Mama, ich bin's. Katharina.
Ich weiß, du hörst mich nicht mehr, aber ich rede trotzdem mit dir, meistens im Auto, auf der A3 zwischen Duisburg und Essen, wenn der Verkehr steht und mir nichts anderes übrig bleibt, als mit dir zu reden. Heute war so ein Tag. Der Kaffeeautomat in der Kanzlei war kaputt, Herr Brenner hat wieder drei Akten auf meinen Schreibtisch gelegt, die eigentlich nicht meine sind, und um Viertel nach vier habe ich fast dein Handy angerufen, bevor mir eingefallen ist, dass es das seit acht Monaten nicht mehr gibt. Die Nummer ist an jemand anderen vergeben. Ich hab das mal geprüft, aus Neugier, und dann sofort aufgelegt, weil eine fremde Frau "Hallo?" gesagt hat und ich nicht wusste, was ich sagen sollte.
Acht Monate. Am 12. Januar warst du noch da, hast am Küchentisch in Rheinhausen gesessen, dieser wacklige Tisch mit dem Klebeband unter dem einen Bein, und hast über den Schrebergarten geschimpft, weil Herr Wojcik nebenan seine Tomaten schon wieder zu früh gesetzt hat. Am 14. Januar warst du im Krankenhaus in Moers. Am 3. Februar warst du nicht mehr da. Sechzehn Tage. Ich rechne das immer noch nach, als würde es irgendwann anders herauskommen.
Du warst diejenige, bei der ich zuerst angerufen habe, wenn was Gutes passiert ist. Als ich die Zulassung zur Anwaltskammer bekommen hab, war ich noch auf dem Amtsgericht-Parkplatz, hab im Auto gesessen und dich angerufen, bevor ich überhaupt den Motor gestartet hab. Du hast geweint, ich hab geweint, und dann hast du gesagt, ich soll trotzdem vorsichtig fahren, weil die Kreuzung an der Moerser Straße gefährlich ist. Typisch du. Mitten in der größten Nachricht meines Lebens hast du dir Sorgen um eine Ampel gemacht.
Und wenn's mir dreckig ging, warst du auch die Erste. Nicht Papa, nicht meine Schwester Nele, du. Du hast am Telefon nichts gesagt, manchmal minutenlang, nur zugehört, wie ich geheult hab wegen irgendeinem Idioten oder wegen der Arbeit, und dann hast du irgendwann gesagt: "Komm Sonntag zum Essen, ich mach Rouladen." Als würde das alles reparieren. Und komischerweise hat es das meistens auch.
Ich vermisse dich nicht an Weihnachten. Also doch, aber das ist nicht das Schlimme. Das Schlimme ist Dienstagnachmittag um vier, wenn nichts Besonderes ist. Wenn ich in der Kaufland-Schlange stehe und automatisch nach Streuselkuchen greife, weil du den immer gekauft hast, und dann merke, dass ich ihn für niemanden mehr mitbringe.
Als du im St.-Bernhard-Hospital lagst, in diesem Zimmer mit der kaputten Jalousie, die nie ganz runterging, saß ich die letzten drei Nächte neben deinem Bett. Nele kam und ging, konnte es nicht so lange aushalten, das ist okay, jeder trägt das anders. Ich hab deine Hand gehalten, die so viel leichter geworden war, und mir gedacht: Ich muss ihr noch sagen, wie viel sie mir bedeutet. Ich hab's dann doch nicht richtig gesagt. Ich hab "Ich hab dich lieb, Mama" gesagt, so wie ich das seit Kindertagen gesagt hab, aber nicht das andere. Nicht: dass du die einzige Person warst, bei der ich nie was beweisen musste. Nicht: dass ich mit vierunddreißig immer noch dein Kind sein wollte, auch wenn ich selbst schon Kinder hab. Das hab ich mir aufgespart für ein Gespräch, das nie mehr kommt.
Wenn ich dich noch einmal für einen Nachmittag hätte, würd ich neben dir auf dem Sofa sitzen, dem braunen mit dem durchgesessenen Kissen links, und dir alles sagen, was ich zwischen den Zeilen gelassen hab. Dass ich weiß, wie viel du für uns aufgegeben hast, als Papa 2003 seine Stelle bei Krupp verloren hat und du drei Jahre lang bei Edeka an der Kasse gesessen bist, obwohl du eigentlich Erzieherin werden wolltest. Dass ich das erst verstanden hab, als ich selbst Mutter wurde und gemerkt hab, wie viel man von sich wegschiebt, ohne dass es je jemand bemerkt.
Ich würde dir danken. Für die Geduld, die ich mit fünfzehn nicht verdient hab. Für die Rouladen. Für die Art, wie du am Telefon geatmet hast, bevor du was gesagt hast, so als würdest du erst überlegen, ob es die Mühe wert ist, mich zu belehren. Meistens war's das nicht, und du hast geschwiegen. Das war die größte Liebe, die du mir geben konntest, glaub ich. Dieses Schweigen, in dem kein Vorwurf steckte.
Vor drei Wochen ist was passiert, das ich dir erzählen muss, auch wenn du's nicht hören kannst.
Nele hat angerufen. Sie und ihr Mann Tobias wollten das Haus in Rheinhausen, dein Haus, das Elternhaus, verkaufen. Ohne mit mir zu reden. Sie hatten schon einen Makler bestellt, ein Schild stand fast im Vorgarten, und Tobias hatte im Grundbuchamt in Duisburg angefragt, ob man den Eigentumsanteil, den du mir testamentarisch hinterlassen hast, irgendwie umgehen könnte. Fünfzig Prozent, Mama, das steht schwarz auf weiß in deinem Testament, das der Notar Dr. Hellmann in der Kalkweide aufgesetzt hat. Nele wollte mich mit fünfzehntausend Euro abfinden für ein Haus, das mindestens dreihunderttausend wert ist.
Ich saß an dem Abend am Küchentisch, deinem Küchentisch, den ich mir nach der Räumung geholt hab, das wacklige Bein immer noch mit deinem Klebeband, und ich hab nicht geschrien. Ich hab die Grundbuchkopie rausgeholt, die ich mir vorsorglich hatte geben lassen, und Dr. Hellmann eine Mail geschrieben. Am nächsten Tag saß ich in seiner Kanzlei am Kaiser-Wilhelm-Platz, mit dem Testament, der Erbschein-Anfrage und dem Grundbuchauszug in einer blauen Mappe vor mir, und hab gesagt: kein Verkauf ohne meine Unterschrift, das steht im Gesetz, und ich unterschreibe nicht.
Letzten Samstag standen Nele und Tobias vor meiner Wohnungstür in Duisburg-Neudorf. Es regnete, Tobias hatte keinen Schirm, stand da mit tropfnassen Haaren und wollte reden. Ich hab die Tür nicht zugemacht, aber auch nicht zur Seite getreten. "Fünfzehntausend ist unfair und das weißt du", hab ich gesagt. Nele hat geweint, hat gesagt, sie bräuchten das Geld für Tobias' neue Werkstatt in Homberg, dass Mama das sicher so gewollt hätte, dass ich hart bin. Ich hab gesagt: Mama hat es so aufgeschrieben, wie sie es gewollt hat, bei Dr. Hellmann, bei klarem Verstand, zwei Jahre vor ihrem Tod. Das ist kein Zufall gewesen.
Ich hab ihr dann gesagt, was ich vorhabe: Ich lasse das Haus von einem unabhängigen Gutachter in Moers bewerten, und dann zahlt entweder sie mich zu meinem tatsächlichen Anteil aus, oder wir verkaufen es gemeinsam über den Makler, ehrlich, zum Marktpreis, und teilen es fifty-fifty, so wie du es wolltest. Kein Rabatt, keine Mitleidstour. Sie ist wütend abgefahren. Tobias hat sich noch umgedreht und "Danke für nichts" gerufen. Ich hab die Tür zugemacht und mich auf den Boden im Flur gesetzt, die blaue Mappe noch in der Hand, und dann tatsächlich geweint, zum ersten Mal seit Wochen richtig.
Nicht wegen des Geldes. Wegen dem, was es bedeutet, dass jetzt, wo du weg bist, plötzlich alles verhandelbar sein soll, was mit dir zu tun hatte.
Gestern kam ein Brief von Dr. Hellmann. Der Gutachter aus Moers hat das Haus auf dreihundertzehntausend Euro geschätzt. Ich hab mit dem Notar telefoniert und gesagt, ich will meinen Anteil, hundertfünfundfünfzigtausend, oder wir verkaufen an einen Dritten. Nele hat das inzwischen auch schwarz auf weiß bekommen. Heute Morgen schrieb sie mir eine Nachricht: sie zahlt aus, in Raten über zwei Jahre, mit notarieller Absicherung. Kein Drama mehr, kein Regenschirm-Gespräch vor der Tür. Nur eine nüchterne Zahl, die dem entspricht, was du wolltest.
Ich hab's dir erzählt, Mama, weil ich weiß, dass es dich gefreut hätte, dass ich für mich eingestanden bin, ohne dabei zur Nele zu werden, die alles an sich reißt, oder zu jemandem, der aus Trauer alles verschenkt. Du hast mich beides gelehrt: fest zu stehen und trotzdem zu lieben.
Ich trage dich jetzt überall mit hin. In der Art, wie ich mit meiner Tochter rede, wenn sie traurig ist, ohne gleich eine Lösung anzubieten. In den Worten, die ich von dir übernommen hab, ohne es zu merken, bis Nele letzte Woche am Telefon gesagt hat: "Du klingst gerade genau wie Mama." Das war das erste Mal seit Monaten, dass wir beide gleichzeitig gelacht haben.
Es wird Jahre dauern, Mama, und vieles wird sich ändern. Aber eines bleibt: Ich bin immer noch dein Kind. Das werde ich immer sein.
