Der Schauspieler mit dem Notizbuch aus Nagachiv

Er hätte in Los Angeles bleiben können. Verträge unterschreiben, auf roten Teppichen posieren, Champagner bei Premierenfeiern trinken. Stattdessen saß Thomas Bergmann an einem Dienstagmorgen im Mai auf einem Klappstuhl in einer Turnhalle in Lwiw, und ein achtjähriges Mädchen namens Marta zeigte ihm, wie man mit Wasserfarben einen Storch malt, der keine Angst vor Flugzeugen hat.

Bergmann ist Schauspieler, bekannt aus deutschen Fernsehproduktionen und zwei internationalen Serien, die auch in Kanada und Skandinavien liefen. Kein Weltstar, aber ein Gesicht, das man kennt. Vor zwei Jahren hätte niemand vorausgesagt, dass er ein Jahr seines Lebens dem Erlernen des kyrillischen Alphabets widmen würde — nicht für eine Rolle, sondern um Briefe zu lesen, die Kinder in einem Kriegsgebiet ihm schrieben.

Alles begann mit einer E-Mail. Eine Kollegin, die für eine Hilfsorganisation in Krakau arbeitete, schickte ihm Fotos aus einem Übergangszentrum nahe der polnischen Grenze. Kinder, die auf Feldbetten saßen und mit Wachsmalstiften Häuser zeichneten — Häuser mit Dächern, die brannten. Bergmann sagte später in einem kurzen Gespräch mit einer örtlichen Lehrerin, er habe das Bild nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Nicht die Zerstörung. Die Ordentlichkeit, mit der ein siebenjähriges Kind die Flammen gemalt hatte, mit geraden, sauberen Strichen, so als wäre es eine Hausaufgabe.

Seine Großmutter stammte aus Drohobytsch, einer Stadt, die heute in der Westukraine liegt, damals Teil Galiziens. Sie hatte den Krieg überlebt, weil eine bäuerliche Familie sie zwei Jahre lang in einem Heuboden versteckt hatte, ohne dafür etwas zu verlangen. Diese Geschichte kannte Bergmann sein ganzes Leben, erzählt bei Familienessen am Wochenende, meist zwischen dem Braten und dem Nachtisch. Erst mit vierzig begann er zu verstehen, was sie bedeutete: dass sein eigenes Dasein an einer Kette von Zufällen und fremder Großzügigkeit hing, die dünn genug war, um jederzeit zu reißen.

Also lernte er. Ein Jahr lang, jeden Abend nach den Dreharbeiten, mit einer Onlinelehrerin aus Odessa, die ihm über einen Videoanruf Buchstaben zeigte wie einer Erstklässlerin. Er übte auf Quittungen, auf Flugtickets, auf der Rückseite von Drehplänen. Als er schließlich im Dorf Nagachiv im Gebiet Lwiw ankam, konnte er die handgeschriebenen Namensschilder der Kinder lesen, ohne zu stocken. Für die Mädchen und Jungen dort war das kein Detail. Ein erwachsener Fremder, der ihre Sprache buchstabieren konnte, war etwas, das sie lange nicht vergaßen.

Das Projekt, dem er sich anschloss, hieß schlicht Lagerfeuer-Initiative, getragen von Psychologinnen und Lehrern aus den USA, aus Polen und der Ukraine. Über siebzig Kinder, die meisten aus Gebieten nahe der Front oder aus zerstörten Städten im Osten, kamen für zwei Wochen zusammen. Theaterübungen, Tanz, Werkstätten mit Ton und Papier. Nichts davon sollte den Krieg beenden. Es sollte nur bewirken, dass ein Kind für drei Stunden am Nachmittag nicht auf das Geräusch von Flugzeugen achtete, sondern auf die Frage, welche Farbe ein Drache haben sollte.

Bergmann übernahm keine Hauptrolle in diesen Wochen. Er saß am Boden, half beim Aufbau der Kulissen, hielt einen Schirm über die Wasserfarbenpalette, als es zu regnen begann. Eine der Betreuerinnen, eine Sozialpädagogin aus Danzig, erzählte später, er habe fast nie über sich selbst gesprochen. Er habe zugehört. Und wenn ein Kind ihm auf Ukrainisch etwas erklärte, wartete er, bis er die Wörter selbst zusammensetzen konnte, bevor er um eine Übersetzung bat.

Am vorletzten Tag des Camps geschah etwas, das niemand geplant hatte. Marta, das Mädchen mit dem Storch, wollte ihm ein zweites Bild zeigen — ihr Elternhaus in Isjum, wie es einmal ausgesehen hatte, bevor es getroffen wurde. Sie hatte es aus dem Gedächtnis gezeichnet, mit einem blauen Zaun und einem Hund namens Charlik im Vordergrund. Bergmann betrachtete das Bild lange, ohne etwas zu sagen. Dann fragte er sie, auf Kyrillisch, mühsam, aber verständlich, ob Charlik noch lebe.

Marta schüttelte den Kopf. Dann, nach ein paar Sekunden, zeigte sie auf das Bild und sagte, dort lebe er noch.

Diese kurze Szene, von einer Lehrerin zufällig auf dem Handy festgehalten, machte später die Runde unter den Betreuern des Projekts, still, ohne Presseanfrage, ohne Kamerateam. Bergmann selbst hatte nie um Aufmerksamkeit gebeten. Er reiste ohne Pressestab an, wohnte in einer einfachen Pension am Dorfrand, aß, was die Köchin des Camps kochte — meist Borschtsch und selbstgebackenes Brot, das nach Hefe roch, so wie es in der ganzen Küche der Pension roch, wenn man morgens die Treppe herunterkam.

Zwei Wochen nach seiner Rückkehr nach Berlin erhielt er einen Brief. Kein digitales Foto diesmal, sondern echte Post, mit ukrainischer Marke, adressiert an sein Management-Büro in der Kantstraße. Absenderin: Marta, mit Hilfe ihrer Lehrerin geschrieben. Sie fragte, ob er wiederkomme.

Bergmann antwortete nicht mit einem weiteren Interview oder einer öffentlichen Erklärung. Er rief seine Managerin an und bat sie, einen Teil seiner Gage aus einer bevorstehenden Werbekampagne — eine Automarke, die ihn für einen Spot in Aussicht hatte — direkt auf ein Treuhandkonto der Lagerfeuer-Initiative zu überweisen. Vierzigtausend Euro, unwiderruflich, zweckgebunden für die Finanzierung von drei weiteren Camps im folgenden Jahr. Kein Pressefoto, keine Ankündigung. Die Organisation bestätigte den Eingang mit einer schlichten Buchungsbestätigung, die er selbst nie öffentlich zeigte.

Ein halbes Jahr später erreichte eine Nachricht die Camp-Leitung aus Nagachiv: Martas Familie hatte eine kleine Wohnung in Lwiw gefunden, gefördert durch ein städtisches Programm für Binnenvertriebene. An der Wand über ihrem Bett hing, laut der Lehrerin, die das Foto schickte, das Storch-Bild, gerahmt in einer alten Fensterleiste, die der Vater aus Trümmerresten zurechtgesägt hatte. Und in der Ecke des Bildes, mit blauem Kugelschreiber nachgetragen, stand ein Name, den Marta erst Monate nach Bergmanns Abreise hinzugefügt hatte: Charlik, daneben ein kleines Herz.

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