Die Ziegenkäserei von Karin Brenner

Karin Brenner stand um Viertel nach fünf auf, wenn der Nebel noch über den Wiesen bei Bad Wurzach hing und die Ziegen im Stall unruhig gegen die Gitter traten. Seit elf Jahren führte sie den Hof allein, seit ihr Mann Thomas bei einem Unfall auf der B465 ums Leben gekommen war. Die Käserei, ein umgebauter Kuhstall mit zwei Reifekammern und einer alten Presse aus Allgäuer Eichenholz, war alles, was ihr geblieben war – und alles, was ihre Schwägerin Renate seit Jahren mit Blicken taxierte, als gehöre ihr längst die Hälfte davon.

Es hatte mit einer Postkarte angefangen. Karins Tochter Vivian, zwanzig Jahre alt, hatte in Ravensburg eine Ausbildung zur Konditorin begonnen und schickte jeden Monat eine Karte vom Bodensee, obwohl sie nur vierzig Kilometer entfernt wohnte. Renate, die Schwester ihres verstorbenen Mannes, hatte diese Nähe zwischen Mutter und Tochter nie ertragen können. Sie selbst war kinderlos geblieben, hatte den Hof ihrer Eltern verkauft und lebte inzwischen in einer Eigentumswohnung in Wangen, deren Kredit sie sich, wie sie immer wieder betonte, "mit eigener Hände Arbeit" abgezahlt hatte – ein Satz, den sie gern fallen ließ, wenn sie zu Besuch kam und durch den Stall lief, als prüfe sie ein Grundstück, das ihr noch zustehen könnte.

Im März ging der alte Notar der Familie in Ruhestand, und die Unterlagen wanderten zu einer neuen Kanzlei in Leutkirch. Zwei Tage später stand Renate unangekündigt in der Küche, eine Aktenmappe unter dem Arm, den Reißverschluss ihrer Jacke bis oben zugezogen, obwohl der Ofen lief.

"Setz dich doch", sagte Karin und stellte die Kaffeekanne auf den Tisch, die dritte Tasse für Vivian, die noch am Ausbildungswochenende in Ravensburg war und leer blieb.

Renate setzte sich nicht sofort. Sie legte die Mappe erst neben ihren Teller, klappte sie auf, drehte ein Blatt so, dass die Schrift Karin zugewandt war, und erst dann rührte sie ihren Kaffee um, dreimal, viermal, länger als nötig. "Das hier ist der Erbvertrag von Thomas' Eltern. Ein Viertel vom Grundstück steht mir laut diesem Papier zu. Ich hab's nie eingefordert, aus Rücksicht auf deine Trauer." Sie ließ den Löffel gegen den Tassenrand klicken. "Aber Vivian ist jetzt volljährig, und der Hof wirft wieder was ab. Ich sehe keinen Grund mehr, mich zurückzuhalten."

Karin rührte nicht in ihrer Tasse. Sie hielt den Henkel fest, spürte, wie ihr Daumen sich in das abgestoßene Email der alten Kanne krallte, die noch Thomas' Mutter gehört hatte. Draußen bimmelte die Glocke von Trudi, der bockigen Alpinen, die sich am Zaun scheuerte, bis das Holz knarrte.

"Ich hab davon gehört", sagte Karin schließlich. "Mehr nicht."

"Du solltest es dir überlegen", sagte Renate und klappte die Mappe zu, ohne den Blick von Karin zu nehmen. "Bevor ich einen Anwalt einschalte."

Sie trank ihren Kaffee nicht aus. Die Tasse stand noch halbvoll auf dem Tisch, als sie schon in ihrem Golf davonfuhr, Kies spritzend unter den Reifen.

Am Donnerstag darauf klingelte bei der Molkerei-Genossenschaft in Leutkirch das Telefon. Der Geschäftsführer, Herr Zeller, rief Karin noch am selben Abend an. "Ihre Schwägerin hat sich nach Ihren Liefermengen erkundigt", sagte er, hörbar unsicher. "Nach den Preisen pro Liter, nach der Laufzeit des Vertrags. Ich hab ihr nichts gesagt, aber – sie klang, als hätte sie ein Recht drauf, das zu wissen."

Karin stand in der Käsereiküche, den Hörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt, während sie mit der freien Hand einen Frischkäselaib aus der Form drückte. Der Käse zerbröckelte an der Kante, zu fest gedrückt. Sie legte ihn beiseite, für den Eigenbedarf, nicht mehr verkäuflich.

"Danke, dass Sie mir Bescheid geben", sagte sie und legte auf. Dann stand sie eine Weile da, die Hände noch feucht von der Molke, und sah durch das kleine Fenster hinüber zum Stall, wo Trudi den Kopf gegen das Gatter drückte.

Am Samstag, auf dem Wochenmarkt in Leutkirch, tauchte Renate an Karins Stand auf, mitten im Vormittagsgeschäft, als die Schlange bis zur Blumenfrau reichte. Sie kaufte nichts. Sie stellte sich seitlich neben den Tisch mit den Käselaiben und sagte zu Frau Holzer, die gerade nach dem Ziegenfrischkäse mit Kräutern griff: "Schmeckt gut, ja. Fragt sich nur, wie lange es den Betrieb noch gibt, wenn eine Frau das alles allein stemmen muss." Frau Holzer zahlte, zögerte kurz, ging dann weiter. Der nächste Kunde fragte, ob es Ärger auf dem Hof gebe. Karin wog den Käse ab, wickelte ihn ein, sagte: "Zwei Euro achtzig, bitte", und nichts weiter.

Sie hätte über den Tisch greifen können. Stattdessen packte sie am Abend, wie jeden Tag, den unverkauften Käse in die Kühlbox, fuhr heim, molk die vierzehn Ziegen im Licht der Stalllampe, deren Fassung seit Wochen lockerte und bei jedem Windstoß flackerte, ließ die Milch durchs Tuch laufen, rührte das Lab ein. Ihre Hände arbeiteten wie von selbst, drückten den Bruch fester, als nötig war, bis die Molke unter ihren Fingern hervorquoll.

Sie ging an diesem Abend nicht schlafen. Um halb elf saß sie noch am Küchentisch, die Ordner aus dem Dachboden vor sich gestapelt – der graue mit "Grundbuch 2011–2016" auf dem Rücken, ein zweiter mit den Steuererklärungen, verklebt an der Kante, weil eine Kaffeetasse einmal darauf gestanden hatte. Der Kaffee vor ihr war längst kalt, eine Haut hatte sich auf der Oberfläche gebildet. Um Viertel nach eins fand sie, wonach sie gesucht hatte: die notarielle Erbauseinandersetzung vom Juli 2015. Der Hof, drei Jahre nach Thomas' Tod vollständig auf ihren Namen umgeschrieben, mit Zustimmung aller Erben. Auch Renates Unterschrift stand da, eng und mit dem typischen Schnörkel unter dem R, daneben der Vermerk: Auszahlung 18.000 Euro. Renate hatte das Geld gebraucht, damals, für die Anzahlung der Wohnung in Wangen. Sie hatte unterschrieben, ohne ein Wort.

Karin legte das Blatt in eine Klarsichthülle und steckte sie in ihre Handtasche. Dann stand sie auf, goss den kalten Kaffee ins Spülbecken und ging schlafen, mit dem Wecker auf Viertel nach fünf.

Der Bruch kam am Sonntag im Mai, beim Kirchenkaffee nach der Messe in der kleinen Kapelle von Haslach. Die Nachbarn standen mit Plastikbechern zwischen den Klapptischen, der Duft von Filterkaffee und Hefezopf hing in der Luft. Renate kam mit ihrer Mappe, baute sich mitten im Kreis auf, direkt neben dem Pfarrer, der gerade den zweiten Zopf anschnitt.

"Du solltest wissen, mit wem ihr hier Kaffee trinkt", sagte sie, laut genug, dass die Blumenfrau vom Nachbartisch herüberschaute. "Karin hat mich um mein Erbe betrogen. Hat sich den Hof unter den Nagel gerissen, solange die Familie noch getrauert hat."

Ein Raunen lief durch die Gruppe. Vivian, die neben ihrer Mutter stand, ließ den Plastikbecher sinken, der Kaffee schwappte über den Rand auf ihre Finger, aber sie merkte es nicht.

Karin stellte ihre eigene Tasse auf dem Klapptisch ab, so ruhig, dass sie nicht klapperte. Sie öffnete die Handtasche, zog die Klarsichthülle heraus und legte sie vor Renate auf den Tisch, zwischen die Zopfkrümel. "Notarielle Erbauseinandersetzung, Juli 2015." Sie tippte mit dem Finger auf die Unterschrift. "Deine Unterschrift, Renate. Achtzehntausend Euro, Auszahlung bestätigt. Du hast unterschrieben und das Geld genommen. Der Hof gehört mir – seit elf Jahren, mit Papieren. Nicht mit Blicken, die du beim Vorbeigehen wirfst."

Renate griff nach dem Blatt, ihre Finger fuhren über die eigene Unterschrift, als könnte sie sie wegwischen. Der Pfarrer räusperte sich, hob die Kaffeekanne. "Noch jemand Nachschlag?" Niemand meldete sich.

Am Montag fuhr Karin nach Leutkirch, zur neuen Kanzlei, und ließ sich schriftlich bestätigen, dass keinerlei offene Ansprüche gegen den Hof bestünden. Das Dokument kam noch in derselben Woche mit der Post, sie steckte es zur Erbauseinandersetzung in die Klarsichthülle. Bei der Genossenschaft änderte sie die Vollmacht, sodass Herr Zeller künftig nur noch ihr und Vivian Auskunft geben durfte. Renate rief zweimal an. Beim zweiten Mal ließ Karin das Telefon klingeln, bis es von selbst aufhörte, und molk weiter.

Im Herbst darauf, beim Metzger in Bad Wurzach, erzählte ihr eine Bekannte aus Wangen beiläufig, sie habe Renate im Frühjahr von einer angeblichen Betriebsprüfung erzählt, die bei Karin bevorstehe – ein Gerücht, das sich später als völlig erfunden herausstellte, aufgeschnappt von irgendwem, weitergetragen, ohne dass es je gestimmt hätte. Karin nickte der Bekannten kurz zu, kaufte ihr Kilo Bratwürste und fuhr heim.

Renate hat sich seither nicht mehr gemeldet. An diesem Morgen, Viertel nach fünf, liegt der Nebel wieder über den Wiesen, und Trudi stemmt die Vorderhufe gegen das Gatter, ungeduldig wie immer. Vivian steht schon im Stall, die Melkkanne in der Hand, und wartet, dass ihre Mutter die Tür aufschließt.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: