Ich heiße Renate Brockmann, bin dreiundfünfzig, und ich schreibe das hier am Küchentisch meiner neuen Zweizimmerwohnung in der Feldstraße in Lüneburg, während unten auf dem Hof ein Kastenwagen der Spedition Möbelbecker steht und mein Schwiegersohn Torsten gerade zum dritten Mal klingelt.
Ich mache nicht auf. Noch nicht.
Vor elf Jahren bin ich zu meiner Tochter Sabine und Torsten gezogen, nachdem mein Mann gestorben war. Kredit fürs Häuschen in Bardowick war noch nicht abbezahlt, die beiden hatten Platz im Souterrain, und ich hatte Rente und eine kleine Lebensversicherung, die ich in den Umbau gesteckt habe – zweiundvierzigtausend Euro, jeden Cent davon steht im Kontoauszug, den ich in der braunen Mappe auf dem Tisch vor mir liegen habe. Neue Heizung, neues Bad unten, eine Einliegerwohnung mit eigenem Eingang, damit ich niemandem im Weg bin. So haben wir das genannt: nicht im Weg sein.
Elf Jahre lang habe ich Kartoffeln geschält, auf die Enkelin Lotte aufgepasst, wenn Sabine Spätschicht in der Klinik hatte, und an Heiligabend die Gans gemacht, weil Torsten „das mit dem Braten nicht kann". Ich habe im Treppenhaus den Geruch von Bratensoße gemocht, das Poltern von Lottes Inlinern über mir, sogar das Quietschen der Waschmaschine, die eigentlich schon 2019 hätte ausgetauscht werden müssen. Kleine Dinge. Man merkt erst, wie sehr man an ihnen hängt, wenn jemand einem sagt, dass man sie nicht mehr haben wird.
Das war vor drei Wochen, an einem Dienstag. Ich saß am Tisch oben, Sabine schnitt Paprika, und Torsten sagte, ohne aufzusehen von seinem Handy: „Renate, wir müssen mal über die Wohnsituation reden." Nicht „Mama". Renate. Das hatte ich seit Jahren nicht mehr gehört.
Es stellte sich heraus, dass sein Bruder aus Celle einziehen sollte – mit Familie, drei Kinder, das Souterrain sei „eigentlich ideal", die Schule sei näher dran, und ob ich nicht „vielleicht doch mal über was Kleineres, Altersgerechtes nachdenken" wolle. Sabine hat die ganze Zeit die Paprika geschnitten und nichts gesagt. Das hat mehr wehgetan als alles, was Torsten sagte.
Ich habe nicht geweint. Ich bin runtergegangen, habe die braune Mappe aus dem Schrank geholt, in der die Rechnungen vom Umbau lagen, die Überweisungsbelege, der handschriftliche Zettel, auf dem Torsten mir damals versprochen hatte, „solange zu bleiben, wie ich möchte" – kein Vertrag, nur ein Zettel, aber seine Unterschrift steht drunter. Ich habe die Mappe auf den Küchentisch gelegt und gesagt: Gut. Dann rechnen wir das jetzt mal zusammen.
Torsten wurde blass. Er hatte wohl gedacht, ich würde weinen und in mein Zimmer gehen, so wie ich es die letzten elf Jahre immer gemacht habe, wenn es unangenehm wurde. Stattdessen habe ich meinen Neffen Uwe angerufen, der Notar in Winsen ist, und am Freitag saß ich bei ihm im Büro mit der Mappe, und er hat mir erklärt, dass ich für die zweiundvierzigtausend Euro Umbaukosten zwar keinen Anspruch auf die Immobilie habe – das Haus gehört Sabine und Torsten –, aber sehr wohl einen Anspruch auf Rückzahlung, wenn die Grundlage, unter der ich das Geld gegeben habe, wegfällt. Das nennt sich Wegfall der Geschäftsgrundlage. Uwe hat mir ein Schreiben aufgesetzt.
Ich habe es ihnen am Sonntag vorgelegt, zusammen mit Kaffee und dem Streuselkuchen, den ich sonst immer gebacken habe, wenn Lotte Geburtstag hatte. Diesmal war es kein Geburtstag. Torsten hat das Schreiben gelesen, ist rot geworden, hat gesagt, das könne ich doch nicht ernst meinen, wir seien Familie. Ich habe geantwortet, dass Familie nicht bedeutet, dass mein Geld verschwindet, nur weil sein Bruder mehr Platz braucht.
Sabine hat mich danach angerufen, allein, ohne Torsten daneben. Sie hat geweint. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie liebe, dass daran nichts geändert wird, aber dass ich ab jetzt mein Geld zurückwill und mir etwas Eigenes suche. Vierunddreißigtausend Euro haben sie mir überwiesen, den Rest als Ratenzahlung über zwei Jahre, notariell festgehalten. Die restlichen achttausend habe ich ihnen erlassen – für Lotte, für die elf Jahre, für das, was noch gut war.
Und jetzt stehe ich hier, in der Feldstraße, zweiter Stock, Balkon nach Süden, der Bäcker Meyer unten macht die besten Franzbrötchen der Stadt, und meine Möbel stehen noch halb eingepackt im Flur. Torsten klingelt zum vierten Mal. Ich öffne, aber nur, um ihm zu sagen, dass die letzte Kiste mit Lottes altem Kinderfahrrad unten im Keller steht und er sie gerne holen kann – für seinen Neffen aus Celle. Dann schließe ich die Tür wieder und gehe zurück zu meinem Kaffee, der auf dem Fensterbrett kalt wird.
Zwei Monate später hat Sabine mich zum Kaffee eingeladen, allein, in ein Café am Lüneburger Wasserturm. Sie erzählte, dass Torstens Bruder sich inzwischen zerstritten hat mit Torsten – wegen der Nebenkosten, die im Souterrain plötzlich anders berechnet wurden, als es bei mir der Fall war. Sabine sagte, sie hätte erst da verstanden, was ich all die Jahre eigentlich mitgetragen hatte, ohne dass es je einer erwähnt hat. Ich habe nur genickt und mir noch ein Stück von dem Franzbrötchen abgeschnitten, das ich mitgebracht hatte, und gesagt, dass ich froh bin über meinen eigenen Schlüssel.
