Der Kater begann seinen Besitzer Punkt drei Uhr nachts zu wecken, und in der vierten Nacht verstand er endlich, was los war.

Der Kater hieß Vincent. Ein massiger, kohlschwarzer Kater mit einem abgeknickten Ohr, der aus dem Tierheim zu Lukas gekommen war, vor fast drei Jahren, kurz nachdem Annika ausgezogen war. Lukas hatte damals in der leeren Altbauwohnung in Hamburg-Eimsbüttel gesessen, die er von seiner Tante geerbt hatte, und in die Stille hineingestarrt. Kein Klappern von Geschirr mehr, keine auf dem Boden verstreuten Schuhe, keine Unterhaltung. Nur das Ticken der alten Standuhr im Flur. Drei Tage hatte diese Stille angehalten, dann war er ins Tierheim gegangen und mit einer Transportbox und einem schwarzen Kater zurückgekommen, der sich sofort unter die Badewanne verkroch und drei Tage lang nicht herauskam.

„Passt ja perfekt“, hatte Lukas damals zum Vermittler gesagt, „zwei Einsiedler in einer Wohnung.“ Aber Vincent war kein gewöhnlicher Kater. Er verlangte nie etwas, er nahm sich nur, was übrig blieb. Wenn Lukas vom Homeoffice-Designjob am Schreibtisch aufstand, folgte Vincent ihm nicht. Wenn er abends eine TK-Pizza aß, saß Vincent nicht bettelnd daneben. Er war einfach da, ein Schatten aus schwarzem Fell, der sich durch die Räume bewegte, ohne sie zu stören. Sie lebten nebeneinander her, respektvoll und distanziert, wie zwei Untermieter, die denselben Mietvertrag unterschrieben haben, ohne es zu wissen.

In der ersten Nacht begann der Weckruf mit einem leichten Druck auf der Brust. Lukas träumte, er stünde unter einem Balkon, von dem etwas auf ihn herunterrieselte, und als er erwachte, stand Vincent mit allen vier Pfoten auf seinem Brustkorb und starrte auf ihn herab. Die grünen Augen reflektierten das Licht der Straßenlaterne vor dem Fenster, und bevor Lukas auch nur ein Wort herausbrachte, hob der Kater die rechte Vorderpfote und tippte Lukas sachte gegen die Nasenspitze. Kein Kratzen. Nur ein weicher, ledriger Druck.

Lukas blinzelte, hob den Kopf und suchte im Halbdunkel den Radiowecker auf dem Nachttisch. 03:00 Uhr. Mitten in der Nacht, dieser toten, zähen Zeitspanne, in der Hamburg draußen auf dem Asphalt glitzert und jeder Gedanke schwerer wiegt, als er sollte. Er schob Vincent von der Brust, murmelte etwas Unverständliches und zog sich die Decke über den Kopf. Der Kater sprang geräuschlos vom Bett und war verschwunden.

Am Morgen war alles wie immer. Vincent schlief auf dem Kratzbaum am Fenster, ein schwarzer, gleichmäßig atmender Hügel. Lukas schenkte sich einen doppelten Espresso ein und checkte seine Mails. Ein Logo-Redesign für eine Bio-Bäckerei aus Ottensen. Erst um elf fiel ihm der nächtliche Vorfall wieder ein, und er lachte kurz auf. Der Kater hatte Hunger gehabt, was sonst?

In der zweiten Nacht kratzte es an der Tür. Kurz, trocken, drei schnelle, präzise Züge, als würde jemand mit einem sehr spitzen Bleistift über die Türkante fahren. Lukas hatte die Schlafzimmertür zugezogen, weil es im Flur zog. Das alte Fenster im Badezimmer hatte einen Spalt, der sich nicht richtig schließen ließ. Um drei war er plötzlich wach, der Kratzton hatte sich in seinen Schlaf gebohrt wie eine Nadel in ein Kissen. Wieder dieses grüne Leuchten des Weckers. 03:00 Uhr. Er wartete, lauschte. Das Kratzen setzte wieder ein, diesmal eine Spur dringlicher, gefolgt von einem so leisen Maunzen, dass es kaum mehr als eine Vibration in der Luft war.

„Verdammt noch mal, Vincent!“, rief Lukas und riss die Tür auf.

Der Kater saß auf dem abgewetzten Dielenboden und sah zu ihm auf. Kein Erschrecken. Kein Davonlaufen. Nur dieser gleichmütige, konzentrierte Blick, mit dem ein Tier einen Menschen ansieht, der etwas noch immer nicht begriffen hat. Lukas stapfte an ihm vorbei in die Küche, machte das Licht an. Der Wassernapf war voll. Der Automatspender hatte frisches Trockenfutter ausgegeben. Er ging ins Bad, die Katzentoilette war sauber. Vincent stand inzwischen im Türrahmen der Küche und sah ihm zu, wie er prüfte und schimpfte, das schwarze Fell hob sich kaum von den Schatten dahinter ab.

„Nichts ist!“, schnauzte Lukas ihn an. „Hör auf!“

Er wuchtete die Schlafzimmertür zu und verriegelte sie mit dem alten, klobigen Riegel, den seine Tante vor vierzig Jahren angebracht hatte. Die nächsten Stunden lag er auf der Seite, wach, und hörte durch die dünne Holztür das gelegentliche, unermüdliche Kratzen. Es hörte erst auf, als der Himmel über den Dächern von Eimsbüttel fahlgrau wurde.

Am nächsten Tag, einem verregneten Donnerstag, traf Lukas im Treppenhaus Frau Korte, die im dritten Stock wohnte. Sie war um die siebzig, groß, mager wie ein Windhund und hatte einen Blick, mit dem sie Menschen taxierte, als läse sie die Todesanzeige in der Zeitung. Ihr Hund, ein träger Mops namens Harald, lag vor ihrer Wohnungstür und schnarchte. „Sie sehen aus, als hätten Sie die ganze Nacht gesoffen“, sagte Frau Korte anstelle einer Begrüßung und zündete sich eine Zigarette direkt unter dem Rauchmelder an, den jemand längst mit einer Duschhaube abgeklebt hatte.

„Mein Kater weckt mich auf“, sagte Lukas und rieb sich die Augen. „Jede Nacht um drei. Ich weiß nicht, was er will. Alles ist okay, Futter, Wasser, Klo. Er spinnt einfach nur.“ Er zog sein Smartphone aus der Hosentasche. „Ich habe Beruhigungspaste für Katzen bestellt, die kommt morgen an, vielleicht hilft die ja, vielleicht ist er einfach nur neurotisch oder so, weil er so alt ist oder…“

Frau Korte nahm einen tiefen Zug und unterbrach ihn mit einem trockenen Husten. „Wenn eine Katze Sie drei Nächte hintereinander aus dem Bett holt, junger Mann, dann will die keine Beruhigungspaste. Dann will die, dass Sie Ihren Hintern hochkriegen und ihr folgen. Haben Sie das schon mal versucht? Ihr zu folgen?“

Lukas starrte sie an. „Folgen? Wohin denn?“

„Ja, das müssen Sie ja wohl selbst herausfinden, oder?“, sagte sie, drückte die Zigarette im Blumentopf auf dem Fensterbrett aus und verschwand in ihrer Wohnung. Der Mops schnarchte weiter.

An diesem Abend bestellte Lukas kein Fertigessen. Er saß auf dem Sofa und sah Vincent zu, der zusammengerollt auf dem Sessel lag. Er dachte an die erste Zeit mit dem Kater. Wie er ihn damals fast übersehen hätte, weil Vincent nicht wie die anderen Katzen im Tierheim um Aufmerksamkeit gebettelt, sondern einfach still an der Glasscheibe gesessen und ihn mit diesem ruhigen, eindringlichen Blick angesehen hatte. Derselbe Blick, den er jetzt in der Nacht hatte. Keine Bitte. Eine Anweisung.

In der dritten Nacht stand Lukas um zehn vor drei auf. Er zog sich den Bademantel über und setzte sich an den Küchentisch, im Dunkeln. Nur die Standuhr tickte. Die Straßenlaterne malte ein trübes, orangefarbenes Viereck auf den abgewetzten Linoleumboden. Der alte Kühlschrank brummte, setzte einmal kurz aus, brummte weiter. Und dann, ganz schwach, hörte er es. Ein Geräusch, das nicht zu den vertrauten Nachtsymphonien der Altbauwohnung gehörte. Ein kaum hörbares, helles Fiepen, das nur für den Bruchteil einer Sekunde aufklang und dann wieder verschwand, als wäre es nur ein Piepsen in der Wasserleitung gewesen.

Um Punkt drei Uhr sprang Vincent mit einem weichen Geräusch vom Stuhl, überquerte die Küche und setzte sich vor den Einbauschrank unter der Arbeitsplatte. Es war ein alter, massiver Holzschrank, den seine Tante noch mit Zeitungspapier ausgeschlagen hatte. Die Tür war seit Jahren verzogen und schloss nie richtig. Vincent starrte die schmale, dunkle Ritze zwischen der Tür und dem Sockel an, dann hob er die Pfote und kratzte einmal ganz sachte über das Holz. Dann sah er zu Lukas.

Und da, in dieser Sekunde, brach es aus Lukas heraus. Nicht die Wut der ersten Nächte. Sondern dieses kalte, sofortige Verstehen, das einen trifft wie ein Schlag. Kein Hunger. Kein Wassermangel. Keine Neurose. Er hatte drei Nächte geschlafen oder sich hinter einem Riegel verschanzt, während direkt unter ihm, in seiner eigenen Küche, etwas atmete und um sein Leben kämpfte. Er schob den Küchentisch zur Seite, legte sich flach auf den kalten Boden und leuchtete mit der Handylampe in den Spalt unter dem Schrank. Im ersten Moment sah er nur Staubflusen und eine tote Spinne. Dann blitzten zwei winzige Augen auf, die das Licht reflektierten. Es war ein Kätzchen. So unfassbar klein, dass es in seiner hohlen Hand Platz gefunden hätte, höchstens ein paar Wochen alt. Sein Fell war verklebt und schmutzig, es lag nicht, es war in die Lücke hineingekeilt, so tief, dass es sich nicht mehr bewegen konnte. Es hatte sich auf der Suche nach Wärme verfangen, vielleicht hinter den Kühlschrank, und war dann mit jedem vergeblichen Befreiungsversuch tiefer gerutscht, bis es eingeklemmt zwischen dem kalten Motor und der steinernen Außenwand festsaß.

Alles fügte sich mit schockierender Klarheit zu einem Bild. Diese winzige Kreatur hatte vor Tagen angefangen, nach ihrer Mutter zu schreien, vielleicht als die Mutter sie auf dem Fensterbrett vergessen hatte, suchend und verzweifelt, bis ihre Stimme nur noch ein heiseres, kaum vernehmbares Fiepen war, das im Surren des Kühlschranks unterging. Ein Geräusch, das menschliche Ohren niemals hätten hören können, aber das in Vincents Schädel widergehallt sein musste wie eine Sirene. Drei Nächte lang hatte sie mit den letzten Reserven ihres kleinen Körpers geatmet, und drei Nächte lang hatte Vincent diesen Raum bewacht, Futter aus seinem Napf vor den Spalt getragen – Lukas sah die kleinen, angetrockneten Kroketten – und schließlich beschlossen, den einzigen Menschen zu Hilfe zu rufen, der die Lage ändern konnte.

„Mein Gott, Vincent“, flüsterte Lukas, die Kehle wie zugeschnürt. Mit zitternden Fingern löste er die Sockelleiste, verbog ein Stück des Lüftungsgitters und schob langsam seine Hand in die Dunkelheit. Die Finger schlossen sich um ein Häufchen aus zitterndem Fell. Es war so federleicht und zerbrechlich, dass Lukas das Gefühl hatte, einen bloßen Herzschlag in der Hand zu halten. Er zog es vorsichtig heraus, zentimeterweise, ohne es zu drücken. Als er es endlich ins schwache Küchenlicht hob, sah er, dass es ein getigertes Fell hatte, unter dem sich die Rippen abzeichneten. Das Kätzchen gab keinen Laut mehr von sich. Es lag einfach in seiner Handfläche, den Kopf schwer, die Augen fest geschlossen.

Lukas saß auf dem kalten Küchenboden, das Handy mit der Taschenlampe neben sich auf den Fliesen, und presste das Kätzchen vorsichtig an seine Brust, unter den Bademantel. Er spürte einen schwachen, flatternden Puls gegen sein Brustbein. Vincent kam näher, ganz vorsichtig, und stupste das kleine, dreckige Köpfchen mit seiner Nase an. Dann begann er, die verklebten Ohren zu lecken, ein raues, tröstendes Geräusch in der Stille der Küche. Die Standuhr schlug einmal, als wollte sie die Stunde markieren.

Lukas fuhr mit dem Taxi in die Tierklinik in Stellingen, weil er Angst hatte, das Auto könnte das Kätzchen zu sehr durchschütteln. Er trug es in eine Wolldecke gewickelt unter seiner Jacke. Die Nachtschwester, eine müde, aber kompetent wirkende Frau, nahm es ihm ab, als wäre es das Normalste der Welt. Er wartete zwei Stunden auf einem orangefarbenen Plastikstuhl und trank Automatenkaffee, der so bitter war, dass er ihm fast die Zunge wegätzte. Als die Tierärztin endlich herauskam, sagte sie, das Kätzchen sei stark unterkühlt und dehydriert, aber stabil. „Ohne Sie wäre es die nächste Nacht nicht mehr geworden. Da bin ich sicher.“ Sie lächelte. „Wollen Sie es behalten?“

Lukas dachte an seine stille, eingemauerte Wohnung. An die einsamen Abende. An die Riegel an der Schlafzimmertür, die er gegen die Welt vorschob. An den Kater, der ihn drei Nächte lang vor die Wahl gestellt und nicht lockergelassen hatte. „Ja“, sagte er und wusste, dass er noch nie etwas so sicher gewusst hatte, wie das.

Zurück in der Wohnung setzte Vincent sich sofort zu dem Kätzchen in seinen Karton, der mit einer Wärmflasche und einem weichen Flanelltuch ausgepolstert war. Er legte sich nicht direkt daneben, sondern blieb einige Zentimeter entfernt, den Kopf auf die Pfoten gelegt, und sah zu. Und Lukas setzte sich auf den Boden zu ihnen. Die Stille war jetzt nicht mehr leer. Sie war voller Atem und Herzschlag und einem leisen, gleichmäßigen Schnurren, von dem er nicht wusste, ob es von Vincent oder dem Kätzchen oder von beiden gleichzeitig kam.

Am nächsten Abend fuhr er nach Blankenese. Er stand mit einer Flasche Rotwein vor der Tür seiner Mutter und klingelte, zum ersten Mal seit Monaten, ohne anzurufen, ohne zu fragen, ob es passt. Er hörte Schritte, zögernd und fragend, dann wurde die Tür geöffnet. Seine Mutter stand da, in einem rostroten Wollpullover, die Lesebrille auf dem Kopf, um den Mund diesen Ausdruck zwischen Freude und Ungläubigkeit, den er seit Annikas Auszug fürchtete und mied. Hinter ihr duftete es nach Gulasch und warmem Apfelstrudel. Aus dem Wohnzimmer lief eine alte Siamkatze herbei und strich um seine Beine.

„Lukas? Ist was passiert?“, fragte sie. Ihre Stimme war besorgt, aber sie trat sofort beiseite. „Komm rein. Willst du was essen?“

Er zog die Schuhe aus, dieselben, die er vor Jahren im selben Flur ausgezogen hatte, und folgte ihr in die Küche. An dem runden Holztisch, an dem er als Kind seine Hausaufgaben gemacht hatte, erzählte er ihr alles. Vom Kratzen an der Tür, von Vincents Blick, von dem verborgenen Fiepen und dem Gewicht eines Herzens in seiner Hand. Seine Mutter hörte zu, das Glas Wein vergessen, die Hände flach auf der Tischplatte. Als er geendet hatte, war es eine Weile still, und die Siamkatze sprang auf den Stuhl neben ihr.

„Weißt du, was das eigentlich war?“, sagte seine Mutter schließlich, stand auf, ging zum Herd und rührte im Gulasch. Sie drehte sich nicht um, aber er sah die leichte Bewegung ihrer Schultern. „Jemand hat einfach nicht aufgehört, nach dir zu rufen. Bis du endlich die Tür aufgemacht hast.“ Sie schwieg einen Moment. „Ziemlich ungewöhnlich für so einen alten, störrischen Kater, einem fremden Kätzchen zu helfen. Findest du nicht?“

Lukas sah auf seinen Teller, der jetzt dampfend vor ihm stand. Er nahm die Gabel, stach in ein Stück Fleisch, aß es langsam und sagte nichts. Aber unter dem Tisch legte er ganz leicht seinen Fuß gegen den seiner Mutter, ein fast vergessenes Signal aus seiner Kindheit. Sie drückte dagegen.

Drei Wochen später wohnten fünf Katzen auf den hundertzwanzig Quadratmetern der Altbauwohnung, denn nachdem sich das getigerte Kätzchen – seine Patentochter Ylvie hatte es auf den Namen „Motte“ getauft – von seinem Trauma erholt hatte, war bei einer Routineuntersuchung in der Klinik aufgefallen, dass Vincents Nierenwerte nicht stimmten. Mittlerweile saß Lukas jeden zweiten Abend mit seiner Mutter am Küchentisch, die ihm half, Vincents Blutdrucktabletten in Leberwurst zu verstecken. Er hatte die Schlafzimmertür komplett ausgehängt und im Keller eingelagert. Und wenn er nachts aufwachte, war da nicht mehr die klaffende, panische Stille von früher. Da war das Gewicht von vier Pfoten auf seiner Decke, das komplizierte Geflecht aus fünf verschiedenen Schnurrfrequenzen, die im selben, dunklen Takt pulsierten. Und kein einziges Mal in all diesen Nächten weckte ihn Vincent um Punkt drei. Die Arbeit war getan.

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