Der Geruch von Lilien

Der Abend war von Anfang an falsch. Schon als Thorsten in seinem maßgeschneiderten Anzug ins Wohnzimmer kam und mich musterte wie eine ungebügelte Tischdecke, wusste ich, dass es einer dieser Abende werden würde.

„Das blaue Kleid, nicht das grüne. Und zieh die Handschuhe an. Deine Hände sehen aus wie die einer Landarbeiterin.“

Ich trug das blaue Kleid. Die Handschuhe ließ ich auf der Kommode liegen. Meine Hände waren, was sie waren – mit kleinen Narben von Dornen, rissigen Knöcheln vom ständigen Waschen und einer Hornhaut an der rechten Handfläche, wo die Blumenschere Tag für Tag auflag. Seit zwölf Jahren. Seit ich mit nichts als einem Lieferwagen voller Pfingstrosen und einem Kredit von meiner Tante angefangen hatte.

Wir fuhren in die Innenstadt von Frankfurt. Thorsten am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz. Das Restaurant lag im obersten Stockwerk eines Hotels, mit Blick auf den Main und mit diesen Stühlen, auf denen man so gerade sitzt, dass einem nach zwanzig Minuten der Rücken wehtut.

„Das sind die Investoren, von denen ich dir erzählt habe“, sagte Thorsten, während der Aufzug uns nach oben trug. „Caroline und Robert Vandermeer. Altes Geld aus Wiesbaden. Interessieren sich für den Expansionsplan.“

Ich nickte. Von einem Expansionsplan hatte ich noch nie gehört. Mein Blumenladen – sechs Filialen in Frankfurt und Umgebung, zweiundvierzig Mitarbeiter, Lieferverträge mit drei Hotelketten – expandierte nach meiner Planung nicht. Aber Thorsten redete gern von Expansion. Das Wort klang nach Zukunft, nach Größe, nach etwas, das über einen Blumenladen hinausging. Und Thorsten brauchte das – etwas, das über einen Blumenladen hinausging. So wie er einen Jaguar brauchte, obwohl ein VW für die Stadt gereicht hätte. So wie er die Rolex brauchte, die er sich letzten März „von der Firma“ gegönnt hatte. Meiner Firma.

Caroline Vandermeer war eine Frau um die vierzig, schlank, mit einem rotbraunen Bob und einem Lachen, das nie die Augen erreichte. Sie trug ein cremefarbenes Kostüm und Ohrringe, die aussahen, als hätten sie eine eigene Postleitzahl. Ihr Mann Robert war jünger, vielleicht Mitte dreißig, mit schütterem Haar und einem Zug um den Mund, der bei jedem Satz, den Thorsten sagte, tiefer wurde.

„Hannah ist für das operative Geschäft zuständig“, sagte Thorsten, nachdem er mich vorgestellt hatte. Er sagte es in dem Ton, mit dem man erklärt, warum das Kind noch mit am Tisch sitzt.

„Ach, Sie arbeiten auch bei der Firma?“, fragte Caroline und wandte sich mir zu.

„Die Firma gehört ihr“, sagte Robert trocken.

Thorsten lachte kurz auf. Es klang nach einer Tür, die nicht ganz ins Schloss fällt. „Formal. Aber das Tagesgeschäft, die Kreativität – dafür hat Hannah einfach mehr Talent. Ich kümmere mich um das große Ganze. Strukturen, Kapital, Investorenbeziehungen. Das langweilige Zeug eben.“ Er zwinkerte Caroline zu. Sie lächelte zurück.

Ich faltete meine Hände im Schoß. Die Narben an den Fingerkuppen – ein Dutzend kleine Einstiche von Rosen, die ich ohne Handschuhe gebunden hatte, weil die Lieferung für die Hochzeit in der Alten Oper zu spät kam – brannten unter dem Stoff meines Kleides.

Das Gespräch driftete ab. Thorsten redete über Marktanteile, über Skalierung, über eine neue Linie für den Online-Versand von Premium-Sträußen. Er benutzte Worte wie „Equity“ und „Seed-Phase“, die ich aus Meetings kannte, bei denen ich nie dabei gewesen war. Caroline stellte Fragen. Sie nannte ihn „Torte“ – nicht einmal „Thorsten“, sondern „Torte“, mit einem weichen T, als wäre sie schon tausendmal an seinem Schreibtisch gelehnt.

Irgendwann bestellte er Wein. Einen Weißburgunder für achtundneunzig Euro die Flasche. Die Rechnung ging auf die Firmenkarte. Das wusste ich, weil er sie mit demselben eleganten Schwung aus der Brieftasche zog, mit dem er immer bezahlte – die schwarze American Express, auf der „Blütenreich GmbH, Hannah Mertens, GF“ stand.

„Kennt ihr euch schon länger?“, fragte ich Caroline irgendwann, irgendwo zwischen Vorspeise und Hauptgang.

Thorsten antwortete, bevor sie den Mund öffnen konnte. „Caroline und ich hatten letztes Jahr ein paar Meetings. Möglichkeiten ausloten. Nichts, womit du dich belasten musst.“ Er sagte es väterlich. Gönnerhaft. Als bestünde meine Belastbarkeit aus Gänseblümchen und Schleierkraut und nicht aus sechsundzwanzig Großaufträgen pro Woche.

Ich aß mein Kalbsfilet und schwieg. Das hatte ich zwölf Jahre lang gelernt: schweigen und lächeln und darauf warten, dass der Mann, der meine Unterschrift auf seinen Gehaltsabrechnungen trug, mich nicht noch einmal vor fremden Leuten einen „tollen Dekorateur“ nannte.

Robert entschuldigte sich nach dem Hauptgang. Er müsse telefonieren. Er kam nicht wieder. Ich sah ihn später an der Bar stehen, ein Bier in der Hand, als wäre der Abend ohne ihn erträglicher geworden.

Gegen Mitternacht ließ Caroline ihre Serviette auf den Tisch fallen. „Torte, du hast wieder einmal übertrieben. Wir sehen uns nächste Woche? Gleicher Ort?“

„Ich reserviere“, sagte Thorsten.

Nächste Woche. Gleicher Ort. Ein „Meeting“ also. Und Caroline nannte ihn noch immer Torte.

Im Auto zurück roch ich den Wein in seinem Atem und den leichten, blumigen Duft von Carolines Parfum an seinem Jackett. Jasmin. Nicht das Parfum, das ich benutzte.

„Du hättest mehr lächeln können“, sagte Thorsten, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Sie hat nachher gar nicht mehr mit dir geredet. Investoren wollen das Gefühl haben, dass alle im Team mitziehen. Du hast gewirkt, als würdest du lieber Blumen schneiden.“

„Vielleicht, weil ich lieber Blumen schneiden würde.“

Er lachte. Wieder dieses kurze, abfallende Lachen. „Genau das meine ich. Du denkst zu klein, Hannah. Du hast einen Betrieb, aber du denkst immer noch wie eine Floristin, die morgens um vier auf dem Großmarkt steht. Das ist ja lieb. Aber es reicht nicht. Nicht für das, was ich vorhabe.“

Er sagte „was ich vorhabe“. Nicht wir.

In dieser Nacht schlief ich nicht. Ich lag wach und dachte an den Großmarkt. An die ersten zwei Jahre, als ich um drei Uhr morgens aufstand, um die frischesten Schnittblumen zu kriegen, bevor die großen Läden kamen. Als ich auf dem Boden meiner ersten Filiale schlief, weil das Sofa zu teuer war und das Bettgeld in den Kühlraum floss. Als Thorsten noch in einem Callcenter arbeitete, bevor er beschloss, dass „die Firma meiner Frau“ ein angemesseneres Betätigungsfeld sei.

Um vier Uhr dreißig piepste mein Wecker. Ich duschte, zog Jeans und eine Bluse an und fuhr in die Zentrale – eine umgebaute Lagerhalle in Sachsenhausen, die nach Farn und kühler Erde roch. Die Morgenlieferung stand schon im Hof. Drei Rollwagen voller Hortensien, Eukalyptus, Schleierkraut und Rosen.

Ich zog meine Arbeitshandschuhe an, dieselben dicken grünen Dinger, die ich seit zwanzig Jahren trug, und fing an, die Eimer für den Tag vorzubereiten. Die Arbeit war monoton und präzise und ließ keinen Raum zum Grübeln. Die Hände schnitten, wickelten, banden. Die Narben an meinen Fingern waren unter dem Stoff der Handschuhe verborgen.

Um halb sieben kam Frau Berger. Meine Buchhalterin. Seit elf Jahren die Frau, die wusste, wo jeder Cent meiner Firma steckte. Mitte sechzig, grauer Haarknoten, immer dieselbe Hornbrille. Sie war die Erste gewesen, die ich eingestellt hatte, damals, als ich noch dachte, Buchhaltung wäre etwas, das ich nach Feierabend selbst machen könnte.

„Morgen, Frau Mertens. Haben Sie eine Minute?“

Etwas in ihrer Stimme ließ mich aufhorchen. Frau Berger fragte nie nach Zeit. Sie legte einem die Unterlagen hin und verließ sich darauf, dass man las.

„Natürlich. Kaffee?“

„Ja. Und setzen Sie sich vielleicht.“

Sie sagte es nicht wie eine Bitte. Ich führte sie in mein Büro, eine schmale Kammer mit Glasfront zum Lager. Sie breitete ihre Unterlagen auf dem Tisch aus.

„Ich habe die Firmenkonten der letzten zehn Monate noch einmal geprüft. Es gab ein paar Unregelmäßigkeiten, die mir im Quartalsbericht aufgefallen sind. Ich wollte sichergehen, bevor ich zu Ihnen komme.“ Sie schob mir eine Aufstellung hin. Drei Firmenkreditkarten, jede mit einem monatlichen Limit von zehntausend Euro. Und eine Kreditlinie für Investitionen über insgesamt dreihunderttausend.

„Ihr Mann hat in den letzten zehn Monaten Zahlungen in Höhe von knapp einhundertsechzigtausend Euro über die Firmenkarten abgerechnet. Davon sind etwa dreißigtausend mit Belegen hinterlegt – der Rest nicht. Ich habe diese Zahlungen nachverfolgt.“ Sie schlug die nächste Seite auf. „Das Restaurant ‚Mainblick‘. Sechsundvierzig Buchungen seit Januar. Gesamtsumme zirka siebzigtausend Euro. Der Betrag pro Besuch liegt im Schnitt bei über tausendfünfhundert Euro.“ Sie schaute mich über den Brillenrand an. „Dazu kommen Ausgaben in einem Juweliergeschäft auf der Goethestraße über zweiunddreißigtausend Euro, fünf Hotelbuchungen im Schlosshotel Kronberg über durchschnittlich sechshundert Euro pro Nacht und diverse Abbuchungen von einem Online-Versand für Damenmode – circa achttausend Euro in den letzten vier Monaten. Zuzüglich Bargeldabhebungen, monatlich wiederkehrend, Gesamtsumme knapp neunzehn.“

Das Restaurant Mainblick. Wo wir gestern Abend gewesen waren. Wo es also offenbar noch sechsundvierzig weitere Abende gegeben hatte. Ohne mich. Mit Caroline, die ihn Torte nannte.

Und das Schlosshotel Kronberg. Fünfmal.

Ich schob den Kaffeebecher beiseite, ohne getrunken zu haben.

„Dazu kommt die Kreditlinie“, fuhr Frau Berger fort. „Von den genehmigten dreihunderttausend sind zweihundertvierzigtausend abgerufen. Etwa die Hälfte davon ist durch Investitionsbelege gedeckt – neue Kühlgeräte, die Lieferwagenreparatur vom Februar, die Renovierung der Filiale Bornheim. Der Rest – der größere Teil – wurde ohne Belege transferiert. Auf ein Konto, das ich zumindest auf den ersten Blick nicht zuordnen kann. Ich vermute privat.“

Ich stand auf, ging zum Fenster und schaute auf den Hof hinaus. Es hatte angefangen zu regnen. Die Tropfen liefen in trägen Rinnsalen an der Scheibe herab. Einhundertsechzigtausend plus einhundertzwanzigtausend nicht belegte Kredite. Zusammen – fast dreihunderttausend Euro. Aus meiner Firma. Aus der Arbeit von zwölf Jahren.

„Caroline Vandermeer“, sagte ich zum Fenster gewandt. „Wiesbaden. Altes Geld.“ Ein Gedanke, kein Satz.

Hinter mir raschelte Papier. Frau Berger sagte nichts.

„Er hat sie auf meine Kosten eingeladen. Sechsundvierzigmal. Hat ihr Schmuck gekauft, mit ihr in Kronberg übernachtet und ihr Kleider bestellt. Und gestern Abend hat er mich an denselben Tisch gesetzt und gesagt, ich solle meine Hände verstecken. Weil sie wie die einer Landarbeiterin aussehen. Meine Hände, Frau Berger. Die Hände, die jeden einzelnen Strauß in diesem Laden bezahlt haben. Jedes Kühlgerät. Seine Rolex.“ Ich drehte mich um. „Kann ich die Karten sperren lassen?“

Frau Berger lächelte. Es war das erste Mal seit elf Jahren, dass ich dieses Lächeln sah. Es war ein Lächeln, das keine Zähne zeigte und sehr viel Genugtuung enthielt.

„Sie sind die alleinige Inhaberin und Geschäftsführerin. Die Karten laufen über die Firma. Ihr Mann hat eine Handlungsvollmacht, die Sie jederzeit widerrufen können. Ich habe die Formulare vorbereitet.“ Sie zog ein weiteres Blatt aus dem Ordner. „Blockierung der Firmenkreditkarten. Entzug der Handlungsvollmacht. Stopp aller weiteren Abrufe aus der Kreditlinie durch Herrn Thorsten Eckhardt.“ Sie legte es neben das erste. „Und eine Anzeige wegen Untreue. Falls Sie das möchten. Das müsste über einen Anwalt laufen, aber die Belege wären da.“ Sie klopfte mit dem Zeigefinger auf die Unterlagen.

Ich setzte mich wieder, nahm den Kugelschreiber von der Schreibtischunterlage – denselben Werbekugelschreiber, den mir ein Großhändler vor fünf Jahren geschenkt hatte – und zog die Kappe ab.

Drei Formulare. Blockierung. Widerruf. Stopp.

Ich unterschrieb.

Frau Berger nahm die Blätter, steckte sie in eine Klarsichthülle und stand auf. „Ich bringe das sofort zur Bank. Mit Glück sind die Karten gesperrt, bevor Herr Eckhardt wach wird.“ Sie hielt inne, die Hand schon auf der Türklinke. „Es tut mir leid, Frau Mertens. Dass Sie das zwölf Jahre mitgemacht haben. Und die Sache mit gestern Abend.“ Sie zögerte einen Moment. „Ihre Hände haben noch nie ausgesehen wie die einer Landarbeiterin. Sie sehen aus wie etwas, auf das man stolz sein kann.“

Damit schloss sie die Tür.

Ich blieb am Schreibtisch sitzen. Der Regen lief jetzt dichter, ein grauer Vorhang zwischen mir und dem Hof. Ich dachte an Caroline Vandermeer mit ihren Ohrringen und ihren achtundneunzig-Euro-Weißburgundern. Ich dachte an Thorstens Jaguar, der in unserer Einfahrt stand, Leasingrate vierzehnhundert im Monat, bezahlt von der Firma. Ich dachte an den Großmarkt um vier Uhr morgens und an die Rosen, deren Dornen meine Finger zerstochen hatten, und daran, dass ich nie mehr Handschuhe trug, weil ich das Gefühl der Stiele zwischen meinen Fingern brauchte, um zu wissen, ob sie frisch waren.

Merkwürdigerweise war ich nicht wütend. Nicht auf die Weise, wie man wütend ist, wenn einem etwas weggenommen wurde. Sondern auf die Weise, wie man aufwacht. Als hätte jemand in einem stickigen Raum endlich das Fenster geöffnet.

Um kurz nach neun klingelte mein Handy. Thorsten. Ich ließ es klingeln. Dann noch einmal. Und noch einmal.

Nach dem vierten Anruf holte ich tief Luft, griff nach meiner Schere und ging in die Halle zurück, um die Hortensien für die Auslage fertig zu machen. Die Blumen würden nicht auf mich warten. Und ich wartete jetzt auf niemanden mehr.

Eine Viertelstunde später kam eine SMS.

„Was soll das? Karte gesperrt? Ruf mich an! Sofort!“

Ich las sie, lächelte und legte das Handy in die Schublade mit dem Wickeldraht. Neben dem Fenster, durch das langsam die Sonne brach, standen sechs Eimer mit Lilien. Ihr Geruch war stark und süß und verdrängte den letzten Rest von Jasmin, der noch in meinen Kleidern hing.

Ich zog meine Handschuhe aus. Meine Hände waren narbig, rissig, voller Erde unter den Nägeln. Es waren die Hände einer Frau, die zwölf Jahre lang einen Betrieb aufgebaut hatte, während ihr Mann lächelnd danebenstand und so tat, als hätte er die Steine getragen.

Ich tauchte die Hände ins Wasser, wusch sie langsam und gründlich und begann, die Lilien für den Tag zu binden.

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Uniad
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