Die fremde Frau an der Hochzeitstafel

Die Hochzeit war in vollem Gange. Der Festsaal des alten Gutshofs vor den Toren Bremens erstrahlte im warmen Licht der Abendsonne. Auf der Terrasse mit Blick auf die Weser hatte das Brautpaar seine Gäste platziert. Lange Tafeln, weiß gedeckt, mit Fliedersträußen in Einmachgläsern, dazwischen die Tortenplatten mit Friesentorte und Butterkuchen. Eine fünfköpfige Band spielte „Atemlos“, die Tanten kreischten, die Männer prosteten sich zu.

Der Bräutigam, Jakob, stand am Geländer. Groß, breite Schultern, im maßgeschneiderten blauen Anzug, den die Braut mit ausgesucht hatte. Neben ihm Marlene, zierlich, mit einem Kranz aus Gänseblümchen im rotblonden Haar. Jakob war achtundzwanzig. Schiffbauingenieur bei einer Werft in Bremerhaven. Vor drei Jahren hatte er das Einfamilienhaus seiner Eltern in der Neustadt übernommen, es kernsaniert, eine Werkstatt im Keller eingerichtet. Ein Mann, der zupackte. Marlene kannte er, seit sie als Kinder in derselben Schrebergartenkolonie Himbeeren geklaut hatten. Erst Feinde, dann Freunde, dann mehr. Alles richtig gemacht.

Niemand an diesem Tisch sagte es laut, aber alle wussten: Jakob war nicht das leibliche Kind der Sörensens. Genauer gesagt – es wussten fast alle. Aber was änderte das? Greta und Henning hatten ihn vor achtundzwanzig Jahren aus dem Krankenhaus geholt, hatten ihn aufgezogen, ihm die Mandeln entfernen lassen, waren mit ihm zum Zeltlager an die Ostsee gefahren, hatten sein Studium bezahlt. Er war ihr Sohn. Punkt.

Die Fremde tauchte kurz vor Mitternacht auf. Keiner hatte sie kommen sehen. Sie stand auf einmal am Rand der Terrasse, direkt neben dem großen Oleanderkübel. Eine Frau um die fünfzig, schmal, den grauen Mantel trotz der Maiwärme fest zugeknöpft. In den Händen hielt sie eine alte Schürze, darin war etwas eingewickelt. Sie stand einfach da und starrte zum Brautpaar hinüber.

Der Bassist setzte aus. Das Gemurmel an den Tischen schwoll an. Wer war das? Vom Ordnungsamt? Eine Verwandte aus Ostfriesland, von der keiner wusste?

Greta Sörensen – schmal, wache Augen, die kein Detail verpassten – drehte sich um. Ihr Gesicht wurde weiß. Ihre Finger krallten sich in die Tischdecke, dass die Gabel neben dem Kuchenteller klirrte.

„Du“, flüsterte sie.

Henning, ihr Mann, ein großer, gemütlicher Typ, der sonst durch nichts aus der Ruhe zu bringen war, blickte auf. „Greta? Was ist?“

„Sie ist es. Aus der Klinik. Damals.“

Henning stand auf, langsam wie ein Bär, der eine Gefahr wittert. „Bleib sitzen. Ich regel das.“ Doch Greta war schon aufgestanden. Ging durch die Gäste hindurch, ohne jemanden anzusehen, direkt auf die Frau zu.

„Guten Abend“, sagte die Fremde. „Du wirst dich nicht erinnern. Aber ich erinnere mich an dich. Du kamst damals ins Zimmer… als ich ihn… als es vorbei war.“ Ihre Stimme war fest, nur die Hände zitterten.

„Ich erinnere mich“, sagte Greta. „Was willst du?“

„Gratulieren. Nur ein einziges Mal. Ich weiß, ich hab kein Recht. Aber ich dachte jeden Tag an ihn. Achtundzwanzig Jahre. Jeden verdammten Tag. Ich will ihn nur sehen, Greta. Einmal ansehen, dann geh ich wieder.“

Greta starrte sie an. Achtundzwanzig Jahre. Damals lag sie selbst in einem Zimmer am Ende des Flurs. Die dritte Fehlgeburt, keine sieben Wochen her. Der Arzt hatte ihr gerade gesagt, sie solle die Hoffnung aufgeben. Und dann war eine Nachtschwester gekommen, Schwester Hilde, Gott hab sie selig, und hatte geflüstert: „Frau Sörensen, am Zimmer 14 liegt ein Mädchen. Gerade entbunden. Siebzehn Jahre alt. Will das Kind zur Adoption freigeben. Vielleicht – wenn Sie interessiert wären…“

Greta war aufgestanden. Mehr taumelnd als gehend. Zimmer 14, ein schmales Bett, ein Bündel in einer blauen Krankenhausdecke. Und ein Mädchen, das mit leeren Augen an die Decke starrte.

„Nehmen Sie es“, hatte das Mädchen gesagt. „Ich kann nicht. Meine Eltern bringen mich um. Ich wohn in einem Heim. Was soll ich mit einem Baby? Ich schaff das nicht. Nehmen Sie es bitte, bevor ich es mir anders überlege.“ Und Greta hatte es genommen. Ohne viel zu fragen, ohne Formulare, die man damals noch irgendwie regeln konnte. Eine Woche später war der Junge als Jakob Sörensen gemeldet. Als wäre er schon immer ihrer gewesen.

„Ich kann dich nicht zu ihm lassen“, sagte Greta jetzt auf der Terrasse.

„Bitte. Ein einziges Mal. Dann verschwinde ich. Für immer. Keiner wird je erfahren, dass ich hier war.“ Die Frau drückte die Schürze an ihre Brust. „Ich war siebzehn. Ich war dumm. Ich dachte, es ist das Beste für ihn. Eine richtige Familie, kein Heimzimmer, in dem man das Baby anschreit, wenn es nachts weint. Ich dachte, ich vergesse ihn nach einem Jahr. Aber ich hab’s nicht. Keinen einzigen Tag.“

Sie weinte jetzt. Nicht schluchzend, sondern still, die Tränen liefen ihr übers Gesicht, und sie wischte sie nicht weg.

Greta stand da und dachte an die Nächte, in denen sie mit Jakob auf dem Wohnzimmerboden gehockt hatte, weil er Bauchweh hatte und nichts half. An den ersten Schultag, die Schultüte so groß wie er selbst. An den Tag, als er mit dreizehn mit dem Fahrrad gegen einen Laternenpfahl gefahren war – Platzwunde, Krankenhaus, er hatte ihre Hand nicht mehr losgelassen. An seinen Abschluss. An die erste Freundin, die er mit nach Hause brachte. An dieses Haus, das sie und Henning für ihn gebaut hatten, Stein für Stein.

Das alles war ihres. Nicht das dieser Frau, die jetzt zitternd vor ihr im Abendwind stand. Oder doch?

Was wäre, wenn dieses Mädchen damals Ja gesagt hätte? Wenn es die Kraft gehabt hätte, das Kind zu behalten? Dann hätte Greta nie einen Sohn gehabt. Nie Jakob. Nie das alles hier.

„Warte“, sagte Greta.

Sie ging zu Jakob hinüber, der mit seinen Freunden an der Bar stand und über ein missglücktes Projekt in der Werft lachte.

„Schatz, komm mal kurz mit.“

„Mama, was ist los? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

„Vielleicht hab ich das. Komm mit.“ Sie führte ihn hinter den großen Ahornbaum am Rand der Terrasse, wo sie ungestört waren.

„Du weißt, dass Henning und ich nicht deine leiblichen Eltern sind. Das haben wir dir mit sechzehn gesagt.“

„Ja. Und? Ist doch egal. Ihr seid meine Eltern.“ Er zog die Augenbrauen zusammen.

„Da drüben steht eine Frau. Sie ist… sie hat dich geboren, Jakob. Vor achtundzwanzig Jahren. Sie ist heute hergekommen. Um dich zu sehen. Einfach nur zu sehen. Ich hab sie nicht eingeladen. Sie stand plötzlich da. Du bist erwachsen. Du entscheidest, was passiert.“

Jakob starrte sie an. In seinem Gesicht arbeitete es. Er warf einen Blick um den Baumstamm herum, sah die Gestalt im grauen Mantel.

„Achtundzwanzig Jahre. Und jetzt kommt sie? Jetzt? An meinem Hochzeitstag?“ Sein Kiefer mahlte. „Wo war sie, als ich mit dem Blinddarm im Krankenhaus lag? Wo war sie, als mein erstes selbstgebautes Boot auf der Weser abgesoffen ist und ich stundenlang geheult habe? Wo war sie da, Mama?“

Greta schwieg.

„Sie ist eine Fremde. Sag ihr, sie soll gehen. Bitte geh du hin und sag es ihr. Ich kann das nicht.“

Greta legte ihm die Hand auf den Arm. „Wie du meinst. Ich sag’s ihr.“ Sie drehte sich um.

„Warte.“ Jakobs Stimme war leise. „Wie heißt sie überhaupt?“

„Ich… ich hab nicht gefragt. Damals nicht. Heute auch noch nicht.“

Jakob stand einen Moment still. Dann, als würde er durch Wasser waten, ging er los. Schritt für Schritt, an den Tischen vorbei, an der Band, die längst aufgehört hatte zu spielen, bis er vor der Frau stand.

„Hallo“, sagte er.

„Hallo.“ Sie sah zu ihm auf. Ihre Augen waren hellgrau, fast durchsichtig im Abendlicht. „Du bist so groß. Und… du siehst deinem Vater ähnlich. Dem leiblichen, mein ich. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Ich hab dir das hier mitgebracht.“ Sie hielt ihm die Schürze hin. „Es ist nichts Besonderes. Aber nimm’s bitte trotzdem.“

Jakob nahm das Bündel nicht. Seine Hände blieben in den Hosentaschen.

„Warum sind Sie hier? Ehrlich jetzt.“

Sie senkte den Kopf. „Ich weiß es nicht genau. An jedem deiner Geburtstage hab ich mich gefragt, ob ich hinfahren soll. Ich wusste, wo du wohnst. Hat mir die Schwester damals gesagt. Ich bin einmal bis zur Straßenecke gekommen, vor fünfzehn Jahren. Ich hab einen Jungen gesehen, der mit einem Hund gespielt hat. Ich wusste nicht, ob du das bist. Ich bin wieder umgedreht. Ich hatte solche Angst, dass du mich hasst. Und dass du recht damit hast.“ Sie schluckte. „Ich hab keine anderen Kinder. Keine Familie. Ich arbeite in einem Kinderheim in Delmenhorst. Dem gleichen, in dem ich aufgewachsen bin. Achtundzwanzig Jahre lang ziehe ich fremde Kinder groß. Aber du… du bist mein Einziger. Ich hab kein Recht, dich so zu nennen. Das weiß ich. Aber für mich warst du das immer. Mein Junge. Versteh das, bitte. Ich kann’s nicht besser erklären.“ Sie zitterte jetzt am ganzen Körper.

Jakob hörte zu. Er spürte Wut, ja. Und Ekel und Mitleid und Neugier. Alles gleichzeitig, wie eine Welle, die einen unter Wasser drückt und wieder hochschleudert.

„Haben Sie mich wenigstens einmal im Arm gehalten?“, fragte er leise. „Einmal, bevor Sie gegangen sind?“

Sie blickte auf. „Ja. Einmal. Sie brachten dich zum Stillen. Ich hab dich gehalten und dir die Flasche gegeben. Fünf Minuten. Dann hab ich geklingelt und dich zurückgegeben. Ich wollte nicht, dass du dich an mich gewöhnst. Dass du meinen Geruch kennst. Es sollte sauber sein. Ein Schnitt. Aber das war es nicht. Es war ein Riss. Den hab ich jeden Tag gespürt. Bis heute.“ Sie verstummte. „Bis heute“, wiederholte sie.

„Wie heißen Sie?“

„Brigitte. Aber alle nennen mich Biggi. Ist einfacher.“ Sie versuchte ein Lächeln, das sofort wieder erstarb.

Jakob nickte. Probierte den Namen im Kopf aus. Fremd. Wie ein Straßenname, an dem man tausendmal vorbeifährt, ohne ihn zu bemerken.

„Haben Sie Hunger, Biggi?“

„Was?“

„Hunger. Wir haben hier Kalbsbraten und Kartoffelgratin. Und Hochzeitstorte. Von der Konditorei Rolf, das ist die beste am Platz. Haben Sie Hunger?“

Sie starrte ihn an. „Du… du würdest mich an euren Tisch lassen? Nach allem?“

„Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Vielleicht bereue ich es in zehn Minuten. Vielleicht fliegen Sie in einer Stunde raus. Aber Sie sind jetzt da. Sie sind gekommen. Also kommen Sie an den Tisch. Essen Sie was. Der Rest wird sich finden.“ Er streckte ihr nicht die Hand hin. Aber er nickte ihr zu Richtung Terrasse. Und sie folgte ihm.

Henning sah die beiden zuerst. Er saß auf seinem Stuhl wie versteinert. Greta daneben, aufrecht, ihre Finger umklammerten die Tischkante. Sie sah die Frau, die jetzt zögernd unter den Lichterketten stand, und sah den Rücken ihres Sohnes, der einen freien Stuhl von einem Nebentisch holte und ihn zwischen sich und seine Braut schob.

„Das ist Biggi“, sagte Jakob zu Marlene. Keine weitere Erklärung. Marlene, die von nichts wusste, aber die Situation sofort erfasste, stand auf und holte einen Teller. Legte Fleisch auf, Kartoffeln, Soße. Stellte ihn vor die Fremde. Biggi rührte sich nicht.

Greta stand auf. Alle Gäste verstummten. Sie ging um den Tisch herum, stellte sich vor Biggi hin.

„Wie heißt du?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort schon gehört hatte.

„Brigitte. Biggi. Die meisten sagen Biggi.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Gut, Biggi. Dann fangen wir eben noch mal von vorne an. Ich bin Greta. Das ist mein Mann, Henning. Das ist unser Sohn, Jakob. Und das ist seine Frau, Marlene. Komm.“ Sie setzte sich neben sie auf den freien Stuhl. Und fing an, zu erzählen. Von Jakobs erstem Wort – nicht Mama, sondern „Boot“. Von der Nacht, in der er mit vierzig Fieber im Bett lag und Greta ihm Eiswürfel auf die Stirn legte. Von der Klassenfahrt nach Sylt, bei der er samt Sand in den Schlafsack krabbelte. Biggi hörte zu, weinte und lächelte gleichzeitig, ein schiefes, verrutschtes Lächeln.

Irgendwann, es war schon weit nach Mitternacht, holte sie ihr zerdrücktes Bündel aus der Schürze. Wickelte es auf. Es enthielt zwei Dinge: einen selbstgestrickten Schal aus dicker grauer Wolle und ein schmales rotes Fotoalbum.

„Den Schal hab ich gestrickt. Für kalte Tage auf dem Wasser. Ich hab gehört, du arbeitest auf einer Werft und bist gern draußen. Und das Album…“ Sie stockte. „Es sind Fotos drin. Von dir.“ Sie öffnete es mit zitternden Fingern. Die erste Seite: ein Zeitungsausschnitt. „Gewinner des Regionalwettbewerbs Jugend forscht im Fachbereich Schiffsbau“. Jakob Sörensen, 14 Jahre. Die nächste Seite: ein weiterer Ausschnitt, sein Name fett gedruckt. Und noch einer. Und noch einer. Dazwischen Fotos, die sie in Zeitungen gefunden und ausgeschnitten hatte – ein Jugendlicher auf einer Baustelle, ein junger Mann im Blaumann vor einer Werft – alle, bei denen unter dem Bild nur sein Name gestanden hatte. Biggi hatte jede Erwähnung gesammelt. Achtundzwanzig Jahre Recherche in der Stadtbibliothek, in der Hoffnung, irgendwo ein Gesicht zu finden.

„Ich war auf jedem Preisfest. Hinten, wo die Eltern stehen. Ich hab nie gewinkt oder so. Ich hab nur gesehen, wie du einen Pokal bekommen hast. Danach bin ich wieder gefahren.“ Sie klappte das Album zu. „Ich weiß, das klingt krank. Wahrscheinlich ist es das auch. Aber es war das Einzige, was ich hatte. Das und den Schal. Für den hab ich ein Jahr gebraucht. Immer wieder aufgetrennt, wenn ich dachte, du würdest ihn nie annehmen. Heute Nacht hab ich ihn endlich fertiggemacht. In meinem Zimmer im Heim. Zwischen zwei und fünf. Und dann bin ich hergekommen, den ersten Zug, den es gab.“ Sie hielt den Schal hoch. Das Strickmuster war schief, die Ränder rollten sich ein, aber jedes Knäuel war verstrickt mit einem Gedanken an einen Sohn, den sie nie hatte halten dürfen.

Jakob nahm den Schal. Schlang ihn sich einmal um den Hals, dann gleich noch einmal, denn er war lang, sehr lang. „Danke, Biggi. Er ist warm. Wirklich.“ Dann nahm er das Album und blätterte. Bei einem Bild von sich mit fünfzehn, auf einem selbstgebauten Floß sitzend, lachte er kurz auf. „Das Floß ist abgesoffen. Nach zehn Metern. Henning musste mich rausfischen.“ Henning lachte, zum ersten Mal an diesem Abend. Und dann lachten die anderen auch, vorsichtig, dann lauter. Und Biggi lachte – ein heiseres, trockenes Lachen, das klang, als hätte sie es seit Jahren nicht mehr benutzt.

Gegen drei Uhr morgens, als die Terrasse sich leerte und nur noch die engste Familie da war, saßen Greta und Biggi zusammen auf der Bank unter dem Ahornbaum. Der Mond stand über der Weser, es roch nach kaltem Rauch und Flieder.

„Es tut mir leid“, sagte Biggi. „Ich hab dir die Hochzeit verdorben. Ich wollte das nicht. Ich konnte nur nicht anders.“

„Du hast sie nicht verdorben“, sagte Greta und sah auf den Fluss hinaus. „Vielleicht hast du sie sogar erst richtig gemacht. Jakob hat jetzt zwei Mütter. Eine, die ihn geboren hat. Und eine, die ihn großgezogen hat. Wer sagt, dass das falsch ist? Keiner.“ Sie nahm Biggis Hand, die kalt war und rau. „Du warst siebzehn. Ein Kind. Du hattest nichts. Also hast du ihm alles gegeben, was du geben konntest: eine Chance. Und die hat er genutzt. Du hast nicht versagt. Du hast ihn losgelassen. Das ist manchmal das Schwierigste überhaupt. Ich bewundere dich dafür. Keiner in deinem Alter hätte das so entscheiden können. Und jetzt bist du hier, nach all den Jahren, und schaust, was aus ihm geworden ist. Und siehst: Es war richtig. Es war gut. Gib dir das endlich selbst zu. Hör auf, dich zu bestrafen. Achtundzwanzig Jahre sind genug Strafe, findest du nicht?“ Greta drückte ihre Hand kurz und fest. Sie saßen da, bis die erste Amsel anfing zu singen, und redeten über nichts und alles, über Jakobs ersten Zahn und über Biggis Arbeit im Heim, über Verlust und über die seltsame, zähe Kraft des Neuanfangs.

Am nächsten Morgen brachen Jakob und Marlene zu ihrer Hochzeitsreise auf. Nur ein Wochenende in einem kleinen Hotel auf Spiekeroog, mehr war nicht drin, aber das reichte. Der Wagen stand vor der Tür, die Eltern winkten. Und am Rand der Einfahrt stand Biggi, in ihrem grauen Mantel, die Hände in den Taschen.

Jakob ging zu ihr. Stand vor ihr und wusste nicht, wohin mit seinen Händen.

„Also, Biggi… Ich weiß nicht, wie ich Sie nennen soll. Mama nicht. Das geht nicht. Meine Mama ist die da hinten. Aber Sie… Sie sind auch nicht niemand. Ich kann’s noch nicht benennen. Vielleicht finden wir was, mit der Zeit. Wenn Sie wollen. Zeit, mein ich. Nicht gleich was finden. Ach, du weißt schon…“

Biggi nickte. „Zeit wär schön. Ich dräng mich nicht auf. Versprochen. Aber wenn du mal… wenn du mal einen Schal brauchst. Oder so. Dann meld dich.“ Sie lächelte. Zögernd, aber es blieb.

„Meine Nummer hat Greta. Und wenn du mal in Bremen bist, Biggi, ruf an. Oder schreib. Ich geh auch ans Telefon, wenn du’s bist. Irgendwann können wir vielleicht mal zusammen in den Tierpark oder so. Oder einfach Kaffee trinken. Ich will’s versuchen. Mehr kann ich nicht versprechen, ehrlich nicht. Aber ich will’s versuchen.“ Er machte einen Schritt auf sie zu. Nahm sie in den Arm. Kurz, hölzern. Aber sie spürte durch den Mantel hindurch die Wärme, die sie vor achtundzwanzig Jahren nicht hatte halten dürfen. Es fühlte sich an wie Tauwetter.

Als er sich umdrehte, rief sie: „Warte!“ Sie lief zum Auto, kramte in ihrer Tasche, zog ein kleines Stoffpäckchen heraus. „Hier. Das hab ich ganz vergessen vor lauter Aufregung. Das ist für euch beide. Aber eigentlich ist es für später. Für wenn ihr mal an später denkt.“ Sie drückte es Marlene in die Hand.

Marlene wickelte es aus. Eine geschnitzte Holzente, klein genug für eine Hand, mit sorgfältig gemaserten Flügeln und einem leicht schiefen Schnabel. In den Bauch war ein winziges Herz geritzt, das frisch und hell leuchtete.

„Die hab ich geschnitzt. In meiner Freizeit. Ich hab all den Heimkindern eine gebastelt. Jedes Kind bekam eine. Nur du nicht. Ich hab achtundzwanzig Jahre für diese Ente gebraucht. Nicht weil ich so lang geschnitzt hab, sondern weil ich nicht konnte. Die Hände haben gezittert, das Herz war zu voll. Und heute Nacht, als der Schal fertig war, ging es plötzlich. In einer Stunde. Sie ist etwas krumm, ich weiß…“ Biggi zuckte die Schultern, verlegen.

Jakob nahm die Ente aus Marlenes Händen. Drehte sie vorsichtig um. Krummer Schnabel. Schiefe Augen. Ein Holzsplitter an der linken Schwinge. Die schönste Ente der Welt.

„Die stellen wir ins Kinderzimmer“, sagte er. „Wenn’s mal so weit ist. Und wenn man uns fragt, wo die herkommt, sagen wir: Von jemandem, der dazugehört. Irgendwie. Und wenn das Kind sie sieht, darf es dran rumkauen. Versprochen, Biggi. Die Ente bleibt in der Familie.“ Er grinste, setzte sich ins Auto und startete den Motor. Marlene winkte aus dem Fenster. Der Wagen rollte langsam aus der Einfahrt.

Biggi stand auf dem Pflaster, den Schal – ihren Schal – um Jakobs Hals fest im Blick. Greta trat neben sie, hakte sich bei ihr unter. Zwei Frauen, die vor fast dreißig Jahren in einem Krankenhauszimmer eine Entscheidung getroffen hatten, ohne miteinander zu reden. Zwei Mütter, jede auf ihre Weise. Beide mit dem gleichen Blick auf dasselbe Auto, das um die Kurve verschwand.

„Komm“, sagte Greta. „Wir machen uns einen Tee. Und dann erzählst du mir von den Kindern im Heim. Die brauchen sicher auch mal jemanden, der ihnen eine Ente schnitzt. Kannst ja mal vorbeikommen und es mir beibringen. Ist noch nie verkehrt, so was zu können.“ Sie zog Biggi mit sich ins Haus. Die Tür schloss sich leise. Drinnen klapperte Geschirr. Die Weser glitzerte in der Morgensonne, und im Haus der Sörensens wurde zum ersten Mal für drei gedeckt.

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