Der Hund, der nicht warten durfte

Matthias Bergmann war zweiundsechzig, als er sich entschied, den Jakobsweg zu Fuß zu gehen – nicht den spanischen, sondern seine eigene Version davon: von Lindau am Bodensee bis hinauf nach Berchtesgaden, quer durch die Alpenausläufer, mit nichts als einem Rucksack und seinem alten Schäferhund Bruno. Bruno war zwölf, grau um die Schnauze, und humpelte seit dem Winter leicht auf dem rechten Vorderlauf. Der Tierarzt in Lindau hatte gesagt, viel Zeit bleibe dem Hund nicht mehr. Genau deshalb wollte Matthias diese Wanderung noch mit ihm machen, bevor es zu spät war.

Sie waren jetzt fünf Tage unterwegs, achtzig Kilometer laut der Karte in Matthias' Brusttasche, die er seit Traunstein nicht mehr aufgefaltet hatte. Die Fußsohlen brannten, das Wasser in der Flasche war seit zwei Stunden alle, und die Sonne stand noch immer hoch über den Hügeln bei Bad Reichenhall. Bruno zog die Zunge weit heraus, seine Rippen hoben und senkten sich schneller als sonst, in kurzen, trockenen Stößen. Matthias blieb stehen, kramte in der Seitentasche nach der letzten Hundekeksverpackung – leer, nur noch Krümel klebten in den Nähten. Er zerknüllte sie und steckte sie wieder ein, aus Gewohnheit, nicht weil es hier einen Mülleimer gab. Sein Handy zeigte 14:52 Uhr und einen Akkustand von elf Prozent.

Dann, hinter einer Kurve des Schotterwegs, tauchte es auf: ein schmiedeeisernes Tor, geschwungen wie aus einem Bilderbuch, dahinter ein Anwesen mit weißen Säulen, ein Springbrunnen, der leise plätscherte, und aus offenen Fenstern drang Klaviermusik. Rosenbeete säumten den Kiesweg, akkurat geschnitten, keine einzige verwelkte Blüte darunter. Ein Mann in makelloser Livree stand am Tor, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

„Guten Tag", sagte Matthias und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Was ist das hier für ein Ort?"

„Ein Erholungshaus, mein Herr. Für Wanderer, die es geschafft haben." Der Mann musterte Bruno, dann Matthias' aufgesprungene Lippen. „Sie sehen aus, als bräuchten Sie das dringend."

„Gibt es Wasser?"

„Kristallklare Quellen, ein Pool mit Meerwasser-Filteranlage, so viel Sie trinken können. Zweiundvierzig Zimmer, jedes mit eigenem Balkon."

„Und zu essen?"

„Alles, was das Herz begehrt. Unser Koch stand zwanzig Jahre im Sternerestaurant. Heute gibt es Rehrücken."

Matthias' Magen zog sich zusammen bei dem Wort Rehrücken. Er sah zu Bruno hinunter, der sich erschöpft neben seinem Bein niedergelassen hatte, die Flanken zitternd. „Er kommt natürlich mit."

Der Mann am Tor verzog das Gesicht, als hätte man ihm einen schlechten Wein eingeschenkt. „Hunde sind auf dem Gelände nicht gestattet. Hausordnung. Er kann hier draußen an der Laterne angebunden werden, wir bringen ihm eine Schüssel raus, sobald jemand Zeit findet."

„Wie lange dauert das?"

„Der Küchendienst beginnt um sechzehn Uhr." Der Mann warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Eine gute Stunde noch."

Matthias stand da, die Zunge trocken wie Sandpapier im eigenen Mund, und rechnete: eine Stunde, angebunden an einer Laterne, während drinnen Klavier gespielt wurde. Er machte einen halben Schritt auf das Tor zu, die Hand schon am Rucksackgurt, um ihn abzustreifen. Dann sah er Brunos rechten Vorderlauf, der leicht nach innen geknickt im Kies lag, und blieb stehen.

„Nein", sagte er, mehr zu sich selbst als zum Mann. Er drehte sich um und ging zurück auf den staubigen Weg. Der Springbrunnen plätscherte hinter ihm weiter, gleichgültig.

Eine knappe Stunde später, als die Sonne schon tiefer stand und lange Schatten über die Wiesen warf, erreichten sie einen kleinen Bauernhof am Waldrand. Verwittertes Holz, ein rostiges Wellblechdach mit einer Delle von irgendeinem Hagelsturm, Hühner, die im Staub scharrten und sich beim Näherkommen kreischend zerstreuten. Vor der Tür saß ein älterer Mann auf einem klapprigen Holzstuhl, eine Pfeife im Mundwinkel, eine karierte Wolldecke über den Knien trotz der Wärme.

„Guten Abend", sagte Matthias mit rauer Stimme. „Ich habe schrecklichen Durst, und mein Hund auch."

Der Alte betrachtete Bruno einen Moment, dann stand er mühsam auf, eine Hand auf den unteren Rücken gepresst. „Hinterm Haus ist ein Brunnen mit dem besten Wasser weit und breit. Kostet nichts, hat noch nie was gekostet."

„Und für meinen Hund?"

„Neben dem Trog steht eine alte Emailschüssel, angeschlagen am Rand, aber sauber. Die füll ich ihm."

„Haben Sie auch etwas zu essen?"

„Kartoffelsuppe von gestern, wird nur besser, und Brot vom Bäcker im Dorf, war heut früh um sechs schon frisch." Er deutete mit dem Pfeifenstiel auf eine Bank neben der Tür. „Setzen Sie sich, bevor Sie umfallen."

Bruno hatte sich schon zur Emailschüssel geschleppt und trank in langen, schmatzenden Zügen, das Wasser spritzte ihm über die Pfoten. Der Alte sah ihm dabei zu, ohne etwas zu sagen, ging dann wortlos ins Haus und kam mit einem Knochen wieder, an dem noch Fleischfasern hingen. Er legte ihn neben die Schüssel, ohne ein Wort dazu, und setzte sich wieder auf seinen Stuhl.

Matthias ließ sich auf die Bank sinken, die Beine plötzlich schwer wie nasser Sand. Er löffelte die Suppe, die nach Speck und zu viel Muskat schmeckte, und beobachtete Bruno, der den Knochen zwischen den Vorderpfoten hielt und mit hörbarem Knacken hineinbiss.

„Was hätten Sie gemacht", fragte Matthias nach einer Weile, „wenn ich ohne ihn gekommen wäre?"

Der Alte zog an seiner Pfeife, der Rauch zog seitwärts in der Abendluft. „Hätt ich Ihnen trotzdem Suppe gegeben. Aber gefragt hätt ich schon, wo der Hund geblieben ist."

Matthias strich sich mit dem Handrücken über die Augen, spürte den Staub des Tages darin. Er dachte an das Tor, an die Stunde, die er dort hätte warten sollen, an den Rehrücken. Dann schob er den Gedanken weg und goss sich Kaffee aus der Kanne, die der Alte auf den Tisch gestellt hatte – schwarz, bitter, viel zu heiß.

„Ich glaube", sagte er, „ich bleibe hier ein paar Tage. Wenn das geht."

„Geht schon. Scheune ist trocken, Stroh ist frisch." Der Alte klopfte seine Pfeife am Stuhlbein aus.

Bruno hatte den Knochen inzwischen abgenagt und ließ sich zwischen die beiden Stühle fallen, seufzend, den Kopf auf Matthias' staubige Wanderschuhe gebettet. Sein Atem ging jetzt langsamer, tiefer. Über dem Wellblechdach zogen die ersten Schwalben ihre Kreise, und irgendwo im Stall brüllte eine Kuh nach dem Melken. Matthias legte die Hand auf Brunos Kopf, spürte das Zittern in den Flanken langsam nachlassen, und rührte sich nicht mehr von der Bank.

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