Der Schäferhund musterte die Frau misstrauisch. Man hatte das Kätzchen schon zweimal aus dem Zwinger getragen, zur Tierklinik nach Rendsburg, aber diesmal spürte die Hündin etwas anderes. Bella rührte den Napf seit zwei Tagen nicht an.
Sabine Kroll ging in die Hocke vor dem Gitter, stellte den Napf direkt auf den Betonboden des Zwingers — angewärmt, mit aufgeweichtem Futter, wie man es für Welpen macht. Die Hündin drehte nicht mal den Kopf. Sie lag mit der Schnauze in die Ecke, wo bis vorgestern das Stroh gelegen hatte, stand dann auf, tapste an der Wand entlang, schnüffelte lange am Beton und legte sich wieder hin. Sie suchte.
„Sie sucht sie", sagte Kerstin Volkmann leise hinter ihr. „Ich hab doch schon alles saubergemacht, frisches Stroh reingelegt. Und sie schnüffelt und schnüffelt."
Der Regen trommelte so laut auf das Blechdach, dass man lauter reden musste als sonst. Ende Oktober, der Hof bei Rendsburg war aufgeweicht, die Gummistiefel schmatzten im Matsch zwischen Tor und Zwingern. Sabine wollte seit drei Wochen jemanden für das Dach über Block A organisieren — es tropfte direkt aufs Stroh —, aber seit drei Wochen reichte das Geld nur fürs Futter.
„Sabine, sie gibt auf", Kerstin wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht, man konnte nicht sagen, ob das Regen war oder nicht. „Ich hab das schon erlebt. Erst fressen sie nicht, dann legen sie sich hin, und das war's."
Bella war Ende August gebracht worden. Jemand hatte sie an einen Baum bei der Bushaltestelle am Wochenmarkt gebunden — mit Wassernapf, Halsband, Leine, ordentlich, fast fürsorglich. Nur war sie trächtig. Formal hatte niemand etwas Böses getan. Im Grunde hatte man sie am Straßenrand zum Sterben zurückgelassen, dazu noch mit den ungeborenen Welpen im Bauch.
Zwei Monate hatte sie gebraucht, um sich zu erholen. Sie fing an zu fressen, ging spazieren, ließ Kerstin sogar die Knoten an ihrer Flanke auskämmen. Vor einer Woche, nachts, hatte sie zwei Welpen geworfen. Beide waren zu klein, zu schwach, und bis zum Morgen blieb nur Bella allein in der Ecke zurück.
Die Milch kam trotzdem. Das machte alles nur schlimmer.
„Hör mal", Kerstin richtete sich plötzlich auf. „Und wenn wir ihr ein fremdes unterschieben?"
„Ein fremdes was?"
„Na, einen Welpen. Nur einen. Sie fängt an zu säugen, lenkt sich ab. Hunde nehmen das an, ich hab's gelesen."
Sabine sah sie an, wie man jemanden ansieht, der etwas völlig Richtiges und völlig Unmögliches vorschlägt.
„Und wo soll ich dir jetzt einen neugeborenen Welpen hernehmen? Bei uns im Heim hat keine geworfen. In den Dörfern ist jetzt auch nicht die Zeit dafür."
„Wir schreiben's in den sozialen Medien", beharrte Kerstin. „Irgendwer hat einen großen Wurf, die Mutter schafft nicht alle. So was gibt's."
Sabine formulierte den Aufruf viermal um. Erst klang er zu nüchtern, dann zu weinerlich, dann vergaß sie die Telefonnummer. Sie veröffentlichten ihn um halb sieben abends und checkten danach alle fünfzehn Minuten das Handy. Es wurde geteilt. Herzen kamen. „Haltet durch, Mädels", „alles Gute", „arme Hündin". Aber kein Welpe.
Am nächsten Tag, gegen vier Uhr, brach in den Zwingern ein Gebell los, das die Frauen zunächst nicht einordnen konnten. Im Heim herrschte nie Stille, aber das war anderes Bellen — das, mit dem man Fremde am Tor begrüßt.
Vor dem Zaun standen zwei Kinder. Ein Junge, vielleicht neun, in einer zu großen Jacke mit kaputtem Reißverschluss, und ein Mädchen, kleiner, mit einer rosa Mütze schief auf dem Kopf. Beide nass, beide verheult. Das Mädchen presste etwas an die Brust, unter der offenen Jacke.
„Frau", begann sie und schluchzte gleich auf. „Frau, nehmen Sie ihn, bitte."
Sie zog ein winziges graues Kätzchen unter der Jacke hervor. Es war so groß wie eine Handfläche, blind, das Fell am Körper klebte feucht zusammen, und es piepste so dünn, dass der Ton fast im Regen unterging.
„Wir haben ihn bei den Mülltonnen gefunden", sprudelte der Junge heraus, als hätte er Angst, man würde ihn nicht ausreden lassen. „Da stand ein Karton, und er war der Einzige übrig. Wir haben ihn heimgebracht, aber Mama hat nein gesagt. Wir haben Oma bei uns, sie kriegt schlecht Luft von Katzen, das ist wirklich wahr, ich lüge nicht."
„Er kann noch nicht alleine fressen", ergänzte das Mädchen. „Wir wollten es mit der Pipette, aber er nimmt nichts."
Der Junge kramte in seiner Tasche und legte zerknitterte Scheine und Kleingeld auf seine nasse Handfläche.
„Hier. Das ist für Futter. Ich hab für einen Fußball gespart, aber der Ball kann warten."
Sabine und Kerstin sahen sich an. Beiden kam der gleiche Gedanke gleichzeitig, und beide hatten Angst, ihn auszusprechen.
„Steck das Geld weg", sagte Sabine zum Jungen. „Ernsthaft, steck es weg, sonst wird's nass. Und das Kätzchen gebt her. Euer Findling hat großes Glück, würde ich sagen. Er kriegt vielleicht eine Mama."
„Eine echte?", fragte das Mädchen zweifelnd zurück.
„Mal sehen."
Innerlich war da keine Gewissheit. Ob sie ihn annehmen würde. Und ob sie überhaupt etwas annehmen würde, das kein Hund war.
„Dürfen wir wiederkommen?", das Mädchen wischte sich schon mit dem Fäustling die Nase. „Er heißt Momo. Den Namen hab ich mir ausgedacht."
„Kommt vorbei", nickte Kerstin. „Nur mit euren Eltern."
Sie wärmten das Kätzchen etwa zwanzig Minuten auf. Kerstin legte ein altes Frotteetuch auf die Heizung, Sabine hielt Momo in den Handflächen und pustete ihn warm, wie man erfrorene Finger anhaucht. Er hörte auf zu piepsen und fing an, sich zu regen — das war schon etwas.
Sie gingen zu zweit in den Zwinger. Bella hob den Kopf, blieb aber liegen.
„Bella, Mädchen", Sabine setzte sich direkt ins Stroh, legte ihr die Hand auf den Nacken. „Schau. Schau, was ich dir mitgebracht hab."
Die Hündin spannte sich an, die Ohren nach vorn, die Nase zuckte in Richtung des winzigen, feuchten Bündels in Sabines Händen. Kerstin hielt die Luft an. Momo piepste — genau in dem Ton, den ein Muttertier nicht ignorieren kann, den Ton eines hungrigen Jungen. Bella richtete sich auf die Vorderpfoten auf, schob die Schnauze näher, schnüffelte einmal, zweimal, dann leckte sie über das nasse Fell, grob, wie man ein eigenes Junges reinigt.
„Vorsichtig", flüsterte Kerstin, obwohl niemand laut gewesen war. „Ganz vorsichtig, mach weiter."
Sabine legte Momo dicht an Bellas Bauch, dorthin, wo die Zitzen prall vor Milch waren, die niemand trank. Das Kätzchen fand mit den blinden Augen die Wärme, stieß mit der Schnauze, fand die Milch. Bella zuckte zusammen — und legte sich dann, ganz langsam, wieder auf die Seite, den Körper um den kleinen Fremdling gerollt, als hätte es ihn immer schon gegeben.
Kerstin wischte sich übers Gesicht, diesmal ohne den Regen als Ausrede. Sabine blieb sitzen, die Hand noch auf Bellas Rücken, und spürte, wie unter ihren Fingern der Atem der Hündin ruhiger wurde, tiefer, in einem Rhythmus, den sie seit zwei Tagen nicht gehört hatte.
Am nächsten Nachmittag kamen die Kinder wieder, diesmal mit ihrer Mutter, die sich für die Störung entschuldigte und dann fünf Minuten am Zwinger stehen blieb, ohne ein Wort zu sagen. Das Mädchen drückte die Nase ans Gitter und flüsterte Momo zu, er solle brav sein. Bella ließ es zu — mehr noch, sie schob den Kopf zwischen die Gitterstäbe, als wollte sie sich bedanken.
Das Dach über Block A tropfte noch tagelang. Aber am Wochenende brachte der Vater der Kinder einen Bautrupp-Kollegen vorbei, der sich die Sparren ansah und sagte, das sei an einem Samstag zu machen, gegen ein paar Kartons Futter für die Hunde. Sabine strich das Wort „Reparatur" in ihrem Notizbuch durch — zum ersten Mal seit drei Wochen stand da kein Datum mehr, das sie vor sich herschob, sondern eins, das feststand.
