Mama, ich rede noch immer mit dir

Mama, ich rede noch immer mit dir. Ich, Sabine, sechsundvierzig, wohne seit zwölf Jahren mit meinem Mann und den Kindern in Regensburg, in dem kleinen Haus mit dem Kirschbaum vor der Küche, den du damals mit ausgesucht hast. Manche würden das komisch finden, mit jemandem zu reden, der nicht mehr da ist. Für mich ist es das Normalste der Welt.

Abends, wenn der Geschirrspüler durchläuft und die Kinder oben ihre Zimmer aufräumen sollen und es eigentlich nicht tun, setze ich mich auf die Eckbank in der Küche, und irgendwann fällt mir dein Name aus dem Mund, kaum lauter als ein Atemzug.

Es gibt Abende, da erzähle ich dir alles, was dich interessieren würde. Wie Lukas jetzt schon eine Nummer größere Schuhe braucht als ich. Wie Mia neulich beim Elternabend vorgelesen hat und ich fast geheult hätte vor Stolz. Wie ich versuche, den Garten so zu halten, wie du ihn immer wolltest — die Stauden nicht zu weit auseinander, die Tomaten am Zaun entlang. Kleinigkeiten, bei denen du das Kinn auf die Hand gestützt und gelacht hättest.

Ein Teil von mir ist noch immer in diesem Novembertag hängengeblieben, an dem ich mich von dir verabschieden musste, viel zu früh. Ich erinnere mich an den Wind auf dem Parkplatz vor der Klinik, an diesen schweren Kloß in der Brust, an den Gedanken: Ich werde deine Stimme nie wieder so hören wie vorher. Und dann, mitten im ganz gewöhnlichen Alltag, taucht plötzlich etwas auf, das an dich erinnert — ein Windstoß beim Wäscheabhängen, der Geruch der Rosen am Gartentor nach dem Regen, ausgerechnet dieses eine Lied im Radio, genau in dem Moment, in dem ich an dich denke. Mir fehlt dein ruhiger Ton, Mama, der jeden Sturm in mir kleiner gemacht hat.

Was du nicht mehr erlebt hast, ist der Streit mit meinem Bruder Frank um die Werkstatt in Cham, die euch beiden gehörte. Nach deiner Beerdigung hat er behauptet, du hättest ihm mündlich versprochen, dass er sie allein übernimmt — die Werkstatt, in der du dreißig Jahre lang die Buchhaltung gemacht hast, samt dem Grundstück dahinter. Er hat sogar einen Handwerker bestellt, um das Firmenschild auszutauschen, ohne mit mir zu reden, ohne den Erbschein abzuwarten. Ich habe vor der Werkstatt gestanden, an einem Dienstagvormittag im März, mit dem Notartermin in der Tasche, und ihm gesagt, dass laut Testament die Hälfte mir gehört, schwarz auf weiß, von dir unterschrieben, mit Datum vom vergangenen Sommer. Er hat mich angeschrien, ich würde dein Andenken für Geld verkaufen. Ich habe ihm die Kopie in die Hand gedrückt und gesagt, dass ich beim Notar in der Maximilianstraße einen Termin für die Auszahlung seines Anteils an mich vereinbart habe, achtundvierzigtausend Euro, in drei Raten binnen einem Jahr, oder er zahlt mir meine Hälfte in derselben Höhe aus und behält den Betrieb. Er hat drei Tage nichts gesagt. Dann kam er mit dem unterschriebenen Übernahmevertrag vorbei und legte die Schlüssel zur alten Verwaltung auf den Küchentisch, ohne ein Wort mehr über dein angebliches Versprechen.

Seitdem ist es ruhiger zwischen uns, nicht warm, aber ruhig. Er zahlt pünktlich, ich lasse ihn in Ruhe arbeiten. Manchmal fahre ich am Nachmittag an der Werkstatt vorbei, langsamer als nötig, und sehe durch die Scheibe das Schild mit unserem Nachnamen, frisch lackiert, die Schrauben noch blank. Drinnen brennt Licht, jemand hantiert mit einem Schlagschrauber, das Geräusch dringt bis auf die Straße. Ich fahre weiter, den Kirschbaum vor Augen, der zu Hause auf mich wartet, und denke an deine Hand auf dem Küchentisch, wie sie den Kaffeelöffel gegen die Tasse klopfte, wenn du sagen wolltest, jetzt reicht's, Kinder, vertragt euch.

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