Am Freitagmorgen um Viertel nach sieben stand ich vor dem Labor in der Mecklenburgische Straße in Berlin-Wilmersdorf und wartete, dass die Tür aufging. Ich hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Der Kaffee vom Vortag stand noch kalt auf dem Herd, ich hatte vergessen, ihn wegzukippen.
Die Frau am Empfang tippte etwas in den Computer, runzelte kurz die Stirn und sagte, die Befunde seien bereits gestern abgeholt worden. „Ihre Tochter war hier, sie sagte, Sie hätten sie geschickt."
Ich hatte niemanden geschickt.
Ich stand an diesem Tresen und hörte mein eigenes Blut rauschen. Meine Tochter. Sie hatte meine Befunde abgeholt. Gestern, am Donnerstag, während ich zu Hause saß und die Wäsche sortierte, weil ich mich nicht überwinden konnte, selbst hinzufahren. Ich hatte auf Freitag gewartet, weil Freitag mein Tag war — an Freitagen erledige ich seit dreißig Jahren alle wichtigen Dinge. Das wusste Hannah.
„Entschuldigung, aber dürfen Sie Befunde überhaupt an andere Personen aushändigen?" Meine Stimme kippte so sehr, dass ich mich selbst dafür schämte.
Die Frau hinter der Scheibe zuckte mit den Schultern. „Ihre Tochter hatte Ihren Ausweis dabei und eine Vollmacht. Das ist alles nach Vorschrift gelaufen."
Was für einen Ausweis? Was für eine Vollmacht?
Meine Knie gaben nach, ich setzte mich auf einen der Plastikstühle an der Wand. Ein älterer Herr neben mir sah mich besorgt an, ich winkte nur ab, dass alles in Ordnung sei. War es nicht. Hannah hatte meine Biopsie-Ergebnisse. Und ich nicht. Schlimmer noch: Sie hatte nicht angerufen.
Ich heiße Renate, bin dreiundsechzig, wohne seit vierunddreißig Jahren in derselben Zweizimmerwohnung in der Bundesallee, dritter Stock, kein Aufzug. Ich habe mein ganzes Berufsleben in der Buchhaltung eines Sanitärgroßhändlers in Tempelhof verbracht, vom Praktikum bis zur Rente vor zwei Jahren. Ich bin ein Mensch, der Rechnungen nach Datum ordnet und im Küchenschrank ein eigenes Fach für den Personalausweis hat, eines für die Versichertenkarte. Deshalb wusste ich mit Sicherheit: Ich hatte den Ausweis nicht verlegt. Jemand hatte ihn genommen. Und die Einzige außer mir, die einen Schlüssel zu meiner Wohnung besitzt, ist Hannah.
Hannah ist meine einzige Tochter, sechsunddreißig, Englischlehrerin an einem Gymnasium in Schöneberg, seit vier Jahren geschieden, allein mit dem elfjährigen Finn. Sie wohnt zwanzig Minuten mit der U9 entfernt. Sie kommt samstags vorbei, manchmal mittwochs nach der Schule, immer mit einer Tüte vom Edeka — Naturjoghurt, den ich mag, und Vollkornkekse, die ich nicht mag, aber esse, weil sie sie kauft.
Unser Verhältnis? Seit Werner, mein Mann, vor fünf Jahren an einem Herzinfarkt starb, hat sich zwischen uns etwas verschoben. Vielleicht bin ich es, die sich verändert hat. Werner war eine Art Puffer zwischen uns gewesen. In seiner Gegenwart traute Hannah sich nicht, mich zu belehren, und ich musste es auch nicht ertragen. Danach kamen die Bemerkungen. Dass ich mich mehr bewegen sollte. Dass ich zu viel sitze. Dass ich „etwas aus mir machen" sollte — als wäre ich ein Möbelstück, das dringend restauriert gehört.
Vor zweieinhalb Monaten ertastete ich einen Knoten in der linken Brust. Ich sagte zuerst niemandem etwas, ging zum Frauenarzt, machte einen Ultraschall, dann eine Mammographie. Die Ärztin sagte, eine Biopsie sei nötig. Und da machte ich den Fehler: Ich erzählte es Hannah. Nicht, weil ich Unterstützung wollte. Eher aus Gewohnheit — Werner hätte man so etwas erzählt, und jetzt gab es keinen Werner mehr, also ging es automatisch an Hannah.
Ich bereute es sofort, denn Hannah reagierte genau so, wie ich es gefürchtet hatte. „Mama, ich mach das für dich. Ich rufe die Uniklinik an, ich kümmere mich. Mach dir keine Sorgen." Ich wollte nicht, dass jemand sich für mich kümmert. Ich wollte es selbst tun. In meinem Tempo, mit meiner Angst, aber meiner eigenen.
Die Biopsie fand vor zweieinhalb Wochen im MVZ an der Kaiserallee statt. Hannah rief jeden zweiten Tag an und fragte nach den Ergebnissen. Ich sagte, es sei noch nichts da. Am Mittwoch teilte man mir in der Praxis mit, die Befunde kämen Donnerstag oder Freitag. Ich sagte Hannah, es dauere wohl noch bis nächste Woche. Ich log bewusst. Ich wollte den Umschlag allein öffnen, bei mir am Küchentisch, mit meinem Pfefferminztee, während draußen die Straßenbahn der Linie 4 vorbeirumpelt, die ich seit Jahrzehnten kenne. Ich wollte lesen, verstehen, nachdenken. Und erst dann es jemandem erzählen — wenn überhaupt.
Stattdessen nahm sich Hannah meinen Ausweis, vermutlich am Samstag zuvor, während ich unter der Dusche stand und sie in der Küche Kaffee kochte. Sie schrieb sich selbst eine Vollmacht, fälschte meine Unterschrift so gut es ging, und fuhr los, um meine Ergebnisse abzuholen. Meine.
Ich kam ohne Umschlag nach Hause, setzte mich in die Küche, unter der die Nachbarin von unten seit Jahren einen Hund hat, der immer genau um acht bellt, wenn Post kommt. Diesmal bellte er nicht. Ich wählte Hannahs Nummer. Sie ging schon beim ersten Klingeln ran, als hätte sie gewartet.
„Mama —"
„Wo sind meine Ergebnisse, Hannah?"
Stille auf der Leitung, dann ein Seufzen, das mir sagte: Sie wusste genau, dass sie erwischt worden war. „Ich wollte sie dir schonend beibringen. Ich hab mit Professor Ahrens gesprochen, es ist ein Karzinom, Mama, aber frühes Stadium, operabel, die Prognose ist —"
Ich legte auf. Nicht aus Wut allein. Aus etwas Kälterem: Ich hatte gerade erfahren, dass ich Krebs habe, von einer Tochter, die mir diese Nachricht wie ein Geschenk servierte, das sie sorgfältig für mich ausgesucht hatte, ohne mich zu fragen, ob ich es überhaupt wollte.
Zwei Stunden später stand Hannah vor meiner Tür, Finn bei der Nachbarin geparkt, die Wangen rot vom Weinen oder vom schnellen Treppensteigen, ich wusste es nicht. Sie hatte eine Mappe unter dem Arm — Termine, die sie bereits für mich gemacht hatte. Voruntersuchung Dienstag. Operationstermin in der Charité, vorläufig gebucht. Alles organisiert, alles entschieden, alles ohne mich.
„Ich wollte dir nur helfen", sagte sie an der Tür, die ich nur einen Spalt offen ließ.
„Das ist nicht Hilfe, Hannah. Das ist, mir mein Leben aus der Hand zu nehmen, weil du Angst hast, es könnte mir etwas passieren, das du nicht kontrollieren kannst."
Sie stand da mit ihrer Mappe, und ich sah zum ersten Mal, wie sehr sie ihrem Vater in dem Moment ähnelte, wenn er etwas nicht zugeben wollte — dieses Zusammenpressen der Lippen. Ich nahm ihr die Mappe nicht ab. Ich sagte ihr, sie solle nach Hause fahren, ich müsse allein sein.
In den folgenden Tagen tat ich, was ich immer tue, wenn ich Boden unter den Füßen brauche: Ich ordnete. Ich rief selbst in der Charité an und sagte den vorläufig gebuchten Termin ab, den Hannah gemacht hatte. Ich vereinbarte einen eigenen, drei Tage später, bei einer Ärztin, die ich mir selbst ausgesucht hatte, nach eigener Recherche, mit eigenen Fragen vorbereitet auf einem Notizblock. Ich ging zur Hausbank in der Bundesallee und ließ mir eine schriftliche Bestätigung geben, dass keine Vollmacht — weder für Konten noch für medizinische Angelegenheiten — auf Hannahs Namen hinterlegt ist, außer der alten Vorsorgevollmacht, die ich noch am selben Nachmittag widerrief und durch eine neue ersetzte, in der ausdrücklich steht: Auskünfte über meinen Gesundheitszustand dürfen nur mit meiner ausdrücklichen, jeweils aktuellen Zustimmung erteilt werden — an niemanden automatisch, auch nicht an meine Tochter.
Die Kopie dieser Vollmacht legte ich in einen Umschlag und schickte sie eingeschrieben an Hannah, ohne Begleitbrief. Ich wusste, sie würde verstehen, was das bedeutet.
Die Operation fand sechs Wochen später statt, ein Karzinom im Frühstadium, wie Hannah gesagt hatte, brusterhaltend operiert, mit guter Prognose. Ich bat Hannah, mich zum Krankenhaus zu fahren — das erlaubte ich ihr, denn ein Auto zu fahren ist etwas anderes, als über mein Leben zu entscheiden. Sie saß im Wartezimmer, während ich operiert wurde, und als ich aufwachte, war sie die Erste, die ich sah. Aber diesmal hatte sie mich vorher gefragt, ob sie bleiben dürfe.
Es ist jetzt acht Monate her. Letzte Woche saß ich beim Aufräumen des Küchenschranks über meinen alten Befundordnern und fand darin vierzehn Umschläge, chronologisch sortiert, jeder mit Datum beschriftet, so wie ich es immer mache — jeder einzelne von mir persönlich abgeholt, keiner mehr von jemand anderem geöffnet. Hannah kam an diesem Samstag vorbei, mit Naturjoghurt und, zum ersten Mal seit Jahren, auch mit den Keksen, die ich tatsächlich mag. Sie fragte nicht, ob ich Hilfe brauche. Sie fragte, ob sie bleiben dürfe, während ich meinen Tee trinke. Ich sagte ja.
