Siebenundneunzig Kerzen für Herrn Brandt

Karl-Heinz Brandt zählte die Wechselgeldmünzen zweimal, bevor er sie in die Manteltasche steckte. Der Bäcker in der Mühlenstraße kannte ihn seit fünfzehn Jahren und wusste, warum der alte Mann jeden 24. September genau ein Stück Streuselkuchen kaufte, nie mehr. Zwei Euro dreißig. Eine Kerze, die er schon im Küchenschrank liegen hatte, zwischen alten Rechnungen und einer Packung Traubenzucker, die abgelaufen war.

Die Wohnung in Duisburg-Rheinhausen roch nach Kaffee vom Vortag und nach dem Katzenfutter, das er für die Nachbarskatze bereitstellte, weil die Nachbarin tagsüber arbeitete. Er stellte den Kuchen auf den Küchentisch, deckte ein Deckchen darunter, das seine Frau Erika gehäkelt hatte, bevor sie vor sechs Jahren gestorben war. Er steckte die Kerze in die Mitte, zündete sie mit einem Streichholz an, das beim ersten Versuch abbrach.

Siebenundneunzig Jahre. Er sagte die Zahl laut vor sich hin, weil im Zimmer sonst niemand war, der sie hätte hören können.

Sein Sohn Matthias lebte in Hamburg, seit einundzwanzig Jahren, seit dem Streit um die Autowerkstatt, die der Vater ihm nicht überschrieben hatte, sondern an einen Angestellten namens Rainer Voss, der zwölf Jahre für ihn gearbeitet hatte und, wie Karl-Heinz damals fand, mehr Verantwortung zeigte als der eigene Sohn, der zu der Zeit lieber in Köln Werbung für Sportwetten drehte. Matthias hatte das nie verwunden. Nicht die Werkstatt – das Prinzip. Dass der Vater ihn übergangen hatte, ohne mit ihm zu reden, ohne ihm die Chance zu geben, es besser zu machen.

Karl-Heinz machte ein Foto mit dem alten Tablet, das seine Enkelin ihm vor Jahren eingerichtet hatte. Das Bild war unscharf, der Kuchen schief im Rahmen, die eine Kerze brannte tapfer. Er schrieb keinen Text dazu. Nur das Foto, geschickt über eine Nachrichten-App, an eine Nummer, die er seit Jahren nicht gewechselt hatte, obwohl er nicht wusste, ob Matthias seine noch gespeichert hatte.

Dann setzte er sich hin und aß den Kuchen allein. Drei Bissen. Mehr schaffte er nicht mehr, sein Magen war nicht mehr, was er war. Draußen fuhr die Straßenbahn Linie 903 vorbei, das Quietschen kannte er auswendig, konnte am Klang fast die Uhrzeit ablesen. Viertel nach sieben.

Das Telefon klingelte um zwanzig vor acht.

Karl-Heinz stieß beinahe die Kaffeetasse um. Er sah auf das Display, und da stand: Matthias. Mit zitternden Fingern tippte er auf den grünen Knopf.

„Papa." Die Stimme klang fremd und vertraut zugleich, rauer, als er sie in Erinnerung hatte. „Ich hab das Foto gesehen."

Karl-Heinz brachte kein Wort heraus. Er hörte, wie am anderen Ende jemand tief Luft holte.

„Ich bin in zwei Stunden bei dir", sagte Matthias. „Ich sitze schon im Auto."

Er legte auf, bevor der Vater antworten konnte, so als hätte er Angst, sich die Entscheidung noch einmal auszureden. Karl-Heinz saß mit dem Telefon in der Hand da und schob mit dem Finger die Kuchenkrümel auf dem Teller zu einem kleinen Häufchen, als könnte das erklären, was gerade passiert war.

Zwei Stunden und zehn Minuten später klingelte es an der Wohnungstür in Rheinhausen. Karl-Heinz brauchte eine Weile bis zur Tür, sein linkes Knie machte ihm seit dem Winter zu schaffen. Als er öffnete, stand dort ein Mann mit grauen Schläfen, den er zunächst kaum wiedererkannte – nicht mehr der schmale Dreißigjährige aus der Erinnerung, sondern ein Mann Anfang fünfzig, mit Falten um die Augen und einer Reisetasche über der Schulter.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du allein bist", sagte Matthias. Seine Stimme brach mitten im Satz.

„Du hast nie gefragt." Karl-Heinz sagte es ohne Schärfe, aber auch ohne es zurückzunehmen.

Matthias' Kiefer spannte sich. „Und du hast nie angerufen. Einundzwanzig Jahre, Papa. Du hättest auch mal—" Er brach ab, rieb sich mit der freien Hand über den Nacken. „Ach, vergiss es. Nicht heute."

Sie standen eine Weile im Flur, keiner trat näher. Dann stellte Matthias die Reisetasche ab, als bräuchte er beide Hände frei, und umarmte seinen Vater ungeschickt, mit dem Kopf leicht zur Seite gedreht, weil beide vergessen hatten, wie man das macht. Karl-Heinz spürte die Kälte, die noch am Mantel seines Sohnes hing.

In der Küche setzten sie sich an den Tisch mit dem gehäkelten Deckchen. Matthias sah den angebissenen Kuchen, die niedergebrannte Kerze im Wachsrest. Er griff danach, drehte den Teller einmal, als wollte er den Kuchen aus einem anderen Winkel betrachten, und legte ihn dann wieder hin, ohne etwas zu sagen. Erst nach einer Weile fragte er, mit tonloser Stimme: „Drei Bissen?"

„Mehr schaff ich nicht mehr."

Matthias presste die Lippen zusammen und sah zur Wand, auf der noch der Kalender von Erikas letztem Jahr hing, den keiner abgenommen hatte. „Ich dachte, du hast die Werkstatt Rainer gegeben, weil ich dir egal war", sagte er schließlich, die Finger um seine Kaffeetasse geklammert, ohne zu trinken. „Zwanzig Jahre hab ich das gedacht."

„Ich dachte, ein Denkzettel bringt dich zur Vernunft." Karl-Heinz' Stimme kippte bei dem Wort Vernunft, kurz, kaum hörbar. „War dumm. Stolz ist einfacher als ein Anruf."

„Das ist verdammt spät, das zu sagen." Matthias' Blick blieb auf die Tischplatte gerichtet.

„Ich weiß."

Keiner sprach mehr für eine Weile. Die Uhr im Flur schlug halb, und Matthias rührte in seinem längst kalten Kaffee, ohne zu trinken, bis er schließlich sagte: „Bleib ich heute hier. Auf der Couch."

Gegen Mitternacht rief er seine Tochter Lena an und hielt das Telefon so, dass der Großvater mitsprechen konnte. Lena hatte das Foto zuerst gesehen, weil sie noch als technische Verwalterin im Tablet ihres Großvaters eingetragen war, eine Einstellung von vor Jahren, an die keiner mehr gedacht hatte, und sie hatte es ihrem Vater beim Abendessen unter die Nase gehalten, ohne Umschweife: „Schau dir das an. Er ist siebenundneunzig und sitzt allein vor einem Kuchen." Jetzt, am Telefon, sagte sie nur, leise: „Endlich."

Am nächsten Morgen gingen Matthias und sein Vater zum Notar in der Fußgängerzone, ein enges Büro über einer Apotheke, das nach altem Papier und kaltem Zigarettenrauch roch, obwohl im Haus längst nicht mehr geraucht werden durfte. Der Notar, ein müder Mann mit Halbmondbrille, schob Karl-Heinz die Vollmacht über den Tisch, tippte auf die Stelle mit dem Kreuz. Karl-Heinz nahm den Stift, setzte an, hielt inne.

„Alles gut, Papa?"

„Meine Hand zittert nur." Die Unterschrift geriet krakelig, die Linien liefen auseinander wie bei einem Kind, das gerade erst schreiben lernte.

Dann kam das Testament. Der Notar las die alte Fassung vor, mit der flachen Stimme eines Mannes, der schon tausend Testamente vorgelesen hatte: alles an Rainer Voss. Matthias' Kiefer arbeitete, aber er sagte nichts. Karl-Heinz strich mit dem Daumen über die Tischkante, immer wieder dieselbe Stelle, während er die neue Fassung diktierte: vierzigtausend Euro, das Ersparte aus der Rente, weiterhin für Rainer – „der hat's sich verdient, in zwölf Jahren" –, das Haus aber, geschätzt dreihundertfünfzigtausend Euro, für Matthias und Lena, je zur Hälfte. Bei der Zahl dreihundertfünfzigtausend hielt seine Stimme kurz inne, als müsste er sie sich selbst erst glauben.

Rainer Voss bekam den Anruf noch am selben Nachmittag, während er unter einem Golf lag und sich die Hände an einem Lappen abwischte, bevor er das Telefon überhaupt ans Ohr nahm.

„Ich hab mit meinem Sohn gesprochen", sagte Karl-Heinz. „Das Testament ändert sich. Du kriegst, was du verdient hast. Nicht mehr, nicht weniger."

Am anderen Ende war es einen Moment still, nur das Tropfen von Öl auf Beton im Hintergrund. Dann: „Ist gut so, Karl-Heinz. War mir sowieso immer zu viel."

Es folgte keine Versöhnungsfeier. Matthias blieb drei Tage, schlief auf der ausziehbaren Couch, deren Feder ihm in den Rücken drückte, worüber er am zweiten Morgen fluchte, während er sich den Nacken rieb. Er kochte eine Gulaschsuppe nach Erikas altem Rezept, verkochte sie beim ersten Versuch, weil er das Wasser vergaß nachzufüllen, und fing noch einmal von vorne an. Am vierten Tag musste er zurück nach Hamburg. An der Tür blieb er stehen, die Reisetasche schon über der Schulter.

„Sonntags ruf ich an", sagte er. „Versprochen."

„Das hast du schon mal versprochen. Vor einundzwanzig Jahren, irgendwas Ähnliches."

Matthias verzog kurz das Gesicht, dann nickte er, ein einziges Mal. „Diesmal halt ich's."

Und er hielt es.

Ein Jahr später, an Karl-Heinz' achtundneunzigstem Geburtstag, saßen sieben Personen um den Küchentisch: Matthias, Lena mit ihrem Freund, zwei Nachbarn und die Katze, die mittlerweile öfter hier war als bei ihrer eigentlichen Besitzerin. Auf dem Tisch stand keine kleine Streuselschnitte mehr, sondern eine Sahnetorte vom Bäcker in der Mühlenstraße, mit achtundneunzig winzigen Kerzen, die Lena eigens bestellt hatte, weil sie fand, jedes Jahr habe es verdient, gezählt zu werden.

Monate später, beim Ausräumen einer alten Kommode, fand Lena einen Stapel ungeöffneter Briefumschläge, alle an Matthias adressiert, keiner abgeschickt. Der oberste war datiert auf den 24. September, denselben Tag, an dem das Foto verschickt worden war. Sie zog das Blatt heraus, faltete es auseinander. Ein einziger Satz stand darauf, in Karl-Heinz' schräger, alter Handschrift: „Ich hoffe, du siehst das Bild, bevor es zu spät ist."

Lena hielt das Blatt noch einen Moment, dann faltete sie es wieder an derselben Kante, schob es zurück in den Umschlag und legte den Stapel zuunterst in die Schublade ihrer eigenen Kommode, unter den Wollpullovern, wo ihn niemand suchen würde.

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