Der Geschmack von Zimt und Orangen

Die alte Frau hielt ihm den Kuchen direkt unter die Nase.

Felix sah die zitternden Hände, die gesprungenen Nägel, den abgewetzten Mantelsaum. Der Duft von Butter und karamellisiertem Zucker stieg in seine Nasenflügel. Er roch Zimt, schwarzen Tee und eine Spur kandierte Orange.

Eigentlich wollte er ablehnen.

Seine Security stand drei Meter entfernt und kaute Kaugummi. Der Chauffeur wartete mit laufendem Motor am Bordstein. Felix Falk war in München, um einen Hotelkomplex zu besichtigen. Keine Zeit für rührselige Rentnerinnen auf dem Viktualienmarkt, die ihm selbstgebackenen Kuchen andrehen wollten.

Doch dann biss er hinein.

Nur ein winziges Stück. Butterig und mürbe zerfiel der Kuchen zwischen seinen Zähnen. Der Geschmack breitete sich aus, weich und vertraut wie eine Erinnerung, die nie ganz verschwunden war. Plötzlich war das Hupen der Taxis weg, das Geschnatter der Marktbesucher, das Zischen der Espressomaschine aus der Bäckerei. Sogar der Novemberregen existierte nicht mehr.

Nur eine zittrige Frauenstimme, die ein Schlaflied summte. Die Schürze seiner Großmutter mit den Margeriten. Seine eigenen, winzigen Finger, die in warmen Hefeteig griffen, als wär's das letzte Mal.

Felix riss die Augen auf.

Er starrte die Frau an. Sie war vielleicht siebzig, mit hellblauen Augen und einer abgetragenen Wollmütze, schief aufgesteckt. Unter ihrem Mantel blitzte eine altmodische Anstecknadel in Form einer Margerite. Dieselbe Blume wie auf der Schürze.

„Woher“, brachte er heraus, und seine Stimme klang ganz fremd. „Woher kommt dieses Rezept?“

Die alte Frau nestelte an ihrem Kragen. Ihre Hände suchten etwas, fanden es nicht, suchten weiter. Schließlich tastete sie sich mit dem Zeigefinger an die Lippen, als müsse sie die Worte formen, die nicht kommen wollten.

„Aus Dresden“, flüsterte sie. „Aus der Backstube meines Vaters.“

„Das ist unmöglich. Der Kuchen schmeckt genau wie…“

„Wie der von deiner Oma Hilde.“

Felix’ Herz machte einen harten Schlag. Er hatte seit dreißig Jahren niemanden mehr von Oma Hilde erzählen hören. Sie war vor seiner Einschulung gestorben. Ein Name aus einer anderen Zeit, begraben unter Firmenbilanzen, Aufsichtsratssitzungen und der Jagd nach der nächsten Million.

„Woher wissen Sie meinen Namen“, flüsterte er.

Die Frau griff in ihre Einkaufstasche und zog ein abgegriffenes Foto heraus. Die Ränder waren eingerissen, als hätte es jahrelang in einer Brieftasche gesteckt. Sie drückte es Felix in die Hand.

Darauf war ein höchstens fünfjähriger Junge zu sehen, mit verklebten Haaren und einem strubbeligen Scheitel. Von Kopf bis Fuß mit Mehl bestaubt. In seinen Händen hielt er eine Margerite aus Hefeteig.

Das war er.

Aber das konnte nicht sein.

Denn neben dem Jungen stand eine junge Frau mit einem hellen Sommerkleid und denselben wasserblauen Augen, die ihn jetzt, in diesem Moment, dreißig Jahre später, voller Angst und Hoffnung ansahen.

„Das bin ich.“ Die Hand der Frau zuckte zu seiner Wange, stoppte in der Luft, fiel kraftlos zurück. „Du hast immer die Teigblumen geklaut. Oma Hilde musste sie oben auf den Schrank stellen, sonst hättest du sie alle roh gegessen.“

Felix schob das Foto zurück, als wäre es eine Waffe.

„Sie lügen. Meine Mutter hat mich verlassen. Sie hat meinen Vater und mich sitzen lassen, als ich drei war, und ist nach Amerika abgehauen. So hat er es mir jeden Tag erzählt. Jeden einzelnen Tag, bis ich es geglaubt habe wie meinen eigenen Namen. Bettina Falk existiert für mich nicht, verstehen Sie?“

Die Frau schloss die Augen. Eine einzelne Träne lief ihre faltige Wange hinunter und blieb an ihrem Mundwinkel hängen.

„Ich heiße nicht Bettina“, sagte sie. „Ich heiße Katrin. Und ich bin nie nach Amerika gegangen. Ich war im Gefängnis, Felix. Sechzehn Jahre lang. Dein Vater hat dafür gesorgt.“

Felix trat einen Schritt zurück. Die Absätze seiner handgenähten Budapester stießen gegen eine leere Limonadenkiste. Er stolperte, fing sich an einem Standpfosten.

„Gefängnis?“

„Viktor hat mich angezeigt. Unterschlagung in der gemeinsamen Bäckerei. Ich war unschuldig, aber die Beweise reichten. Er war gründlich. Er heiratete ein Jahr später neu und sagte allen, ich wäre mit einem Amerikaner durchgebrannt. Dir auch. Erinnerst du dich an gar nichts mehr?“

Felix starrte auf den Pflasterstein zu seinen Füßen. Da war ein Riss. Vielleicht fünfzehn Zentimeter lang. Er hatte das Gefühl, sein ganzer Körper würde in diesen Riss fallen.

Ein Handy klingelte. Die neue Klingeltonmelodie von Hannah. Hannah, seine Verlobte, die in drei Tagen seine Frau werden sollte.

Er nahm ab. Ihre helle Stimme trällerte ihm ins Ohr: „Schatz, wo bleibst du? Papa sucht dich wegen der Unterschrift für den Ehevertrag. Du weißt, er wird ungemütlich, wenn man ihn warten lässt. Seine Sekretärin hat den Notar für vier Uhr bestellt. Und er sagt, es eilt. Du kennst ihn ja. Seine Zahlen müssen stimmen, sonst dreht er durch.“

„Papa…“ wiederholte Felix dumpf. „Viktor.“

„Was ist mit ihm? Du klingst so komisch. Ist was passiert?“

Die alte Frau, die sich Katrin nannte, hatte den Namen gehört. Ihre hochgezogenen Schultern. Ihre klammen Finger, die sich um den Griff der Einkaufstasche ballten.

Und dann sagte sie einen Satz, so leise, dass er mehr durch die Bewegung ihrer Lippen als durch den Klang zu ihm drang.

„Das ist der Mann. Der mich ins Gefängnis gebracht hat. Und dir deine Mutter genommen hat. Er war damals mein Buchhalter, Felix. Und er wolltealles. Die Bäckerei. Meinen Vater. Dich.“

Felix' Hand mit dem Handy sank nach unten. Hannahs Stimme säuselte weiter, winzig und fern, irgendwo über dem Hamburger Hafen, wo sein Privatjet auf ihn wartete.

Sein Kopf war vollkommen leer.

Erst als die alte Frau einen zweiten Satz aussprach, schoss das Blut mit solcher Wucht zurück in seine Schläfen, dass er dachte, sein Schädel würde platzen.

„Deine Verlobte. Hannah, ja? Viktor Lanz’ Tochter? Felix, sie ist deine Halbschwester. Sie haben dich zu deiner eigenen Familie ins Bett gelegt. Genau das war der Plan ihres Vaters von Anfang an. Die Firmenverschmelzung. Dein Erbe. Du solltest mit deiner Schwester Kinder kriegen, begreifst du das nicht?“

Felix ließ das Handy fallen. Es schlug auf dem feuchten Pflaster auf, Hannahs Stimme brach ab.

Er sah die Frau an. Seine Mutter. Zum ersten Mal in dreißig Jahren. Seine Mutter, die nicht tot war und nicht in Amerika lebte, sondern hier stand, auf dem Münchner Viktualienmarkt, mit einem Stück Hefekuchen und einem Leben, das ihm in Scherben zu Füßen fiel.

Er griff nach dem Kuchen, der noch halb in ihrer Hand lag. Er biss ein zweites Mal ab. Der Geschmack war derselbe.

Und dann kam das Schluchzen.

Nicht von ihr. Von ihm.

Der Altbau in der Sendlinger Straße roch nach Bohnerwachs und kaltem Tabak. Viktor Lanz erwartete sie im Konferenzzimmer mit einem Lächeln, das eine Stahlkassette war.

Hannah stand neben ihrem Vater, kerzengerade, das blonde Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Ihr Blick flackerte, als Felix mit einer wildfremden, verheulten alten Frau an seiner Seite hereinkam.

„Du bist spät“, sagte Viktor und stand nicht auf. „Der Notar wartet. Legen wir die Sache hinter uns, dann können wir alle wieder unseren Geschäften nachgehen. Ich habe um sechs noch eine Telefonkonferenz mit Tokio. Beeil dich bitte. Der Vorentwurf liegt auf dem Tisch. Hannah hat schon unterschrieben, du musst nur noch…“

„Ich unterschreibe gar nichts.“ Felix legte das Foto auf den Mahagonitisch. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Viktors Blick darauf fiel.

Dann gefror das Lächeln. Nur für einen Moment. Ein kurzes, kaum wahrnehmbares Stocken in der Mimik eines Mannes, der sein halbes Leben damit verbracht hatte, nichts zu zeigen.

„Katrin Seidel“, sagte Viktor langsam. „Da hat sich die alte Dame aber einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht. Kollegen, die damals Akteneinsicht hatten, können dir bestätigen, worum es ging. Urkundenfälschung. Unterschlagung von fast zweihunderttausend Mark. Wir waren froh, dass wir den Laden retten konnten, damals. Dein Vater hätte sonst nie…“

„Mein Vater?“ Felix stemmte beide Fäuste auf die Tischplatte. „Wer war mein Vater? Sie haben mir drei Pflegeväter präsentiert, Viktor. Alle drei Bankrotteure, die mein Erbe retten sollten, das Sie verwaltet haben. Und als Sie selbst keine Kinder kriegten, haben Sie Hannah adoptiert. Haben sie geheiratet, als mir zwanzig war, und dann auf mich angesetzt wie einen Köder auf Rädern. Wie nennen Sie das in Ihrer Buchhaltung? Synergieeffekt?“

Viktor sagte nichts. Er nahm seine Brille ab und putzte sie mit einem Taschentuch. Akribisch. Langsam.

Hannah starrte von Felix zu der alten Frau. Ihre Lippen waren weiß. „Felix… was redest du da? Das ist doch völlig absurd. Sie hat uns die Dokumente von der Treuhand gezeigt. Jahrgang 87. Alles belegt. Was soll das jetzt?“

Katrin Seidels Stimme klang jetzt fester als noch auf dem Markt.

„Ruf die Treuhand an, Fräulein. Frag nach dem Aktenzeichen vier, sieben, null, Schrägstrich, acht, drei. Und dann bitte um Einsicht in das Original. Nicht die Kopie, die dein Vater dir gezeigt hat. Die Kopie hat drei Zeilen mehr. Die Zeilen, auf denen stand, dass alle Vorwürfe fallengelassen wurden. Drei Zeilen, die ein Leben kosten konnten. Kosten können. Dein Vater musste nur einen Tag lang den falschen Ordner auf den Tisch legen. Einen Tag hat es gebraucht. Stell dir vor, was man alles an einem einzigen Tag kaputt machen kann.“

Hannah griff nach dem Telefon.

Viktor legte seine Hand auf ihre und drückte sie fest auf die Gabel.

„Das reicht.“

Ein einziges Wort. Aber es enthielt alles, was Felix wissen musste.

Der Rest war die Arbeit der Anwälte. Zwei Tage später lagen die Originaldokumente auf dem Tisch, zusammen mit einer eidesstattlichen Erklärung des zuständigen Richters, der längst pensioniert war und sein Schweigen gegen Straffreiheit tauschte.

Doch was Felix nicht vergessen würde, war das Geräusch, mit dem Hannah den Raum verließ, nachdem sie ihren Vater angesehen und ihn zum ersten Mal in ihrem ganzen Leben nicht ‚Papa‘ genannt hatte.

Es war das Klacken von Absätzen auf Parkett, leiser und leiser, bis die Tür ins Schloss fiel und nur noch Stille blieb. Kein Weinen. Kein Schrei. Nur dieses Klacken.

Der erste gemeinsame Abend in der neuen Wohnung fand an einem Dienstag statt. Katrin hatte sich geweigert, in Felix’ Penthouse zu ziehen, also hatte er eine Wohnung im Westend gemietet, drei Zimmer, eine kleine Küche mit Gasherd und einen Balkon mit Blick auf einen Kastanienbaum.

Sie stand am Herd und rührte in einem Topf. Nicht Hefeteig diesmal, sondern Kartoffelsuppe. Felix saß auf dem Hocker am Küchentisch und sah ihr zu.

Keiner von beiden sprach. Die Suppe blubberte leise. Durch das gekippte Fenster drang Straßenlärm herein.

Auf dem Fensterbrett stand ein kleiner Blumentopf mit einer frisch eingepflanzten Margerite, die Katrin am Morgen auf dem Großmarkt gekauft hatte. Felix hatte sie in einen zu großen Topf gesetzt, und nun lehnte die Blume ein wenig schief, als blickte sie neugierig ins Zimmer.

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Uniad
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