Der Schleim aus Aquarium 14

Meret Vollbrecht hasste den Geruch von Fischfutter in ihrer Jacke. Nach neun Jahren im Tierpark Hagenbeck klebte er trotzdem jeden Abend an ihr, egal wie oft sie die Sachen wusch. An diesem Dienstag im März roch es besonders streng, weil sie gerade das Wasser im Amphibienbecken gewechselt hatte, dem mit den drei Axolotln, die seit einem Jahr in ihrer Obhut waren.

Sie hieß die Tiere nicht besonders, außer eines: Bruno, ein rosafarbener Axolotl mit einer Narbe an der linken Kieme, der als einziger stillhielt, wenn sie ihn aus dem Wasser hob. Die anderen zappelten. Bruno lag einfach da, wie ein nasses Stück Gummi, und ließ sich den Rücken streicheln, während sie mit einem Wattestäbchen etwas von seinem Schleim abnahm.

Diese Prozedur machte sie seit sechs Monaten für eine Forschungsgruppe der Medizinischen Hochschule Hannover. Ein Doktorand namens Jonas Reetz hatte im Herbst angerufen, ziemlich aufgeregt für jemanden, der sonst am Telefon wie ein Behördenformular klang, und gefragt, ob der Zoo bereit wäre, regelmäßig Schleimproben abzugeben. Kein Blut, keine Eingriffe, nur der Schleim, den die Tiere ohnehin ständig produzierten. Meret hatte zugestimmt, weil es harmlos klang und weil die Doktoranden immer einen Kasten Kekse aus der Kantine mitbrachten, wenn sie die Proben abholten.

Sie wusste nicht, wonach genau sie suchten. Erst als Jonas im Januar mit einem ausgedruckten Artikel in der Hand auftauchte, blass und mit Kaffeeflecken auf dem Pullover, verstand sie, dass es um mehr ging als eine Studentenarbeit.

„Setz dich", sagte er, was ungewöhnlich war, weil er sonst immer im Stehen redete, mit dem Rucksack noch auf dem Rücken.

Sie setzte sich auf den Klapphocker neben dem Becken. Bruno schwamm im Hintergrund träge im Kreis.

„Wir haben zweiundzwanzig Peptide aus dem Schleim isoliert", sagte Jonas. „Drei davon bringen Brustkrebszellen dazu, sich selbst zu zerstören. Und sie lassen gesundes Gewebe komplett in Ruhe."

Meret zog scharf die Luft ein und griff nach der Beckenkante. „Krebszellen."

„In der Zellkultur, ja. Programmierter Zelltod, gezielt. Und ein anderes Peptid killt MRSA. Diese resistenten Krankenhauskeime, gegen die kaum noch ein Antibiotikum hilft."

Sie wusste, was MRSA war. Ihre Schwester Katja hatte vor drei Jahren nach einer Hüft-OP eine solche Infektion bekommen, sechs Wochen im Klinikum Barmbek, drei verschiedene Antibiotika, bis endlich eines anschlug. Katja hatte danach monatelang von nichts anderem geredet als von der Angst, die diese Wochen begleitet hatte, von den Ärzten, die immer vorsichtiger wurden mit jedem Präparat, das nicht wirkte.

„Das Zeug aus Brunos Schleim tötet das?"

„Ein Molekül daraus, ja. Wir müssen es noch synthetisch nachbauen und in Studien testen, das dauert Jahre. Aber die Struktur ist da. Sie durchlöchert die Bakterienzellwand, wortwörtlich, wie ein Speer. Resistenzen dagegen zu entwickeln, ist für die Bakterien viel schwerer als gegen klassische Antibiotika."

Meret drehte sich zu Bruno um. Er hatte gerade eine kleine Blase Luft ausgestoßen, die an die Wasseroberfläche stieg. „Warum ausgerechnet die?"

„Weil Axolotl praktisch nichts von ihrer eigenen Haut fürchten müssen. Kein Immunsystem, das Narben bildet, keine Wunde, die sich entzündet. Der Schleim ist ihr gesamtes Abwehrsystem nach außen. Millionen Jahre Evolution, um Infektionen fernzuhalten, ohne Antibiotika, ohne irgendwas, was wir künstlich herstellen müssten."

Sie schwieg eine Weile. Der Filter im Becken gluckerte.

„Und was passiert jetzt mit dem Ergebnis?"

„Publiziert. In einem internationalen Fachjournal. Aber bis daraus ein Medikament wird — das ist der Teil, den keiner gern hört —, das dauert. Zehn Jahre vielleicht. Klinische Studien, Zulassung, alles."

Meret rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn und ließ die Zahl sacken. Zehn Jahre. Sie zählte im Kopf durch, wer in zehn Jahren noch krank sein würde.

Der eigentliche Knoten in der Geschichte kam zwei Wochen später, als der Zoodirektor, ein Mann namens Bernd Achterberg, mit einer Mappe unter dem Arm ins Aquarienhaus kam. Er wollte über Budgetkürzungen sprechen. Das Amphibienhaus stand seit Monaten auf einer internen Liste, weil es zu wenig Besucher anzog im Vergleich zu den Kosten für Wasseraufbereitung und Personal.

„Drei Becken könnten wir schließen", sagte er, während er die Kiemen der Tiere durch das Glas betrachtete, als wären es Zahlen auf einem Kontoauszug. „Die Axolotl bringen niemanden zum Staunen. Die Leute wollen Löwen sehen."

Meret verschränkte die Arme so fest, dass ihre Fingernägel sich in den Jackenärmel drückten. „Diese Tiere hier sind Teil einer Studie über Krebsforschung", sagte sie. „Über antibiotikaresistente Bakterien. Es geht gerade durch die Fachpresse."

Achterberg zog eine Augenbraue hoch. „Das interessiert die Finanzabteilung nicht." Er klappte die Mappe auf und tippte mit dem Finger auf eine Zeile. „Bis Ende des Monats brauche ich eine Entscheidung. Wasseraufbereitung für drei Becken kostet uns achtzehntausend Euro im Jahr. Löwenfutter kostet weniger und bringt mehr Publikum."

„Wenn diese Tiere hier verschwinden, verschwindet auch die einzige laufende Probenquelle in Norddeutschland dafür", sagte Meret. „Es gibt weltweit kaum noch wilde Axolotl, in freier Natur sind sie faktisch ausgestorben. Der Kanal in Xochimilco bei Mexiko-Stadt, wo sie ursprünglich herkommen, ist so verschmutzt, dass man dort kaum noch welche findet. Was hier in den Becken schwimmt, ist ein Teil von dem, was von der Art übrig ist."

„Bis Ende des Monats", wiederholte er nur und steckte die Mappe unter den Arm zurück.

Meret rief Jonas noch am selben Abend an. Die Studie lag zu diesem Zeitpunkt bereits zur Veröffentlichung bereit, eingereicht bei PLOS ONE, aber ohne festes Erscheinungsdatum, und niemand konnte ihr sagen, ob das in zwei Wochen oder in zwei Monaten passieren würde. Sie fragte ihn, ob es eine Möglichkeit gebe, die Sache zu beschleunigen, wenigstens öffentlich zu machen, bevor die Fachpresse überhaupt so weit war. Jonas zögerte, sagte, das sei nicht üblich, dass man vor Veröffentlichung mit Journalisten spreche, das könne dem Journal nicht gefallen.

Sie rief trotzdem am nächsten Morgen bei der Hannoverschen Allgemeinen an, bevor sie zur Arbeit fuhr, mit klopfendem Herzen, weil sie noch nie in ihrem Leben eine Redaktion angerufen hatte. Sie erklärte der Frau am anderen Ende in drei hastigen Sätzen, worum es ging, und legte auf, bevor die Frau überhaupt fertig fragen konnte. Zwei Tage passierte nichts. Meret prüfte jeden Morgen, ob die Zeitung angerufen hatte. Am dritten Tag stand ein Fotograf vor dem Amphibienhaus und brauchte dringend ein Bild von dem Tier. Meret machte es selbst, weil niemand sonst zur Stelle war, kniete sich mit dem Handy vor das Becken, während Bruno gerade so lag, dass die Narbe an der Kieme im Licht zu sehen war.

Die Meldung erschien am Freitag, mit der Überschrift: „Dieses Tier könnte Brustkrebs heilen." Meret fand die Formulierung übertrieben, aber sie verstand, warum die Redaktion sie gewählt hatte. Am Montag, drei Tage vor Achterbergs Frist, stieg die Besucherzahl im Amphibienhaus sprunghaft an. Schulklassen kamen extra wegen Bruno, den man inzwischen mit einem kleinen Schild „Bruno, der Lebensretter" versehen hatte, was Meret jedes Mal zusammenzucken ließ, weil es nach Kirmesattraktion klang und nicht nach dem, was es tatsächlich war.

Achterberg kam noch einmal vorbei, mit der Mappe unter dem Arm, aber er schlug sie diesmal nicht auf.

„Die Kürzungen sind vom Tisch", sagte er. „Für dieses Becken jedenfalls. Für die anderen beiden reden wir im Herbst noch einmal."

Meret nickte nur knapp und drehte sich zurück zum Becken, wo Bruno gerade gegen die Scheibe stieß, als hätte er die ganze Auseinandersetzung mit verfolgt.

Was den eigentlichen Unterschied machte, kam erst im Sommer. Katja rief an einem Sonntagabend an, ihre Stimme klang seltsam ruhig für jemanden, der sonst am Telefon immer schnell sprach. Sie erzählte, dass ihre Nachbarin, eine Frau namens Ines Brammer, gerade wegen einer MRSA-Infektion in der Uniklinik Göttingen lag, nach einer Chemotherapie, mit einem Immunsystem, das kaum noch etwas abwehren konnte. Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass sie das letzte verfügbare Reserveantibiotikum einsetzen würden, weil die vorherigen nicht mehr anschlugen.

Meret ließ das Geschirrtuch auf die Ablage fallen. Sie fragte, ob sie Ines besuchen dürfe.

Katja war überrascht. „Ihr kennt euch doch gar nicht."

„Ich weiß", sagte Meret. „Ich möchte trotzdem."

Zwei Tage später stand sie mit Katja vor Zimmer 214 der Uniklinik Göttingen, in Schutzkittel und Handschuhen, weil Besucher wegen der Infektion nur so hinein durften. Ines Brammer lag halb aufgerichtet im Bett, ein Schlauch am Handrücken, das Gesicht eingefallen von der Chemotherapie. Meret hatte ein Foto von Bruno auf ihrem Handy, das sie zeigen wollte, aber als sie im Zimmer stand, schaffte sie es nicht, es hervorzuholen. Stattdessen setzte sie sich auf den Stuhl neben dem Bett und erzählte einfach: von dem Wattestäbchen, von den zweiundzwanzig Peptiden, von der Kette aus bunten Kugeln auf Jonas' Bildschirm.

Ines hörte zu, mit geschlossenen Augen zuerst, dann öffnete sie sie und sah Meret an. „Zehn Jahre", sagte sie. Keine Frage.

„Zehn Jahre", bestätigte Meret. Sie wusste, dass es nichts an Ines' Blutwerten in diesem Moment ändern würde, kein Peptid aus Brunos Becken würde in den nächsten Stunden ihre Vene erreichen. Sie sagte es trotzdem laut, weil ihr das Schweigen darüber falscher vorkam als die Wahrheit.

Ines drehte den Kopf zum Fenster. „Zeigen Sie mir das Bild trotzdem."

Meret holte ihr Handy heraus und hielt es so, dass Ines es sehen konnte, ohne den Arm mit dem Schlauch bewegen zu müssen. Bruno, rosa, mit der Narbe an der Kieme, reglos auf dem Kiesboden des Beckens. Ines betrachtete das Bild lange, dann streckte sie einen Finger aus und berührte den Bildschirm, genau an der Stelle, wo die Narbe war.

„Er sieht aus, als hätte er auch schon einiges hinter sich", sagte sie.

Drei Wochen später schlug das Reserveantibiotikum an. Katja berichtete es Meret am Telefon, beiläufig, zwischen zwei anderen Neuigkeiten, weil für sie die Sache damit erledigt war. Es hatte nichts mit Bruno zu tun gehabt, das wusste Meret genau, keine Faser des Mittels stammte aus dem Amphibienbecken. Trotzdem stand sie an diesem Abend lange vor Brunos Aquarium, die Hände auf dem kühlen Glas, und beobachtete, wie er langsam über den Kies glitt.

Im Amphibienhaus ging sie an diesem Abend zu Brunos Becken, öffnete die kleine Klappe oben und legte, wie jede Woche, ein Stück totes Blatt hinein, das er ohnehin nie fraß, aber das die Wasserqualität testete, wie ihr eine Kollegin einmal beigebracht hatte. Dann setzte sie sich auf den Hocker und schrieb in ihr Logbuch das Datum und die Wassertemperatur, so wie sie es seit neun Jahren jeden Tag tat.

Zwei Jahre später, an einem Herbsttag im Amphibienhaus, brachte Jonas eine neue Nachricht: die ersten Tierversuche mit AX-3, dem vielversprechendsten der Peptide, waren angelaufen, mit vorsichtig positiven Ergebnissen bei resistenten Infektionen. Meret schrieb es in ihr Logbuch, direkt unter das Datum und die Wassertemperatur, an derselben Stelle, an der sie zwei Jahre zuvor Ines Brammers Namen notiert hatte, weil es ihr inzwischen wie eine Zahl vorkam, die genauso festgehalten werden musste wie alle anderen.

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