Nach Mamas Beerdigung stand ich in ihrer Küche und brachte es nicht fertig, ihre Pantoffeln anzurühren. Es waren diese ausgelatschten grauen Filzdinger mit dem eingetrockneten Teefleck auf der Spitze. Meine Schwester Jule nahm sie vom Boden auf und sagte: „Wir müssen die Sachen nach und nach durchgehen, Maren. Sonst kommen wir nie weiter.“ Sie sagte das nicht hart, aber auch nicht warm. Es klang nach Terminkalender. Ich sah, wie sie die Pantoffeln in den Schuhschrank stellte, und etwas in mir riss.
„Du redest, als ob es dir leichter fiele, alles einfach wegzuräumen“, sagte ich.
„Nicht leichter. Aber wir müssen endlich anfangen zu leben, sonst versteinern wir hier noch.“ Jule klappte die Schranktür zu.
Und ich hörte mich sagen: „Weißt du, was einfacher gewesen wäre? Wenn du öfter da gewesen wärst, als sie noch lebte. Dann müssten wir jetzt nicht so tun, als wäre alles okay.“ Meine Stimme war leise, aber jedes Wort traf wie ein Hammerschlag.
Meine jüngere Schwester erstarrte. Ihre Hand blieb am Schrankgriff. Sie drehte sich um, und ihre Augen waren nicht mehr die meiner kleinen Schwester, mit der ich früher auf dem Heuboden Verstecken gespielt hatte. Sie waren dunkel, fremd, verletzt. „Ach so. Da sind wir also. Die gute Tochter und die schlechte Tochter. Immer schon gewesen, oder?“
„Das habe ich nicht gesagt—“
„Doch, genau das hast du. Deine Blicke haben es jedes Mal gesagt, wenn ich aus München kam und du schon wieder alles im Griff hattest. Papa sein Grab bepflanzt, den Öltank gefüllt, den Pflegedienst organisiert. Mama sagte immer: ‚Maren macht das, Maren weiß Bescheid.‘ Ich war nur noch der Besuch, der mit einer Tüte Marzipankartoffeln anreiste und am Sonntagnachmittag wieder fuhr.“ Jules Stimme wurde brüchig. „Du hast nie gefragt, warum ich seltener kam. Du hast nur geurteilt. Und weißt du was? Vielleicht war es für dich bequem, die Märtyrerin zu spielen, während ich in der Großstadt die Rabenmutter und die undankbare Tochter war. So hattest du Mamas Zuneigung ganz für dich, nicht wahr?“
Das saß. Ich weiß noch, wie mir einen Moment lang die Luft wegblieb. Ich wollte schreien, dass ich nicht die Märtyrerin war, sondern diejenige, die jede Nacht in den Hörer horchte, ob Mama atmete, wenn sie wieder den Blutdruckmesser nicht bediente. Dass ich um vier Uhr früh losfuhr, als sie in der Badewanne gestürzt war, weil niemand sonst in der Nähe wohnte. Aber ich schrie nicht. Ich sagte etwas viel Schlimmeres. Ganz ruhig: „Dann geh doch zurück in dein schönes München, Jule. Den Papierkram mache ich wie immer alleine. Das bin ich ja gewohnt.“
Sie zog ihren Mantel an, nahm ihre Handtasche und ging. Die Tür fiel nicht einmal laut ins Schloss. Es war dieses leise Klicken, bei dem man genau weiß, dass da jemand geht und vielleicht nie mehr wiederkommt.
Ich bin Maren Winkler, zweiundvierzig Jahre alt. Verheiratet mit Torsten, zwei Kinder, arbeite halbtags in der Gemeindebücherei in Altenstadt. Jule ist siebenunddreißig, lebt in München, geschieden, zieht ihre achtjährige Tochter Lina allein groß. Das Haus unserer Kindheit, das kleine Reihenhaus mit dem wilden Wein an der Fassade und der knarzenden Kellertreppe, hatten wir von unseren Eltern Renate und Heinz geerbt. Papa war schon seit zwölf Jahren tot, Lungenkrebs. Mama starb im vergangenen Herbst mit einundsiebzig, einfach eingeschlafen in ihrem Sessel, während der Fernseher noch lief. Ich hatte sie gefunden, mit der Strickarbeit im Schoß und einem halb vollen Glas Fencheltee daneben. Jule hatte ich erst zwei Stunden später erreicht.
Nach Jules abruptem Aufbruch redeten wir nicht mehr miteinander. Nicht richtig. Es gab keine schreienden Anrufe, keine schmutzigen Erbstreitigkeiten. Nur eine bleierne Stille und Textnachrichten wie: „Notar Freitag 9:00 Uhr“, „Schlüssel fürs Haus hinterlegt bei Frau Huber nebenan“, „Ölrechnung bezahlt“. Ich schrieb „Danke“ und meinte es nicht. Sie schrieb „ok“ und meinte es auch nicht. Monate zogen ins Land, der Flieder im Garten verblühte, die Äpfel am Baum verfaulten, ohne dass jemand sie erntete, und die Distanz zwischen uns wuchs, bis sie sich anfühlte wie eine eigene Person, die schweigend mit am Tisch saß.
Sechs Monate später, es war ein nasskalter Februarnachmittag, kramte ich auf dem Dachboden nach dem alten Grundbuchauszug. Der Notar hatte angerufen, irgendetwas mit der Gewährleistung. Zwischen den Kisten mit Mamas nie benutzten Tischdecken und Papas Krawattensammlung entdeckte ich einen Schuhkarton. Ein stinknormaler, abgewetzter Karton, auf dem mit Kugelschreiber stand: „Für meine Töchter. Öffnet ihn gemeinsam, wenn ihr vergessen habt, dass ihr Schwestern seid.“ Darunter ein blaues Geschenkband, staubig, aber fest verknotet.
Ich sank auf einen alten Sack mit Flickenteppichen und starrte auf Mamas Handschrift. Zackig, etwas schief, die Buchstaben leicht verwackelt von der Arthrose, die sie nie erwähnte. Mama hatte es gewusst. Sie hatte genau vorhergesehen, wie Jule abhauen und ich mich in meinem Groll verbarrikadieren würde. Ich öffnete den Karton nicht. Ich zog mein Handy hervor und rief Jule an, zum ersten Mal seit dieser Szene mit den Pantoffeln.
Sie meldete sich nach dem vierten Klingeln. „Maren? Ist was passiert?“ Kein Hallo, keine Vorwürfe, nur blanke Sorge. Da wurde mir klar, wie sehr wir zwei uns eigentlich noch unter all dem Staub vermissten.
„Nein, es ist nichts Schlimmes“, sagte ich. „Ich habe auf dem Dachboden eine alte Schuhschachtel von Mama gefunden. Da steht drauf, wir sollen sie gemeinsam öffnen. Dass wir sie beide angucken sollen, wenn wir vergessen haben, dass wir Schwestern sind.“ Meine Stimme klang belegt.
Lange Stille. Ich hörte im Hintergrund Linas Kinderlachen. Dann Jule, leise: „Hast du sie schon aufgemacht?“
„Nein. Ich warte auf dich. Versprochen.“ Ein Versprechen, das mir leichter über die Lippen kam als gedacht.
„Ich komme Samstag. Um zehn. Frühstücken wir vorher? Ich bring Nussschnecken vom Bäcker mit. Die mit dem vielen Zuckerguss, die Mama so geliebt hat.“ Es klang fast wie ein Friedensangebot.
„Ja. Bis Samstag, Jule“, sagte ich.
Sie kam pünktlich, aber sie betrat das Haus wie eine Fremde. Zögerlich, die Schultern hochgezogen. Sie stellte die Tüte mit den Nussschnecken auf die Anrichte, und wir standen da wie zwei schüchterne Teenager, bis ich den Karton holte und zwischen uns auf den Küchentisch stellte. Man konnte fast hören, wie etwas in der Luft knisterte, als Jule das blaue Band löste und den Deckel hob.
Obenauf lagen zwei dicke Kladden mit schwarzem Einband, darunter vergilbte Fotos, unsere selbstgebastelten Muttertagsherzen aus der Grundschulzeit, ein Brief von Papa und ein kleiner Umschlag mit der Aufschrift: „Liebe teilt man nicht.“ Jule nahm eine Kladde, ich die andere. Mamas geschwungene Schrift, die ich tausendmal auf Einkaufszetteln gesehen hatte.
In meiner stand: „Maren, mein Löwenkind. Du hast von klein auf alles auf deine Schultern genommen. Du meinst, du müsstest die Welt zusammenhalten, sonst bräche sie auseinander. Aber du sagst nie, wenn dir die Kraft ausgeht, und dann wirst du wütend, weil keiner merkt, wie erschöpft du bist. Ich wünschte, du würdest eines Tages Hilfe annehmen können – auch von deiner Schwester. Sie liebt dich genauso fest, sie zeigt es nur anders.“ Mir brannten die Augen.
Jule las aus ihrer vor: „Bei mir steht: ‚Jule, mein Sonnenschein. Du glaubst, du seist immer nur die Zweite. Ich habe einen großen Fehler gemacht, als ich dir ständig sagte, du sollst dir ein Beispiel an deiner Schwester nehmen. Ich wollte dir einen Halt geben, aber ich habe dir das Gefühl gegeben, nie zu genügen. Meine Jüngere ist nicht gleichgültig. Sie versteckt ihren Schmerz hinter Schweigen.‘“ Meine Schwester schluchzte mitten im Lesen auf, und ich schob ihr ein Taschentuch rüber.
Dann fanden wir die Kontoauszüge. Jule hatte fast zwei Jahre lang jeden Monat dreihundertfünfzig Euro an Mama überwiesen, die Fensterreparatur, neue Medikamente. Ich hatte nie davon gewusst. Mama hatte es mir verschwiegen, mit einer winzigen Bleistiftnotiz auf dem letzten Beleg: „Damit Maren nicht denkt, ich klage bei ihr über Geld. Jule tut, was sie kann aus der Ferne.“ Und all meine eigenen Zettel mit den Facharztterminen und den Blutdrucktabellen hatte sie aufgehoben, akkurat in einer Klarsichthülle. Daneben stand nur ein Satz: „Eine half mit ihren Händen, die andere mit dem Herzen und ihrem Ersparten. Messt eure Liebe nie an den Kilometern auf der Landstraße.“
Das Letzte war Papas Brief. Er musste ihn kurz vor seinem Tod geschrieben haben, die Handschrift schon sehr zittrig. „Renate, wenn ich einmal nicht mehr bin, dann pass mir vor allem auf eines auf: Dass unsere Mädchen sich nicht verlieren. Maren wird das Haus tragen wie Atlas die Weltkugel, und Jule wird sich einigeln aus Angst, zu stören. Zeig ihnen immer wieder, dass für dich beide gleich viel Platz im Herzen haben. Deine und meine Liebe war doch nie kleiner, wenn sie geteilt wurde. Sie wurde größer. Lass das nie zu, dass sie das irgendwann vergessen.“ Jule weinte jetzt hemmungslos, und ich war auch nicht besser.
Meine Schwester stand auf und trat ans Küchenfenster, starrte in den grauen Himmel. „Ich bin nicht öfter gekommen, weil ich mich hier so unendlich überflüssig gefühlt habe“, flüsterte sie. „Du hattest doch längst jedes Problem im Griff. Wozu hätte ich mich einmischen sollen? Ich dachte immer, ihr zwei seid ein eingespieltes Team und ich bin nur das Anhängsel, das am Sonntag aufschlägt und Montag wieder verschwindet. Es war keine Bequemlichkeit, Maren. Es war die blanke Angst, abgewiesen zu werden, wenn ich versuche, mitanzupacken. Und als du mir dann nach der Beerdigung diesen Satz an den Kopf geworfen hast, da war meine schlimmste Befürchtung wahr geworden. Du fandest mich wirklich nur egoistisch.“ Sie drehte sich um, Tränen auf den Wangen. „Ich wollte doch auch helfen. Aber du hast mir nie gezeigt, wie. Du warst immer schon fertig, bevor ich überhaupt fragen konnte. Das war kein Vorwurf an dich, sondern an mich selbst. Verstehst du?“
Da begriff ich, dass wir jahrelang aneinander vorbeigeredet hatten, in zwei völlig unterschiedlichen Sprachen, obwohl wir Schwestern waren. Ich stand auf und ging zu ihr. „Ich habe auf dich gewartet. Nicht auf deine Hilfe, sondern darauf, dass du siehst, wie fertig ich bin. Aber ich habe es nie ausgesprochen. Ich habe stattdessen Groll gesammelt und ihn dir dann vor die Füße gekippt. Das war falsch. So falsch.“ Meine Stimme kippte. „Deine Anrufe, deine Geldüberweisungen, deine Päckchen – das warst du. Du warst auf deine Art immer da, und ich wollte, dass du es auf meine Weise tust. Und als du es nicht getan hast, habe ich dich bestraft. Das tut mir so leid. Dass ich gesagt habe, du hättest es bequem, das nehme ich zurück. Das war grausam und dumm. Du bist nicht bequem, du bist verletzlich, und ich habe mit einem Vorschlaghammer draufgehauen, ohne hinzugucken. Verzeihst du mir?“
Jule schniefte, wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. „Ich hab auch Mist gebaut. Ich hätte dir längst sagen müssen, wie einsam ich mich fühle, schon zu Mamas Lebzeiten. Statt einfach zu schweigen und zu hoffen, du würdest es erraten.“ Sie zögerte kurz, dann lehnte sie sich an mich, wie früher als Kind, wenn sie sich das Knie aufgeschürft hatte. Ich legte den Arm um sie, und so standen wir minutenlang in der zugigen Küche, während auf dem Herd der Wasserkessel zu pfeifen begann und niemand ihn abstellte.
Danach tranken wir den gleichen Früchtetee, den Mama immer bevorzugt hatte, und redeten bis in die Dämmerung. Über unsere Kindheit, über die Seifenkistenrennen die Einfahrt runter, darüber, wie Jule bei meiner Hochzeit Sodbrennen bekam und auf der Damentoilette fast das Blumenmädchenkleid versaut hätte. Wir lachten zum ersten Mal seit Monaten wieder gemeinsam, und es fühlte sich an wie das Auftauen eines zugefrorenen Bachs. Irgendwann holte Jule Mamas alte Strickjacke vom Haken und zog sie sich über. „Damit ich ihren Geruch ganz nah habe“, sagte sie. Ich nickte nur. Für mich blieben ihre Brille und die Kladden. Jule nahm die mit ihrem Namen mit, die mit meinem legte ich auf den Wohnzimmertisch, zur gemeinsamen Benutzung. Weil nichts hier unten im Haus mehr nur einem von uns gehören sollte.
Die Schuhschachtel steht heute in Jules Flur in München, auf einem kleinen Hocker neben der Garderobe. Vergangenen Samstag war sie mit Lina wieder in Altenstadt. Im Garten blühte der Flieder. Lina pflückte eine weiße Rispe und fragte: „War Oma eigentlich genauso lustig wie Tante Maren beim Fahrradfahren?“ Jule lachte laut auf, und es klang überhaupt nicht mehr fremd. Ich ging in die Küche, um Limonade zu holen. Durch das Fenster sah ich die beiden auf der uralten Hollywoodschaukel sitzen, die Jule und Papa vor zwanzig Jahren zusammengebaut hatten. Die Holzwürmer hatten ein paar Löcher hineingefressen, aber sie hielt noch.
