Der Backstage-Bereich der Hamburger Elbphilharmonie vibrierte noch vom Applaus. Einundzwanzig junge Frauen standen dicht an dicht hinter dem roten Samtvorhang, jede von ihnen mit diesem leicht benommenen Lächeln im Gesicht, das nur vom Adrenalin kommt. Aber für Romy Schneider gab es keinen Zweifel – sie hatte gewonnen. Die Krone saß schwer auf ihrem blonden Knoten, und die Schärpe mit der Aufschrift „Miss Hanseatic 2024" schnitt ihr leicht in die Brust. Sie hatte es geschafft.
Eine Garderobiere half ihr aus dem Paillettenkleid und in etwas Bequemeres, bevor sie in den VIP-Raum gebeten wurde. Dort drängten sich Sponsoren, Presseleute und ein paar Honoratioren der Stadt. Champagner wurde gereicht, Lachshäppchen machten die Runde. Und mittendrin stand Frauke Mommsen.
Frauke Mommsen, die große alte Dame der Hamburger Ballettszene, einst Primaballerina an der Staatsoper und jetzt mit siebzig die einflussreichste Mäzenin der Stadt. Sie trug eine maßgeschneiderte Seidenbluse, und an ihrem Hals glitzerte ein Collier, das vermutlich mehr wert war als Romys gesamte Einzimmerwohnung. Es hieß, sie sei stets auf der Suche nach neuen Talenten, und Romy hoffte insgeheim, dass sie heute Abend ihr gegenüberstehen würde.
Sie dachte auch an die Worte ihres Adoptivvaters, Johann: „Wenn du diesen Wettbewerb gewinnst, wirst du endlich erfahren, wer deine leibliche Mutter ist." Mehr nicht. Keine Namen, keine Andeutungen. Nur dieses Versprechen, das sie seit Wochen nicht mehr schlafen ließ.
Frauke kam tatsächlich auf sie zu, mit einem warmen Lächeln und zwei Gläsern Sekt in der Hand.
„Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe. Sie haben fantastisch performt. Diese Haltung – das hat man oder hat man nicht."
Romy nahm das Glas und bedankte sich, während ihre Wangen heiß wurden. Sie unterhielten sich eine Weile über Ballett und die peinliche Frage des Moderators nach Romys Lieblingsfarbe, und dann legte Frauke ihr plötzlich den Arm um die Schulter.
„Ich habe ein kleines Geschenk für Sie. Nennen wir es ein Andenken an diesen Abend."
Sie griff in ihre Clutch und holte ein mitternachtsblaues Samtetui hervor. Ein Raunen ging durch den Raum, als sie es öffnete. Darin lag ein einzelner Ohrring: ein Tropfen aus Weißgold, in dessen Mitte ein feiner rosa Diamant funkelte. Er sah aus wie eine gefrorene Träne.
Romy stockte der Atem. Sie kannte diesen Diamanten. Nicht diesen speziellen, aber die Farbe, den Schliff. Ihr Vater hatte ihr vor einer Woche eine fast identische Brosche geschenkt, ein Familienerbstück angeblich, die sie sich für den großen Abend ans Trägerkleid stecken sollte. Sie hatte das Schmuckstück sogar dabei, in ihrer Handtasche, für den Fall, dass sie es nach dem Auftritt noch tragen wollte.
„Das ist unglaublich großzügig", murmelte sie. „Aber ich… ich habe etwas, das fast genauso aussieht."
Das Lächeln auf Fraukes Gesicht erstarb schlagartig. Die Luft im Raum schien plötzlich dünner zu werden.
„Was meinen Sie mit – genauso?"
Ein ungutes Kribbeln breitete sich in Romys Nacken aus, aber sie konnte die Frage nicht ignorieren. Sie kramte in ihrer Tasche, fand die schmale Schachtel und klappte sie auf. Die Brosche lag auf schwarzem Samt, der rosafarbene Diamant darin fing das Licht der Kronleuchter und warf winzige Reflexe an die Wände.
Frauke griff danach. Ihre Finger zitterten, als sie die Nadel umdrehte und die winzige Gravur auf der Rückseite las: *F.M. 1997*.
„Das ist nicht möglich", flüsterte sie. Dann, lauter: „Dieser Diamant wurde aus meinem Safe gestohlen. Am selben Tag, an dem meine Tochter aus der Klinik verschwand."
Die Worte trafen Romy wie ein Hammerschlag. Der ganze Raum schien sich zu drehen. Leute drehten sich um, ein Fotograf hob seine Kamera, aber Frauke hob abwehrend die Hand und zog Romy mit sich in eine ruhige Ecke hinter dem Buffet.
„Woher haben Sie das?" Ihre Stimme war jetzt leise, aber sie zitterte vor unterdrückter Wut.
Romy schluckte. „Mein Adoptivvater hat sie mir geschenkt. Er sagte, sie sei für den Wettbewerb. Für Glück."
Fraukes Gesicht wurde kreidebleich. „Ihr Adoptivvater? Wie heißt er?"
„Johann. Johann Schneider."
Eine lange Pause. Draußen auf der Bühne begann eine Jazzcombo zu spielen, aber hier drinnen hörte man nur das Klirren von Gläsern und das Blut, das in Romys Ohren rauschte.
„Johann Schneider", wiederholte Frauke. „Das war der Name des Sicherheitsmannes, der an jenem Tag Dienst hatte. Er war neu, niemand kannte ihn richtig. Und am Abend nach dem Verschwinden meines Kindes war er ebenfalls verschwunden."
Romy wollte etwas sagen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Ihr Vater – der Mann, der sie aufgezogen, sie zum Ballett gebracht, ihr Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen hatte – ein Entführer? Ein Dieb? Das konnte nicht sein.
Und dann fiel es ihr ein. Der Satz, der ihr nie komisch vorgekommen war, damals mit vierzehn, als sie zum ersten Mal nach ihrer Herkunft fragte.
*„Irgendwann erzähle ich dir alles. Wenn du gewinnst. Wenn du ganz oben bist."*
„Er hat mir gesagt", presste Romy hervor, und die Tränen liefen ihr jetzt übers Gesicht, „dass ich nach dem Sieg endlich meine richtige Mutter kennenlernen würde."
Frauke stand da wie versteinert. In ihren Augen spiegelte sich eine ganze Nacht, eine ganze Lebensgeschichte – die Nacht vor siebenundzwanzig Jahren, in der sie in einem Münchner Krankenhaus aufgewacht war und man ihr gesagt hatte, ihr Baby sei tot. Totgeboren, hieß es. Und die Leiche sei bereits zur Bestattung freigegeben. Sie hatte nie einen Abschied gehabt, nie eine Gewissheit – nur ein leeres Grab und eine Leere im Herzen.
Ein Tumult am hinteren Ende des Saals riss beide aus ihrer Erstarrung. Zwei Männer in dunklen Anzügen drängten sich durch die Menge zur Tür, einer von ihnen mit einer Kamera in der Hand. Der andere war groß, breitschultrig, mit einem kantigen Gesicht und einem schmalen Oberlippenbart, den Romy ihr ganzes Leben lang gekannt hatte.
„Papa?" Der Schrei brach aus ihr heraus, bevor sie nachdenken konnte.
Johann Schneider blieb keine Sekunde stehen. Er warf einen Blick über die Schulter, seine Augen trafen Romys, dann Fraukes – und in diesem Moment wusste Frauke Bescheid. Es war dasselbe Gesicht, das sie damals im Krankenhaus gesehen hatte, als sie kurz aus der Narkose erwachte. Derselbe Mann, der sich über ihr Bett gebeugt hatte, freundlich lächelnd, und gesagt hatte: „Alles wird gut, Frau Mommsen."
„Haltet ihn auf!" Fraukes Ruf gellte durch den Saal, und der Türsteher am Eingang warf sich instinktiv in den Weg.
Aber Johann rammte ihn mit der Schulter zur Seite und verschwand durch die Tür. Der zweite Mann, der mit der Kamera, zögerte einen Moment zu lange. Ein Kellner stellte ihm ein Bein, er stolperte, und zwei Sicherheitsleute hatten ihn am Boden, bevor er wieder aufstehen konnte.
Romy rannte zur Tür, ohne nachzudenken. Ihre High Heels klackerten auf dem Marmorboden, dann die Treppe hinunter, vorbei an verdutzten Garderobenfrauen, hinaus in die kalte Nachtluft Hamburgs. Der Wind peitschte ihr die Tränen von den Wangen, und sie sah Johanns Silhouette an der Kaimauer entlangrennen, auf die U-Bahn zu.
Sie holte ihn ein. Nicht, weil sie schneller war, sondern weil er plötzlich stehen blieb. Er stand an der Mauer, unter dem Licht einer alten Straßenlaterne, den Rücken zur Elbe, die Hände in den Taschen seines Mantels.
„Es ist wahr, oder?" Romy keuchte die Worte mehr, als dass sie sie sprach.
Johann schwieg einen langen Moment. Der Nebel über dem Wasser kroch langsam näher.
„Ich habe sie nicht getötet. Deine Schwester." Seine Stimme war rau. „Es war ein Unfall. Eine Verwechslung im Kreißsaal, das falsche Kind im falschen Inkubator – ich habe es zu spät bemerkt. Eines der Babys hatte aufgehört zu atmen. Und ich… ich dachte nur, dass ich es nicht mehr rückgängig machen kann. Dass ich dein Leben retten muss, Romy. Also habe ich dich genommen und bin gegangen. Der Diamant lag auf ihrem Nachttisch. Ich dachte, vielleicht, eines Tages…"
Von hinten näherten sich Schritte. Schnelle, federnde Schritte, die Romy jetzt erkannte – nicht, weil sie sie je gehört hatte, sondern weil sie dasselbe Tempo und dieselbe Energie hatten wie ihre eigenen. Frauke trat neben sie, ein Taschentuch in der Hand, das Collier an ihrem Hals klirrte leise bei jedem Atemzug.
„Siebenundzwanzig Jahre", sagte Frauke. „Siebenundzwanzig Jahre habe ich geglaubt, mein Kind läge auf dem Friedhof."
Johann senkte den Kopf. „Ich kann es nicht wiedergutmachen."
„Nein", sagte Frauke. „Das kann niemand."
Dann drehte sie sich zu Romy um und nahm ihr Gesicht in beide Hände, so sachte, als wäre es aus dünnem Porzellan. Sie strich ihr die Tränen von den Wangen, unter der rechten, unter der linken, und betrachtete ihr Gesicht, als sähe sie es zum ersten Mal – die hohen Wangenknochen, die leichte Asymmetrie der Mundwinkel, dasselbe Muttermal unter dem linken Ohr, das Frauke jeden Morgen im Spiegel abtupfte.
„Du hast seinen Gang", flüsterte sie. „Und meine Nase."
Die Musik aus dem Konzerthaus klang jetzt leise herüber, ein langsamer Walzer, und die Lichter der Stadt spiegelten sich im schwarzen Wasser der Elbe. Johann stand immer noch an der Mauer, aber er war nicht mehr wichtig. Nicht jetzt. Nicht in diesem Moment.
Frauke legte den Ohrring mit dem rosa Diamanten vorsichtig in Romys Handfläche und schloss ihre eigenen Finger darum.
„Den zweiten", sagte sie leise. „Den zweiten habe ich all die Jahre aufbewahrt."
Romy griff in ihre Tasche, zog die Brosche heraus und hielt sie neben den Ohrring. Im Licht der Laterne funkelten beide Steine im selben Farbton, wie zwei Tropfen desselben gefrorenen Lichts.
Keine von ihnen sprach ein Wort. Aber das war auch nicht nötig.
