Kopf, einmal, hart.

Elke ging mit den beiden Gläsern zurück zur Bierbank. Katharina war inzwischen fertig mit Weinen, hatte sich die Augen mit dem Handrücken abgewischt und saß aufrechter.

"Ihre Mutter ist gerade zu Ihrer Tante gegangen", sagte Elke, während sie ihr das Wasser reichte.

Katharina blickte zum Zelt hinüber. Von hier aus konnte sie sehen, wie Bärbel ihre Handtasche nahm, wie Renate ihr die Wagenschlüssel aus der Hand nahm – Bärbel war mit dem Auto gekommen, hatte aber schon drei Gläser Federweißer getrunken – und wie ein Cousin gerufen wurde, um sie zum Bahnhof zu fahren, ein Taxi nach Bonn-Beuel für vierunddreißig Euro, das Renate am Ende bezahlte, nur damit die Sache schnell und ohne weiteres Aufsehen erledigt war.

Bärbel ging. Nicht rausgeworfen mit großer Geste, keine Szene vor allen Gästen – Renate hatte das leise gemacht, am Rand des Zeltes, mit dem Rücken zu den meisten Tischen. Aber jeder, der hinschaute, verstand, was passiert war.

Katharina stand auf, ordnete ihr Kleid, ging zurück zum Fest. Sie tanzte später mit ihrem Bruder, aß noch ein Stück von der Sahnetorte, lachte bei der Rede des Trauzeugen. Niemand außer Elke und Renate wusste genau, was in der Viertelstunde dazwischen passiert war.

Elke fuhr an diesem Abend noch zur zweiten Trauung nach Bonn, zwei Stunden später, ein anderes Paar, andere Familie. Sie dachte während der ganzen Zeremonie an die Bierbank hinter dem Gerätehaus und an das Taschentuch, das Katharina am Ende gar nicht gebraucht hatte.

Zwei Winter danach erfuhr Elke durch eine gemeinsame Bekannte, dass Bärbel bei keiner Familienfeier seither mehr eingeladen worden war – nicht aus Rache, sondern weil Renate klar gemacht hatte, dass Einladungen künftig daran hingen, ob man sich an einem Tisch benehmen konnte. Katharina, hieß es, trage inzwischen wieder, was sie wolle, ohne vorher zu überlegen, wer am Tisch sitzt.

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