„Reiß deine Büsche raus, Tante Hedwig! Hier steht gleich mein SUV!“ – „Und wo, bitte, soll ich meinen Kombi hinstellen? Aufs Dach von deinem Gartenhaus?“
Der schwarze BMW X5 nahm die letzte Kurve vor dem Grundstück mit vollem Schwung, walzte über die Rabatte am Wegrand und drückte die Räder tief in die Rosenerde. Die Hortensien knickten mit einem trockenen Knacken, weiße Blütenblätter flogen wie Konfetti über die Motorhaube. Der Wagen kam einen halben Meter vor der Holzveranda zum Stehen.
Hedwig Brenner ließ vor Schreck die Heckenschere ins Beet fallen. Ihr Herz raste, und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen – vom aufgewirbelten Staub und vom dröhnenden Motor. Sie stand mitten im Garten, in ihrer verwaschenen Kittelschürze, und brachte keinen Ton heraus.
Die Fensterscheibe glitt herunter. Zigarettenrauch und kalte Klimaanlagenluft schlugen ihr entgegen. Ihr Neffe Dennis stieg aus, das Leinenhemd über den Bauch gespannt, schob die Sonnenbrille hoch und grinste breit.
„Na, Tante! Was guckst du so? Deine Einfahrt ist ja lächerlich eng, ich bin fast am Torpfosten hängengeblieben. Wird Zeit, dass du den Zaun mal einen Meter zurücksetzt.“
Vom Beifahrersitz kletterte Jennifer, seine Freundin. Ihre Sandaletten mit der Plateausohle versanken sofort im feuchten Erdreich unter dem Apfelbaum. Sie zog angewidert das Gesicht.
„Dennis, sag mal, schau doch, wo du hintrittst! Das ist ja reiner Sumpf hier. Meine Schuhe sind hin!“
Hedwig wischte sich die Gartenhandschuhe an der Schürze ab und ging auf die beiden zu. „Guten Tag. Hättet ihr nicht vorher anrufen können? Ich habe euch heute nicht erwartet.“
„Ach, jetzt jammer nicht rum!“, lachte Dennis und musterte das Grundstück, als gehöre es ihm bereits. „Familie kommt vorbei, da sollst du dich freuen. In Bochum kocht der Asphalt, man kriegt keine Luft mehr. Wir bleiben drei Tage, machen Grillfleisch, lassen die Seele baumeln.“
„Ich betreibe hier keine Pension“, sagte Hedwig. „Und das Gästezimmer ist noch voller Einweckgläser und Wäsche zum Trocknen.“
„Räum halt deine Gläser weg, die brechen schon nicht“, winkte er ab. „Erstmal müssen wir die Hauptfrage klären, solange die Sonne noch nicht ganz oben steht. Wegen dem Auto.“
„Was für ein Auto?“
„Na, meins! Soll ich den etwa unten an der Landstraße stehen lassen? Da rattern alle zehn Minuten die Kieslaster vom Steinbruch vorbei, der Lack ist in einer Stunde durch.“
„Am Ortseingang, bei der Schrankenhütte, gibt es einen Parkplatz“, erinnerte Hedwig. „Trocken, geschottert, und der Wachmann sitzt rund um die Uhr dort.“
Dennis verzog das Gesicht und schnaubte. „Klar, und dann dreihundert Meter durch die pralle Sonne laufen, ja? Ich hab Kühltaschen im Kofferraum, Fleisch, den Bluetooth-Lautsprecher. Bin ich zum Erholen hier oder zum Schleppen?“
Jennifer umrundete währenddessen den Wagen, den Saum ihres kurzen Kleides raffend. „Dennis, ehrlich, was soll das Mittelalter hier? Wozu diese Hecke mitten im Hof? Man kann ja nicht mal einen Liegestuhl aufstellen, nicht mal richtig sonnenbaden. Nur Mücken und Fliegen brüten in dem Gestrüpp.“
„Genau das sag ich ja“, fiel Dennis ein, jetzt richtig in Fahrt. „Also, Tante, hör zu, mein Plan. Dein Unkraut da unterm Fenster nützt keinem was. Weder Beeren dran noch sonst was Vernünftiges. Wir machen jetzt schnell die Fläche sauber.“
Er trat zum Kofferraum, drückte den Knopf, die Klappe schwang hoch. Auf den Gartenweg stellte er einen fleckigen Blechkanister, dazu einen Spaten und ein schweres Abschleppseil aus Stahl.
Hedwig trat näher, innerlich kochend vor Wut. „Was ist da drin?“
„Diesel, gemischt mit Altöl und einem starken Unkrautvernichter“, erklärte Dennis stolz. „Die Jungs aus der Werkstatt haben mir das besorgt, funktioniert todsicher. Wir hacken die Büsche ab und gießen die Erde ordentlich durch, damit da nie wieder was wächst. Heute Abend bestell ich noch eine Fuhre Schotter, dann walzen wir hier eine schöne Einfahrt. Du hast deine Ordnung, und meine Karre steht wie angegossen.“
Hedwig blieb fast die Luft weg. „Bist du noch bei Trost, Junge? Diese Hortensien pflege ich seit vier Jahren, jedes Frühjahr vor dem Frost geschützt, Kompost geschleppt, jeden Trieb gehegt!“
„Ach, geht’s schon wieder los“, seufzte Jennifer und strich sich die gefärbten Haare zurecht. „Bei euch auf dem Land wird aus jeder Kleinigkeit gleich ein Drama. Der Mann müht sich in der Hitze ab, um den Hof in Ordnung zu bringen, und sie hängt an ihrem Gestrüpp. Zwei Quadratmeter kann sie ihrem eigenen Neffen nicht gönnen?“
„Das ist mein Grundstück“, sagte Hedwig. „Und meine Blumen. Hier kommt kein Schotter hin.“
Dennis stemmte die Hände in die Hüften, musterte sie von oben herab. „Hör mal, Hedwig, jetzt spiel nicht die Prinzessin. Du bist alleinstehend, was willst du denn noch mit dem ganzen Garten? Dir den Rücken kaputt machen in deinem Alter? Wir bringen hier Zivilisation rein, eine ordentliche Parkfläche – da könntest du auch mal Danke sagen, statt beleidigt zu sein.“
„Ich habe um keine Wohltat gebeten. Pack deinen Kram und fahr wieder zum Tor raus.“
Jennifer zuckte nervös mit den Schultern. „Dennis, mach doch mal was! Diese Hitze ist unerträglich, ich will mich umziehen. Tante, wo ist bei euch die Dusche mit Warmwasser?“
„Gibt’s nicht“, entgegnete Hedwig knapp. „Die Pumpe ist am Brunnen, die Gießkanne steht am Beet.“
„Wie – gibt’s nicht?“, machte Jennifer große Augen. „Und wie sollen wir uns nach der Fahrt waschen?“
„Gar nicht. Steigt ins Auto und fahrt zurück nach Bochum.“
Dennis knallte den Spaten scheppernd auf den Weg. Sein Gesicht lief rot an, und einen Herzschlag lang zuckte etwas Unsicheres über seine Züge, als hätte er selbst nicht mit so viel Widerstand gerechnet. Dann kam die Wut zurück, lauter als zuvor. „Was faselst du da, alte Frau? Wir sind hundert Kilometer im Stau gefahren, haben Sprit verbrannt, und du schmeißt uns direkt an der Haustür raus?“
„Ich habe euch nicht an einer Kette hergezogen.“
„Uns muss man nicht einladen, wir kommen zu uns nach Hause! Das Haus hat Opa gebaut, klar? Das ist unser Grund und Boden!“
Hedwig trat dicht an ihn heran. „Opa hat’s gebaut, und ich habe nach seinem Tod jeden Anteil ausgezahlt. Deiner Mutter das Geld in die Hand gedrückt, dir persönlich die Scheine abgezählt, bis auf den letzten Cent. Vergessen schon? Ich hab Nachtschichten bei der Bahn geschoben, um euch auszuzahlen!“
„Ach, ein paar Almosen hingeworfen!“, brüllte Dennis und kam noch näher. „Und jetzt denkst du, du bist die Alleinherrscherin hier? Dieses Land gehört der ganzen Familie! Und hier steht mein SUV, verstanden?! Und deine Büsche mach ich jetzt platt, wenn du es im Guten nicht kapierst!“
Er packte den Kanister und drehte energisch am Verschluss. Ein beißender Dieselgeruch zog über den Hof.
„Weg da, Tante, sonst wird’s ungemütlich! Ich häng das Seil an die Anhängerkupplung und zieh dein Gestrüpp in zwei Minuten raus.“
Jennifer kicherte hämisch und verschränkte die Arme. „Genau! Wird auch Zeit, dass hier mal jemand zeigt, wer das Sagen hat.“
Hedwig wich einen Schritt zurück. Ihre Hände zitterten leicht, aber der Nebel in ihrem Kopf war verflogen. Mit solchen Leuten zu diskutieren war zwecklos – die verstanden nur eine Sprache. Sie bückte sich, packte den schweren Kanister an seinem Griff und zerrte ihn im Laufen ein gutes Stück zur Seite, hinter die alte gusseiserne Gießwanne am Zaun, außer Reichweite der Beete. Erst dann griff sie in die Tasche ihrer Schürze. Ihre Finger fanden das kühle Plastikgehäuse der Fernbedienung mit den zwei Gummitasten.
„Was soll das jetzt?“, rief Dennis ihr verdutzt hinterher, während er sich bückte, um den Kanister zurückzuholen. „Lass das stehen, das gehört mir!“
Im letzten Sommer, als sie die Bewässerungsanlage hatte einbauen lassen, hatte der Installateur eine kräftige Kreiselpumpe an den Brunnen angeschlossen, mit Rohren und versenkten Messing-Sprinklern entlang der Rabatte und am Torbereich. Nicht alle Düsen waren dabei gleich zuverlässig – eine am äußersten Rand des Beets klemmte seit dem Frühjahr und kam nur träge hoch, das hatte Hedwig sich längst vorgenommen, reparieren zu lassen.
Sie warf einen Blick auf den SUV. Beide Seitenscheiben standen halb offen, um den aufgeheizten Innenraum zu lüften. Hedwig drückte die runde Taste, bis es klickte. Ohne ein weiteres Wort ging sie zum Geräteschuppen, stieg die Stufen der Sommerküche hoch und stellte sich hinter das Holzgeländer.
Die Antwort kam aus dem Rasen. Unter der Grasnarbe klickte trocken ein Relais. Der Boden bebte leicht vom anlaufenden Tiefbrunnenmotor. Eine Sekunde später schossen mit scharfem Zischen die Messingdüsen aus dem Rasen hoch, die meisten jedenfalls – die klemmende Düse am Rand ruckelte nur, hustete zwei magere Wasserstöße und blieb dann stecken. Über dem restlichen Beet aber richtete sich eine dichte, eiskalte Wasserwand auf.
Der erste Schwall traf Dennis seitlich an der Schulter, gerade als er nach dem Kanister greifen wollte. Er verlor kurz das Gleichgewicht, fing sich aber, riss den Kanister trotzdem an sich und schaffte es, im Stolpern einen kräftigen Schwung Diesel-Öl-Gemisch über die nächststehenden Hortensienstöcke zu kippen, bevor ihm der zweite Wasserstoß das Blech aus den Fingern schlug. Ein bitterer Geruch nach verbranntem Öl mischte sich unter das nasse Grün.
„So ein Mist!“, heulte Dennis auf, als ihn der Wasserschwall mitten in die Brust traf, ihm die Kappe vom Kopf riss und die Designerbrille in die Brennnesseln schleuderte.
Gleich darauf erwachte die zweite Kreisdüse direkt vor der Veranda. Eine dichte, eisige Sprühwand legte sich über Jennifer. Ihr dünnes Sommerkleid war binnen einer Sekunde klatschnass, klebte am Körper, die aufwendige Dauerwelle hing in nassen Strähnen herunter.
„Aaah! Dennis, mach das aus! Sofort ausmachen!“, kreischte sie und ruderte mit den Armen. Die Sandaletten rutschten auf dem aufgeweichten Boden weg. Sie stürzte mit einem satten Platschen mitten in den aufgerissenen Kohlesack. Die trockenen Krümel vermischten sich sofort mit dem sprudelnden Brunnenwasser zu zähem, schwarzem Matsch, der ihre Knie, Arme, Gesicht und das helle Kleid überzog.
„Wo ist der Haupthahn, du alte Hexe?!“, brüllte Dennis wütend und stolperte in Richtung Veranda. Doch die Messingdüsen trafen ihn immer wieder, alle paar Sekunden ein neuer Strahl, der ihm den Atem raubte und ihm ins Gesicht spritzte. Das Wasser aus dem vierzig Meter tiefen Brunnen war eiskalt – kaum über fünf Grad. Dennis japste, hustete und krümmte sich vor Kälte, während er gleichzeitig noch immer nach dem umgekippten Kanister tastete, als könne er wenigstens den retten.
Dann erreichte der Wasserfächer den offenen SUV. Ein breiter Strahl schoss durch die halb geöffneten Fenster. Im Innenraum gluckerte es dumpf. Das eisige Wasser lief über den Multimedia-Bildschirm, das Armaturenbrett, verschwand rauschend in den Lüftungsschlitzen und tränkte das helle Leder der Vordersitze.
„Die Karre! Verdammt, meine Karre!“, brüllte Dennis mit überschnappender Stimme, Büsche und Diesel für einen Moment vergessen – nur um sich sofort wieder umzudrehen und mit blankem Entsetzen auf die geknickten, ölverschmierten Hortensienstöcke zu starren, als begriffe er selbst nicht ganz, was er da eben angerichtet hatte. Dann stürzte er zur Fahrertür, rutschte auf dem aufgeweichten Lehm aus, rutschte einen Meter auf dem Bauch über die Erde und knallte mit der Schulter gegen den nassen Reifen.
Jennifer robbte schluchzend und mit Kohlestaub im Gesicht hinterher. „Dennis, wir fahren! Sie ist verrückt geworden! Sie ersäuft uns hier noch!“
Beim dritten Versuch bekam Dennis die Türklinke zu fassen, warf sich in den durchweichten Sitz und drückte fahrig auf den Startknopf. Der Anlasser kreischte, der Motor sprang nach zwei Fehlversuchen doch noch an.
„Steig ein, verdammt!“, brüllte er durchs Fenster, während er sich das Wasser aus dem Gesicht wischte. Jennifer ließ eine Sandalette in der Matschspur zurück, tauchte kopfüber auf die Rückbank und schlug die Tür zu.
Hedwig stand auf der Veranda der Sommerküche, die Fernbedienung fest in der Hand, und beobachtete alles mit angehaltenem Atem. Der SUV heulte mit durchdrehenden Reifen auf und schoss los. Die Räder rissen die Grasnarbe auf, schleuderten Erdklumpen gegen die Türen und Spiegel. Dennis setzte wahllos zurück, riss dabei einen Holzpfosten am Zaun um, verbeulte die Stoßstange an der alten gusseisernen Gießwanne und donnerte hinaus auf den Feldweg. Das Tor blieb sperrangelweit offen.
Über dem Hof lag nur noch das gleichmäßige Rauschen der Sprinkler. Kaltes Wasser wusch die niedergedrückten Blumen, so gut es ging, sauber, spülte Ruß und fremde Fußspuren fort.
Hedwig wartete ein paar Minuten, dann drückte sie die zweite Taste. Das Pumpengeräusch verstummte. Die Düsen versanken mit leisem Klicken im Rasen. Man hörte, wie schwere Tropfen von den nassen Blättern fielen und irgendwo hinter dem Zaun Frösche quakten. Die Luft roch nach frischem Ozon, nach Johannisbeerlaub und aufgewühlter Erde – und darunter, hartnäckig, nach verbranntem Diesel.
Hedwig stieg von der Veranda herunter. Drei Hortensienstöcke waren unter dem Ölguss regelrecht verbrannt, die Blätter schon jetzt braun und schlaff. Sie hob die Schere auf, schnitt die vergifteten Triebe bis auf den Stumpf zurück und trug sie zum Komposthaufen – dort würden sie nicht hingehören, aber vorerst musste die Erde weit weg von den restlichen Beeten warten. Den restlichen Diesel aus dem umgekippten Kanister fischte sie mit dem Rechen aus dem Gras, schleppte die Dose zur Straße und warf sie in die Mülltonne. Die verseuchte Erde würde sie in den nächsten Tagen ausheben und austauschen müssen, das war ihr klar, während sie den Rechen an die Schuppenwand lehnte. Dann schob sie die Torflügel zu und ließ den Stahlriegel ins untere Loch einrasten.
Das Telefon in ihrer Schürzentasche klingelte eine halbe Stunde später, während sie sich am Gartenwaschbecken die Hände mit kühlem Wasser wusch. Auf dem Display stand der Name Marlies – die Schwester ihres verstorbenen Mannes und Mutter von Dennis.
Hedwig nahm ab.
„Hedwig!“, brüllte Marlies gleich los, so laut, dass es in ihrem Ohr klingelte. „Bist du noch bei Trost?! Total durchgedreht im Alter?! Die Kinder besuchen dich in aller Freundlichkeit, wollen sich von der Fahrt erholen, und du übergießt sie mit dreckigem Wasser?! Dennis zittert am ganzen Körper vor Kälte, die ganze Elektronik im Auto ist hinüber! Jennifer hat einen Nervenzusammenbruch, ihr Kleid für dreihundert Euro ist im Eimer! Wer glaubst du eigentlich, dass du bist, auf Opas Grundstück?!“
„Dennis hat versucht, meine Beete mit Diesel und Gift zu vergiften und dann eine Einfahrt drüber zu walzen“, sagte Hedwig ruhig. „Drei Hortensien sind jetzt hinüber, die grabe ich morgen aus. Bevor du weiterschreist, überleg dir, wessen Schuld das eigentlich ist.“
„Was für eine Grenze?! Erzähl mir keine Märchen! Wir finden schon einen Weg, dich zur Verantwortung zu ziehen! Wir holen uns das Haus zurück, verstanden?! Du bist da niemand!“
„Das Grundstück ist auf mich eingetragen“, entgegnete Hedwig. „Deine Quittungen und die von Dennis liegen bei mir. Weißt du noch, wie ihr vor fünf Jahren an meiner Tür gestanden habt und darauf gedrängt habt, dass ich eure Anteile auszahle? ‚Ach, Hedwig, wir brauchen das Geld, was sollen wir mit dem Garten.‘ Erinnerst du dich? Ich habe die Kredite abgezahlt, während ihr auf Mallorca wart.“
„Wie kannst du es wagen, deiner eigenen Familie ein paar Groschen vorzuwerfen?!“
„Sehr leicht“, sagte Hedwig knapp. „Wenn er sich noch einmal an mein Tor traut, schicke ich die Aufnahme von der Überwachungskamera in den Gruppenchat der Siedlung. Sollen sich alle anschauen, was für einen unverschämten Schnorrer du großgezogen hast.“
Am anderen Ende blieb es einen Moment unangenehm still.
„Was für eine… Aufnahme? Du lügst doch!“
„Willst du es nachprüfen?“, fragte Hedwig trocken. „Die Kamera hängt genau unter der Dachrinne, nimmt mit Ton auf. Also sag deinem Adler: Er soll in Bochum bleiben und seine Autositze trocknen lassen. Gespräch beendet.“
Sie legte auf und setzte Marlies' Kontakt auf die Sperrliste. Gleich danach folgten die Nummern von Dennis und Jennifer.
Zwei Wochen vergingen. Die drückende Julihitze war der kühlen Augustluft gewichen, nachts zog schon der erste Tau übers Gras. An der Stelle, wo die verbrannten Hortensien gestanden hatten, war nur noch dunkle, frisch umgegrabene Erde zu sehen; die neuen Setzlinge, die Hedwig aus der Gärtnerei geholt hatte, brauchten noch Zeit, um anzuwachsen. Die übrigen Büsche trugen wieder üppige weiße Blütenbälle.
An einem Samstagmittag hielt an ihrem Zaun der blaue Kastenwagen des Nachbarn, Herr Wolfgramm. Hedwig trat mit einem Korb frischer Äpfel auf den Weg. Der alte Mann stellte den Motor ab, schob die Mütze zurück und lehnte sich über den Zaun.
„Na, Frau Brenner! Ihr Neffe, der mit dem schwarzen Geländewagen, hat den ganzen Gruppenchat der Siedlung mit seinem Gejammer zugetextet.“
„Und was schreibt er so?“
„Ohne Unterlass, muss ich sagen! Er schreibt, seine Tante sei eine Furie, hätte ihn wie einen Räuber mit dem Schlauch abgespritzt, lässt die eigene Familie nicht ins Haus. Verlangt, dass der Vorstand Sie verpflichtet, auf eigene Kosten einen Gästeparkplatz hinterm Zaun anzulegen.“
„Und was sagt der Vorstand?“, erkundigte sie sich.
„Der Vorsitzende hat ihm direkt im Chat, vor allen Leuten, eine klare Antwort gegeben“, lachte Herr Wolfgramm. „Junger Mann, sagt er, du hast wohl den Überblick verloren. Willst du einen Privatparkplatz, dann kauf dir selbst ein Grundstück. Bei der Schrankenhütte steht Platz genug, für ein paar Cent am Tag. Wenn dir das nicht passt, park im Graben hinterm Bahnübergang.“
„Danach ist der Neffe aus der Gruppe raus, mitsamt Profilbild!“
„Geschieht ihm recht“, sagte Hedwig. Sie reichte ihrem Nachbarn ein paar große gelbe Äpfel über den Zaun. „Hier, Herr Wolfgramm, für Ihre Frau.“
„Danke schön!“
Der Nachbar startete seinen Kastenwagen und rollte gemächlich weiter die Straße entlang. Hedwig ging zurück zur Veranda, kniete sich vor die frisch umgegrabene Stelle im Beet und drückte vorsichtig einen der jungen Hortensiensetzlinge in die lockere Erde. Sie klopfte die Erde um den Wurzelballen fest, goss aus der Kanne einen Schwall Wasser nach und blieb noch einen Moment hocken, die Hände voller Erde, während in der Rabatte die Hummeln summten und irgendwo hinter dem Zaun ein Auto vorbeifuhr, ohne langsamer zu werden.
