Die Wette mit der Zeit

Ich sehe Elke jeden Dienstag. Der Seniorentreff im Bürgerhaus von Bielefeld ist nicht gerade mein natürlicher Lebensraum, aber ich leite den Gesprächskreis — als Jüngste, mit meinen zweiundfünfzig Jahren. Und Elke? Elke ist neu. Siebenundsechzig. Witwe seit drei Jahren. Trägt immer dieselben drei Kleider: eins braun, eins grau, eins braungrau. Die Farbe hat sie offenbar beerdigt, zusammen mit ihrem Mann.

Dabei ist das Gesicht der Frau erstaunlich. Hohe Wangenknochen, diese Art von Knochenbau, die mit siebzig noch funktioniert. Aber sie hat diesen Pelzmantel aus Resignation übergestreift. Dieses unsichtbare Ding, das manche Frauen anziehen: „Ach, für wen soll ich mich noch herrichten?“

Vorgestern kam sie mit einem Fotoalbum. Einfach so, legte es auf den Tisch, schlug es auf. Da war sie. Fünfundvierzig vielleicht. Ein rotes Kostüm, Perlenkette, Lippenstift wie ein Versprechen. Neben ihr ein Mann, der sie ansah, als hätte sie die Sonne persönlich erfunden.

„Das war zu Kurts Sechzigstem“, sagte sie. „Wir wollten nach Venedig. Sind wir dann nie. Das Leben kam dazwischen.“

Eine von den Frauen im Kreis tippte auf das Foto. „Aber Elke, du siehst ja aus wie eine Schauspielerin!“

Elke klappte das Album zu. „Ja. Venedig eben. Vorbei.“

Ich nahm das Album in die Hand. Ein brüchiger Einband, an einer Ecke fehlte das Leder. Auf der Rückseite klebte ein zerkratztes Preisschild von einer Fotodrogerie, die es in Bielefeld seit fünfzehn Jahren nicht mehr gibt.

„Ich habe eine Idee“, sagte ich. „Lassen Sie uns ein Projekt machen. Jede von uns bringt ein Foto von früher mit. Und ein Foto von heute. Wir sprechen darüber, was dazwischen passiert ist.“

Ich weiß nicht, warum ich das sagte. Vielleicht wegen diesem Preisschild. Das war so ein Ding, das jemand nie abgemacht hat, weil es ihm nie wichtig genug war. Oder weil er dachte, es bleibt ja doch für immer an der gleichen Stelle.

Elke schüttelte den Kopf. „Von mir gibt es kein aktuelles Foto. Ich lass mich nicht mehr ablichten. Das ist nichts für mich. Ich bin alt.“

Da hätte ich es lassen sollen. Hätte ich. Aber ich nicht.

Am Donnerstag rief ich bei ihr an. Ist das übergriffig? Vermutlich. Wäre meine Schwiegermutter gewesen, hätte ich mir das erlaubt. Aber Elke war einfach eine Frau aus meinem Kurs.

„Elke, ich bin in der Stadt. Ich bringe Ihnen einen Mohnkuchen vorbei. Vom Café Bärenklau.“

Sie zögerte. „Aber der ist doch bestimmt teuer.“

„Vier Euro fünfzig. Und wissen Sie was, wenn wir ihn nicht essen, wird er schlecht. Ich bin in zwanzig Minuten da.“

Sie wohnt in einer Altbauwohnung in der Nähe vom Kesselbrink. Draußen roch es nach feuchter Rinde und Taubenfutter. Im Treppenhaus brannte die Lampe im zweiten Stock nicht. Ich weiß das, weil ich mit dem Kuchen gegen den Türrahmen stolperte.

Sie öffnete in diesem braungrauen Kleid. Um den Hals trug sie eine dünne Goldkette mit einem kleinen Anhänger — ein dreibeiniges Pferd, so alt, dass es stumpf war.

Ich stellte den Kuchen ab, holte mein Handy hervor. „Ich mache ein Foto. Nur zum Spaß. Für unser Frühlingsplakat vom Seniorenkreis. Sie müssen nicht lächeln. Einfach so, wie Sie da stehen.“

Elke strich das Kleid glatt. „Lass das, Petra.“

Ich drückte trotzdem auf das Symbol. Das Foto zeigt eine alte Frau in einer dunklen Diele, die den Kuchen festhält, als wäre es etwas, das man nicht lange behalten darf.

Dann kam der Freitag. Mein Mann habe an dem Abend gesagt: „Warum tust du dir das an? Das ist eine erwachsene Frau. Nicht deine Mutter. Du kannst die Leute nicht alle retten.“

Ich habe ihm den Kaffeebecher hingehalten. Er hat geschwiegen. Männer haben es da leichter. Die geben einen Rat und halten das für geliebt.

Elke hatte nämlich begonnen, sich zu verweigern. Rief im Kurs an, sagte ab. „Ich bin erkältet“, dann „ich habe Termine“, dann hob sie gar nicht mehr ab. Ich hätte es dabei bewenden lassen sollen.

Stattdessen stand ich am Dienstag vor ihrer Tür. Läutete zweimal. Nichts. Einmal klingelte es hinter der Tür, so ein leises Klicken, als hätte jemand den Hörer abgehoben und wieder aufgelegt.

„Elke, ich bin’s! Nur ich. Wir haben eine Stunde Zeit. Bringen Sie mir was zu trinken, ich bleibe nicht lang.“

Nichts.

Ich habe mein Handy an die Tür gelegt. Habe gehofft, sie hört das Piepen. Habe mir das Weiße vom Auge angesehen, das durch den Spion schimmerte, winzig, aber da.

„Ich dachte, Sie sind eine stolze Frau“, habe ich durch die Tür gesagt. „Sie haben in einer Zeit gelebt, in der man sich nicht einfach gehen ließ. In der ein Foto von Venedig noch etwas bedeutete. Und jetzt sitzen Sie da drin und tun so, als wären Sie schon tot. Sie sind siebenundsechzig, Elke. Siebenundsechzig. Meine Schwester hat mit fünfundfünfzig noch ein Studium angefangen. In Würzburg. Sie können den Mohnkuchen haben. Ich lass ihn vor der Tür stehen.“

Ich weiß noch, wie meine Stimme klang. Nicht wütend. Schlimmer. So ruhig, als würde ich einem Kind eine Mathematikaufgabe erklären, die es nicht packt.

Am selben Abend hat sie der Leiterin des Seniorenheims eine Mail geschrieben. Ein Satz. „Ich möchte nicht mehr im Bürgerhaus auftauchen. Bitte streichen Sie mich von der Liste.“

Und dann, das war das Allerschlimmste: Sie hat nicht mehr das braungraue Kleid getragen. Sondern ein schwarzes. Das hatte ich vorher nie gesehen. Als ob sie nach meiner Rede beschlossen hätte, die Sache zu Ende zu bringen.

Ich träumte in dieser Nacht von einem Venedig, das es nicht gibt. Von einem Boot, das unter einer Brücke durchfuhr, und auf der Brücke standen zwei Frauen, die aussahen wie ich und Elke. Die eine winkte. Die andere stieß sich ab.

Am 14. Mai war Seniorentag im Stadtteilzentrum. Es gab Kaffee und Blasmusik, und die Bezirksbürgermeisterin hielt eine Rede über das Älterwerden. Ich sehe Elke nicht. Warum auch. Ich hatte es ja selbst kaputt gemacht.

Gegen halb sechs, als draußen die Lichter am Weihnachtsmarkt angingen — im Mai, ja, die haben den Weihnachtsmarkt im Mai, so ein Sommerfest, kompliziertes Ding —, stand plötzlich eine Frau am Eingang. Schwarzes Kostüm, roter Mund, die Haare zu einem glänzenden Knoten hochgesteckt. Am Ohrläppchen funkelte ein Ohrring, den ich noch nie gesehen hatte. Ein großes Tropfending, das aussah wie der Nachthimmel über dem Land.

Elke.

Sie ging durch den Raum, vorbei an den Kuchenständen, vorbei an der Frau, die die Tombola leitete, bis zu mir. Sie hatte eine Mappe aus rotem Leder in der Hand.

„Ich habe mein Testament geändert“, sagte sie. Keine Begrüßung. „Ich wollte dem Karnevalsverein mein Vermögen vermachen. Meine Schwester war dort. Aber ich habe es mir anders überlegt.“

Ich stand da mit einer halben Tasse Kaffee.

„Sie haben mir Ihr Mitleid wie einen nassen Mantel umgehängt. Sie wollten mich hübsch machen fürs Sterben. Aber ich will nicht hübsch sterben, Petra. Ich will leben. Und ich habe beschlossen, mein Geld geht an eine Stiftung, die jungen Frauen ein Stipendium zahlt. Für ein Medizinstudium. Ich habe viereinhalb Prozent von jeder Rente gespart, über dreißig Jahre. Es sind über achtzigtausend Euro. Ich habe Ihnen mal gesagt, ich lass mich nicht mehr ablichten. Ich will, dass jemand die Zeit hat, die ich nicht hatte. Nicht mit Lippenstift. Mit einem weißen Kittel. Und Sie, Sie haben dafür gesorgt, dass ich den Brief an die Stiftung geschrieben habe. Danke, dass Sie mich vor meiner eigenen Feigheit gerettet haben.“

Sie hielt mir die Mappe hin. Ich nahm sie. Darin: der unterschriebene Antrag, die notarielle Beglaubigung, ein Umschlag an die Bürgerstiftung Westfalen. Ein Post-it, auf dem stand: „Für Venedig, das ich nie gesehen habe. Aber eine Frau wird es sehen. An meiner Stelle.“

Dann drehte sie sich um und ging zum Ausgang. Nicht zum Kuchenstand, nicht zu den anderen. Sie stieg in einen schwarzen BMW mit einem Fahrer. Ihr Neffe, sollte ich später erfahren.

Ich habe die Mappe gehalten, bis der Wagen um die Ecke bog.

Später, als ich in meinem Auto saß, bemerkte ich, dass das Preisschild von der Fotodrogerie an meiner Jacke klebte. Ich hatte es irgendwann vom Album abgezogen. Aus Versehen. Oder nicht.

Ich fuhr nach Hause. Ich öffnete eine Flasche Mineralwasser. Ich setzte mich auf den Balkon, und unter mir im Hof spielten zwei Jungen mit einem Ball. In einer Wohnung brannte Licht. Es war das Fenster, hinter dem früher eine alte Dame wohnte, die ich nie kannte. Jetzt hängt da ein Käfig mit einem Wellensittich. Er war gelb. Ich weiß auch nicht, warum ich das noch weiß.

Anderthalb Jahre ist das her. Elke ist im vergangenen November ausgezogen. Sie hat ein Apartment am Obersee bezogen. Ich sehe sie manchmal, wenn ich mit dem Rad vorbeifahre. Ein rotes Kostüm. Die Perlenkette. Einmal trug sie eine lila Brille, eine ziemlich gewagte. Vor ein paar Wochen kam eine Karte. Darauf stand nichts weiter, nur eine Adresse in Venedig, eine Hotelbuchungsnummer und ein einziger Satz.

„Ich habe das Zimmer mit Blick auf den Canale Grande genommen. Falls du mitkommen willst. Ich zahle das Frühstück. Und die Fahrt mit dem Boot.“

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Uniad
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