Das Maßgerät der Familie Brandhoff

Es war der vierte Advent in Folge, den Sophie Brandhoff in derselben Position verbrachte: barfuß auf kaltem Parkett, während ein Mann mit Klemmbrett ihre Wadenlänge in ein Formular eintrug.

Die Brandhoffs führten seit drei Generationen die größte Ballettschule Dresdens, und Konstantin Brandhoff, der einzige Sohn und designierter Nachfolger, hatte sich eine Bedingung in den Kopf gesetzt, über die im ganzen Elbtal getuschelt wurde: Seine künftige Frau musste ein bestimmtes Beinmaß erfüllen, gemessen mit einem eigens angefertigten Gerät aus Nussbaumholz und poliertem Messing, zwei senkrechte Schienen mit verschiebbaren Skalen, die sein verstorbener Vater noch vor seinem Tod in Auftrag gegeben hatte.

Niemand außer Konstantin wusste, was genau das Gerät maß. Er sprach nie darüber. Er saß nur auf seinem Stuhl am Kopfende des Ballettsaals, sah sich die Zahlen an, die der alte Ballettmeister Hermann Vogt laut vorlas, und sagte dann, fast immer im selben Tonfall: „Die Nächste, bitte."

In vier Jahren waren es einhundertdreiundsiebzig Bewerberinnen gewesen, Vogt führte Buch darüber in einem ledernen Register. Töchter von Fabrikanten aus dem Erzgebirge, eine polnische Adelige, sogar eine Solotänzerin der Semperoper. Manche hatten Monate mit Diät und Gymnastik verbracht, sich extra Schuhe beim Schuhmacher am Neumarkt anfertigen lassen, für neun Mark fünfzig das Paar, damit die Beine im Messgerät länger wirkten. Es half nichts. Immer dieselbe kühle Antwort, immer derselbe leere Stuhl neben Konstantin.

An diesem Dezembernachmittag, es war kurz nach halb vier, schneite es in dicken, nassen Flocken vor den hohen Fenstern des Ballettsaals, war wieder eine ganze Reihe von Kandidatinnen aufgestellt, in Kleidern aus Seide und Taft, die Wachen des Hauses zu beiden Seiten postiert. Es roch nach Kolophonium und nassem Wollstoff, der an den Heizkörpern trocknete. Hermann Vogt prüfte das Gerät wie jedes Mal selbst nach, klopfte gegen die Messingschienen, als könnte er ihnen ein Geständnis entlocken.

Ganz am Ende der Reihe stand eine junge Frau, die nicht dazugehörte. Sie hieß Annegret Fuchs, war rundlich, nicht besonders groß, und trug ein einfaches weinrotes Kleid, das sie sich offenbar selbst genäht hatte. Ein Kichern lief durch die Reihe der wartenden Damen.

„Die will es wirklich versuchen?"

„Hat ihr denn niemand gesagt, wofür das hier ist?"

Annegret sagte nichts dazu. Ihre Fingernägel gruben sich in die Handballen, verborgen unter den Falten des Rocks. Als sie an der Reihe war, zögerte selbst Vogt.

„Gnädiges Fräulein, das Gerät ist recht schmal geschnitten. Es könnte unangenehm werden."

Aus den hinteren Reihen wieder dieses Kichern, jemand hustete absichtlich hinein. Ein einzelner Schweißtropfen lief Annegret am Haaransatz entlang, sie wischte ihn nicht weg.

„Wenn die Regel für alle gilt, will ich es auch versuchen."

Konstantin, der die ganze Zeit über kaum aufgeblickt hatte, hob den Kopf. „Lasst sie."

Der Saal wurde still, so still, dass man das Quietschen des Parketts unter den Wachen hätte hören können. Annegret trat zum Gerät, stellte die Füße vorsichtig zwischen die beiden goldbeschlagenen Schienen. Vogt drehte die Kurbel, die Schienen näherten sich, und an der Innenseite ihrer Waden spürte Annegret einen feinen, kalten Druck, als lege sich dort eine dünne Nadel an. Ein leises Knacken, dann Stille.

Vogt beugte sich über die Zahlen, blinzelte, las sie noch einmal. Dann sagte er etwas, das er in vier Jahren noch nie gesagt hatte.

„Herr Brandhoff — die Werte stimmen."

Konstantin stand auf, verließ zum ersten Mal überhaupt seinen Stuhl während einer Prüfung. Er ging zum Gerät und kniete sich neben Annegrets Füße, die Hände auf den kalten Messingschienen.

Unter seinen Fingern fand er, wonach er suchte: an der Innenseite, dort, wo die Wade die Schiene berührte, eine kleine, ovale Platte, kaum größer als eine Münze, mit einer Nadel darunter, die bei jeder Anspannung des Muskels ausschlug. Eine zweite, winzigere Skala, verborgen unter der ersten, zitterte kaum merklich. Bei den anderen Bewerberinnen hatte sie jedes Mal ausgeschlagen wie ein aufgescheuchter Vogel. Bei Annegret stand die Nadel fast still.

Konstantin richtete sich auf. Er sagte kein Wort zu Annegret, sondern wandte sich an den ganzen Saal, an die Damen, die noch eben gekichert hatten. „Wer über eine Frau lacht, während sie geprüft wird, hat selbst die Prüfung nicht bestanden." Dann ließ er den Saal räumen.

Annegret blieb, verwirrt, den Rock noch mit beiden Händen gerafft. Konstantin setzte sich zu ihr auf die Bank am Fenster und erzählte ihr, wofür das Gerät wirklich gebaut worden war. Sein Vater hatte seine eigene Frau — Konstantins Mutter — an einem Abend im Ballettsaal verloren, als ein betrunkener Gast sie vor versammelter Gesellschaft verspottet hatte und sie sich das Leben nahm, weil sie die Schande nicht ertrug. Das Gerät war die Antwort eines trauernden Mannes auf eine Frage, die niemand laut stellte.

Die Hochzeit fand im folgenden Frühjahr in der Frauenkirche statt, keine sechs Monate später. Annegret trug kein Kleid von einem Pariser Schneider, sondern eines, das sie sich mit der Hilfe ihrer Mutter selbst genäht hatte, aus demselben weinroten Stoff wie an jenem Dezembertag. Vor der Trauung ließ Konstantin das Messgerät in den Keller der Ballettschule bringen und dort verschließen.

Zwei Jahre später, beim Ausräumen jenes Kellers für eine neue Tanzsaison, fand Annegret in einer Schublade unter dem Gerät ein vergilbtes Notizbuch ihres Schwiegervaters. Zwischen Skizzen von Schienen und Skalen, durchgestrichenen Zahlenreihen und einer unvollendeten Zeichnung der verborgenen Kontaktplatte stand auf der letzten Seite, in ungelenker Schrift, nur ein einziger Satz: „Für M. — damit es keiner Zweiten passiert." Annegret zeigte das Buch niemandem außer Konstantin. Sie legten es gemeinsam zurück in die Schublade, der Schlüssel drehte sich im Schloss, und die Kellertür fiel mit einem dumpfen Laut ins Schloss.

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