Meine Mutter Ingrid wohnte seit ihrem sechzigsten Geburtstag allein in einer Zweizimmerwohnung in Gelsenkirchen, drei Straßenbahnhaltestellen von mir entfernt, und ich fuhr trotzdem selten hin. Sie rief jeden Sonntag um neun an, fast auf die Minute, und ich ließ das Telefon oft klingeln, bis der Anrufbeantworter ansprang, weil ich noch im Bett lag und keine Lust auf ihre Fragen hatte. Wie es der Werkstatt geht. Ob ich schon gegessen habe. Ob ich die Wäsche gewaschen habe, obwohl ich zweiunddreißig war und seit zehn Jahren meine eigene Autolackiererei führte, die mein Vater mir hinterlassen hatte, bevor er starb.
Sie kam trotzdem vorbei, mit einem Netz voller Bratäpfel oder einer Tupperdose Rouladen, stellte sich in die Tür der Werkstatt und fragte die Lehrlinge, ob ich sie überhaupt richtig behandle. Das war mir peinlich vor den Jungs. Ich sagte ihr das auch, einmal ziemlich schroff, an einem Donnerstag im Regen, sie solle aufhören, mich wie einen Zwölfjährigen zu behandeln, ich hätte eine Firma mit sieben Angestellten, ich brauche keine Aufsicht. Sie hat nichts erwidert, nur die Dose auf die Werkbank gestellt und ist zur Bushaltestelle gegangen, obwohl es in Strömen goss und ich ihr den Schirm hätte bringen können. Ich habe es nicht getan.
Vor zwei Jahren fing es an, dass sie Termine vergaß. Erst kleine Sachen — den Zahnarzt, die Müllabfuhr am Dienstag statt am Mittwoch. Dann rief die Nachbarin, Frau Kessler, bei mir an und sagte, meine Mutter habe den Herd angelassen, zum zweiten Mal in einem Monat. Ich fuhr hin, schimpfte mit ihr, als wäre es ihre Schuld, dass ihr Gedächtnis nachließ. Sie saß am Küchentisch, die Hände um eine Tasse kalten Kaffee gelegt, und sagte nur: „Ich wollte dich nicht stören, du hast so viel zu tun mit der Werkstatt.“ Das war der Satz, den sie am häufigsten sagte in diesen Jahren. Ich wollte dich nicht stören.
Im letzten Winter kam der Anruf vom Klinikum Gelsenkirchen. Ein Schlaganfall, die linke Seite, die Ärztin sprach von einer Woche Beobachtung, vielleicht länger. Ich saß im Wartebereich der Neurologie, unter einem Neonlicht, das flackerte, und dachte an die Rouladen-Dose, die ich nie zurückgebracht hatte, sie stand seit acht Monaten ungewaschen in meiner Spüle. Meine Schwester Petra kam aus Essen angefahren, mit rotgeweinten Augen, und fragte mich, wann ich das letzte Mal mit Mama gesprochen hatte, nicht am Telefon, sondern wirklich gesprochen. Ich wusste die Antwort nicht.
Ingrid erholte sich, aber langsamer als erwartet, und konnte die rechte Hand kaum noch benutzen, mit der sie früher Bratäpfel geschält hatte. Sie kam zurück in ihre Wohnung, mit einer Pflegestufe und einem Rollator, den sie hasste, weil er, wie sie sagte, aussah wie etwas für eine alte Frau. Ich fing an, dienstags vorbeizukommen, nach Feierabend, roch nach Lack und Lösungsmittel, brachte ihr Bratkartoffeln vom Imbiss um die Ecke, weil ich selbst nicht kochen konnte. Wir saßen dann am Küchentisch, unter der Lampe mit dem Perlenschirm, den sie seit dreißig Jahren nicht ausgetauscht hatte, und sie fragte mich wieder, ob ich gegessen hätte, und ich antwortete zum ersten Mal seit Jahren ehrlich.
An einem Dienstag im März, es regnete wieder, war die Wohnungstür angelehnt. Frau Kessler stand davor, mit dem Handy in der Hand, und sagte nur meinen Namen, Klaus, komm rein. Ingrid lag auf dem Küchenboden, neben dem umgekippten Rollator, die Augen geschlossen. Der zweite Schlaganfall. Ich hielt ihre gesunde Hand, bis der Rettungswagen kam, und redete auf sie ein, über die Werkstatt, über einen neuen Lehrling namens Timo, über alles, was mir einfiel, weil jemand mir mal gesagt hatte, dass Menschen im Koma noch hören können. Sie starb noch in derselben Nacht im Klinikum, ohne dass sie noch einmal die Augen öffnete.
Drei Wochen später saß ich mit Petra beim Notar in der Bahnhofstraße, um den Nachlass zu regeln. Die Wohnung, ein Sparbuch mit vierzehntausend Euro, und ein Umschlag mit meinem Namen darauf, den Ingrid vor zwei Jahren hinterlegt hatte, noch vor dem ersten Schlaganfall. Darin lag der zweite Schlüssel zur Werkstatt — den ich selbst ihr vor Jahren gegeben hatte, „für den Notfall", und den ich nie zurückverlangt hatte, weil ich vergessen hatte, dass sie ihn überhaupt besaß. Dazu ein Zettel, ihre Handschrift, krakelig von der schwachen Hand: „Falls dir mal die Kasse ausgeht, Klaus. Hab immer was zur Seite gelegt. Frag Kessler nach der Blechdose im Küchenschrank."
Ich fuhr noch am selben Nachmittag zu Frau Kessler. In der Dose, hinter dem Mehl, lagen zweitausendzweihundert Euro in Scheinen, zusammengehalten von einem Haushaltsgummi, gespart aus einer Rente, die kaum für sie selbst gereicht hatte. Ich stand in ihrer Küche mit dieser Dose in der Hand und wusste plötzlich, was ich tun würde. Ich rief Petra an, und wir vereinbarten, das Geld nicht zu behalten. Wir eröffneten damit ein Konto bei der Stadtsparkasse Gelsenkirchen, auf den Namen von Timo, meinem Lehrling — der sich seit Monaten allein durchschlug, weil sein Vater ihn rausgeworfen hatte, und den Ingrid immer gefragt hatte, ob er schon gegessen habe, wenn er mit mir zum Kaffeetrinken vorbeikam. Ich übergab ihm die Kontounterlagen an einem Montagmorgen in der Werkstatt, vor den anderen, und sagte ihm nur, das sei von meiner Mutter, für die Meisterschule, wenn er so weit sei.
Die Werkstattschlüssel, alle drei Sätze, ließ ich noch in derselben Woche austauschen, nicht weil ich Angst vor Einbrechern hatte, sondern weil ich den alten, den sie besessen hatte, nicht mehr in fremden Händen wissen wollte, außer in meinen eigenen. Ich trage ihn seitdem an einem Schlüsselring mit einem kleinen Bratapfel aus Filz, den sie mir vor Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte und über den ich mich damals lustig gemacht hatte.
Im vergangenen Herbst, anderthalb Jahre nach ihrem Tod, rief Frau Kessler mich an und sagte, sie habe beim Ausräumen des Kellerabteils eine zweite Blechdose gefunden, kleiner, mit Fotos von mir als Kind und einem Sparbuch, das Ingrid schon 1998 für mich angelegt hatte, mit knapp sechshundert Mark Einzahlung — Geld, das sie offenbar über Jahre zurückgehalten hatte, ohne dass ich je davon wusste. Ich habe das Sparbuch nicht aufgelöst. Es liegt jetzt in der Werkstattschublade, neben dem Schlüsselbund mit dem Filzapfel, und wenn Timo danach fragt, sage ich ihm nur, das sei noch offen.
