Die Werkstattübergabe

Der Duft von Bratöl und heißem Metall hängt in der Luft der Autowerkstatt "Motor & Söhne" in Bielefeld, als Ingrid Vossberg an einem trüben Novembermorgen die Tür aufschließt. Zweiundsechzig Jahre alt, seit einunddreißig Jahren Miteigentümerin dieser Werkstatt, die ihr verstorbener Mann Klaus mit ihr aufgebaut hat. Und seit drei Wochen: fast enteignet von ihrem eigenen Schwiegersohn.

Micha Reuter, achtunddreißig, verheiratet mit ihrer Tochter Sabine, hat die Papiere im Küchenschrank gefunden. Eine Vollmacht, die Ingrid vor zwei Jahren unterschrieben hat, als sie sich am Hüftgelenk operieren ließ und für die Dauer der Reha jemanden brauchte, der die Geschäfte führt. Micha hat diese Vollmacht genommen und beim Notar in der Herforder Straße die Werkstatt komplett auf seinen Namen umschreiben lassen. Alles legal, wie er sagt. Alles im Rahmen der Vollmacht.

"Du hast doch eh nichts mehr davon", hatte er ihr am Telefon gesagt, während im Hintergrund der Fernseher lief, irgendeine Fußballübertragung, Werder Bremen gegen wen auch immer. "Die Werkstatt braucht frisches Kapital, neue Hebebühnen, ich hab das alles durchgerechnet."

Ingrid hatte aufgelegt, ohne zu antworten. Sie hatte die Kaffeemaschine angemacht, sich einen Kaffee eingeschenkt und drei Stunden am Küchentisch gesessen, den Blick auf die Fotos an der Pinnwand gerichtet: Klaus im Blaumann vor der ersten Hebebühne, 1994. Sabine als Kind auf einem Reifenstapel. Der Hund Rudi, der zwölf Jahre lang zwischen den Werkbänken geschlafen hatte und im Frühjahr eingeschläfert werden musste.

Sabine hatte sich nicht gemeldet. Weder an dem Tag, an dem Ingrid die Umschreibung entdeckte, noch in den drei Wochen danach. Die Tochter, die als Kind jeden Samstag mit in die Werkstatt gekommen war, um Ingrid beim Ölwechsel zuzuschauen, schwieg jetzt, weil ihr Mann meinte, das sei "eine Familienangelegenheit, die sich regeln lässt".

Was Micha nicht wusste: Ingrid hatte am Tag nach dem Anruf einen Termin bei Rechtsanwältin Petra Fenske gemacht, Kanzlei am Jahnplatz, dritter Stock, mit Blick auf die Sparkasse. Fenske hatte die Vollmacht gelesen, zweimal, und dann gesagt, was Ingrid schon geahnt hatte: Eine Vollmacht zur Geschäftsführung während der Reha deckt keine Eigentumsübertragung. Micha hatte den Notar getäuscht oder der Notar hatte schlampig gearbeitet – so oder so, die Umschreibung war anfechtbar.

"Wir reichen eine einstweilige Verfügung ein", hatte Fenske gesagt und dabei einen Kugelschreiber gegen die Schreibtischplatte geklopft. "Und dann klagen wir auf Rückübertragung. Das kostet Sie ungefähr viertausendzweihundert Euro an Anwalts- und Gerichtskosten. Sind Sie bereit dazu?"

Ingrid hatte genickt, ihre Handtasche auf dem Schoß, die Finger um den Riemen gelegt wie um etwas, das man festhalten muss, damit es nicht wegläuft.

Heute, drei Wochen später, steht sie in der Werkstatt und wartet. Der Kalender an der Wand zeigt noch den Monat September, niemand hat ihn umgeblättert. Auf der Werkbank liegt eine angebrochene Packung Halsbonbons, die Klaus immer gegen die trockene Luft von den Schweißarbeiten gelutscht hat. Ingrid hat sie nie weggeworfen.

Um neun Uhr fährt ein silberner VW Passat auf den Hof. Micha steigt aus, in Jeans und einer Jacke mit dem Logo eines Autozulieferers, den er beliefern will, sobald die Werkstatt "modernisiert" ist. Er sieht Ingrid, bleibt kurz stehen, kommt dann trotzdem näher, weil er wohl denkt, es gehe um irgendein Missverständnis, das sich mit ein paar ruhigen Sätzen klären lässt.

"Ingrid. Was machst du hier so früh?"

Sie hält ihm die Mappe hin. Braun, etwas abgegriffen an den Ecken, mit dem Stempel der Kanzlei Fenske auf der ersten Seite.

"Das ist der Beschluss vom Amtsgericht Bielefeld. Einstweilige Verfügung. Die Umschreibung der Werkstatt auf deinen Namen ist ab heute ausgesetzt. Bis zur endgültigen Klärung führt wieder ausschließlich mein Name das Grundbuch und das Gewerbe."

Micha nimmt die Mappe nicht. Er starrt auf den Stempel, als könnte der sich noch ändern, wenn er lange genug hinsieht.

"Das kannst du nicht machen. Ich hab hier Geld reingesteckt, die neue Hebebühne, die Software für die Terminverwaltung –"

"Zweitausendsiebenhundert Euro für die Hebebühne, die stand schon vorher bestellt, die Rechnung lief über mein Konto. Die Software hast du selbst gekündigt, weil sie dir zu teuer war." Ingrid legt die Mappe auf die Motorhaube des Passat. "Alles dokumentiert. Frau Fenske hat auch mit dem Notar gesprochen. Er erinnert sich sehr genau daran, dass du ihm gesagt hast, ich hätte der Übertragung mündlich zugestimmt. Das ist strafbar, Micha. Urkundenfälschung durch falsche Angaben."

Aus dem Passat steigt jetzt auch Sabine, die bisher stumm auf dem Beifahrersitz gesessen hat. Sie trägt den grauen Wollmantel, den Ingrid ihr vor zwei Weihnachten geschenkt hat. Sie sagt nichts, stellt sich nur neben das Auto, die Arme vor der Brust verschränkt, und schaut zwischen ihrer Mutter und ihrem Mann hin und her wie jemand, der gerade erst begreift, auf welcher Seite eines Zauns er die ganze Zeit gestanden hat.

"Mama", sagt sie schließlich, die Stimme brüchig. "Das mit dem Notar – hast du das wirklich gewusst?"

"Ich habe es vor vier Tagen erfahren. Von Frau Fenske." Ingrid dreht sich zu ihrer Tochter. "Ich wollte es dir nicht am Telefon sagen. Ich wollte, dass du es hier siehst, an dem Ort, wo dein Vater und ich diese Werkstatt aufgebaut haben."

Micha öffnet den Mund, will etwas sagen über Anwaltskosten, über die Möglichkeit einer außergerichtlichen Einigung, über die Hebebühne, die er doch nur für alle bestellt habe. Aber Sabine legt ihm eine Hand auf den Arm, keine zärtliche Geste, eher eine, die ihn zum Schweigen bringen soll.

"Wir reden zu Hause", sagt sie zu ihm. Dann, zu Ingrid: "Es tut mir leid. Ich hab weggeschaut, weil ich Streit vermeiden wollte. Das war falsch."

Ingrid nickt einmal, kurz. Sie nimmt die Mappe wieder von der Motorhaube, klemmt sie sich unter den Arm.

"Die Werkstatt macht heute Mittag wieder auf. Unter meinem Namen. Wer arbeiten will, ist willkommen." Sie sieht Micha an, ruhig, ohne Schärfe in der Stimme. "Auch du. Als Angestellter, mit Arbeitsvertrag, mit Stundenlohn, wie jeder andere hier. Nicht als Eigentümer."

Sie geht zur Werkbank, schiebt die Packung Halsbonbons ein Stück zur Seite und blättert den Kalender endlich auf November um.

Zwei Monate später, im Januar, kommt Ingrid ein Brief von der Kanzlei Fenske: Die Klage auf endgültige Rückübertragung ist rechtskräftig entschieden, zu ihren Gunsten, die Gerichtskosten trägt Micha. Was in dem Brief nicht steht, erfährt Ingrid erst beim Steuerberater im März – dass Micha in den zwei Jahren, in denen die Vollmacht galt, bereits zweimal versucht hatte, einen Kredit auf die Werkstatt aufzunehmen, beide Male abgelehnt, weil die Bank Rücksprache mit der eingetragenen Eigentümerin verlangte, die er nie gesucht hatte. Sabine arbeitet inzwischen freitags in der Werkstatt an der Kasse, Micha ist dort seit Februar nicht mehr aufgetaucht.

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