Der Kombi, der drei Jahre lang mein Gehalt war

Es war ein Dienstag im März, als Renate zum dritten Mal die Schublade der Anrichte im Flur aufzog. Kfz-Schein, Tankquittungen, das Serviceheft mit den Stempeln der Werkstatt in Herne – alles lag ordentlich gestapelt da. Nur die Zulassungsbescheinigung Teil I fehlte.

Klaus-Dieter schnürte in aller Ruhe seine Wanderschuhe im Flur.

„Hab ich Bastian gegeben", sagte er beiläufig, ohne aufzuschauen. „Der muss ja weit fahren."

„Wir hatten ausgemacht, dass er den Kombi übers Wochenende bekommt, um die Sachen seiner Schwester nach Recklinghausen zu bringen. Ich hab ihm dafür eine Vollmacht beim Notar machen lassen. Wieso hat er dann die Papiere?"

Klaus-Dieter richtete sich auf und zupfte an seiner Anglerweste, dem Ding mit den zwanzig Taschen, das er nie auszog.

„Renate, musst du das jetzt schon am Morgen anfangen?" Seine Stimme klang honigsüß. „Der Junge heiratet in vier Wochen. Betrachte es als unser gemeinsames Geschenk."

Renate hielt das Papierbündel fest in der Hand, die Kanten drückten sich in ihre Finger.

„Was für ein Geschenk?"

„Zur Hochzeit natürlich." Er breitete die Arme aus, als würde er sich selbst applaudieren. „Ich bin der einzige Mann in der Verwandtschaft, der so was mal machen muss. Sabine hat mir wochenlang in den Ohren gelegen, dass der Junge einen Start braucht. Wir zwei sind doch versorgt. Wozu brauchen wir zwei Autos? Und er will damit seine Braut kutschieren."

„Wunderbar." Renate legte die Versicherungsunterlagen zurück in die Schublade. Keine Wutausbrüche. „Du hast also meinem Neffen ein Auto geschenkt, das ich fünf Jahre lang abbezahlt habe?"

„Wieso deinem? Unserem Neffen", korrigierte er. „Und wieso deinem Geld? Wir sind eine Familie. Gemeinsame Kasse. Ich hab die Nebenkosten bezahlt, eingekauft. Während du deine Raten abgestottert hast, hab ich uns ernährt."

„Bleiben wir bei den Fakten, Klaus-Dieter. Ich verdiene dreimal so viel wie du. Ich hab jeden Monat vierhundert Euro Rate überwiesen. Und du hast von deinem Gehalt Kartoffeln gekauft und" – sie deutete in Richtung Flurecke, wo die Angelrute in ihrer Carbonhülle lehnte – „diese Pracht für achthundert Euro. Weil Angeln heilig ist. Aber ein Auto ist plötzlich gemeinsames Eigentum, über das du wie ein Fürst verfügen kannst."

„Sei doch nicht so kleinlich!" Klaus-Dieter wurde ungehalten. „Das ist Familie! Sabine ist meine einzige Schwester. Wenn ich was versprochen hab, halt ich das. Willst du deinem eigenen Neffen etwa das Auto wieder wegnehmen?"

„Das ist mein Problem", erwiderte Renate knapp. „Ich hab dich gehört."

Sie griff ihre Arbeitstasche und ging zur Wohnungstür hinaus. Hinter ihr rief Klaus-Dieter noch etwas über Frauen und Geiz, aber Renate hatte den Aufzug schon gerufen.

Als Erstes fuhr sie zum Notar in der Bahnhofstraße. Der Widerruf der Vollmacht war in zwanzig Minuten erledigt, die Daten gingen sofort ins Zentrale Vollmachtsregister. Danach fuhr sie in ihr Fliesenstudio, ein Fachgeschäft für italienische Feinsteinzeug-Fliesen, das sie als Geschäftsführerin leitete.

Im Verkaufsraum saß ihre Kollegin Petra, eine resolute Frau mit Kurzhaarschnitt, an der Rezeption und prüfte Lieferscheine.

„Wieder eine Lieferung geplatzt?", fragte Petra, ohne aufzublicken.

„Die Italiener sind Heilige verglichen mit meinem Mann." Renate fuhr den Rechner hoch. „Klaus-Dieter hat mir heute Früh erzählt, er hätte meinen Kombi Bastian zur Hochzeit geschenkt. Von uns beiden, hat er Sabine gesagt."

Petra verschluckte sich fast an ihrem Mineralwasser. „Verschenkt? Auf die Vollmacht hin, die du fürs Wochenende ausgestellt hast?"

„Genau. Klaus-Dieter denkt, weil der Junge die Papiere in der Hand hat, trau ich mich nicht, Ärger zu machen. Familie eben." Renate zog einen gefalteten Kassenbon aus ihrer Handtasche. „Ich hab gestern einen Satz Winterreifen bezahlt. Spikes für die Alpen im Herbsturlaub. Klaus-Dieter wusste das. Er wusste, dass ich am Wochenende die Räder wechseln wollte. Und trotzdem hat er die Schlüssel rausgegeben."

„Und jetzt?", fragte Petra mitfühlend.

„War schon beim Notar. Die Vollmacht ist ungültig. Und Bastian wollte den Wagen heute noch zu seiner Verlobten fahren, um damit anzugeben."

Gegen Mittag summte Renates Handy auf dem Schreibtisch. Auf dem Display stand: Sabine. Die Schwägerin rief selten an, meistens nur, wenn sie etwas brauchte.

„Renatchen, hallo!", zwitscherte Sabine munter. „Ich wollte mich bedanken für das Auto! Bastian ist überglücklich!"

„Nichts zu danken, Sabine", antwortete Renate ruhig.

„Ich ruf eigentlich wegen was anderem an." Der Ton der Schwägerin änderte sich, wurde fordernder. „Bastian sagt, da sind Sommerreifen drauf. Bei uns in Ostwestfalen gibt's nachts schon Frost. Ihr solltet euch mal kümmern, dem Jungen einen Satz Winterreifen zu besorgen. Sonst ist das doch blöd – schenkt man was, und der kann nicht mal sicher damit fahren."

Renate atmete durch, fassungslos über diese Logik. „Sabine, hab ich das richtig verstanden? Ich soll deinem Sohn Reifen für sechshundert Euro kaufen, für ein Auto, das ich selbst finanziert hab?"

„Ach, jetzt geht's schon wieder los!", schnaubte Sabine. „Ihr seid doch Familie! Klaus-Dieter verdient nicht viel, hat er mir erzählt, du kontrollierst das ganze Geld. Könntest doch was von deinen Ersparnissen abzweigen. Ist doch dein eigener Neffe!"

„Sag deinem Bruder, er soll seine Reifenprobleme selbst lösen", sagte Renate und legte auf.

Der Rest des Tages verging in Routine. Renate arbeitete durch, konzentriert, fast mechanisch. Sie hatte längst begriffen: Klaus-Dieter hatte ihren Beitrag nie ernst genommen. Ihr Gehalt, ihre Mühe – für ihn selbstverständlich wie die Luft, die er atmete, während er sich als Familienoberhaupt aufspielte.

Um Viertel vor acht schob sich die Glastür des Fliesenstudios auf, und Klaus-Dieter kam mit schnellen Schritten herein. Rot im Gesicht, verschwitzt, sichtlich wütend.

„Renate!" Er blaffte schon von der Tür aus. „Wo ist die Quittung für die Winterreifen? Bastian hat angerufen, sagt, ihm ist kalt. Ich fahr zum Reifenhändler, hol die ab, schick sie ihm mit DHL."

Renate erhob sich von ihrem Schreibtisch.

„Ich hab die Reifen heute Mittag zurückgegeben, Klaus-Dieter. Das Geld ist schon auf meinem Konto."

Ihr Mann blieb zwischen den Ausstellungsstücken stehen. „Wieso zurückgegeben? Der Junge soll auf abgefahrenen Sommerreifen rumfahren?!"

In diesem Moment klingelte Klaus-Dieters Handy in seiner Jackentasche. Er nahm ab, drückte auf Lautsprecher.

„Onkel Klaus!" Aus dem Lautsprecher drang Windrauschen und Motorenlärm der A2. Bastians Stimme überschlug sich. „Mich hat die Polizei angehalten!"

„Beruhig dich", murmelte Klaus-Dieter mit einem Seitenblick zu Renate. „Bußgeld? Überweis ich dir sofort."

„Was für ein Bußgeld?! Die nehmen mir das Auto weg! Abschleppdienst, direkt auf den Verwahrplatz!" Im Hintergrund forderte jemand energisch, das Fahrzeug zu räumen. „Die haben's im System geprüft. Sagen, die Vollmacht ist widerrufen. Ich halt denen den Fahrzeugschein hin, und die lachen bloß! Onkel Klaus, sag doch was! Du hast mir das geschenkt!"

Klaus-Dieter wurde blass. Er sah Renate an, hilflos.

„Hast du die Vollmacht widerrufen?", krächzte er.

„Heute Vormittag schon", bestätigte Renate. „Gleich nach unserem Gespräch über die gemeinsame Kasse."

„Onkel Klaus, was soll ich machen?!", jammerte Bastian aus dem Lautsprecher. „Die setzen mich hier an der A2 raus! Der Abschlepper ist schon da! Und Jenny wartet, wir wollten essen gehen!"

Renate trat neben ihren Mann und nahm ihm das Telefon aus der Hand.

„Bastian, hör mir gut zu", sagte sie, jedes Wort deutlich betont. „Nimm deine persönlichen Sachen aus dem Handschuhfach. Gib dem Beamten die Schlüssel. Und dann geh zur nächsten Bushaltestelle. Familie eben, wirst schon verstehen."

Sie beendete das Gespräch und legte das Handy auf den Tresen.

Klaus-Dieters gönnerhafte Herablassung war verflogen.

„Du hast den Jungen an der Autobahn sitzen lassen!", zischte er.

„Und wie kommst du dazu, fremdes Eigentum zu verschenken?", entgegnete Renate ruhig. „Hast du auch nur einen Cent in dieses Blech gesteckt? Hast du je auf eigene Kosten das Öl gewechselt? Dein Geld ist deine Angelausrüstung und dein Stolz vor der Verwandtschaft. Und mein Geld ist plötzlich 'unsere gemeinsame Kasse'."

„Ich zieh aus, wenn das so weitergeht!", warf Klaus-Dieter sein bewährtes Ultimatum in den Raum.

Sonst hatte Renate danach immer eingelenkt. Nicht heute.

„Musst du nicht", stimmte sie zu. „Ich nehm mir morgen frei, hol das Auto aus dem Verwahrplatz und stell es auf den Parkplatz mit Kameraüberwachung bei uns im Viertel. Und bis ich zurückkomme, packst du deine Sachen. Die Carbonrute nicht vergessen."

Klaus-Dieter drehte sich um und verließ das Studio mit schnellen Schritten. Petra pfiff durch die Zähne.

„Hart. Hast du keine Angst, dass dich die ganze Verwandtschaft verflucht?"

„Sollen sie doch. Weißt du, was mir heute Morgen klargeworden ist? Nicht, dass er das Auto verschenkt hat, ist das Schlimme. Schlimm ist, dass er sich hundertprozentig sicher war, mit mir könne man einfach so umgehen. Das verzeih ich ihm nicht."

Am nächsten Abend kam Renate nach Hause. Im Flur standen drei prall gefüllte Reisetaschen. Klaus-Dieter saß auf dem Schuhschrank-Hocker, Jacke schon an. Er hatte offensichtlich erwartet, dass sie um Verzeihung bittet, eine Szene macht, ihn zum Bleiben überredet.

Renate zog schweigend ihre Schuhe aus, ging an ihm vorbei in die Küche. Füllte ein Glas Wasser, trank es aus.

„Ich geh jetzt", verkündete Klaus-Dieter laut aus dem Flur.

„Ich seh's", antwortete sie. „Die Schlüssel legst du bitte auf die Kommode."

Er stand noch eine Weile, schnaufend. Dann griff er nach den Taschen, klemmte sich das Angelrutenfutteral unter den Arm und ging hinaus auf den Treppenabsatz. Renate trat zur Tür, drehte den Schlüssel im Schloss um, bis das Zahnrad hörbar einrastete. Im Flurschrank hing noch seine zweite Jacke, der Haken daneben war jetzt leer. Sie hängte ihre eigene Jacke an diesen freien Haken und ging in die Küche, um das Wasserglas in die Spüle zu stellen.

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