Thomas legte sein Handy nicht aus der Hand. „Der Urlaub fällt aus. Meine Mutter kommt.“
Anna stand im Wohnzimmer, zwischen zwei geöffneten Koffern. In der einen Hand hielt sie einen neuen Badeanzug, das Preisschild hing noch daran. Es wäre der erste Urlaub seit fünf Jahren gewesen.
„Wie bitte?“, fragte sie leise. „Die Flüge sind gebucht, Thomas. Stornierung ausgeschlossen. Achtzehnhundert Euro.“
Er rieb sich die Nasenwurzel und sank in den Sessel. Diese Geste kannte sie. Immer das Gleiche, wenn ein Gespräch eine Richtung nahm, die ihm nicht passte.
„Was soll ich machen? Sie hat schon die Bahntickets. Übermorgen ist sie da. Ich kann ihr ja schlecht sagen, sie soll umdrehen.“
Fünf Jahre Ehe. Kein einziger Urlaub. Nicht auf Malle, nicht an der Ostsee, nicht mal ein langes Wochenende in den Bergen. Nichts.
Im ersten Jahr hatte Rosa Schmidt einen Schwächeanfall. Am Tag vor der geplanten Reise nach Rom. Sie waren zu Hause geblieben. Der Blutdruck der Schwiegermutter war hundertfünfundzwanzig zu fünfundachtzig – ein Bestwert, wie Anna als Zahnarzthelferin wusste.
Danach: nichts als gescheiterte Pläne.
„Ich habe Überstunden geschoben für diesen Urlaub“, sagte Anna. „Vier Monate lang. Jeden Samstag.“
Thomas zuckte mit den Schultern, den Blick starr aufs Display gerichtet. „Mutter ist wichtiger. Sie ist dreiundsiebzig, Anna. Alleinstehend. Was hast du denn?“
Was sie hatte? Rosa lebte in Hannover, in einer großzügigen Altbauwohnung. Sie traf sich zweimal die Woche mit ihrem Bridge-Club, fuhr selbst mit dem Rad zum Supermarkt und kochte im Herbst kiloweise Marmelade ein. Und vor jeder geplanten Reise ihres Sohnes rief sie an: „Thomas, mein Junge, ich vermisse dich so. Ich komme für eine Woche.“ Aus der einen Woche wurden zwei. Dann drei. Einmal blieb sie sechs Wochen, bis der Vermieter anrief, weil im Treppenhaus ein Rohr gebrochen war.
„Ich werde nicht stornieren“, sagte Anna. „Fahr du nicht mit, bleib hier, hol deine Mutter ab. Ich fliege. Mit Pia.“
Thomas legte das Handy auf den Tisch. „Alleine? Ohne deinen Mann? Kommt nicht in Frage. Wir sind eine Familie. Entweder zusammen, oder gar nicht.“
Anna legte den Badeanzug zurück in den Schrank, klappte den Koffer zu und schob ihn in den Flur.
Sie gab nach. Zum dritten Mal.
Achtzehnhundert Euro verbrannten im digitalen Nirgendwo.
Zwei Tage später stand Rosa im Flur, mit einem schweren Lederkoffer und einer Tupperdose voller Quarkbällchen. Ihr Blick glitt über die Wände. „Die Tapete hier, die ist aber auch nicht mehr die neuste, oder, Thomas? Passt die überhaupt noch zu den Möbeln?“
***
Rosa blieb vier Wochen. In den ersten drei Tagen räumte sie die Küchenschränke um. Die Teller nach links, die Gläser nach rechts, das Besteck in eine andere Schublade – viel praktischer sei das so. Anna kam abends aus der Praxis, zwölf Stunden auf den Beinen, und fand nichts mehr wieder.
Am vierten Tag nahm sich Rosa den Flur vor. Anna hatte dort eine schmale Galerieleiste aufgehängt, mit gerahmten Postern ihrer Lieblingsfilme. „Casablanca“, „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Rosa tauschte sie gegen drei Aquarelle mit Seerosen aus, die sie im Gepäck hatte.
„Das ist doch viel ansprechender“, sagte sie zufrieden.
„Rosa, diese Poster habe ich jahrelang gesammelt“, sagte Anna. Sie bemühte sich um Ruhe. „Sie bedeuten mir etwas. Meine Wohnung, meine Wände.“
Ein Blick über den Brillenrand. Kühl, abwägend. Der Blick einer Frau, die noch nie in ihrem Leben um Erlaubnis gebeten hatte. „Deine Wohnung? Das hier ist auch die Wohnung meines Sohnes. Und dem gefallen die Bilder von diesen, wie heißen sie, Filmchen, auch nicht. Stimmt’s, Thomas?“
Thomas saß am Esstisch, das Handy in der Hand. Seine Schultern zuckten kaum merklich. „Hm? Ja, schon okay, Mutter.“
Das war alles. Kein Einspruch. Kein „Anna hat recht“. Nur ein erschöpftes Nicken.
In der zweiten Woche ging es um den Seidenschal. Anna hatte ihn vor Jahren in einem kleinen Laden in Berlin gefunden, für hundertzwanzig Euro. Altrosa mit einem Hauch Orange, die einzige Farbe, die ihr an trüben Herbsttagen etwas Wärme gab. Sie trug ihn fast täglich auf dem Weg zur Arbeit.
Eines Morgens war er weg. Anna suchte das ganze Schlafzimmer ab, dann den Flur. Schließlich die Garderobe im Wohnzimmer.
Dort hing ein anderer Schal. Fliederfarben. Mit Fransen. Noch steif vom Polyester. Und in der Küche stand Rosa und trug Annas Seidenschal um den Hals.
„Guten Morgen, Anne. Ich habe heute schlecht geschlafen. Dein alter Fetzen da drüben, den hab ich mal weggeräumt. Flieder steht dir viel besser, den habe ich dir extra mitgebracht. Und hier – der passt mir doch wie angegossen, meinst du nicht?“
Anna trat einen Schritt näher. „Das ist Kaschmir und Seide. Ich habe ihn in Berlin gekauft. Er gehört mir. Ziehen Sie ihn bitte aus, Rosa.“
„Was ist denn in dich gefahren?“ Rosa zog den Schal nicht aus. Sie griff sich an den Hals, als müsste sie ihn schützen. „Du kannst ihn ja zurückhaben, wenn ich wieder fahre. Ist doch albern, wegen so einer Kleinigkeit so ein Theater zu machen. Thomas! Sag deiner Frau, sie soll sich nicht so anstellen!“
Thomas murmelte von irgendwo aus dem Wohnzimmer: „Anne, komm, ist doch egal. Lass ihr doch den Schal für die paar Tage.“ Der Schal blieb, wo er war.
An diesem Abend kam Pia an ihr Bett. Ihre zwölfjährige Tochter, die mehr sah, als ihr lieb war. „Mama, bevor Oma kommt, telefoniert Papa mit ihr. Immer so zwei Tage vorher. Er sagt ihr, wann wir wegfahren. Ich hab’s gehört. Jedes Mal.“
Anna strich ihrer Tochter über den Kopf. Die Wände der kleinen Doppelhaushälfte in Hamburg-Eimsbüttel, die sie gemeinsam abbezahlten, schienen auf einmal nur aus Pappe zu bestehen. Es war also kein Zufall. Es war ein System. Sie fühlte eine ungeheure Klarheit, kalt und tief. Das Konto für den nächsten Urlaub hatte sie bereits angelegt.
Anfang Juni begann sie, Pias Tagesrucksack zu packen. Neue Sandalen, eine Taucherbrille, ein Buch über griechische Mythologie. Das Ziel: Peloponnes. Zehn Tage. Nur sie und ihre Tochter.
Vier Tage vor Abflug, an einem verregneten Mittwoch, kam Thomas später nach Hause. Er betrat die Küche, wo Anna den Tisch fürs Abendessen deckte. Sein Schlüsselbund landete auf der Kommode, dann legte er sein Telefon mit dem Display nach unten neben sich. Die Geste war eine Nachricht für sich.
„Anna, setz dich mal kurz. Hör zu, es geht um nächste Woche. Meine Mutter hat sich angekündigt. Sie fühlt sich einsam, der Renate geht’s auch nicht so gut. Ich hab ihr gesagt, sie soll einfach kommen. Sie ist doch jetzt dreiundsiebzig.“
„Nein, Thomas. Diesmal nicht. Sag ihr, sie muss warten, bis wir zurück sind. Du hast angerufen? Und ihr von unserer Reise erzählt?“
„Herrgott, ja, ich hab ihr davon erzählt. Sie ist meine Mutter. Sie hat ein Recht darauf zu wissen, wann ihr Sohn das Land verlässt. Du verstehst das einfach nicht.“ Er rieb sich wieder die Nasenwurzel. „Sie fühlt sich so allein. Der Urlaub, der läuft doch nicht weg. Wir können das ein andermal nachholen.“
In Anna stieg ein sieben Jahre altes Echo auf. Ein Echo von verpassten Sonnenuntergängen und geschlossenen Koffern.
„Ich werde die Reise nicht verschieben“, sagte sie. Ihre Stimme war leise, aber ohne Zögern. „Nicht um einen Tag. Ich habe fünf Jahre auf diesen Urlaub gewartet. Pia auch. Wenn deine Mutter kommt, dann bleibst du hier, kümmerst dich um sie. Und ich fliege mit Pia. Punkt.“
Thomas starrte sie an, als hätte sie in einer fremden Sprache gesprochen. Sein Mund öffnete sich, schloss sich wieder. „Das ist doch nicht dein Ernst. Was sollen denn die Nachbarn denken? Meine Frau fährt alleine in den Urlaub?“
„Allein mit unserer Tochter. Ja. Und die Nachbarn werden denken, dass deine Frau endlich mal am Meer sitzt. Das Einzige, was mich interessiert, ist, was *ich* denke. Und *ich* denke, es reicht. Für heute, für dieses Jahr, für all die Jahre davor. Hast du mich verstanden?“
Sie drehte sich um und verließ die Küche. In der Tür blieb sie kurz stehen. „Deine Mutter kommt morgen an? Die frischen Handtücher sind im Schrank im Gästebad. Das Bett im Souterrain ist frisch bezogen. Sag ihr, ich lasse sie grüßen. Ich bin dann mit Pia im Flieger.“
In der Nacht schlief Anna nicht. Sie saß im Kinderzimmer, strich die Unterlagen glatt: Pässe, Buchungen, Mietwagen. Alles bezahlt von ihrem Konto. Jenem Konto.
Der Morgen war grau und windig. Thomas schlief tief und fest, während Anna den Zettel auf den Küchentisch legte, direkt neben die Kaffeemaschine, die sie ihm für später programmiert hatte. „Thomas, wir sind zum Flughafen. Wir kommen in zehn Tagen wieder. Deine Mutter kann dir ja in der Zwischenzeit Gesellschaft leisten. Herzlich, Anna. PS: Das Geld für den Urlaub ist von meinem Konto. Trage den Seidenschal einfach mal, vielleicht steht er dir auch so gut wie deiner Mutter.“ Sie stellte sich vor, wie er den Zettel lesen würde, mit verquollenem Gesicht und dem Geruch von abgestandenem Kaffee in der Nase.
Pia war schon wach, den kleinen Rucksack fest um die Schultern geschnallt, die Turnschuhe hastig zugebunden. „Ist Papa jetzt sehr sauer, Mama?“, flüsterte sie.
„Vielleicht. Aber das Wichtigste ist: Siehst du die Sonne da draußen schon? Die wird in ein paar Stunden richtig schön warm sein. Komm, das Taxi wartet. Wir fahren jetzt einfach los. Nur wir zwei. Dein Vater passt auf Oma auf, und Oma passt auf ihn auf. So ist doch jeder beschäftigt, nicht wahr?“
In der Flughafenhalle, kurz vor dem Security-Check, spürte Anna, wie ihr Handy in der Tasche summte. Sieben Mal hintereinander. Thomas. Dann die ersten Nachrichten. „Anna, was soll das? Ruf sofort an. Wo seid ihr?“ Fünf Minuten später, ein harscherer Ton: „Anna, das ist kindisch. Komm sofort zurück. Wir müssen das klären. Mutter ist auf dem Weg, und hier herrscht Chaos. Du kannst uns jetzt nicht einfach so sitzen lassen.“ Und schließlich, kurz bevor sie ihr Telefon endgültig in den Flugmodus stellte, ein letztes Piepsen: „Meine Mutter sagt, du ruinierst diese Familie. Aber weißt du was, Anna? Das hast du doch die ganze Zeit geplant, oder?“
Anna atmete tief aus, während Pia sie erwartungsvoll ansah. Sie klappte ihr Handy auf, tippte eine allerletzte Antwort, die sie so lange mit sich herumgetragen hatte, ohne es zu wissen. „Nein, Thomas. Ich habe nicht geplant, zu gehen. Ich habe geplant, einmal im Leben anzukommen. Wenn du das nicht verstehst, dann schau in den Spiegel. Aber nicht in den im Flur, den hat deine Mutter ja umgehängt. Wir sind jetzt über den Wolken. Wir melden uns, wenn wir im Meer waren. Anna und Pia.“ Dann schaltete sie das Handy aus.
Pia hüpfte auf ihrem Sitz am Gate auf und ab. „Ich kann die Flieger sehen!“
Anna schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück. Fünf Jahre keine Pause. Fünf Jahre lang hatte sie sich verbogen. Fünf Jahre lang die zweite Geige in einem Konzert gespielt, das nur eine Zuhörerin hatte: Rosa Schmidt. Vor ihr lagen keine Vorwürfe, keine gemarterten Diskussionen, kein „Meine Mutter sagt aber…“. Nur Salz auf der Haut, ein Blau, das in keiner Tapete vorkam, und das Lachen ihrer Tochter, ungestört und ganz bei ihr.
Zehn Tage später standen sie wieder im Flur der Doppelhaushälfte in Hamburg. Der Geruch von Bohnerwachs und frischen Brötchen. Auf der Treppe lagen zwei Koffer, Annas alter und der von Thomas. Sie waren bereits gepackt. Im Souterrain hörte man ein Radio dudeln, eine leise, kratzige Stimme, die ein Volkslied summte. Rosa.
Thomas stand in der Küchentür, das Handy wie immer in der Hand. Er trug einen neuen Pullover, fliederfarben. Daneben, an der Garderobe, hing der alte, vertraute altrosa Seidenschal. Feinsäuberlich gewaschen und gebügelt.
„Du hast Mutti eine sehr nette Nachricht hinterlassen. Meine Mutter sagt, das mit dem allein verreisen ist eine Unart, ein kaputter Charakterzug. Entweder du entschuldigst dich bei ihr, jetzt gleich, oder—“
Anna unterbrach ihn sanft. „Weißt du was, Thomas? Du siehst wirklich toll aus in Flieder. Fast so gut wie deine Mutter. Meinen Schal habe ich übrigens schon vermisst. Ich glaube, den nehme ich jetzt wieder an mich.“ Sie griff nach dem Stück Stoff, fühlte die kühle Seide zwischen den Fingern und band ihn sich um den Hals. Sie sah ihren Mann an, ohne Zorn, aber auch ohne eine Träne. „Zum Abschied, Thomas, kann ich dir nur den einen Rat geben: Frag deine Mutter doch einfach mal, wie das damals war, als sie jung war und dein Vater noch mit ihr verreisen wollte. Vielleicht, ach, nur vielleicht, erzählt sie dir, warum sie wirklich jedes Jahr vor unserem Urlaub angerufen hat. Frag sie mal. Und dann entscheide, zu wem du nach Hause kommen willst. Ich bin jedenfalls wieder da. Pia, komm, wir räumen mal die Muscheln aus deinem Rucksack, bevor Oma die noch wegsortiert.“
