Warum in Deutschland niemand mehr die 6-Uhr-Bahn nach Mannheim nahm

Der Museumsbahnhof von Ludwigshafen

Klaus-Dieter Brenner stand jeden Morgen um Viertel nach fünf auf dem Bahnsteig in Ludwigshafen, eine Thermoskanne in der Hand, die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Dreiunddreißig Jahre lang hatte er als Lokführer bei der Bundesbahn gearbeitet, später bei der Deutschen Bahn, und er kannte jede Schwelle zwischen Mannheim und Frankfurt auswendig. Jetzt war er zweiundsiebzig, pensioniert seit einem Jahrzehnt, und er kam trotzdem noch her. Nicht um zu fahren. Um zuzusehen.

Sein Enkel Mika, siebzehn, hielt das für eine Marotte. „Opa, nimm doch einfach den Flixbus, der kostet neun Euro." Klaus-Dieter winkte ab. Für ihn war die Bahn kein Preisvergleich, sie war eine Lebensgeschichte. Er hatte gesehen, wie aus der Reichsbahn die Deutsche Bundesbahn wurde, wie 1994 die Bahnreform kam, wie aus einer Behörde ein Konzern wurde, der Aktionäre bedienen sollte und trotzdem dem Staat gehörte.

An diesem Morgen im September stand er wieder da, und der ICE nach Frankfurt hatte laut Anzeigetafel vierunddreißig Minuten Verspätung. „Bauarbeiten bei Darmstadt", murmelte eine Frau neben ihm und tippte genervt auf ihrem Handy herum. Klaus-Dieter zog nur die Schultern hoch und schraubte den Deckel seiner Thermoskanne auf. Er kannte die Stelle bei Darmstadt, kannte das Gleisdreieck, kannte die Bauzäune, die dort seit Jahren standen, als wären sie eingewachsen. „Wir bauen Autobahnen schneller als Gleise", sagte er zu der Frau, die ihn gar nicht gefragt hatte, und goss sich Kaffee in den Becher, obwohl der Zug ja sowieso nicht kam.

Das war die Geschichte, die Klaus-Dieter seinem Enkel immer wieder erzählte, wenn der Junge Zeit hatte zuzuhören: Deutschland besaß eines der am dichtesten befahrenen Netze der Welt, aber der Nahverkehr kroch über Strecken, die seit dem Kaiserreich nicht mehr richtig ausgebaut worden waren. Stuttgart 21 sollte 2019 fertig sein, jetzt, 2026, redete man von frühestens 2027, und niemand in Ludwigshafen glaubte mehr an dieses Datum. „Frankreich hat den TGV, wir haben Bauzäune", brummte Klaus-Dieter, und Mika kannte den Satz schon auswendig, konnte ihn mitsprechen wie einen Kehrreim.

Mika interessierte das wenig, bis zu jenem Tag im Oktober, als seine Mutter Bianca anrief, die Stimme so hoch und brüchig, dass er sie kaum erkannte. Opa sei zusammengebrochen, auf dem Bahnsteig, die Thermoskanne noch in der Hand, der Kaffee über den Bahnsteig gelaufen. Ein Herzinfarkt. Die Rettungssanitäter hatten ihn reanimiert, aber er lag jetzt im Klinikum Ludwigshafen, auf der Intensivstation, an Schläuchen und Kabeln, und die Ärzte sprachen in Sätzen, die nichts versprachen.

Mika fuhr mit dem Auto hin, weil kein Zug schnell genug gewesen wäre. Auf dem Weg dachte er an die Geschichten seines Großvaters — an die Wirtschaftswunderjahre, in denen Waggons voller Arbeiter zur Frühschicht ins Ruhrgebiet rollten, an den Moment, als Klaus-Dieters eigener Vater im Krieg mit einem der letzten Züge aus Breslau geflohen war. Die Bahn war für seine Familie nie nur Transport gewesen. Sie war Erinnerung, verpackt in Fahrpläne.

Im Krankenhaus saß Klaus-Dieter drei Tage später wieder aufrecht im Bett, ein Schlauch in der Nase, die Haut an den Handrücken dünn und fleckig von den Kanülen. Er sah seinen Enkel an und sagte als Erstes: „Hat der ICE Verspätung gehabt?" Mikas Kehle zog sich zusammen, er musste zweimal schlucken, bevor er antworten konnte. „Vierzig Minuten, Opa. Immer noch die Baustelle bei Darmstadt."

In den folgenden Wochen, während Klaus-Dieter sich erholte, änderte sich etwas zwischen den beiden. Mika begann, seinen Großvater regelmäßig zu besuchen, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil er zum ersten Mal richtig zuhörte, wenn der alte Mann von Trassenverträgen und Güterzügen erzählte, die auf dem überlasteten Netz de facto Vorrang hatten, weil Logistikkonzerne feste Verträge besaßen und jede Verspätung eines Personenzugs Kettenreaktionen auslöste. „Das Land, das stolz auf seine Industrie ist", sagte Klaus-Dieter einmal und klopfte dabei mit dem Löffel gegen den Rand seiner Kaffeetasse, „lässt seine Pendler auf dem Bahnsteig frieren, während die Container aus Rotterdam pünktlich in Bayern ankommen."

Im November, kurz vor seiner Entlassung aus der Reha-Klinik in Bad Dürkheim, bat Klaus-Dieter seinen Enkel um einen Gefallen. Er wollte zu einem Notar. Mika war verwirrt, fuhr ihn aber hin, in die Kanzlei eines gewissen Herrn Osterkamp in der Bismarckstraße. Klaus-Dieter besaß ein kleines Grundstück am Rand von Ludwigshafen, direkt neben der alten Bahntrasse, ein Erbe seiner Eltern, seit Jahrzehnten ungenutzt und von seinem eigenen Sohn, Biancas Bruder Frank, seit Jahren begehrlich beäugt. Frank hatte ihm mehrfach vorgeschlagen, das Grundstück an einen Investor zu verkaufen, der dort Ferienwohnungen bauen wollte, und hatte schon mit Maklern gesprochen, ohne Klaus-Dieter richtig zu fragen.

Im Notariat, mit Mika als Zeuge, unterschrieb Klaus-Dieter eine neue Verfügung. Das Grundstück, geschätzter Wert 180.000 Euro, ging nicht an Frank. Es ging testamentarisch an einen gemeinnützigen Verein für den Erhalt historischer Bahnstrecken in der Pfalz, mit der ausdrücklichen Auflage, dort einen kleinen Museumsbahnhof zu errichten — und an Mika, der als Mitglied des Vereins ein lebenslanges Nutzungsrecht auf dem Gelände erhielt. Herr Osterkamp reichte ihm den Kugelschreiber, Klaus-Dieter unterschrieb mit fester Hand, faltete das Dokument selbst zusammen, die Kanten sauber übereinander, und steckte es in einen braunen Umschlag, den er Mika gab. „Für später", sagte er. „Aber ich will, dass du es jetzt schon weißt."

Frank erfuhr davon zwei Wochen danach, bei einem Sonntagskaffee, als Bianca es beiläufig erwähnte, den Löffel noch im Kuchenteller. Er rief sofort bei seinem Vater an, die Stimme laut genug, dass Mika sie durchs Telefon hören konnte, das auf dem Küchentisch lag und leicht vibrierte. „Das kannst du nicht machen, das Grundstück gehört doch praktisch der Familie!" Klaus-Dieter antwortete, ohne die Stimme zu heben: „Es gehört mir, Frank. Und ich habe entschieden, wofür es genutzt wird. Du wolltest es verkaufen, bevor ich überhaupt tot war."

Am folgenden Wochenende, an einem kühlen Samstag Ende November, stand Frank tatsächlich vor der Tür der kleinen Wohnung in Ludwigshafen, mit einem Aktenordner unterm Arm, in dem er Kaufangebote gesammelt hatte. Klaus-Dieter öffnete nicht selbst, Mika tat es. „Ich will zu Papa", sagte Frank und wollte an ihm vorbei in den Flur, der Aktenordner unter dem Arm klemmend wie ein Schutzschild. Mika blieb im Türrahmen stehen, hielt den braunen Umschlag hoch, das notariell beglaubigte Dokument darin, seine Hand zitterte leicht, aber er ließ sie nicht sinken. „Es ist entschieden, Onkel Frank. Der Notar hat es beglaubigt." Frank sah ihn an, dann den Umschlag, dann wieder ihn. „Du bist siebzehn. Du weißt gar nicht, was ein Grundstück in dieser Lage wert ist in zehn Jahren." — „Ich weiß, was es Opa wert ist", sagte Mika, und seine Stimme kippte kurz, aber er räusperte sich nicht, ließ es einfach stehen. Frank presste die Lippen zusammen, sein Kiefer arbeitete, als kaue er auf etwas Zähem. Er stand eine Weile auf der Fußmatte, wog den Ordner in der Hand, als überlege er, ihn Mika vor die Füße zu werfen. Dann drehte er sich um, ging zurück zu seinem Audi, warf den Ordner auf den Beifahrersitz und fuhr los, ohne noch einmal hochzusehen.

Im Frühling darauf, als die ersten Krokusse entlang der stillgelegten Trasse blühten, stand Klaus-Dieter mit Mika auf dem Grundstück und zeigte ihm, wo einst ein kleiner Haltepunkt gestanden hatte, die Fundamentreste noch im Gras zu erkennen. Er hatte seine Thermoskanne dabei, aus Gewohnheit, obwohl kein Zug mehr hier hielt. Der Verein hatte bereits mit den ersten Planungen für den Museumsbahnhof begonnen, ein Bagger stand am Wegrand, gelb und still. Klaus-Dieter schenkte seinem Enkel nichts Symbolisches an diesem Tag — keine Umarmung, keine großen Worte. Er reichte ihm nur den Becher von der Thermoskanne, schwarzer Kaffee, viel zu heiß, und sagte: „Trink erst mal, dann erzähl ich dir, wie die Strecke früher hieß."

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