Am Tag der Entlassung roch es in der Klinik nach nassem Regen und dem Desinfektionsmittel, mit dem die Nachtschwester dreimal den Flur gewischt hatte. Renate Huber saß auf der Bettkante, die Reisetasche stand neben ihren Füßen, und ihre linke Hand zitterte so stark, dass sie den Tragegriff zweimal loslassen musste. Der Oberarzt, ein junger Mann mit randloser Brille, redete auf ihre Kinder ein.
„Ihre Mutter braucht mindestens sechs Wochen lang tägliche Unterstützung. Medikamente, Essen, Waschen, Kontrolle des Blutdrucks. Allein kann sie noch nicht leben.“
Anja stand am Fenster und wischte mit dem Daumen über ihr Handy. Florian, der Ältere, hatte die Autoschlüssel schon in der Hand und schaute auf die Uhr an der Wand. Draußen vor dem Klinikfenster fuhr ein Bäckerlieferwagen durch die Pfützen auf der Hugstetter Straße. Freiburg im Januar, grau und nass.
„Selbstverständlich, Herr Doktor“, sagte Anja, ohne vom Handy aufzusehen. „Wir haben alles organisiert.“
Renate sagte nichts. Sie wusste, dass das nicht stimmte. Sie hatte am Abend zuvor einen Anruf von Anjas Mann bekommen, der fragte, ob Renate vielleicht „übergangsweise“ in ein Pflegehotel in Denzlingen ziehen wolle. Nur für ein paar Wochen. Bis sich „alles sortiert“ habe.
Zu Hause, in der kleinen Wohnung im Stadtteil Wiehre, war es so still, als läge Watte in den Ohren. Renate stützte sich am Türrahmen, als sie die Wohnung betrat. Der Kaffee von vor drei Wochen stand noch in der Maschine, obenauf eine graue Schimmelschicht. Auf dem Fensterbrett lag die Post, ungeöffnet. Rechnungen, ein Brief von der AOK, Werbung von einem Bestattungsinstitut mit dem Aufdruck „Denken Sie rechtzeitig an Ihre Lieben“.
Anja brachte sie ins Schlafzimmer und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen. Florian fuhr noch am selben Abend nach München zurück. Er rief vom Auto aus an und sagte, der Mandant warte, man könne so ein Projekt nicht einfach liegen lassen.
Am dritten Tag kam Anja tatsächlich, aber nur, um Lebensmittel in den Kühlschrank zu stellen. Fertig-Suppen von Edeka, abgepacktes Brot, zwei Packungen Filterkaffee. Sie blieb keine halbe Stunde. Am fünften Tag schickte sie eine Nachricht: „Mama, schaffst du es allein bis Samstag? Ich habe Termin beim Steuerberater.“
Renate schrieb nicht zurück. Sie saß am Küchentisch, die Hände um eine Tasse lauwarmen Kamillentee gelegt, und schaute auf das kleine Wasserrad des Bächle, das hinter dem Haus vorbeifloss. Es plätscherte, als sei nichts gewesen.
Am Samstagabend, es war kurz nach halb neun, hörte sie Stimmen im Flur. Anja und Florian waren gleichzeitig gekommen. Sie dachten, Renate schlafe. Die Schlafzimmertür war nur angelehnt, und die Wohnung hatte dünne Wände.
„Ich hab die Vollmacht“, sagte Florian. „Ich kann das Konto auflösen, sobald sie im Heim ist. Die Wohnung ist locker zweihundertzehn Tausend wert. Wenn wir die verkaufen, sind deine Schulden weg und ich mach die Praxis fertig.“
„Und wer bringt sie ins Heim?“, fragte Anja. Ihre Stimme klang nicht besorgt, sondern genervt. „Ich kann das nicht machen. Ich hab die Kinder, der Kleine hat ADS, ich schaff das nicht.“
„Dann sag ihr, sie muss da rein. Der Doktor hat gesagt, sie kann nicht allein bleiben. Wir tun ihr einen Gefallen. Und die Vollmacht haben wir ja.“
Renate hörte das Geschirr klappern, als Anja den Kühlschrank aufmachte. Dann sagte Anja: „Okay. Ich rede mit ihr. Morgen. Und du rufst das Heim in Gundelfingen an. Die haben freie Plätze. Ich hab nachgeschaut.“
Renate blieb sitzen, bis der Wasserhahn in der Küche zweimal tropfte. Dann stand sie auf, ging in den Flur und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Sie hatte keinen Schlüssel in der Hand, aber sie wusste, was sie am Montag tun würde.
Am Montagmorgen, es regnete wieder, rief sie beim Notariat an der Salzstraße an. Die Dame am Telefon war freundlich. Renate sagte, sie brauche einen Termin, um eine Generalvollmacht zu widerrufen und ein neues Testament aufzusetzen. Sie nannte ihren Namen, ihre Adresse, ihr Geburtsdatum. Die Dame fragte, ob sie einen Termin am Donnerstag um zehn Uhr dreißig nehmen wolle. Renate sagte ja.
Am Donnerstag zog sie den grauen Mantel an, den ihr Mann vor zwölf Jahren gekauft hatte, und fuhr mit dem Taxi in die Innenstadt. Der Notar war ein älterer Herr mit ruhiger Stimme. Er las ihr den Entwurf vor, den sie am Telefon besprochen hatte: Die Generalvollmacht, die sie 2018 ihrem Sohn Florian erteilt hatte, wird widerrufen. Das Erbe: Die Wohnung in der Wiehre geht an die Caritas-Stiftung „Wohnen im Alter“. Der Rest des Vermögens, nach Abzug der Pflegekosten, wird zwischen den beiden Kindern aufgeteilt. Das Pflichtteil bleibt unangetastet.
Renate unterschrieb mit ihrer rechten Hand. Die linke lag flach auf dem Tisch, die Finger zitterten nicht mehr, weil sie sie gegen die Tischkante drückte. Der Notar gab ihr eine Kopie, und sie steckte sie in die Innentasche ihres Mantels.
Am Samstag darauf kamen Anja und Florian wieder. Sie brachten eine Broschüre mit: „Seniorenresidenz Gundelfingen – Ihr neues Zuhause“. Anja legte sie auf den Küchentisch neben die ungeöffnete Post. Florian setzte sich und legte die Autoschlüssel auf die Tischdecke.
„Mama“, begann Anja, „wir müssen über deine Zukunft reden. Du kannst hier nicht mehr allein bleiben. Wir haben uns informiert. Das Heim in Gundelfingen ist wirklich schön. Einzelzimmer, Garten, Betreuung rund um die Uhr.“
Renate stand am Herd und goss heißen Tee in drei Tassen. Sie stellte die Kanne ab, wischte sich die rechte Hand an der Schürze ab, die sie an diesem Tag extra angezogen hatte, und ging zum Küchentisch. Sie zog den Ordner aus der Schublade, legte ihn vor die Kinder und klappte ihn auf.
„Bevor ihr weiterredet“, sagte sie, „lest ihr das hier.“
Florian nahm das Papier. Sein Gesicht veränderte sich, als er die erste Seite überflog. Anja beugte sich vor. Florian las laut: „Hiermit widerrufe ich, Renate Huber, die am 14. März 2018 erteilte Generalvollmacht…“
„Was soll das?“, fragte Anja.
„Die Vollmacht ist weg“, sagte Renate. „Ihr habt gedacht, ich schlafe. Aber in dieser Wohnung hört man jedes Wort. Ihr wollt mich ins Heim stecken und die Wohnung verkaufen. Florian braucht Geld für seine Praxis, und Anja hat Schulden. Das weiß ich jetzt auch. Die Wohnung geht an die Caritas. Ihr bekommt euren Pflichtteil. Das ist das Gesetz.“
Florian stand auf. Der Stuhl kippte nach hinten. „Du kannst nicht einfach…“
„Doch“, sagte Renate. „Das ist unterschrieben. Vom Notar. Die Kopie liegt beim Amtsgericht. Und das Konto habe ich geändert. Die Daueraufträge für das Pflegegeld laufen auf ein Treuhandkonto. Ich habe das alles geregelt. Ich brauche euch nicht mehr.“
Anja fing an zu weinen, aber es klang nicht nach Reue. Es klang nach Wut. „Wir haben dich gepflegt!“
„Ihr habt mir Suppen hingestellt und seid wieder gefahren. Florian war genau einmal hier, am Entlassungstag. Und du, Anja, hast in drei Wochen nicht einmal nach meinem Blutdruck geschaut. Der Arzt hat gesagt, sechs Wochen täglich. Ihr wart nicht da.“
Renate setzte sich auf den Stuhl neben dem Fenster. Draußen lief der Bäckerlehrling vorbei, in der Hand eine Tüte mit Brötchen für die alte Frau Schlösser gegenüber. Renate kannte ihn. Er grüßte immer. Heute sah er durch das Fenster und hob kurz die Hand. Renate hob nicht zurück. Sie schaute auf den Ordner.
„Ich habe einen Platz in der Seniorenresidenz in der Talstraße gebucht. Betreutes Wohnen. Ich ziehe Ende des Monats um. Ich habe die Miete für ein Jahr im Voraus bezahlt. Achtundzwanzig Tausend Euro. Von meinem eigenen Geld. Das Geld, das ihr eigentlich verwalten wolltet.“
Florian nahm seine Autoschlüssel vom Tisch. Er sah auf den Ordner, auf seine Mutter, dann auf seine Schwester. Er sagte nichts. Er drehte sich um und ging. Anja blieb noch einen Moment sitzen, dann rannte sie hinterher. Die Wohnungstür fiel ins Schloss.
Renate blieb am Tisch. Sie trank ihren Tee. Er war kalt geworden. Sie leerte die Tasse in das Spülbecken, spülte sie aus und stellte sie in den Abtropfkorb. Dann ging sie ins Schlafzimmer, zog den Mantel aus und hängte ihn ordentlich auf den Bügel.
Am Ende des Monats zog sie in die Seniorenresidenz. Sie nahm nur zwei Koffer mit. Den Ordner legte sie zuoberst in den ersten Koffer. Die Wohnung in der Wiehre stand leer, bis die Caritas sie übernahm.
Ein Jahr später, beim Ausräumen der Wohnung, fand die Tochter der Nachbarin in einem Schuhkarton im Flurschrank ein Sparbuch. Darauf standen achtzigtausend Euro, eingezahlt von Renates verstorbenem Mann. Auf dem Deckblatt klebte ein gelber Zettel mit einer Notiz in seiner Handschrift: „Für Renate, falls die Kinder nicht da sind.“ Das Sparbuch hatte Renate nie erwähnt. Die Caritas fand es und rief sie an. Renate sagte, sie solle das Geld für die Stiftung verwenden. Es war dasselbe Konto, von dem die Kinder nie gewusst hatten.
