Der leere Stuhl in Zimmer drei

Ich weiß noch, wie mir vor zwanzig Jahren zum ersten Mal klar wurde, dass Familie nichts mit Blut zu tun hat. Es war kurz vor Mitternacht, Felix war vier und hatte vierzig Fieber, und ich saß auf dem kalten Fliesenboden unseres Badezimmers in Hamburg-Barmbek, hielt seinen kleinen verschwitzten Körper im Arm und flüsterte Dinge, die ich selbst nicht glaubte – dass alles gut wird, dass Mama da ist. Damals war ich nicht seine Mama. Ich war nur die Frau, die seinen Vater geheiratet hatte.

Mein Name ist Katrin Weber, ich bin zweiundfünfzig. Ich arbeite als Altenpflegerin im St. Hedwig-Stift in Hamburg, dasselbe Haus, in dem ich seit dem Tod meines Mannes Andreas die Spätschichten übernehme, weil die Zuschläge besser sind. Andreas war Witwer, als ich ihn kennenlernte. Seine erste Frau, Sabine, war drei Monate vor unserer ersten Begegnung an einem aggressiven Hirntumor gestorben und hatte ihn mit zwei vierjährigen Zwillingen zurückgelassen, Felix und Jakob, die noch nicht richtig begriffen hatten, dass ihre Mutter nie mehr durch die Tür kommen würde.

Ich habe nie versucht, Sabines Platz einzunehmen. Das war von Anfang an klar, für Andreas und für die Jungs, als sie größer wurden: Ich war nicht da, um jemanden zu ersetzen. Ich war einfach da. Ich brachte sie in den Kindergarten, kochte Nudeln mit Tomatensoße, weil sie nichts anderes aßen, saß nächtelang an ihren Betten, wenn die Hustenanfälle kamen, nähte das Kostüm für das Krippenspiel, obwohl ich zwei linke Hände habe, und weinte mit ihnen, als sie mit zwölf zum ersten Mal richtig liebeskrank waren. Irgendwann, ohne dass es jemand geplant hätte, wurde ich ihre Mutter. In allem, was zählt. Sabine blieb ein Gesprächsthema, wir schauten uns ihre Fotos an, ihre Schwester kam zu Besuch, und doch war ich es, die bei den Elternabenden saß und die Zeugnisse unterschrieb.

Was keiner wusste, nicht einmal die Jungs bis vor Kurzem: Ich kann keine biologischen Kinder bekommen. Eine Diagnose mit neunzehn, die mir die Tür zugeschlagen hat, bevor ich überhaupt wusste, dass ich hindurchgehen will. Lange dachte ich, ich würde nie erfahren, was es heißt, ein Kind aufwachsen zu sehen. Und dann kamen Felix und Jakob und füllten diese Leere auf eine Weise, für die ich mich nie genug werde bedanken können.

Andreas starb vor sechs Jahren, an einem Dienstag im November. Ein Aneurysma, einfach so, während er im Baumarkt an der Kasse stand. Ich wurde Witwe mit zwei Zwölfjährigen, die plötzlich wussten, dass sie schon zwei Mütter verloren hatten, und die mich nachts fragten, ob ich auch sterben würde. Rechtlich war ich nichts. Keine Mutter, keine Verwandte, keine Vormundschaft. Andreas' Schwester bot an, die Jungs zu nehmen, sie hatte mehr Geld, ein größeres Haus draußen in Volksdorf. Ich habe nicht eine Sekunde darüber nachgedacht. Das waren meine Kinder, mit Papieren oder ohne. Ich arbeitete Doppelschichten im Stift, holte sie von der Schule ab, machte Hausaufgaben mit ihnen am Küchentisch, während meine eigenen Füße so weh taten, dass ich sie kaum noch spürte.

Vor drei Wochen wurden Felix und Jakob achtzehn. Wir feierten im kleinen Kreis, Pizza und ein selbstgebackener Kuchen, den ich wieder einmal schief hingekriegt hatte, mit achtzehn Kerzen, die sie auf einen Schlag auspusteten. Als wir den Tisch abräumten, legte Felix mir seine Hand auf die Schulter.

„Mama, setz dich bitte noch mal. Wir müssen dir was erzählen."

Ich spürte diesen Kloß im Bauch – sie würden ausziehen wollen, das war's. Eine eigene Wohnung, ein Studium in Berlin oder München, alles, worauf sie ein Recht hatten und worauf ich sie heimlich vorbereitet hatte, seit sie fünfzehn waren.

Jakob holte einen dicken roten Ordner aus seinem Rucksack und legte ihn vor mich auf die Tischplatte. „Wir haben in den letzten Monaten viel geredet. Auch mit einer Sozialarbeiterin. Du weißt, dass du immer eigene Kinder wolltest, und wir… wir sind nicht deine leiblichen, aber du hast uns alles gegeben. Und wir wollen, dass du noch mal die Chance bekommst, von vorne anzufangen."

Ich starrte den Ordner an. „Was?"

Felix schlug ihn auf. Broschüren vom Kinderhaus Alsterdorf lagen darin, Fotos von kleinen Mädchen, Antragsformulare für eine Pflegschaft. „Es gibt ein Kinderhaus hier in Hamburg. Kleine Mädchen, die auf eine Familie warten. Wir wollen, dass du mit uns hinfährst. Nur anschauen. Und wenn du das Gefühl hast, dass du den Prozess weitermachen willst – Pflegschaft, Adoption – dann helfen wir dir. Mit Geld, mit Zeit, mit allem, was nötig ist. Wir sind erwachsen, wir können arbeiten. Wir wollen, dass du von Anfang an das bist, was du für uns die ganze Zeit warst."

Ich konnte nicht sprechen. Ich saß da, die Hände flach auf dem Tisch, und das Wasser lief mir übers Gesicht, einfach so, ohne dass ich es kontrollieren konnte. Die beiden standen auf, jeder einen Kopf größer als ich, und nahmen mich unbeholfen in den Arm, wie sie es immer taten, wenn sie ihre Liebe zeigen wollten, diese beiden großen Kerle, die als kleine Jungen jeder an einer meiner Hände eingeschlafen waren.

Am nächsten Samstag fuhren wir zusammen ins Kinderhaus Alsterdorf. Es roch nach frischer Wäsche und Apfelmus, irgendwo weinte ein Säugling, und eine Erzieherin mit grauem Pferdeschwanz führte uns in einen sonnigen Gruppenraum. Ich lernte mehrere Mädchen kennen, aber eines ließ mich nicht mehr los. Lina, drei Jahre alt, mit zwei dünnen Zöpfchen und einem Blick, dem alles egal zu sein schien – zu viel egal für ein Kind, das gerade erst laufen gelernt hatte. Sie baute einen Turm aus Holzbausteinen und ließ ihn einstürzen, immer wieder, und jedes Mal sah sie mich dabei an, als würde sie prüfen, ob ich noch da war.

„Die gibt nicht so schnell auf", sagte die Erzieherin leise.

„Ich auch nicht", hörte ich mich antworten.

In den Wochen danach begann der Papierkrieg. Anträge, Gespräche, Hausbesuche vom Jugendamt. Felix und Jakob waren bei jedem Termin dabei, saßen kerzengerade auf dem Sofa wie bei einer Prüfung, antworteten höflich und bestimmt, und ich sah ihnen zu und dachte: Das habe ich nicht gemacht. Das sind sie selbst.

Gestern war das letzte Gespräch vor der Entscheidung über die Pflegschaft. Die Sachbearbeiterin sagte, es sehe gut aus, ich solle mich in etwa vier Wochen auf eine endgültige Antwort einstellen. Ich rief Lina im Kinderhaus an, um ihr gute Nacht zu sagen, wie jeden Abend. Sie hörte meistens nur zu, sagte kaum etwas, aber diesmal, bevor ich auflegte, hörte ich ihre kleine Stimme durch den Hörer, ganz dünn: „Bleibst du jetzt?"

Einen Herzschlag lang war ich wieder in diesem Badezimmer in Barmbek, vor achtzehn Jahren, mit einem fieberglühenden Jungen im Arm. Dann holte ich Luft.

„Ja, Schatz. Ich bleibe."

Am nächsten Morgen kam die Bewilligung per Post. Der Umschlag war cremefarben, mit dem blauen Stempel des Jugendamts, und ich machte ihn mit zitternden Fingern auf, während meine Söhne hinter mir standen und mir über die Schulter sahen. Felix las das Schreiben laut vor, und bei dem Satz „Der Pflegschaft wird stattgegeben" klang seine Stimme auf einmal genauso dünn wie Linas am Telefon. Jakob boxte ihm gegen die Schulter und musste sich dann selber die Augen reiben.

Wir holten Lina an einem Freitag ab, kurz vor Mittag. Sie trug einen kleinen roten Rucksack, in dem nur ein zerknautschtes Stoffkaninchen und drei Buntstifte waren. Auf der Rückfahrt schlief sie in ihrem Kindersitz ein, den Daumen im Mund, und ich saß daneben und wagte kaum zu atmen, weil ich Angst hatte, sie zu wecken. Felix fuhr, Jakob las leise die Straßenschilder vor, und als wir über die Köhlbrandbrücke kamen und der Hafen unter uns aufglitzerte, wachte Lina auf, drückte die Nase an die Scheibe und sagte: „Wohnst du da?"

„Nein", sagte ich. „Wir wohnen ein bisschen weiter. In Barmbek. Da ist ein Zimmer für dich, mit hellblauen Wänden."

„Und meine Brüder?"

„Die wohnen auch da."

Sie dachte darüber nach, immer noch die Nase an der Scheibe. Dann drehte sie sich zu mir um und sah mich mit diesem zu ernsten Blick an.

„Gut", sagte sie. „Meine Brüder."

Es ist jetzt fast drei Monate her, und der rote Rucksack steht immer noch im Flur neben der Tür, neben den großen Turnschuhen von Felix und Jakob. Letzte Woche hat Lina zum ersten Mal beim Abendessen gelacht – ein richtiges, glucksendes Kinderlachen, weil Jakob sich eine Serviette auf den Kopf gelegt und so getan hatte, als wäre sie eine Mütze. Ich stand am Herd, den Kochlöffel in der Hand, und plötzlich liefen mir wieder die Tränen, diesmal vor Glück, und ich musste mich umdrehen, damit keiner es sah.

Aber Felix hat es natürlich gesehen. Er kam zu mir, nahm mir den Kochlöffel aus der Hand und rührte in der Soße, als wäre nichts.

„Alles gut, Mama?", fragte er leise.

Ich nickte. Und zum ersten Mal seit langer Zeit stimmte es wirklich.

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Uniad
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