Vierzehn Sekunden. So lange hat es gedauert, bis Feldwebel Torben Kastning mit dem Gesicht nach unten auf dem Fliesenboden der Truppenküche lag, während sein Kaffee noch auf dem Tablett schwappte, das ihm gerade aus der Hand gerutscht war.
Ich war an diesem Dienstag im November nur zufällig dort, weil meine Schicht in der Fahrzeugwerkstatt gegenüber der Kaserne endete und ich mir günstig ein Mittagessen holen wollte – zwei Euro achtzig für Currywurst mit Kartoffelsalat, das schlägt keine Kantine in der Stadt. Ich saß am Rand, mit Blick auf die lange Reihe der Ausgabetheken, und hatte gerade meine Cola aufgemacht.
Am Tisch in der Mitte saß eine Frau allein: Mira Adeyemi, Gefreite, Ende zwanzig, kurzgeschorene Haare, die Uniformjacke über der Stuhllehne. Sie war neu im Standort, das wusste ich, weil der Stubenälteste am Vortag über sie geredet hatte – irgendwas mit Spezialausbildung, keiner wusste genau was, und keiner hatte gefragt.
Kastning war eine andere Geschichte. Der Mann maß fast zwei Meter, arbeitete seit acht Jahren im selben Bataillon und hatte sich in dieser Zeit einen Ruf erarbeitet, den die Vorgesetzten entweder nicht sahen oder nicht sehen wollten. Er schnitt jüngeren Rekruten die Portionen ab, ließ sie stehend essen, wenn ihm der Sitzplatz nicht passte. Meistens ließ man ihn gewähren. Ärger mit ihm bedeutete Ärger, der sich nicht lohnte.
An diesem Tag blieb er vor Miras Tablett stehen, die Hände in die Hüften gestemmt, und sagte etwas über „Frauen, die sich in Männersachen verirren". Sie antwortete nicht. Aß weiter, in aller Ruhe, ein Löffel Linseneintopf nach dem anderen. Genau das schien ihn zu reizen.
Er packte die Kante des Tabletts und riss sie hoch. Der Eintopf klatschte quer über den Tisch, ein Klumpen Kartoffelsalat landete auf dem Ärmel eines Rekruten drei Plätze weiter, die Cola-Dose kippte und lief über die Tischkante ins Nichts. Für einen Moment war es, als hätte jemand den Ton im Saal abgestellt. Sogar das Klappern der Küchenmaschinen hinter der Theke schien für eine Sekunde auszusetzen.
Mira hob den Kopf. Kein Wort. Sie faltete langsam die Papierserviette zusammen, die noch auf ihrem Schoß lag, und legte sie neben den umgekippten Teller – als würde sie einen Tisch nach dem Essen aufräumen, nicht mitten in einem Konflikt sitzen.
„Wisch das weg", sagte Kastning, „und dann verschwinde aus meiner Kantine."
Ein paar Männer am Nebentisch lachten nervös mit, mehr aus Reflex als aus Überzeugung. Andere schauten demonstrativ auf ihre Teller. Ich erinnere mich, dass ich dachte: Jetzt steht sie auf und geht, so macht man das hier, man geht dem Ärger aus dem Weg, besonders am ersten Monat im neuen Standort.
Sie stand tatsächlich auf. Aber nicht, um zu gehen.
Kastning, der die Bewegung wohl als Rückzug las, trat noch näher und holte mit der rechten Faust aus – ein Schlag, breit und angekündigt, wie ihn ein Mann führt, der noch nie ernsthaft Widerstand erlebt hat.
Was dann passierte, sah ich nur in Bruchstücken, weil es zu schnell ging, um es als zusammenhängende Bewegung wahrzunehmen. Ein Schritt zur Seite, kaum größer als eine Handbreit. Sein Arm sauste ins Leere. Dann ihr Ellbogen, hart gegen seine Rippen, gefolgt von einem Griff ans Handgelenk, der ihn nach vorn und aus dem Gleichgewicht zog. Ein Bein fegte unter seinem Standbein weg. Er kippte, fing sich kurz mit der Hand am Tischrand ab, und im nächsten Moment traf ihn ihre flache Hand gegen den Nacken – kontrolliert, nicht wild, wie jemand, der eine Übung zum tausendsten Mal wiederholt.
Er ging zu Boden. Das Tablett, das er ihr vorhin aus der Hand gerissen hatte, landete klappernd neben seinem Kopf.
Im Saal war es jetzt wirklich still, nicht die gespielte Stille von vorhin. Ich hörte nur noch die Lüftung über der Essensausgabe surren.
Mira zog ihren Ärmel zurecht, wo die Uniformjacke verrutscht war, bückte sich, hob ihr eigenes umgekipptes Tablett auf und stellte es zurück auf den Tisch, so ordentlich, als würde sie einen Schreibtisch aufräumen. Dann setzte sie sich wieder hin und aß den Rest ihres Linseneintopfs, der zum Glück noch zur Hälfte im Topf auf der Theke stand und ihr von einer der Küchenkräfte kommentarlos nachgeschenkt wurde.
Zwei Feldwebel kamen aus dem Nebenraum gelaufen, alarmiert vom plötzlichen Lärm, und fanden Kastning benommen am Boden, ohne dass ihnen jemand eine klare Erklärung liefern wollte – die meisten am Tisch schauten weg oder murmelten etwas von „ist gestolpert".
Am nächsten Tag stand eine offizielle Meldung im Kompanie-Aushang: Disziplinarverfahren gegen Feldwebel Kastning wegen wiederholten Fehlverhaltens gegenüber Untergebenen, eingeleitet auf Antrag mehrerer Zeugen. Ich unterschrieb als einer davon, zusammen mit vier anderen, die endlich bereit waren, das zu sagen, was sie schon Monate hätten sagen können.
Kastning wurde zwei Wochen später in eine andere Einheit versetzt, nach Munster, ohne die übliche Verabschiedung, ohne Handschlag am Tor. Man hörte, er habe dort noch einmal Ärger bekommen und sei kurz vor der Frühpensionierung aus dem aktiven Dienst genommen worden – Details kannte niemand genau, und ich habe nicht nachgefragt.
Mira blieb. Ich sehe sie manchmal noch in der Kantine, meistens allein, meistens mit demselben ruhigen Blick über den Tellerrand. Neulich saß ein neuer Rekrut neben ihr, unsicher, mit vollem Tablett und keinem freien Platz sonst im Saal. Sie rückte wortlos ihren Stuhl beiseite und machte Platz.
