Der Wecker klingelt um sieben Uhr fünfzehn

Notizen aus dem Tagebuch von Ingrid Falkenberg, sechsundfünfzig Jahre, bis vor drei Wochen Abteilungsleiterin für Terminplanung bei einem Speditionsunternehmen in Lüneburg. Erster Eintrag am Tag nach der Verabschiedungsfeier, bei der ihr die Kollegen einen Gutschein für ein Wellness-Wochenende und einen Kaktus geschenkt hatten, der jetzt auf der Fensterbank steht und sie anzustarren scheint.

DER PLAN

7:15 Uhr — Aufstehen, Fenster öffnen, fünf Minuten auf dem Balkon durchatmen, bevor die Straßenbahn Linie 3 vorbeirattert.

7:30–8:15 Uhr — Yoga im Wohnzimmer, die Matte liegt schon bereit.

8:30 Uhr — Frühstück: Magerquark mit Leinsamen, eine halbe Grapefruit, ein Vollkornbrötchen, dazu ein Becher grüner Tee.

9:00–9:45 Uhr — Pflegestunde: Gesichtsmaske, Haare, ein Hauch Make-up, auch wenn niemand außer dem Postboten sie sieht.

10:00–11:30 Uhr — Spaziergang am Ilmenau-Ufer, danach Einkauf beim Wochenmarkt: Hüttenkäse, Petersilie, Zander, Zitronen, Äpfel.

12:30 Uhr — Mittagessen: Blumenkohlsuppe, gedämpftes Hähnchenfilet, hausgemachter Kompott aus Trockenfrüchten.

14:00–15:00 Uhr — Produktive Stunde: Staubwischen, Kleiderschrank sortieren, Bügeln, Wäsche.

15:30 Uhr — Kaffeepause mit einem Stück Möhrenkuchen. Letzte Mahlzeit des Tages, danach nichts mehr.

16:00 Uhr — Kreative Zeit: Aquarellmalerei, die Farbkästen liegen schon auf dem Küchentisch bereit.

18:00 Uhr — Lesen, ein Sachbuch über die Geschichte der Hanse, das seit Jahren ungelesen im Regal steht.

19:30 Uhr — Ein anspruchsvoller Dokumentarfilm, vielleicht über Fjorde oder Vulkane.

21:30 Uhr — Bettvorbereitung, Zähne putzen, Creme.

22:00 Uhr — Licht aus.

WAS TATSÄCHLICH GESCHAH

10:45 Uhr — Kaum aus dem Bett gekommen. Besser spät als nie. Wichtige Notiz für die Zukunft: nach Mitternacht keine Serien mehr schauen. Das Gesicht war verquollen, wahrscheinlich hätte ich den eingelegten Rollmops gestern nicht direkt vor dem Schlafengehen essen sollen. Egal. Morgen wird alles besser. Da ich verschlafen hatte, fielen Yoga und der Balkonmoment aus. Hole ich beides morgen nach. Stattdessen eine halbe Stunde am Handy verbracht, Glückwünsche zur Rente beantwortet, unter anderem von Herrn Brendel aus der Buchhaltung, der mir tatsächlich ein GIF mit tanzenden Rentnern geschickt hat.

12:30 Uhr — Frühstück. Einen großen Stapel Pfannkuchen gebacken, weil die Milch schon leicht komisch roch und ich sie nicht wegschütten wollte. Dazu den letzten Rest saure Sahne und ein angebrochenes Glas Pflaumenmus aufgebraucht, das seit dem Winter im Kühlschrank stand und kurz vorm Verderben war. Das war im Grunde verantwortungsvolles Haushalten, kein Ausrutscher.

13:30 Uhr — Keine Lust auf den Spaziergang, also fiel auch die Pflegestunde aus. Stattdessen Sudoku gespielt und irgendwie fast zwei Stunden bei Videos von Katzen in Umzugskartons gelandet. Draußen fuhr die Kehrmaschine zweimal vorbei, das habe ich vom Sofa aus gehört.

15:30 Uhr — Mittagessen: tiefgekühlte Maultaschen aus der hintersten Ecke des Gefrierfachs. Erst muss das ungesunde Zeug weg, bevor das gesunde Leben offiziell beginnt.

16:30 Uhr — Nachrichten von Freundinnen gelesen. Sie hatten mir ein Dutzend Rezepte und Links zu Wandergruppen geschickt. Alles durchgesehen, dann ein Nickerchen gehalten. Rente ist anstrengend, das hatte mir keiner gesagt.

17:30 Uhr — Kaffeepause. Die restlichen Pralinen aus der Verabschiedungsschachtel aufgegessen. Die kaufe ich nie wieder, so eine Packung sollte man gar nicht erst öffnen.

18:30 Uhr — Endlich draußen gewesen. Nur bis zum Rewe an der Ecke geschafft, wo es Bratwürste und einen Schokokuchen im Angebot gab. Konnte bei so einem Preis nicht widerstehen, außerdem ist heute ein besonderer Tag. Das war wirklich das allerletzte Mal.

19:15 Uhr — Meine Nachbarin Renate rief an. Fast eine Stunde am Telefon. Sie hat mir eine neue türkische Serie empfohlen, also musste ich die natürlich sofort suchen.

20:00 Uhr–0:40 Uhr — Serie geschaut und die Zeit komplett vergessen. Der Hund von nebenan hat draußen zweimal gebellt, ich habe es kaum wahrgenommen. Das darf nicht wieder passieren. Ab jetzt nur noch eine Folge pro Abend. Während der ersten Folge wollte ich Bratwurst. Während der zweiten wollte ich Schokokuchen. Während der dritten wollte ich den Rollmops aus dem Kühlschrank. Wie sollte ich einer so reizenden frischgebackenen Rentnerin etwas abschlagen? Ich gebe es zu. Das mit dem Naschen muss aufhören.

0:50 Uhr — Schreibe den Plan für morgen. Wecker auf sieben Uhr fünfzehn gestellt. Das wird zu wenig Schlaf, aber Disziplin ist Disziplin. Für morgen früh ist eine Runde Nordic Walking am Ilmenau-Ufer eingeplant. Das Gesicht wasche ich, sobald ich wach bin. Gute Nacht.

Nachtrag, drei Tage später: Der Kaktus auf der Fensterbank hat sein erstes Blatt verloren. Ich habe ihn seit der Verabschiedung nicht gegossen. Morgen. Ganz bestimmt morgen.

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