Es war Dienstagabend, kurz nach acht, als Frau Bergmann in ihrer Küche in Recklinghausen den Fernseher lauter drehte. Draußen nieselte es, der Nachbarshund bellte einmal kurz und verstummte wieder. Auf dem Bildschirm lief eine Kurzmeldung, die sie fast verpasst hätte: eine bekannte Schauspielerin sei mit ihrem erwachsenen Sohn durch mehrere ukrainische Städte gereist — ohne Ankündigung, ohne Presseteam, ohne das übliche Blitzlichtgewitter.
Frau Bergmann griff nach dem Telefon, noch bevor der Beitrag zu Ende war. Sie tippte die Nummer von Oleksandr Kowaltschuk, dem Besitzer der Trainingshalle Spadkojemez in Charkiw, mit dem sie seit drei Jahren Lieferungen von Verbandsmaterial koordinierte. Er hob nach dem zweiten Klingeln ab, seine Stimme klang heiser, im Hintergrund schlug jemand gegen einen Boxsack.
„Oleksandr, im Fernsehen läuft gerade —"
„Ich weiß." Ein kurzes Lachen, halb Schnauben. „Ich steh noch in der Halle. Willst du hören, wie's wirklich war? Setz dich hin."
Er hatte an diesem Tag anderthalb Stunden Vorlauf bekommen — eine Nachricht, mehr nicht: prominenter Besuch, keine Details. Kowaltschuk hatte nur genickt und weitergearbeitet. Er kannte diese Ankündigungen. Kam ein Wagen mit verdunkelten Scheiben, baute ein Team Scheinwerfer auf, jemand schüttelte drei Minuten lang Hände, dann war die Kolonne wieder weg, und auf dem Boden lagen leere Wasserflaschen und Kabelreste. Achthundert Griwna hatte ihn allein der Bodenbelag gekostet, den letztes Jahr so ein Fototermin-Team mit Stativfüßen zerkratzt hatte. Er hatte seinen Soldaten gesagt, sie sollten weitertrainieren, sich auf gar nichts einstellen. „Noch eine Show", hatte er zu Dmytro gesagt, einem seiner Kämpfer, dem im Frühjahr ein Bein amputiert worden war. Dmytro hatte nur die Schultern gehoben und weiter Kniebeugen an der Sprossenwand gemacht.
Dann kam der Junge zur Tür herein. Achtzehn, groß, graues Sweatshirt, keine Assistenten, kein Mikrofon. Hinter ihm, zwei Schritte zurück, seine Mutter. Kowaltschuk begriff zuerst gar nicht, wer da gekommen war, bis ihm jemand von hinten den Namen zuraunte. Er hielt trotzdem die Trillerpfeife in der Hand, mit der er sonst die Runden ansagte, und legte sie nicht weg.
Der Junge blieb an der Matte stehen, die Hände in den Taschen, und sah den Kämpfern beim Aufwärmen zu. Dann fragte er, auf Englisch, ob er mitmachen dürfe. Kowaltschuk wollte schon absagen, formulierte im Kopf schon den Satz — die Halle sei kein Fotostudio —, da hatte der Junge bereits die Turnschuhe ausgezogen und die Socken halb heruntergerollt.
Zwanzig Minuten trainierte er mit Dmytro. Kein Kameramann, nur das Handy eines Trainingspartners, das irgendwo in einer Tasche verschwand und das später niemand mehr erwähnte. Der Junge schlug ungeschickt, kippte zweimal seitlich weg, fing sich am Seil ab, stand wieder auf. Als Dmytro ihm zeigte, wie man mit der Prothese den Stand korrigiert, setzte der Junge sich einfach auf die Matte, direkt neben ihn, die Knie angezogen, und fragte, wie das Bein funktioniere, ob es wehtue, wie lange die Reha noch dauere.
„Er hat mir die Hand geschüttelt und gefragt, wie die Halle entstanden ist", erzählte Kowaltschuk am Telefon, und man hörte, wie er dabei mit dem Fuß gegen ein Bein der Sprossenwand tippte. „Ich hab ihm erzählt: 2019, mit geliehenem Geld, vierzigtausend Griwna Kredit, den ich heute noch abzahle. Letztes Jahr hätten wir fast dichtgemacht, eine Rakete hat zwei Straßen weiter ein Lager getroffen, drei Wochen kein Fenster hier drin. Und er hat einfach zugehört. Keine Uhr im Blick, keine Fragen zum nächsten Termin."
Die Mutter stand die ganze Zeit am Rand, sprach kaum, nur kurz mit einer Krankenschwester, die einen der verwundeten Soldaten begleitete. Erst als der Junge fertig war, verschwitzt, mit rotem Gesicht, ging sie zu ihm, reichte ihm eine Wasserflasche aus ihrer eigenen Tasche und wischte ihm mit der flachen Hand über die Stirn.
Kowaltschuk beobachtete das von der Seite und wartete auf das Foto. Er war sich sicher: jetzt käme jemand mit einer Kamera aus dem Wagen, ein Schnappschuss für die Zeitung am nächsten Tag, dazu die Schlagzeile. Er zählte im Kopf schon durch, wer in der Halle stand und wen man im Bild sehen würde. Aber niemand holte eine Kamera. Die beiden zogen sich zum Ausgang zurück, die Mutter reichte ihm knapp die Hand, ohne Umschweife, und ging zum Wagen.
Da stand Dmytro auf, humpelte zwei Schritte, und rief: „Warte!" Er zog sein Handy aus der Trainingsjacke. „Ein Foto mit mir. Für meine Tochter, sie ist sechs, die glaubt mir sonst nicht, dass du wirklich hier warst."
Der Junge nahm das Handy nicht selbst, sondern rief einen Trainingspartner herbei, der es halten sollte, damit er beide Hände frei hatte, um sie auf Dmytros Schultern zu legen. Kowaltschuk stand daneben, die Pfeife immer noch in der Faust, und ließ sie erst los, als er sah, wie lange der Junge wartete, bis das Handy wirklich in Position war — keine Eile, kein Seitenblick zur Tür.
„Wär's Show gewesen, hätte er das Foto selbst vorgeschlagen", sagte Kowaltschuk am Telefon. „Er hat gewartet, bis wir gefragt haben. Das merkt man. Das kann man nicht spielen, nicht zwanzig Minuten lang."
Später am Abend, erzählte er weiter, seien Mutter und Sohn ins kleine Restaurant Trypitschtschja gegangen, das Freiwillige eigens für diesen Abend geöffnet hatten. Rote-Bete-Kwas, Poltawaer Galuschki, eine Folkgruppe namens Slobozhanskyi spielte auf, die Sängerin Marjana Sadowska trat für zwei Lieder ans Mikrofon. Kein Statement danach, kein Foto mit Bildunterschrift. Die Rechnung, erzählte Kowaltschuk, hätten sie bar bezahlt, dreitausendzweihundert Griwna für die ganze Gruppe, und niemand habe darauf bestanden, dass es die Wirtin an die große Glocke hängt.
Frau Bergmann saß am Küchentisch, die Teetasse längst kalt zwischen den Händen, und wollte noch fragen, wie es weiterging, da hörte sie im Hörer schon das Quietschen von Bremsen. „Der Lkw mit den neuen Matten ist da", sagte Kowaltschuk. „Ich muss los." Die Leitung war tot, noch bevor sie sich verabschieden konnte.
Am nächsten Morgen stellte Frau Bergmann den Wagen vor dem Lagerhaus ab, wo an diesem Tag Winterjacken für die nächste Fahrt nach Poltawa verpackt wurden, Abfahrt Freitag, sechs Uhr früh. Sie nahm einen Karton, trug ihn zum Transporter, stellte ihn ab und griff nach dem nächsten. Erst beim dritten Karton fiel ihr wieder Dmytros Satz ein, den Kowaltschuk ihr am Telefon nachgesprochen hatte: „Er hat gewartet, bis wir gefragt haben." Sie strich mit der Hand über das Klebeband, prüfte, ob es hielt, und schob den Karton in die Ladefläche.
